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Freundschaftsbeziehungen
Horst Heidbrink [Journal für Psychologie, Jg. 15 (2007), Ausgabe 1]
Zusammenfassung
In der Psychologie ist das Interesse an Freundschaftsbeziehungen in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Der Artikel gibt einen Überblick über die gegenwärtige Freundschaftsforschung, wobei auch neue, zum Teil bislang unveröffentlichte Ergebnisse aus dem Forschungsschwerpunkt „Zwischenmenschliche Beziehungen“1 des Lehrgebiets „Psychologie sozialer Prozesse“ der Fernuniversität Hagen einbezogen werden. Besonders eingegangen wird auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede und die Milieuabhängigkeit von Freundschaftsbeziehungen.
Schlagwörter: Freundschaft, zwischenmenschliche Beziehungen, geschlechtsspezifische Unterschiede, Milieuabhängigkeit.
Summary
Friendship relationships Within the last years the psychological interest in the issue of friendship has evidently risen. This article gives an overview of the current research on friendship whereas within this outline, new - partially unpublished research results from the Institute of Psychology at the University of Hagen - are presented. The Research Colloquium “Interpersonal Relationships”1 particularly focused on gender differences. Moreover the cultural dependence of amicable relationships is discussed in detail.
Key words: Friendship, personal relationships, gender differences, cultural dependence.
Freundschaft hat in unserer Kultur eine feste Tradition. Vor allem in der Klassik und der Romantik wurde ein wahrer Freundschaftskult gepflegt, der auch heute noch die Idealvorstellungen von Freundschaft mitprägt. Gleichzeitig wird immer wieder beklagt, Freundschaft habe in unserer Gesellschaft gegenüber früher an Bedeutung verloren (vgl. Brain 1978). In der Psychologie ist das Interesse am Thema Freundschaft in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Vor allem zahlreiche populärwissenschaftliche Darstellungen haben Frauen- und vereinzelt auch Männerfreundschaften in den Blickpunkt des Interesses gerückt – Valtin und Fatke (1997, 9) sprechen sogar von einem „Modethema“. Vor allem die Entwicklungs- und die Sozialpsychologie hat sich vermehrt mit Freundschaftsbeziehungen beschäftigt. Im psychologischen Alltagswissen nimmt die Bedeutung von Freundschaften für das psychische Wohlergehen des Einzelnen einen festen Platz ein. So machen sich Eltern ernsthafte Sorgen um ihre Kinder, wenn diese keine Freunde haben, aber auch dann, wenn es aus ihrer Sicht die falschen Freunde sind. Aber auch für die meisten Kinder stellen Freundschaften die wichtigsten Beziehungen nach der zu den eigenen Eltern dar. Krappmann (1991, XI) stellt fest, dass kein Wunsch in den mittleren Kindheitsjahren mehr an Bedeutung gewinnt als „gute Freunde, gute Freundinnen zu haben, Freunde und Freundinnen, mit denen man spielen kann, auf die man sich verlassen kann, die zu einem stehen“. Insbesondere die Social Support-Forschung hat bislang Belege für die Bedeutsamkeit von Freundschaften geliefert. So ergab eine Studie von Nestmann und Schmerl (1992), dass „Freundin“ und „Freund“ vor „Mutter“ und „Vater“ sowie „beruflichen Helfern“ ganz oben in der Liste der häufigsten alltäglichen Helferinnen stehen.
Definitionen und Konzepte von Freundschaft
Was sind eigentlich „Freundschaften“? Wen bezeichnen wir als unseren „Freund“ bzw. unsere „Freundin“? Umgangssprachliche Begriffe weisen meist einen für empirische Forschungen unliebsamen Mangel an exakter Definiertheit auf - der Begriff der Freundschaft kann diesbezüglich als ein Musterbeispiel angesehen werden. Komplizierend kommt hinzu, dass wir den Begriff der Freundschaft im Alltag in unterschiedlichen Bedeutungen verwenden. Zum einen bezeichnet er eine spezifische Art der Sozialbeziehung zwischen Personen, zum anderen können wir mit dem Begriff Freundschaft nicht nur die Art, sondern auch die Qualität einer Beziehung kennzeichnen. In diesem Sinne kann eine Mutter eine „freundschaftliche“ Beziehung zu ihrer Tochter haben oder ein Angestellter die Beziehung zu seinem Chef als „freundschaftlich“ beschreiben. Mit einer solchen Redeweise soll meist deutlich gemacht werden, dass eine bestimmte formelle Rollenbeziehung durch eine informelle Freundschaftsbeziehung „überlagert“ wird. Die Kennzeichnung von Beziehungen als „formell“ oder „informell“ ist allerdings insofern unscharf, als es sich hierbei um keine präzise Abgrenzung, sondern eher um die Extrempole eines Kontinuums handelt (vgl. Gaska & Frey 1992, 281). Freundschaften haben einen „informellen“ Charakter, wobei eine genauere Präzisierung jedoch schwer fällt. Was der eine schon als „Freundschaft“ ansieht, mag für den anderen „nur“ eine Arbeitsbeziehung sein. Die Abgrenzung fällt jedoch nicht nur in Bezug auf „formellere“, weniger emotionale Beziehungen schwer, sondern auch in die entgegengesetzte Richtung. Was unterscheidet eine Freundschafts- von einer Liebesbeziehung? Die Freundschaftsforschung ist dieser Frage bislang meist ausgewichen, beispielsweise mit Hilfe der expliziten Ausklammerung „offener Sexualität“ aus dem (wissenschaftlichen) Freundschaftsbegriff. Auhagen (1991, 17) schlägt nach der kritischen Diskussion anderer Definitionen die folgende Definition von Freundschaft (unter Erwachsenen) vor: „Freundschaft ist eine dyadische, persönliche, informelle Sozialbeziehung. Die beiden daran beteiligten Menschen werden als Freundinnen / Freunde bezeichnet. Die Existenz der Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit; sie besitzt für jede(n) der Freundinnen/Freunde einen Wert, welcher unterschiedlich starkes Gewicht haben und aus verschiedenen inhaltlichen Elementen zusammengesetzt sein kann. Freundschaft wird zudem durch vier weitere Kriterien charakterisiert: 1. Freiwilligkeit (...) 2. Zeitliche Ausdehnung (...) 3. Positiver Charakter (...) 4. Keine offene Sexualität.“
Kolip (1993, 82) kritisiert an dieser Definition, dass in ihr explizit formelle Beziehungen ausgeschlossen werden. Tatsächlich bezeichneten in einigen Untersuchungen vor allem Männer relativ häufig eine Frau als „engsten Freund“, wobei sie meist ihre Ehefrauen meinten (vgl. Lowenthal, Thurnher & Chiriboga 1975; Rubin 1985). Kolip selbst definiert Freundschaften „als freiwillige Zusammenschlüsse zwischen Menschen beiderlei Geschlechts, die auf wechselseitiger Intimität und emotionaler Verbundenheit begründet sind“ (1993, 83). Diese Definition ist deutlich weiter als die von Auhagen, überzeugt jedoch auch nicht recht. Zum einen lässt sie kaum eine Abgrenzung zu Liebesbeziehungen zu, zum anderen bleibt unklar, ob die geforderten „freiwilligen Zusammenschlüsse“ nicht auch bestimmte formelle Beziehungen ausschließen (z. B. die Freundschaft zu einem Vorgesetzten).
Der alltägliche Sprachgebrauch kennt diffizile sprachliche Nuancierungen zur Verdeutlichung von Übergängen und Grenzen zwischen Freundschaft und Liebe. Je nach Kontext kann die Bezeichnung Freundin bzw. Freund die Partnerin bzw. den Partner in einer Freundschafts- oder in einer Liebesbeziehung meinen. Eine kontextbezogene Begriffsverwendung erhöht zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit von Missverständnissen bzw. von Fehldeutungen durch Dritte. Dies erklärt vermutlich einige der eigentümlichen Sprachregelungen bei gegengeschlechtlichen Freundschaften. Spricht beispielsweise ein verheirateter Mann von seiner „Freundin“, verbleibt in Bezug auf die Art der hiermit gekennzeichneten Beziehung ein großer Interpretationsspielraum. Die semantische Vieldeutigkeit des Freundschaftsbegriffs ermöglicht es außerdem, die „Qualität“ hiermit bezeichneter Beziehungen tatsächlich weitgehend offen zu lassen. Die Unbestimmtheit des Begriffs wird zum Charakteristikum einer gewissermaßen „schwebenden“ Freundschaftsbeziehung. Dies ist mit Vor- und Nachteilen verbunden. Beispielsweise ist zwischen befreundeten Paaren häufig mehr oder weniger ungeklärt, wer denn nun tatsächlich mit wem befreundet ist. Trennt sich eines der Paare, führt dies dann meist zu einer „Neudefinition“ des Beziehungsnetzwerkes. Kommt es dabei zu einer „Aufteilung“ der gemeinsamen Freundschaft, sind einzelne oft bitter überrascht, dass für sie nichts übrig bleibt. Auch empirisch lässt sich zeigen, dass die Begriffe Liebe und Freundschaft eine hohe semantische Ähnlichkeit aufweisen. In einer bislang unveröffentlichten Untersuchung von Lück schätzten 58 Studenten und Studentinnen mit dem semantischen Eindrucksdifferential von Ertel (1965) die Begriffe Freundschaft, Liebe, Sympathie, Zuneigung, Anziehung und Attraktivität ein. Die folgende Tabelle zeigt die Interkorrelationen der Polaritätsprofile.
Tabelle 1: Korrelationen zwischen Begriffspolaritäten
| Begriff |
Liebe |
Sympathie |
Zuneigung |
Anziehung |
Attraktivität |
| Freundschaft |
.91 |
.95 |
.92 |
.89 |
.79 |
| Liebe |
|
.96 |
.97 |
.97 |
.86 |
| Sympathie |
|
|
.98 |
.94 |
.81 |
| Zuneigung |
|
|
|
.97 |
.81 |
| Anziehung |
|
|
|
|
.88 |
Die ausnahmslos hohen Korrelationen verdeutlichen die große Ähnlichkeit der Begriffe. Die niedrigste Korrelation besteht zwischen Freundschaft und Attraktivität (.79), die höchste zwischen Anziehung und Zuneigung (.98). Freundschaft und Liebe weisen bei einer Korrelation von .91 eine gemeinsame Varianz von 83% auf. Es ist also nicht verwunderlich, dass eine exakte Abgrenzung der Begriffe kaum möglich ist.
Trotz dieser semantischen Irritationen kommen Eberhard und Krosta (2004, 161) in ihrer Freundschaftsstudie aufgrund von Gruppeninterviews zu dem Schluss, dass den Befragten der Unterschied zwischen Liebes- und Freundschaftsbeziehungen subjektiv durchaus klar war – sie aber Schwierigkeiten hatten, diese Unterschiede sprachlich zu beschreiben.
Argyle und Henderson (1990, 84) fassen die Ergebnisse von Untersuchungen aus verschiedenen Ländern, in denen Personen gefragt wurden, was sie unter einem „Freund“ verstehen, folgendermaßen zusammen: „Freunde sind Menschen, die man mag, deren Gesellschaft man genießt, mit denen man Interessen und Aktivitäten teilt, die hilfreich und verständnisvoll sind, denen man vertrauen kann, mit denen man sich wohl fühlt und die emotionale Unterstützung gewähren“.
Freunde – beste und enge Freunde
Wie viele Freunde haben wir? Die Angaben zu dieser Frage differieren deutlich danach, wie die Frage nach der Anzahl der Freunde gestellt wird, aber auch danach, was wir selbst unter einem „Freund“ bzw. einer „Freundin“ verstehen.
Argyle und Henderson (1990, 86) kommen in ihrer Übersicht zu dem Schluss, dass die meisten Personen einen oder zwei „beste Freunde“ haben (viele allerdings auch keinen einzigen). Fragt man nach „engen Freunden“, werden im Durchschnitt etwa fünf genannt, fragt man genereller nach „Freunden“ steigt die Zahl bereits auf 15.
Vorsicht ist allerdings vor allem beim Vergleich von Freundschaftszahlen aus unterschiedlichen Ländern geboten. Wenn beispielsweise in angloamerikanischen Untersuchungen höhere Freundschaftszahlen gefunden werden, dürfte dies mit dem unterschiedlichen Freundschaftsbegriff zusammen hängen: „Friend“ als Begriff umschließt sowohl Freunde als auch Bekannte. Allgemein wird davon ausgegangen, „dass Freundschaften im englischsprachigen Raum, im Vergleich zu Deutschland, weniger intim, intensiv und verbindlich sind“ (Eberhard & Krosta 2004, 25). Erschwert wird die Übertragung angloamerikanischer Ergebnisse der Freundschaftsforschung auf deutsche Verhältnisse durch den Umstand, dass gesellschaftliche bzw. kulturelle Unterschiede mit sprachlichen Unterschieden konfundiert sind.
Andere Studien zeigen jedoch, dass auch im amerikanischen Sprachraum der Freundschaftsbegriff keineswegs derart unverbindlich ist (z. B. Bukowski, Nappi & Hoza 1987). Vermutlich sind die Resultate von Untersuchungen zum Verständnis des Freundschaftsbegriffs stark von Inhalt und Art der jeweiligen Befragung abhängig (vgl. Auhagen 1991, 5). Hierfür spricht auch die Untersuchung von Fatke und Valtin (1988), die für eine deutsche Stichprobe amerikanische Freundschaftskonzepte replizieren konnte.
Tatsächlich liefern auch die englischen Zahlen von Argyle und Henderson für den deutschen Sprachraum gute Anhaltspunkte – zumindest finden sich keine Untersuchungen mit deutlich anderen Zahlen (vgl. Eberhard & Krosta 2004). Allerdings ergeben sich in neueren Untersuchungen Hinweise darauf, dass der früher festgestellte Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Anzahl der Freunde geringer wird. Vielfach wird ein Zusammenhang mit dem Rückgang der Bedeutung von Verwandtschaftsbeziehungen vermutet, die zumindest teilweise durch Freundschaftsbeziehungen substituiert werden (vgl. Schöningh 1996, 195; Eberhard & Krosta 2004, 32).
Die mehr oder weniger divergierenden Ergebnisse unterschiedlicher Studien ergeben sich nicht zuletzt aus dem Umstand, dass in vielen Untersuchungen die jeweiligen Stichprobenergebnisse unhinterfragt auf die gesamte Gesellschaft verallgemeinert werden. Die geschilderte Unbestimmtheit des Freundschaftsbegriffs lässt vermuten, dass sich „Freundschaften“ in unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen nicht nur deutlich unterscheiden, sondern auch unterschiedlichen Veränderungsprozessen unterliegen. Auf dem Hintergrund dieser Überlegung erscheint es als durchaus plausibel, dass bestimmte Untersuchungsergebnisse eher „intra-nationale“, andere eher „inter-nationale“ Unterschiede (oder Ähnlichkeiten) von Freundschaftsbeziehungen akzentuieren.
Freundschaft im Kindes- und Jugendalter
Bislang besteht wenig Einigkeit darüber, in welchem Alter Kinder „freundschaftsfähig“ sind, aus regelmäßigen oder auch sporadischen Spielkontakten mit Gleichaltrigen „echte“ Freundschaften erwachsen. Damon (1984, 160) geht davon aus, dass Freundschaften während der Kindheit im Mittelpunkt der Sozialbeziehungen zwischen Gleichaltrigen stehen, sich dann später in verschiedene Rollen aufspalten (z. B. Bekannter, Nachbar, Ehepartner etc.), wobei Freundschaft jedoch etwas so Grundlegendes ist, dass sie oft als Bezugspunkt zur Charakterisierung aller anderen Sozialbeziehungen benutzt wird.
Im Rahmen von Untersuchungen zur Entwicklung sozialer Kognitionen ist von Selman (1976, 1984), Youniss (1982) und Damon (1982; 1984) auch der Bereich Freundschaft erfasst worden. Theoretisch und methodisch beeinflusst durch Piaget (1932) und Kohlberg (1969) sowie den symbolischen Interaktionismus (Mead, 1934) postuliert z. B. Selman (1984) bei Kindern und Jugendlichen in Anlehnung an sein Konzept der „sozialen Perspektivenübernahme“ fünf Stufen der Entwicklung des Freundschaftskonzepts: 0. Freundschaft als momentane physische Interaktion; 1. Freundschaft als einseitige Hilfestellung; 2. Freundschaft als Schönwetter-Kooperation; 3. Freundschaft als intimer gegenseitiger Austausch; 4. Freundschaft als Autonomie und Interdependenz (vgl. Heidbrink 1993, 93ff).
In einer deutschen Studie mit 130 Personen (Kinder, Jugendliche und Erwachsene) konnten Fatke und Valtin (1988) die einzelnen Stufen im Wesentlichen replizieren. In deutlicher Abhängigkeit vom Lebensalter bestand z. B. für die Fünf- und Sechsjährigen Freundschaft im Wesentlichen aus momentanem Miteinander-Spielen, für die Achtjährigen war Freundschaft eine einseitige, zweckorientierte Beziehung. Die Zehn- bis Zwölfjährigen sahen Freundschaft als eine wechselseitige Beziehung zur Verfolgung gemeinsamer Aktivitäten und zur gegenseitigen Unterstützung in Notlagen an. Erst im Jugendalter wird die Stufe 3 erreicht - jetzt werden vom Freund bzw. der Freundin auch bestimmte charakterliche Eigenschaften erwartet: Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit etc. Die vierte Freundschaftsstufe fanden Fatke und Valtin erst bei einigen Erwachsenen vor.
Krappmann (1993) vertritt die Auffassung, dass Gleichaltrigenbeziehungen zwischen Kindern eine durchaus eigenständige Beziehungsform darstellen, die auch im Jugend- und Erwachsenenalter eine wichtige Rolle spielen. Manche dieser „Peer-Beziehungen“ entwickeln sich also zu Freundschaften, andere verbleiben gewissermaßen auf dem emotional unverbindlicheren Stand einer „Bekanntschaft“. Unter diesem Gesichtspunkt könnte es irreführend sein, wenn Selman von „Freundschaftsstufen“ spricht, da zumindest die ersten beiden Stufen den Ausgangspunkt eines eigenständigen Beziehungstyps bilden, „der bis ins Erwachsenenalter weiter besteht und eine eigenständige wichtige Bedeutung in Arbeitswelt und Freizeit hat“ (1993, 46).
Gerade in der Adoleszenz bieten enge Freundschaften im positiven Fall den Hintergrund für eine Reihe wichtiger Entwicklungschancen (vgl. Berk 2005, 551): - Enge Freundschaften bieten Möglichkeiten, das eigene Selbst zu entdecken und ein tiefes Verständnis für andere Menschen zu entwickeln.
- Enge Freundschaften bilden die Grundlage für zukünftige intime Beziehungen.
- Enge Freundschaften helfen den jungen Menschen dabei, mit den Schwierigkeiten der Adoleszenz umzugehen.
- Enge Freundschaften können sich positiv auf die Einstellung des Jugendlichen zur Schule und seiner Mitarbeit im Unterricht auswirken.
Neben individuellen Freundschaften bilden Kinder und Jugendliche auch Cliquen – kleine Gruppen von Freunden, die sich meist in ihrem familiären Hintergrund, ihren Einstellungen und Wertvorstellungen ähneln. Zunächst beschränken sich die Cliquen auf Mitglieder des gleichen Geschlechts, mit steigendem Alter ergeben sich dann auch gemischte Gruppen. Cliquen in höheren Schulen sind erkennbar an ihrem „sozialen Status“, der über ihre Beliebtheit Auskunft gibt.
Eine spezielle Form globaler Freundschaftsbeziehungen untersuchte Kugele (2006), die junge „Global Nomads“ interviewte. Hierbei handelt es sich um Jugendliche bzw. junge Erwachsene, die aufgrund der beruflichen Mobilität ihrer Eltern in verschiedenen Kulturen aufwachsen und von daher in unterschiedlichen Ländern immer wieder neue Freundschaftsbeziehungen aufbauen müssen. Kugele fasst die Ergebnisse ihrer Interviews in einem Typologiekonzept zusammen.
 - Abbildung 1: Typische Handlungsmuster von jungen Global Nomads (Kugele 2006, 165, Abb. 3)
Diesem Klassifikationsschema liegen zwei wichtige Dimensionen zu Grunde, die Kugele in den Interviews identifizieren konnte:
- Der Aktivitätsgrad bzw. die Eigeninitiative, die aufgewendet wird, um neue Beziehungen zu initiieren.
- Der Wunsch nach Intimität (schwach – stark).
Die Interviewten konnte sie vier unterschiedlichen Typen zuordnen: die Vermeidenden („Also man ist ein bisschen vorsichtiger mit wem man groß eine Freundschaft aufbaut“), die Aktiven („da entwickelt sich nach einer Zeit so eine gewisse Taktik oder Methode, ... dass man halt ganz offen und freundlich (...) und kommunikationsbereit und auch offen auf verschiedene Kulturen auf Leute zugeht“), die sich langsam Anpassenden („am Anfang habe ich überhaupt nicht mitgemacht und das wurde dann immer mehr und ... jetzt habe ich hier wo ich wohne auch Freunde“) und die Ambivalenten („da hat man dann irgendwann keine Lust mehr gehabt, irgendwie noch mal was zu machen, weil man halt wieder neu anfangen muss ... Aber dann musst du dich zusammenreißen und sagen, so jetzt bin ich hier und dann muss ich da durch“) (Kugele 2006, 165ff). Für den fünften Typus (die Schauspielenden) fand Kugele kein empirisches Beispiel unter ihren Interviewten. Man kann ihn sich jedoch unschwer vorstellen: kontaktfreudig, aber ängstlich in Bezug auf zu viel Nähe.
Auch im frühen Erwachsenenalter (21 - 40 Jahre) sind Freunde meist in ähnlichem Alter, desselben Geschlechts und von vergleichbarem Bildungsniveau. Diese Faktoren stellen sicher, dass die Freunde ähnliche Interessen und Einstellungen haben. Frauen haben meist mehr enge gleichgeschlechtliche Freunde als Männer. Die schon bei Kindern und Jugendlichen zu beobachtenden Unterschiede bleiben auch im Erwachsenenalter bestehen: männliche Freunde konzentrieren sich vor allem auf gemeinsame Unternehmungen (z. B. Sport), Frauen konzentrieren sich aufeinander, sie ziehen es meist vor, einfach nur miteinander zu reden. Nach Wright (1982) lassen sich Frauenfreundschaften als „face to face“ und Männerfreundschaften als „side by side“ charakterisieren.
Im mittleren Erwachsenenalter (40 - 65 Jahre) bleiben die typischen Unterschiede zwischen Männer- und Frauenfreundschaften bestehen. In vielen Fällen steigt die Anzahl der Freunde, wenn die Kinder selbständiger werden bzw. ausziehen. Argyle und Henderson (1990, 88) stellten die höchste Anzahl enger Freunde bei verheirateten Paaren fest, die bereits erwachsene Kinder hatten. Trotzdem wird es mit zunehmendem Alter schwieriger, neue Freunde zu gewinnen. Allerdings tendieren ältere Menschen dazu, länger an Freundschaften festzuhalten als jüngere, die Freundschaften schneller schließen, aber auch schneller beenden.
Für ältere Menschen stehen Freunde in engem Zusammenhang mit psychischer Gesundheit (Bliezner & Adams 1992, Nussbaum 1994). In einer Untersuchung von Larson, Mannell und Zuzanek (1986) berichteten im Ruhestand lebende Erwachsene interessanterweise von erfreulicheren Erfahrungen mit Freunden als mit Familienmitgliedern, insbesondere in Bezug auf angenehme Freizeitaktivitäten.
Freundschaft als Prozess
Argyle und Henderson (1990, 91) beschreiben die Entstehung von Freundschaften als einen dreistufigen Prozess: - Bei zufälligen Begegnungen Eindrücke vom anderen gewinnen.
- Erste Treffen durch Verabredung oder Einladung.
- Regelmäßige Treffen und wechselseitige Bindung.
Sie betrachten diesen Prozess als eine Selektion möglicher Freunde, bei dem auf jeder Stufe einige ausgeschlossen werden. Je häufiger sich Menschen treffen, desto besser lernen sie sich kennen und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie sich gegenseitig schätzen lernen. Da die Kontakthäufigkeit von der räumlichen Nähe abhängt, ist es wahrscheinlicher, dass sich Freundschaften unter Menschen bilden, die nahe beieinander wohnen. Kinder und Jugendliche haben demgemäß meist Freunde aus der nahen Nachbarschaft oder der eigenen Schulklasse. Erwachsene sind demgegenüber nur zum kleinen Teil mit Nachbarn befreundet, da Nachbarn häufig sehr unterschiedlich sind und wir unsere Freunde meist nach Ähnlichkeit zu uns selbst aussuchen - z. B. in Bezug auf Alter, sozialer Schicht und ethnischer Abstammung.
Die erste Verabredung oder Einladung stellt einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer Freundschaft dar. Wenn wir eine Einladung aussprechen, offenbaren wir dem anderen unser Interesse an ihm. Gleichzeitig können wir aber nicht sicher sein, ob dieses Interesse geteilt wird. Wir gehen also ein gewisses Risiko ein, beim anderen auf Desinteresse zu stoßen. In vielen Fällen handelt es sich bei der ersten Einladung um ein gemeinsames Essen - zu Hause oder in einem Lokal. Hierbei werden persönliche Informationen ausgetauscht, wobei dies meist eher vorsichtig geschieht. Man will etwas über den anderen erfahren, wobei es meist darum geht, wie ähnlich man sich in Bezug auf Einstellungen, Interessen, Wertvorstellungen und Lebensstil ist. Solange wir noch wenig über den anderen wissen, besteht natürlich die Gefahr, dass wir statt Gemeinsamkeiten auch deutliche Unterschiede entdecken. Brisante Themen wie politische oder religiöse Einstellungen werden zunächst meist vermieden, um nicht gleich allzu viel Unvereinbarkeiten zwischen sich anzuhäufen. „Gleich und gleich gesellt sich gern“ - dies gilt auch für Freundschaften. Mit Freunden möchten wir Erfahrungen, Vorlieben und Ablehnungen teilen. Die Gemeinsamkeiten müssen sich aber nicht auf alle Lebensbereiche erstrecken - manche suchen sich unterschiedliche Freunde für verschiedene Aktivitäten. Auch müssen sich Freunde nicht unbedingt in ihrer Persönlichkeit ähneln, so dass durchaus auch gilt: „Gegensätze ziehen sich an“. Personen, die eher schüchtern und zurückhaltend sind, finden vielleicht extrovertierte Freunde besonders attraktiv, weil sie in ihrer Begleitung bestimmte soziale Aktivitäten leichter unternehmen können.
Ein wichtiges Kriterium für weitere Treffen mit potenziellen Freunden ist, ob man sich gegenseitig als „belohnend“ empfindet. Wir erleben es bereits als belohnend, wenn andere unsere Einstellungen und Meinungen teilen, vor allem aber wenn ein anderer offensichtliches Interesse an uns selbst hat und uns positiv zugewandt ist. Wenn beide aus einer Beziehung Vorteile ziehen können, ist die Wahrscheinlichkeit für den Beginn einer dauerhaften Freundschaft relativ groß. Erscheint uns der Aufwand für weitere Treffen größer als unser subjektiver Nutzen, wird es hierzu vermutlich nicht mehr kommen - die potenziellen Freunde sind dann durch unser „Sieb“ gefallen (vgl. Argyle & Henderson 1990, 96ff).
Die meisten Menschen haben nicht nur Freunde, sondern auch „gewesene“ Freunde, mit denen sie früher befreundet waren, es aber jetzt nicht mehr sind. Argyle und Henderson (1990, 121f) haben 150 Personen befragt, aus welchen besonderen Gründen eine ihrer Freundschaften zerbrochen sei. Vorgegeben wurde ihnen eine Reihe von Freundschaftsregeln und sie sollten angeben, in welchem Ausmaß die Nichtbeachtung zum Scheitern der Freundschaft beigetragen hatte.
Tabelle 2: Freundschaftsregeln und das Zerbrechen von Freundschaften (Argyle & Henderson 1990, 122, Tab. 7)
| |
mäßig oder
sehr maßgeblich für das Zerbrechen von Freundschaft |
kaum maßgeblich
für das Zerbrechen von Freundschaft |
| Eifersucht auf oder Kritik an Ihren Beziehungen zu Dritten |
57% |
22% |
| Mit anderen über vertraulich Mitgeteiltes reden |
56%
|
19% |
| Nicht freiwillig Hilfe anbieten, wenn sie benötigt
wird |
44% |
23% |
| Kein Vertrauen in Sie zeigen |
44% |
22% |
| Öffentliche Kritik an Ihnen üben |
44% |
21% |
| Keine positive Wertschätzung Ihrer Person zeigen |
42% |
34% |
| Sich nicht in Ihrer Abwesenheit für Sie einsetzen |
39% |
28% |
| Nicht tolerant gegenüber Ihren übrigen Freunden sein |
38% |
30% |
| Keine emotionale Unterstützung zeigen |
37% |
25% |
| An ihnen herumnörgeln |
30% |
25% |
In den Regeln waren sich Frauen und Männer einig, allerdings gaben Frauen häufiger an, fehlende positive Wertschätzung oder mangelnde emotionale Unterstützung habe zum Scheitern der Freundschaft beigetragen. Insgesamt waren es vor allem die Beziehungen zu Dritten, die zum Abbruch von Freundschaften führten: Eifersucht auf andere, Kritik an diesen sowie die Preisgabe von vertraulichen Mitteilungen.
Untersuchungen zum direkten Freundschaftsprozess sind bislang selten. Es sind nur wenige Arbeiten durchgeführt worden, die nicht retrospektiv, sondern das Verhalten und Erleben in Freundschaftsbeziehungen möglichst direkt zu erfassen versuchen (Auhagen 1991, Duck & Miell 1986, Hays 1985, 1989, Heidbrink 1993, Lambertz 1999). Auhagen (1991), die mit Hilfe der Doppeltagebuchmethode 18 Freundschaftspaare mit einer gleichen Anzahl Geschwisterpaaren verglich, fand beispielsweise heraus, dass Freundschaftspaare mehr Kontakte im Untersuchungszeitraum (60 Tage) hatten als Geschwisterpaare. Freundinnen hatten insgesamt am häufigsten Kontakt untereinander. Auch in Bezug auf Hilfeleistungen ergaben sich geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen gaben und empfingen mehr Unterstützung als Männer.
Eine Beschreibung von Freundschaften anhand von Variablen wie Kontakthäufigkeit, Art der gemeinsamen Aktivitäten oder Ausmaß der gegenseitigen Hilfeleistungen sagt allerdings noch recht wenig über die spezifische Qualität einer Freundschaftsbeziehung aus. Man bleibt hier gewissermaßen auf der Oberfläche des beobachtbaren Verhaltens, das allenfalls indirekt Aufschluss über die Art der emotionalen Interaktion innerhalb einer Freundschaft geben kann. Tatsächlich ist es auch aus verständlichen Gründen nicht einfach, etwas über die Struktur und den Verlauf emotionaler Interaktionen zwischen Freunden zu erfahren, zumal es sich hier um Prozesse handelt, die selbst den direkt beteiligten Freunden bzw. Freundinnen nicht immer ganz bewusst sein dürften.
Eine interessante Möglichkeit stellen Zeitreihenanalysen von Stimmungsverläufen dar, über die sich emotionale Interaktionen und Konfliktverläufe erfassen lassen. So zeigte eine Analyse der Stimmungsverläufe von sechs Freundinnenpaaren, die Lambertz (1999) über einen Zeitraum von drei Monaten kontinuierlich befragte, dass die gegenseitigen Kenntnisse der Gefühle der Freundinnen erstaunlich gering waren (vgl. auch Heidbrink 1993).
Frauen- und Männerfreundschaften
Der Wert von Männerfreundschaften wurde schon in der Antike (Aristoteles, Cicero) gerühmt, Beziehungen zwischen Frauen wurden eher als durch Missgunst, Neid und Eifersucht getrübt, ihre Freundschaften als oberflächlicher und instabiler angesehen (vgl. Dorst 1993).
In den letzten Jahrzehnten hat sich hier eine erstaunliche Veränderung ergeben. Die Frauen haben in Bezug auf Freundschaften nicht nur aufgeholt, sondern die Männer offenbar „überholt“:
„Die verlogene, heimlich rivalisierende „Damenkränzchen“-Freundschaft mit Klagen über Dienstboten und bösartigem Getratsch über andere (während man sich selbst mitsamt seiner Familie fehlerlos erstrahlen läßt) ist vorbei, zumindest ist das Klischee darüber nicht mehr erlaubt. Frauenfreundschaften erscheinen nun – und vielleicht ist auch dies nur ein Klischee – als beneidenswerte Möglichkeit der Selbstfindung“ (Jaeggi 1987, 18).
Überwiegend wird heute angenommen, dass Frauenfreundschaften intensiver und zufrieden stellender sind, mehr praktischen und emotionalen Beistand bieten als Männerfreundschaften (vgl. Kast 1992, Dorst 1993).
Maurer (1998, 65f) zeigte in einer Untersuchung mit 472 Vpn (311 Frauen, 161 Männer), dass Frauen differenziertere Freundschaftskonzepte haben, ihnen ihre Freundschaften wichtiger und sie mit diesen auch zufriedener sind, zudem haben sie auch mehr Freundinnen als Männer Freunde.
Auch Pfisterer (2006) konnte mit Hilfe einer Neuübersetzung der ADF-Skalen (Aquaintance Description Form - Final Version 2)2 von Wright (1985) wesentliche Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfreundschaften bestätigen. 240 Personen (190 Frauen, 50 Männer) sollten in dieser Untersuchung nicht nur die Beziehungen zu einem engen Freund / enger Freundin (Freund A) einschätzen, sondern im Vergleich auch eine „lockere“ Freundschaft (Freund B).
Sowohl für die Gesamtform als auch für alle Subskalen ergaben sich erwartungsgemäß signifikante Unterschiede zwischen der Einschätzung des „engen Freundes“ (A) und des lockeren Freundes (B): der enge Freund bzw. die enge Freundin wird als unterstützender, wertschätzender, bestätigender, einzigartiger angesehen, ihm wird gern mehr Zeit gewidmet.
 - Abbildung 2: Enge (A) und lockere (B) Freundschaften und Geschlecht im ADF (Pfisterer 2006, 52)3
Abbildung 2 zeigt die Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfreundschaften. Insgesamt am intensivsten sehen Frauen ihre Beziehung zu einer engen Freundin. Die Unterschiede zwischen „engen“ und „lockeren“ Freundschaften sind in sechs der sieben Subskalen signifikant - nur die Skala SV bleibt nicht signifikant. Enge Freunde werden also nicht unbedingt als interessanter und anregender angesehen als lockere Freunde. Im Geschlechtervergleich ist die Beziehung von Männern zu „Freund B“ am wenigsten eng und intensiv, in einigen Subskalen gleichen sich der „enge“ Freund und die „lockere“ Freundin sogar an (z. B. in Bezug auf Selbstbestätigung und hohe Wertschätzung).
Insgesamt bestätigt die Untersuchung von Pfisterer bisherige Befunde zu Unterschieden zwischen Frauen- und Männerfreundschaften. Ihre Ergebnisse widersprechen auch deutlich der Vermutung von Wright (1982, 1988), dass Geschlechtsunterschiede zumindest bei sehr engen Freundschaften eher als gering einzuschätzen seien. Zudem scheint den Männern selbst durchaus bewusst zu sein, dass ihre Freundschaften nicht gänzlich ihren Erwartungen entsprechen. Pfisterer (2006, 56f) fragte danach, in welchem Ausmaß die eingeschätzten Freundschaften einer „idealen Freundschaft“ entsprechen würden. Auf einer Prozentskala entsprach die „enge Freundin“ zu 83% einer idealen Freundschaft, der „enge Freund“ nur zu 74%. In Bezug auf die „lockere Freundschaft“ ergaben sich keine Geschlechtsunterschiede: Frauen und Männer gaben an, dass diese bei ihnen zu 51% ihrer Idealvorstellung von Freundschaft entsprechen würden.
Freundschaft im Wandel
Die bisherige psychologische Freundschaftsforschung klammert den sozialen Hintergrund und gesellschaftliche Entwicklungen weitgehend aus. Argyle und Henderson (1990, 106f) berichten über deutliche Unterschiede zwischen den Freundschaften von Mittelschichtangehörigen und der Arbeiterschicht. Mittelschichtangehörige haben nach ihren Untersuchungen mehr Freunde, die verschiedenartiger sind und in größerer Entfernung leben als Angehörige der Arbeiterschicht. Die Unterschiede in den Freundschaftszahlen können allerdings auch auf einem unterschiedlichen Sprachgebrauch beruhen. Nach Argyle und Henderson benutzen viele Angehörige der Arbeiterschicht den Begriff „Freund“ überhaupt nicht. Die Frauen treffen sich mit zahlreichen Nachbarinnen und Verwandten, die Männer haben „Kumpel“, die man meist zufällig und ohne vorherige Absprache in Lokalen oder Vereinen trifft.
Da das Schichtenmodell die heutige soziale Wirklichkeit nur unzureichend erfasst, versuchen Eberhard und Krosta (2004) Freundschaftsunterschiede auf dem Hintergrund neuer Segmentierungsmodelle von gesellschaftlichen Großgruppen zu erfassen, die als „soziale Milieus“ bezeichnet werden. Soziale Milieus beziehen sich nicht mehr wie das Schichtenmodell vor allem auf Berufszugehörigkeit und Lebensstandard, sondern auf Kriterien wie Alter, Bildungsstand und persönlichem Lebensstil (vgl. Schulze 1992). Bisherige Freundschaftsuntersuchungen basieren häufig auf einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe (z. B. Studenten, Akademiker), die dann auf die gesamte Gesellschaft übertragen werden. Eberhard und Krosta (2004) untersuchten Personen aus dem Unterhaltungs- und dem Selbstverwirklichungsmilieu im Sinne von Schulze (1992). Das Unterhaltungsmilieu umfasst Personen mit geringerer, das Selbstverwirklichungsmilieu Personen mit höherer Schulbildung, jeweils im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. Mittels eines Fragebogens wurde der milieutypische „persönliche Stil“ erhoben (z. B. politische Einstellungen, Freizeitverhalten, kulturelle Vorlieben) und nur „typische“ Vertreter der beiden Milieus ausgesucht. Aufgrund von Diskussionen in Frauen- und Männergruppen der beiden Milieus kommen die Autoren zu dem Schluss, dass sich die Freundschaftskonzepte und Verhaltensweisen in den beiden Milieus unterscheiden. Im Gegensatz zu den sonst regelmäßig berichteten Unterschieden zwischen Frauen- und Männerfreundschaften finden sie kaum geschlechtsspezifische Unterschiede innerhalb desselben Milieus.
Die typischen „side-by-side“ Freundschaften unter Männern finden Eberhard und Krosta (2004) vor allem im Unterhaltungsmilieu: „Es ist die gemeinsame Aktion, die verbindet, das heißt vor allem der Gang unter andere Leute, in Diskotheken oder Kneipen oder zu Freunden, durchgeführt am liebsten in größeren Gruppen. Gespräche werden als sekundär beschrieben“ (153). Hierin ähneln sie den Frauen aus dem Unterhaltungsmilieu weitaus mehr als den Männern aus dem Selbstverwirklichungsmilieu. Für erstere sind gemeinsame Aktivitäten (ins Kino gehen, Videos gucken, in Diskotheken gehen) mindestens so wichtig wie Gespräche. Für die Frauen aus dem Selbstverwirklichungsmilieu steht das vertrauliche Gespräch an erster Stelle, gemeinsame Unternehmungen sollen vor allem die Gelegenheit hierzu ermöglichen. Bei den Männern aus dem Selbstverwirklichungsmilieu stellten Eberhard und Krosta eine auffallende narzisstische Funktion fest: heftige Gefühle werden vermieden, man hat alles „gut im Griff“, gibt sich in seinen Freundschaften locker und entspannt, aber auch eher distanziert. Man gibt vor, genügend gute Freunde zu haben, lässt aber offen, was man mit diesen eigentlich tut, wenn man sich trifft (152).
Verbergen sich also hinter den in vielen Untersuchungen gefundenen geschlechtsspezifischen Freundschaftsunterschieden zumindest zum Teil nicht kontrollierte Milieuunterschiede? So plausibel dies nach den Ergebnissen von Eberhard und Krosta (2004) auch erscheinen mag, die Untersuchung von Pfisterer (2006), deren Ergebnisse zu Frauen- und Männerfreundschaften zum Teil bereits dargestellt wurden, erbrachte hierfür keine Belege. Pfisterer hat versucht, die jeweilige Milieuzugehörigkeit in Anlehnung an Eberhard und Krosta zu erfassen. Ihre Stichprobe umfasste überwiegend Personen aus dem Selbstverwirklichungsmilieu (72%), so dass sich Unterschiede zwischen unterschiedlichen Milieus nur unzureichend überprüfen ließen. Innerhalb des Selbstverwirklichungsmilieus zeigten sich allerdings die gleichen Geschlechtsunterschiede wie in der Gesamtstichprobe, so dass sich zunächst keine weiteren Hinweise auf Milieuabhängigkeit der Freundschaftsbeziehungen ergeben.
Hiermit sind die Aussagen von Eberhard und Krosta jedoch nicht widerlegt, zumal beide Untersuchungen methodisch sehr unterschiedlich angelegt sind. Eberhard und Krosta (2004, 109ff) beziehen sich in ihren Ergebnisdarstellungen auf Gruppendiskussionen mit durchschnittlich 5 Personen, jeweils Frauen und Männern aus dem Selbstverwirklichungs- und dem Unterhaltungsmilieu. Ausgewählt wurden für die jeweiligen Gruppen nur Personen, die aufgrund einer Vorauswahl als „möglichst idealtypische Vertreter“ der beiden Milieus angesehen wurden (88). Ihr Vorgehen lässt sich abgekürzt als „qualitativ-psychoanalytisch“ bezeichnen. Demgegenüber handelt es bei der Untersuchung von Pfisterer (2006) um eine quantitative Untersuchung mit einem relativ differenzierten Freundschaftsfragebogen. Hierbei zeigte sich auch, dass die Zuordnung von Personen zu den unterschiedlichen Milieus durchaus problematisch ist, insbesondere die Fragen zur Bestimmung des persönlichen Stils, die nicht immer trennscharf sind. Im Gegensatz zu Pfisterer verwendeten Eberhard und Krosta bei ihrer Milieuzuordnung auch Skalen zur Erfassung „psychischer Grundorientierungen“ (Politische Unterordnung, Fatalismus, Reflexivität, Rigidität, Anomie), die nach Schulze mit alltagsästhetischen Schemata gekoppelt sind (Eberhard & Krosta 2004, 87). Es ist also nicht auszuschließen, dass einige der in den Gruppendiskussionen hervorgetretenen Freundschaftsmerkmale mit dieser Art der „Persönlichkeitsauswahl“ konfundiert sind. Da zur Bestimmung der unterschiedlichen Milieus insbesondere auch Merkmale des Freizeitverhaltens („mit anderen in die Stadt gehen“) herangezogen werden, ist auch in dieser Hinsicht die Unabhängigkeit zwischen Milieuzuordnung und Freundschaftsverhalten nicht gewährleistet. Die Ergänzung sozialpsychologischer Forschungsstrategien um soziologisch orientierte Milieukonzepte offenbart die unterschiedlichen, nur zum Teil kompatiblen Forschungsstrategien.
Trotz dieser forschungsmethodischen Probleme zeigt sich im Bereich der Freundschaftsforschung, dass quantitative und qualitative Forschungsansätze einander sinnvoll ergänzen. Interviewstudien, Gruppendiskussionen, Fragebogenerhebungen und Prozessanalysen lassen sich in ihren Ergebnissen aufeinander beziehen und zeichnen zwar kein vollständiges, aber dennoch informatives Bild der vielfältigen Funktionen von Freundschaftsbeziehungen.
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Endnoten
1 Dr. H. Heidbrink, Prof. Dr. H. E. Lück, Dr. H. Schmidtmann: Forschungskolloquium „Zwischenmenschliche Beziehungen“ ( http://vs.fernuni-hagen.de/Forschsem/). Hier zitierte Arbeiten aus dem Forschungskolloquium: Heidbrink (1993), Kugele (2006), Lambertz (1999), Maurer (1998), Pfisterer (2006).
2 Die deutsche Übersetzung ergab für die Gesamtform des „Bekanntschaftsfragebogens“ hohe Reliabilitäten (alpha = .90 für „Freund A“ und alpha = .95 für „Freund B“). Die Alpha-Werte (Cronbach) für die 7 Subskalen (jeweils 5 Items) lagen zwischen .65 und .85.
3 Verwendete Subskalen des ADF-F2: Stimulation Value (SV): Wahrnehmung des Freundes / der Freundin als interessant und anregend; Utility Value (UV): Konkrete Unterstützung durch den Freund / die Freundin; Self-Affirmation Value (SAV): Unterstützung bei der Selbstbestätigung; Ego Support Value (ESV): Hohe Wertschätzung durch den Freund /die Freundin; Security Value (SecV): Sicherheit vor Vertrauensmissbrauch verletzender Kritik; Voluntary Interdependance (VID): Ausmaß, in dem zwei Personen sich gegenseitig ihre freie Zeit unter Abwesenheit von äußerem Druck widmen; Person-qua-Person (PQP): Einzigartigkeit, Besonderheit der Beziehung.
Dr. Horst Heidbrink FernUniversität Hagen Institut für Psychologie Postfach 940 D-58084 Hagen E-Mail: Horst.Heidbrink@bitte-keinen-spam-fernuni-hagen.de
Dipl.-Psych., arbeitet am Institut für Psychologie der FernUniversität in Hagen. Arbeitsschwerpunkte: interpersonelle Beziehungen, virtuelle Kommunikation, Moralpsychologie, Wissenschaftstheorie
Manuskriptendfassung eingegangen am 15. Januar 2007.
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Es ware ser intersant, und ser hilfraich fur di jenigen die psychologi und die medjen fyshten.