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Sie befinden sich hier: Ausgaben » JfP-1-2009 » jfp-1-2009-01

Editorial

Hans-Jürgen Seel
[Journal für Psychologie, Jg. 17 (2009), Ausgabe 1]

Im vorliegenden Heft wird die Professionalisierung von Beratung unter der Perspektive auf Praxis in der doppelten Bedeutung dieses Begriffs diskutiert. Die Beiträge thematisieren sowohl die gesellschaftliche Praxis (Beitrag Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterSeel und Beitrag Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterRechtien) als auch die professionelle Praxis von Beratung (Beitrag Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterWeissmann und Beitrag Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterReindl) und werfen von dort  auch einen Blick auf die Wissenschaft. Im nachfolgenden Heft 2 / 2009 steht dagegen die dialogische Struktur menschlichen Handelns auf einer allgemeineren, nicht zuletzt auch epistemologischen und metatheoretischen Ebene im Fokus; in diesen Kontext wäre Beratung als ein spezifischer und in seiner Besonderheit darzustellender Fall dialogischen Interagierens/dialogischer Interaktion einzuordnen.

Daraus ergibt sich ein Ergänzungs- oder auch ein Spannungsverhältnis zwischen den beiden aufeinanderfolgenden Heften, das vielleicht gerade deshalb besonders interessant ist, weil die beiden Hefte nicht von vornherein und nicht systematisch in Abstimmung miteinander konzipiert wurden, wenn auch bei der Überarbeitung der Beiträge schon der eine oder andere Hinweis auf das andere Heft aufgenommen werden konnte. Weitere, abstraktere Querverbindungen zu erkennen bzw. herzustellen, bleibt daher den Leserinnen und Lesern überlassen.

Bei der Gestaltung des Heftes sind wir wieder einmal auf das Problem der zwei Kulturen aufmerksam gemacht worden, das auch oder sogar besonders beim Thema Beratung / Dialogizität hineinspielt:  Die Kultur der professionellen (psychologischen) Beratungspraxis und die Kultur der Wissenschaft, die sich von Anfang an mehr oder weniger ohne vertieften Bezug zueinander entwickelt haben und sich in den letzten Jahren (Jahrzehnten) zum Teil noch weiter „auseinandergelebt“ haben:

Wer derzeit praktisch als BeraterIn arbeitet, wendet sich in der Regel nach einigen Versuchen, Hilfestellungen von der Wissenschaft zu erhalten, von ihr ab, weil sie/er kaum Verwertbares bekommt, oder ihre Nützlichkeit nicht zu erkennen vermag.  Oft genug werden auch Versuche z.B. von Praktikern, sich in den wissenschaftlichen Diskurs zu begeben, unreflektiert an den dort praktizierten Standards der jeweils gerade aktuellen Fachdiskurse gemessen und erfahren dann eine häufig  als kränkend empfundene Abweisung. Umgekehrt ist das Interesse der Wissenschaft an Beratung und deren Praxis längst nicht so groß, wie es das Thema verdient hätte. Wissenschaftliche Annäherungen an die Praxis orientieren sich in der Regel an dem, was in den wissenschaftlichen Diskursen im „Elfenbeinturm“ als Praxis definiert bzw. konstruiert wird. Dies wird dann in hochspezialisierte Detailprobleme zerlegt und einer Lösung zugeführt, die – besonders, wenn sie als statistische, d.h. Wahrscheinlichkeitsaussage formuliert wird - für die Praxis des Einzelfalls bekanntlich wenig hilfreich ist. Dabei sind die WissenschaftlerInnen oft der festen Überzeugung, etwas Wertvolles für die Praxis zu leisten, reagieren deshalb enttäuscht, wenn dies nicht genügend gewürdigt wird, bemerken nicht, dass sich ihre Themenbearbeitung mehr an den Kriterien der wissenschaftlichen „Community“ orientiert (orientieren muss) und weniger an der Verwertbarkeit für die Praxis „im Feld“. In der Konsequenz können sich PraktikerInnen mit ihren Interessen dort kaum wiederfinden („Worüber reden die eigentlich?“). Nichtsdestotrotz wird auch in der Praktiker Community die „Wissenschaftlichkeit“ als ein Qualitätskriterium hoch gehalten, häufig aber mehr aus legitimatorischen Gründen als aus Gründen der realen Nützlichkeit, weil das Etikett „Wissenschaftlichkeit“ sowohl fachpolitisch als auch auf dem Markt einen hohen Wert hat.

Sicherlich spielen auch andere Gründe eine nicht zu unterschätzende Rolle für das Auseinanderdriften der zwei Kulturen, insbesondere das verständliche Bedürfnis, die Kontrolle über das jeweils eigene Handlungsfeld nicht anderen zu überlassen, an deren Diskursen man nicht partizipieren kann oder will. Die Sorge, in der Folge einer Annäherung an die jeweils anderen Diskurse dort als inkompetent bezeichnet zu werden, lässt viele das Risiko eines offenen Dialogs scheuen und verleitet dazu, sich in der je eigenen Kultur ein zu igeln und alles, was von „außen“ kommt, als nicht relevant, als „abgehoben“ oder „theoretisch“ bzw. als „unwissenschaftlich“ abzuwehren. Nur wenigen AutorInnen gelingt die gleichermaßen souveräne Bewegung in beiden Kulturen, häufig genug aber um den Preis einer verinnerlichten Abspaltung zuungunsten einer Herstellung von Querverbindungen, zu der es oft einigen Mutes bedarf, weil das Risiko, sich zwischen alle Stühle zu setzen, doch recht groß ist.

Das Journal für Psychologie hat – genauso wie die es tragende Neue Gesellschaft für Psychologie – in Kenntnis dieser sich auseinander lebenden Kulturen den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis in ihren Zielsetzungen an prominenter Stelle (Satzung) benannt. Es wäre daher nur folgerichtig, wenn er aus Anlass der Koinzidenz der Themen dieses und des folgenden Heftes neu belebt wird – was zu hoffen ist. Gerade weil dies bei der ursprünglichen Konzeptionalisierung nicht beabsichtigt war, könnte es interessant werden.

Jetzt aber zu den Beiträgen des vorliegenden Hefts:

Sie machen deutlich, dass an der Professionalisierung von Beratung an ganz verschiedenen „Baustellen“ mit unterschiedlichen Hintergründen und Zielsetzungen gearbeitet wird. Bei weitem nicht alle diese Baustellen können in einem Heft abgebildet werden. Einige zumindest sollten benannt werden, was in dem Beitrag von Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterSeel versucht wird, der sich zudem darum bemüht, gerade das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Praxis der Beratung unter einer weiterführenden Perspektive zu thematisieren. In dem Beitrag von Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterWeissman wird eine Anfrage an die theoretische Grundlegung der verbreiteten, an therapeutischen Konzepten orientierten Beratungsansätze formuliert, ob nicht deren anthropologischen Grundlagen überdacht werden sollten. Angesichts einer vielfältig eklektisch vorgehenden Praxis erscheint diese Anfrage als überfällig, liegen doch die Wurzeln dieser Konzepte schon einige Zeit zurück. Insbesondere sollten sie sich einer Auseinandersetzung über die Subjektkonstruktionen der postmodernen Gesellschaft stellen.

Eine ganz andere Perspektive auf die Praxis von Beratung – aber ebenfalls vor dem Hintergrund veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen – eröffnet der Beitrag von Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterReindl, indem er die Möglichkeiten und Grenzen von online-Beratung thematisiert, also Beratung unter dem Gesichtspunkt der Veränderung der Kommunikationskultur durch die aktuellen Informationstechnologien betrachtet.

Schließlich spricht Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterRechtien mit dem Thema der Ausbildung jenes Feld der Professionalisierung von Beratung an, in dem derzeit wohl die meisten wirtschaftlichen Interessen die professionspolitischen Diskurse beeinflussen.

Auch im (Einzel-) Betrag von Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterRiegler und Przyborski spielt das Thema der Beziehung zwischen Wissenschaft und Praxis eine besondere Rolle. Allerdings ist er nicht dem Themenkomplex der Professionalisierung von Beratung zu zu ordnen, abgesehen davon, dass eine bestimmte Problemlage (hier: Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) ein Feld spezieller professioneller Beratung abgeben kann, in dem Realität auf spezifische Weise konstruiert wird.

Der Beitrag von  Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterHarnack soll – wiederum im Interesse einer Weiterführung eines durch ein Heft des Journal für Psychologie angestoßenen Dialogs – das Thema der vorausgegangenen Ausgabe aufgreifen. Dabei kommt auch hier – wie im Beitrag Weissman – die Frage der Grundannahmen wissenschaftlicher Positionen / Schulen zur Diskussion.

H.-Jürgen Seel, im Februar 2009

 



H.-Jürgen Seel, Diplom-Psychologe, Dr. phil.
Professor für Soziale Arbeit
Arbeitsschwerpunkte: Beratung, Management, Ästhetik in der Sozialen Arbeit
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Fakultät Sozialwissenschaften
Bahnhofstr. 87
D-90402 Nürnberg
Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-Mailhans-huergen.Seel@ohm-hochschule.de


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