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Professionalisierung von Beratung - Fragen und Thesen
Hans-Jürgen Seel [Journal für Psychologie, Jg. 16 (2009), Ausgabe 1]
Zusammenfassung
Die Bedeutung von Beratung als zentrale Kommunikationsform der reflexiv modernen Gesellschaft wächst, einige Anzeichen einer schon fortgeschrittenen Professionalisierung lassen sich ausmachen, doch es zeigen sich auch einige Problematiken und Lücken, die eine konsequente sinnvolle Professionalisierung erschweren. Nach einer Übersicht über den Stand der Professionalisierung werden in diesem Beitrag die als besonders problematisch eingeschätzte sich abzeichnende Zersplitterung in verschiedene Beratungsprofessionen sowie die Frage der Wissensgenerierung (Wissenschaft) in und für Beratung kritisch mit Lösungsperspektiven thematisiert.
Schlagwörter: Profession, Beratung, Verbände, Wissen, Wissenschaft, Ethik
Summary
Professionalization of Counseling – Questions and Theses The importance of counseling as a central kind of communication in the reflective modern society is increasing, some indications of an advanced professionalization can be identified, but some problems and lacks can be seen, too, which make further professionalization difficult. After an overview over the status of professionalization the as problematic estimated emerging fragmentation in different counseling professions and the problem of generating knowledge in and for counseling are mentioned and ideas of solving the problems are outlined.
Key words: Profession, Counseling, Unions, Knowledge, Science, Ethics
Beratung – unverzichtbarer Bestandteil verschiedenster Dienstleistungen
In den verschiedensten Lebenszusammenhängen des postmodernen Menschen haben sich professionell erbrachte Dienstleistungen etabliert, die, wenn sie nicht im Wesentlichen aus Beratung bestehen, also eigentlich Beratung sind, so doch zumindest einen Anteil an Beratung beinhalten: - Als privates Subjekt im klassisch so bezeichneten Reproduktionsbereich (Familien-, Partnerschafts- und Ehe-, Erziehungs-, ...Beratung)
- Als wirtschaftliches Subjekt (Verbraucher-, Vermögens-, Anlage-, Schuldner-, Steuer-, ....Beratung)
- Als Rechtssubjekt (Rechtsberatung...)
- Im Beruf (Unternehmens-, Organisations-, Management-, Personal-,....Beratung)
Eine Einschätzung der quantitativen Größenordnung aller tatsächlich stattfindenden professionellen Beratungen fällt sehr schwer, gibt es doch keine entsprechende Statistik – wer sollte sie auch erstellen? Allerdings gibt es quantitative Angaben zu Teilbereichen, aber die verwenden verschiedene Maßzahlen. Bezeichnend ist, dass das Bundesamt für Statistik Daten über die Anzahl der durchgeführten institutionellen Beratungen für junge Menschen (umfasst Erziehungs- und Familienberatung, Jugendberatung und Suchtberatung) bereitstellt (für das Jahr 2006 waren das z.B. 248 095 Beratungen), während der Berufsverband Deutscher Unternehmensberater bdu nicht die Zahl der durchgeführten Beratungen erhebt, sondern die durch Managementberatung erzielten Umsätze. So wird auf seiner Homepage festgestellt: "Im Jahr 2007 ist der Umsatz um 11,8 Prozent auf 16,4 Milliarden Euro (2006: 14,7 Milliarden Euro) gestiegen." ( www.bdu.de/Managementberatung.html Zugriff am 22.11.2008)
Auch die Literatur zum Thema "Beratung" hat mittlerweile unübersichtliche Ausmaße angenommen, so verzeichnet z.B. der Versender Amazon 2830 Ergebnisse bei lieferbaren deutschsprachigen Büchern (am 1.3.2008). Darunter sind auch solche mit kritischer journalistischer Intention, z.B. Leif (2006) mit dem aufschlussreichen Titel "Beraten und verkauft. McKinsey & Co. - der große Bluff der Unternehmensberater". Es finden sich aber auch Bücher, die schon im Titel einen Zusammenhang zwischen Handlungsformen formulieren, die nach sicherlich verbreiteter Ansicht miteinander nicht ohne Weiteres kompatibel sind, sich eher gegenseitig ausschließen: "Grundlagen Beratung und Verkauf". Aus der Beschreibung des Produkts: "…dient der Umsetzung der neuen gestaltungsoffenen Ausbildungsordnung im Einzelhandel" (Müller, Voigtländer und Högner 2007). Auch die Satire nimmt sich der Beratung an: "Wenn einer weiß, dass er nichts wissen kann und trotzdem so tut, als könnte er was wissen, dann ist er wahrscheinlich ein Depp – oder ein Berater" Bruno Jonas (2008) in seinem Programm "bis hierher und weiter".
Weitaus die meisten der zahllosen Fachbücher über Beratung konzentrieren sich auf die praktische Durchführung von Beratung bzw. spezieller Fragen dazu.
Aus- und Weiterbildungen werden in zahlreichen Varianten angeboten, von einer Einführung in Beratung an einem Abend bis hin zu Studiengängen mit akademischem Hochschulabschluss (vgl. dazu den Beitrag von Rechtien in diesem Heft); es gibt einen Dachverband (DGfB), in dem Vereinigungen zusammengeschlossen sind, die in irgendeiner Form mit Beratung an zentraler Stelle zu tun haben. Hier werden verschiedene Diskurse zur Professionalisierung vorangetrieben, z.B. zum Berufsethos von BeraterInnen, zu Qualitätsstandards von Beratung und Ausbildung zu BeraterInnen usw. usw..
Alles dies verweist nach den gängigen Kriterien (vgl. z.B. Stock 2006) auf eine bereits weitgehend etablierte gesellschaftliche Institution mit einem hohen Grad an Professionalisierung. Bei genauerem Hinsehen ergibt sich jedoch ein differenziertes Bild (vgl. auch Nestmann, Sickendiek und Engel 2004a):
So verbirgt sich unter dem gemeinsamen Etikett Beratung durchaus auf den ersten Blick sehr Unterschiedliches: Von der Beratung im Zusammenhang der sozialpädagogischen Hilfe für Familien, Partnerschaftsberatung über Drogen-, EDV- und Steuerberatung, Coaching und Supervision, Managementberatung bei der Organisationsentwicklung bis zur Unternehmensberatung á la McKinsey, Roland Berger oder Accenture und der wissenschaftliche fundierten Politikberatung im Vorfeld größerer politischer Entscheidungen. In der englischen Sprache wird der Unterschied verschiedener Formen von Beratung deutlicher: von "advice" über "consulting" bis zum "counseling" und "discussing" reicht hier die Palette der verwendeten Vokabeln.
Verweist uns das alles darauf, dass Beratung eine Tätigkeit sein muss, die in verschiedenen Kontexten eigene Regelungen erfährt, sich also in verschiedene Professionen ausdifferenziert? Es gibt anscheinend genügend Anlass, über Beratung und ihre Professionalisierung nach zu denken, was in die folgenden Teilthemen gegliedert werden kann: - Was heißt eigentlich Beratung?
- Rolle der Beratung in der Gesellschaft
- Verdoppelte Unübersichtlichkeit statt eines klaren Dienstleistungsangebots
- Verbände und Beratung
- Berufsbild als BeraterIn
- Beratung und akademische Disziplinen
- Beratung, Wissen und Wissenschaft
- Beratung und Ethik
Was heißt eigentlich Beratung?
Um eine Grundlage für die folgenden Überlegungen zu haben, die das ganze Spektrum von Beratung umfasst, wird zunächst eine kurze Verständigung darüber, was unter "Beratung" verstanden werden soll, vorgeschlagen (Seel 1998): Beratung nennen wir alle Formen der Kommunikation eines (individuellen oder korporierten) Subjekts mit andern oder mit sich selbst, die der Lösung praktischer Probleme dienen. Mit "praktischen Problemen" meinen wir wie etwa in der "praktischen Philosophie" alle Fragen vom Typus "Wer bin ich, wo will ich /wollen wir hin, was soll /sollen, darf /dürfen, kann /können ich /wir tun und wie tun wir dies am besten?" Hinzuzufügen ist noch, dass diese Kommunikationen grundsätzlich ergebnisoffen sein müssen. Dabei werden analytisch unterschieden:
transitive Formen von Beratung - jemanden beraten und
- etwas (miteinander) beraten)
reflexive Formen von Beratung - sich miteinander beraten i.S. einer Beziehungsklärung zwischen Subjekten bzw. Abstimmung aufeinander bezogener (also sozialer) Handlungen und
- mit sich zu Rate gehen i.S. einer Selbstklärung
Dabei gilt, dass sämtliche Formen in jedem Beratungsprozess mit unterschiedlicher Gewichtung vorkommen bzw. implizit enthalten sind (Seel 1998).
Dieses Verständnis von Beratung macht ersichtlich zunächst keinen grundlegenden Unterschied zwischen alltagspraktischen und professionellen Beratungen in verschiedenen Kontexten und verweist somit darauf, dass so verstandene Beratung sicherlich in sämtlichen Kulturen und in sämtlichen Epochen stattgefunden hat, stattfindet und auch weiterhin stattfinden wird. Auch hat es schon vielfältige Professionen gegeben und gibt es noch, die ihre Aufgabe neben anderen darin sehen / gesehen haben, dass sie Menschen Orientierung bei praktischen Problemen geben, allerdings meistens in Form der Weitergabe von Handlungsvorschriften (z.B. die Religionsgemeinschaften / Kirchen mit ihren Priestern, Pfarrern etc.) und kaum mal als ein Kommunikationsprozess mit grundsätzlich offenem Ausgang; es handelt sich also bei diesen Formen überwiegend um die transitive Beratung 1.
Genau die Beratung als professionell erbrachte ergebnisoffene Dienstleistung macht jedoch die Besonderheit der Beratung in der postmodernen Gesellschaft aus, die hier im Hinblick auf ihre Professionalisierung thematisiert werden soll:
Beratung als Schaffung (symbolischer) Realität, sowohl, was die – von der postmodernen Gesellschaft versprochene - freie Selbstdefinition der Subjekte, als auch was die ebenso versprochene freie Gestaltung ihrer Beziehungen anbelangt, ist ihr Spezifikum in der aktuellen Gesellschaft / Kultur.1
Dieser Beratungsbegriff umfasst sowohl die psychosoziale Beratung als auch weite Bereiche von Beratung im Management sowohl in der Wirtschaft wie auch in anderen Arbeitsfeldern einschl. Supervision und Coaching.2 Eingeschlossen werden auch Formen ethischer Beratung wie im Zusammenhang von Schwangerschaftskonfliktberatung und genetische Beratung und überhaupt sämtliche Beratungen im Zusammenhang von Dienstleistungen – jedenfalls ihrem Anspruch nach; oft genug werden mit diesem Wort auch Verhandlungen oder Verkauf oder gezielte Einflussnahme kaschiert (s.o.).
So verstandene Beratung ist deutlich mehr als die bloße Weitergabe von Informationen, sondern umfasst die Gestaltung von individueller und sozialer (letztlich auch gesellschaftlicher) Realität.
Als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal von Beratung zur Therapie hat sich wohl durchgesetzt, dass Beratung nicht mit einem Krankheitsbegriff in Verbindung gebracht wird (vgl. z.B. Großmaß 2004). Dessen ungeachtet leiten sich die meist verwendeten Konzepte von Beratung von psychotherapeutischen Konzepten ab. Inwieweit sich diese Herkunft der Beratungskonzepte auf die Beratung auswirkt, z.B. ob ein impliziter Krankheitsbegriff wirksam wird, wurde bisher nicht thematisiert, könnte aber lohnend sein.
Die gesellschaftliche Funktion von Beratung
Welchen Stellenwert hat so verstandene Beratung in der Gesellschaft, welcher grundsätzliche, strukturell bedingte Bedarf steckt dahinter, wie ist er begründet und was bedeutet dies für die Entwicklungsperspektiven von Beratung?
Beratung ist in die Diskurse zur Analyse und Charakterisierung der postmodernen Gesellschaft auf verschiedenen, miteinander zusammenhängenden Ebenen einzuordnen, dabei können wir die "üblichen Verdächtigen" der Verunsicherung in der postmodernen Gesellschaft anführen:
"Neue Unübersichtlichkeit": Auch wenn sich mittlerweile dieser Begriff von den Intentionen seines Erfinders Jürgen Habermas (1985) verselbständigt hat und nun schlicht die Unüberschaubarkeit der gesellschaftlichen Lebenszusammenhänge für den Einzelnen meint, (Google-Nennungen am 3.3.2008 zu "Neue Unübersichtlichkeit": 1.070.000), zeigt dies, dass er mit dem Wort eine Tür in einen Raum geöffnet hat, in dem sich viele wiederfinden. In diesem Sinn heißt Unübersichtlichkeit nichts anderes als das Gefühl des Ausgeliefertsein der Individuen an die Komplexität der lebensrelevanten Zusammenhänge.
Das hat auch zu tun mit dem Zerbrechen traditioneller Orientierungen, und zwar einschließlich derer der ersten Moderne, die in verschiedenen Analysen festgestellt wird (z.B. in den Werken von Bauman, Beck, Bourdieu, Giddens, Lash). Dies bringt eine grundsätzliche Infragestellung des Gewohnten mit sich mit dem Zwang für die Subjekte, sich immer neu orientieren oder gar definieren zu müssen. Das schließt auch die Wissensbestände ein: Bevor man sich auf einen Wissenstand eingelassen hat und weiß, wie man mit ihm alltagspraktisch umgehen kann, ihn also nutzen kann, ist er auch schon wieder überholt. Aber nicht nur die Wissensbestände verändern sich rapide, sondern genauso schnell verändern sich die konkret-praktischen Handlungsregeln in sämtlichen Lebensbereichen (z.B. Moden in verschiedenen Lebensbereichen), beileibe nicht nur, was die Kleidung anbelangt, sondern auch, was z.B. die Ansichten über das richtige Management, die richtige Ernährung ec.etc. wie auch der richtige Sprachgebrauch und praktische Verhaltensregeln betrifft (was gerade "in" ist) genauso wie die Themen und Zugangsweisen im Wissenschaftsbetrieb.
Die Beschleunigung des gesellschaftlichen Wandels in "Tateinheit" mit technologischen Veränderungen /Revolutionen (Stichwort u.a.: Internet) verunsichert und macht ständige Neuorientierungen notwendig3. Dabei lässt sich eine Richtung solcher Veränderungsprozesse ausmachen, die J. Habermas als "Kolonialisierung von Lebenswelten durch Systeme zweckrationalen Handelns" beschrieben hat. Er meint damit, dass viele Bereiche des alltäglichen Lebens immer mehr bspw. der betriebswirtschaftlichen oder der technischen oder der rechtlichen / bürokratischen Handlungsrationalität unterworfen werden. So ist z.B. von einer "Verbetrieblichung der Lebensführung" die Rede,4 (Pongratz und Voß 2001) was meint, dass z.B. die Familie im Grunde wie ein kleiner Betrieb geführt und gemanagt werden muss – auch dies hat die Werbeindustrie bereits erkannt und sich in Form von Werbespots zu Nutze gemacht.
Die traditionellen Formen der Orientierung, Halt und Sicherheit gebenden Regeln werden nun in der Regel nicht durch neue, solidarische und kollektive Formen ersetzt, sondern die Bearbeitung der nicht mehr überschaubaren Risiken und Verantwortung für das "eigene Leben" (Beck, Vossenkul, Ziegler 1995) wird in die Individuen verlagert (die bekannte "Individualisierungsthese" nach U. Beck). Der Staat oder andere gesellschaftliche Institutionen (z.B. die Kirchen), aber auch klassische Solidargemeinschaften wie Großfamilien oder Dorfgemeinschaften können (und wollen) traditionelle Absicherungen und "Daseinsvorsorgen" immer weniger übernehmen und überlassen dies zunehmend den Selbstregulierungskräften des Marktes, auf dem die Individuen für sich selbst sorgen sollen; möglich ist ihnen auch eine Selbstorganisation von unten wie in den neuen sozialen Bewegungen bis hin zur Entwicklung neuer Formen von Gemeinschaft wie z.B.im Mehrgenerationenhaus.
"Selbst-Kultur heißt: Enttraditionalisierung, Freisetzung aus vorgegebenen Sicherheiten und Versorgungsbezügen. Das eigene Leben wird prinzipiell zu einem riskanten Leben. Die Normalbiographie wird zur (scheinbaren) Wahlbiographie, zur Risikobiographie, in dem Sinne, dass (fast) alles entscheidungsabhängig wird. Gleichzeitig ist das auf sich gestellte Individuum kaum noch in der Lage, angesichts der Undurchschaubarkeit und Widersprüchlichkeit der modernen Gesellschaft die unvermeidbaren Entscheidungen fundiert und verantwortlich, d.h. auch im Hinblick auf mögliche Folgen, zu treffen." (Beck 1997, 190)
Oder:
Bauman (2007, 201 f): "In der Flüchtigen Moderne ist die »hergestellte Ungewißheit« das wichtigste Herrschaftsinstrument und die Politik der Prekarisierung (mit diesem Begriff bezeichnet Pierre Bourdieu jene Verfahren, durch die die Lebenssituation des einzelnen unsicherer und anfälliger gemacht wird, wodurch er sein Handeln immer weniger voraussagen und planen kann) das eigentliche Zentrum der Herrschaftsstrategie. Die Interessen des Marktes und die der »Lebensplanung« widersprechen einander, und sobald sich Staat und Politik der Führung einer mit dem freien Spiel des Marktes identifizierten »Ökonomie« unterordnen, muß sich das Gleichgewicht zugunsten des Marktes verschieben. Das verheißt nichts Gutes für die "Ermächtigung" der Bürger, die die europäische Kommission als eines der Hauptziele des lebenslangen Lernens nennt. Es besteht allgemeiner Konsens darüber, daß diese "Ermächtigung" (der Begriff wird in den aktuellen Debatten synonym mit "Befähigung" verwendet) dann erreicht ist, wenn Menschen die Fähigkeit erwerben, die individuellen, politischen, ökonomischen und sozialen Einflüsse zu steuern oder zumindest erheblich zu beeinflussen, denen sie ansonsten wehrlos ausgeliefert wären. Wer in diesem Sinne "ermächtigt" wird, ist mit anderen Worten in der Lage, zwischen Alternativen zu wählen und die getroffenen Entscheidungen effektiv umzusetzen, was wiederum bedeutet, er ist fähig, das Spektrum der verfügbaren Alternativen und das soziale Umfeld zu beeinflussen, in dem er seine Entscheidungen trifft und umsetzt."
Diese schöne neue Welt hat auch eine Kehrseite: Die Nutzung der Möglichkeiten stellt hohe Anforderungen an die Menschen (202):
"Doch offen gesagt setzt wirkliche "Ermächtigung" nicht nur voraus, daß Menschen die Fähigkeit erwerben, die nötig sind, um an einem Spiel teilzunehmen, dessen Regeln die anderen bestimmen. Vielmehr geht es auch darum, die Menschen mit der Macht aus zu statten, den Einsatz und die Regeln des Spiel zu gestalten, also nicht nur individuelle, sondern soziale Fertigkeiten zu vermitteln."5
Bauman begegnet auch gleich einem erwartbaren Einwand (197):
"Man könnte einwenden, daß Menschen seit jeher gezwungen waren, Entscheidungen zu treffen und zwischen verschiedenen Optionen zu wählen. Doch nie zuvor wurde diese Notwendigkeit als derart dringlich und bedrängend empfunden, sie ist uns in einer Zeit, in der wir ständig Gefahr laufen, abgeschüttelt, zurückgelassen und für immer ausgeschlossen zu werden, sobald wir mit den neuen Anforderungen nicht mehr Schritt halten können, schmerzhafter bewußt als je zuvor."
Diese Vorgaben für die eigene Lebensführung können von den Menschen nicht distanziert rational betrachtet werden, wie dies eine Wissenschaft für sich in Anspruch nehmen kann, sondern sind – nicht nur für PsychologInnen sofort einsichtig – Nährgründe für Hoffnungen und Fantasien, die sich auf die versprochenen oder realen fantastischen Möglichkeiten der Postmoderne richten und gleichzeitig für das relativ hohe Niveau von Ängsten der Subjekte in den postmodernen Gesellschaften, dass sie Opfer von Prekarisierung werden. Gerade die prinzipielle Nicht-Beherrschbarkeit der Bedrohungen in Verbindung mit der Selbst-Verantwortung für ein "erfolgreiches" Leben setzt die Menschen unter einen ständigen Stress. Um sich die Bedeutung dieser Ängste klar zu machen, braucht man nur einen Blick auf Google mit 60.500.000 Nennungen zum Thema Angst und /oder die "Deutsche Angst-Zeitung" http://www.daz-zeitschrift.de/ zu werfen. Letzere zeigt auf ihrer Homepage nicht ohne Grund den Hinweis: "gefördert durch das Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung", denn Angst macht krank, besonders, wenn sie dauerhaft mehr oder weniger latent im Hintergrund wirkt und sich nicht nach Abwendung einer vorübergehenden bedrohlichen Situation auflösen kann. Durch Angst oder (andere Ursachen) ausgelöste Krankheit ist dann allerdings Aufgabe für Therapie.
Für eine professionelle Beratung bedeutet dies, dass besonderes Augenmerk auf die emotionale Seite der thematisierten praktischen Probleme gelegt werden muss, d.h. Beratung kann sich keinesfalls auf rationale / sachliche Informationsweitergabe beschränken (wie sie dennoch häufig genug missverstanden wird), sondern erfordert ein hohes Maß an psychologischer und sozialer Kompetenz. Es geht um Identitäten, um die Position des individuellen und korporierten Subjekts in der Gesellschaft (die häufig auf verschiedene Märkte einschl. Heirats- und ähnlicher Märkte reduziert wird) und damit um die Möglichkeiten der Existenzweise6 der Subjekte, wie auch um neue Formen von Gemeinschaft von Subjekten, was diese natürlich nicht emotionslos betrachten können.
Aber das hat nicht nur die individuelle Seite in Form einer "Subjektivierung als Kehrseite der Individualisierung" (Voß 2007), sondern auch eine sozialstrukturelle:
Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang die Kategorie "Reflexivität" in dem Sinne, wie U. Beck und andere mit Unterschieden im Detail von einer "reflexiven Modernisierung" sprechen (Beck, Giddens und Lash 1996). Später hat Beck noch einmal genauer umschrieben, was er damit meint, weil es wohl eine Reihe von Missverständnissen gab. Unter Reflexivität versteht er eine sozialstrukturelle Kategorie: "Ulrich Beck hat dagegen dafür plädiert, die Theorie der Zweiten Moderne nicht auf den Begriff der Reflexion, sondern auf den der Reflexivität zu gründen (vgl. Beck 1996b). Dabei geht er davon aus, daß Veränderungen der modernen Gesellschaft nicht in semantischen, sondern nur in sozialstrukturellen Kategorien adäquat beschrieben werden können, wofür in der Theorie der Zweiten Moderne paradigmatisch das Konzept der Nebenfolge einsteht. Die Kategorie der Reflexion zum Dreh- und Angelpunkt einer Theorie der Zweiten Moderne zu machen, legt demgegenüber eine Verkürzung des Problems auf Wissen und Bewußtsein nahe." (Beck und Holzer 2004, 166) Beides, Reflexion und Reflexivität bezeichnet er auch als "Formen der Selbstreferenz".
Beck meint also, dass sich die reflexive Moderne dadurch auszeichnet, dass es wesentliche Strukturelemente der Gesellschaft gibt, die sich auf die Gesellschaft selbst bzw. auf ihre Teilsysteme beziehen – klassisches Beispiel ist die Wissenschaftsforschung, also die Wissenschaft über die Wissenschaft. In diesem Sinne meint Reflexivität Strukturen, die sich selbst zum Gegenstand machen.
Für die Individuen kann Reflexivität subjektiv als Notwendigkeit von Reflexion konkret werden. Dies wird eindrücklich beschrieben z.B. im Phänomen des "Arbeitskraftunternehmers" n. Pongratz und Voß (2001): Der Arbeitnehmer muss mit seiner Arbeitskraft so umgehen, als sei er ein Unternehmer, der ein Produkt entwickelt, pflegt und vermarktet, wobei dieses Produkt die eigene Arbeitskraft ist, die allerdings im Unterschied zum Fall des klassischen Unternehmers diesem nicht äußerlich ist, d.h. er kann sie nicht verkaufen, ohne sich selbst gleich mit zu verkaufen. Aber er muss dennoch sein "Produkt" (seine Arbeitskraft und damit sich selbst) an den Anforderungen des Marktes ausrichten, indem er es ständig überprüft (entspricht es noch den Anforderungen des Marktes?), modernisiert (z.B. durch Weiterbildungen etc.), oder gar einen "Modellwechsel" realisiert und dabei auch – wie etwa die Initiative für eine familienfreundliche Personalpolitik - die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, d.h. auch die Entgrenzungsproblematik managt. Kurz und verallgemeinert: "Die Formung des Selbst oder der Persönlichkeit ist nur als andauernde, stets unvollendete Um-Formung vorstellbar." (Bauman 2007, 201). In Verbindung mit der Verbetrieblichung der Lebensführung – und wir können ergänzen: mit der Technisierung des alltäglichen Lebens, mit der Psychologisierung der Partnerschaftsbeziehungen, der Pädagogisierung der Kindererziehung und…. zieht dies einen großen Bedarf an Beratung nach sich, was wiederum erhöhte Anforderung an Beratungsleistungen verlangt, wie Voß (2007) auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Beratung überzeugend darlegen konnte:
"Leitgedanke: - Der Wandel erfordert "Coaching für jeden" - Beratung kann (und muss) diese Aufgabe übernehmen - Dafür ist jedoch eine Neudefinition von "Beratung" nötig"7
Diese Überlegungen sollen uns als Hintergrund für die folgende These dienen:
In der institutionalisierten Beratung realisieren sich beide Formen von Selbstreferenz: Beratung wird die zentrale gesellschaftliche Institution der reflexiven Moderne, indem sie den korporierten und individuellen Subjekten systematisch zur Reflexion verhilft. Der Beratung als hochprofessionalisierter Institution kommt somit eine Schlüsselrolle in der Zukunft der reflexiv modernen Gesellschaften zu.
Dabei hat Beratung zwei sich ergänzende generelle Zielrichtungen: Unterstützung bei der Überwindung von bereits stattgefundener oder drohender Abkoppelung von den gesellschaftlichen Ressourcen der Lebensgestaltung (nicht nur der wirtschaftlichen und beruflichen) – dies ist häufige Aufgabe der psychosozialen Beratung - und Unterstützung bei der Nutzung von Ressourcen zur Gestaltung von Arbeit und Leben durch Organisationsberatung, Coaching etc.. In jedem Falle ist Beratung als Arbeit an den verschiedenen Kapitalsorten (materielles, kulturelles, soziales, symbolisches Kapital) im Sinne von Bourdieu (was er in verschiedenen Veröffentlichungen ausführt, eine Übersicht findet sich bspw. bei Fuchs-Heinritz und König 2005, 157 ff) zu reflektieren.
Dabei können Beratungsprozesse durchaus genau gegenläufig agieren: Während beispielsweise auf der einen Seite Entscheidungsträger eine Beratung nutzen, die ihnen empfiehlt, eine erhebliche Anzahl von MitarbeiterInnen ihres Unternehmens "frei zu setzen" (betriebswirtschaftliche Unternehmensberatung i.S. von "consulting"), schafft dies auf der anderen Seite einen Beratungsbedarf zu der Problematik, wie mit dieser Freisetzung umgegangen werden kann (psychosoziale Beratung). Nicht zuletzt dadurch entstand eine Differenzierung von Beratungskulturen in moralisch "gute" bzw. "böse" Beratung - so sehen es die einen, und Verlierer- und Gewinner-Beratung – so sehen es die anderen. Interessanterweise ist das, was die Berater konkret tun, dagegen zumindest auf der eher technisch-methodischen Ebene häufig sehr ähnlich, taugt aber anscheinend doch für die Ausbildung verschiedener Subkulturen, die wenig miteinander zu tun haben wollen.
Auf einer anderen Analyseebene stellt die Institutionalisierung von Beratung gleichzeitig eine konkrete Umsetzung des vielfältig konstatierten Wandels zur symbolischen Gestaltung und Definition sowohl von Problemen (Schetsche 2000) als auch von "realen" Lebensbedingungen dar. Diese These von der Verlagerung der relativen Bedeutung von den materiellen Lebensgrundlagen hin zu den symbolischen wurde prominent von Baudrillard (1978 a, b) vertreten, der damit meint, dass in der Gesellschaft der Postmoderne die symbolische Konstruktion der gesellschaftlichen Lebensbedingungen im Unterschied zu früheren Gesellschaften wichtiger wird, dass sich also in den symbolischen Konstruktionen (klassisch: im "kulturellen Überbau") nicht bloß die materiellen Lebensbedingungen widerspiegeln, sondern dass die realen Lebensbedingungen zunehmend direkt durch symbolische Konstruktionen bestimmt werden, die sich gegenüber der materiellen Wirklichkeit in gewissen Grenzen verselbständigen können.8 Mit leicht anderer Perspektive betont auch Bourdieu die Bedeutung der symbolischen Formen für Herrschaft und Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe, besonders in seinem Begriff der "symbolischen Gewalt", den er für verschiedene Bereiche ausdifferenziert, z. B. für den Kunstbetrieb (Bourdieu et al. 1981), in der Sprache (2005 b), im Lebensstil (1982). Eine knappe Übersicht gibt Moebius (2006).
Damit müsste Beratung als Institution und ihre Professionalisierung eigentlich einen deutlich höheren Stellenwert in den Diskursen über die Postmoderne bzw. die reflexive Moderne erhalten, als dies derzeit der Fall ist, und zwar durchaus auch unter einer kritischen Perspektive (s. dazu unten).9 In welche Richtung sich diese Problemstellungen entwickeln, wird nicht zuletzt vom weiteren Professionalisierungsprozess der Beratung abhängen, und davon, inwieweit es gelingt, Beratung als Schaffung von Realität und Wissen kritisch zu begreifen und zu realisieren s.u. speziell dazu.
Auf diesem Hintergrund soll die Professionalisierung von Beratung anhand einiger Stichworte thesenartig thematisiert werden, die gemeinhin als Indizien für eine etablierte Profession gehandelt werden. Auf einige davon gehen die folgenden Beiträge von Rechtien und Weissman etwas vertiefter ein.
Verdoppelte Unübersichtlichkeit statt eines klaren Dienstleistungsangebots
Versucht man, den heutigen Stand der Professionalisierung von Beratung in Deutschland zu beschreiben, so ist wohl das bereits erwähnte Diktum von Jürgen Habermas am zutreffendsten: Die Unübersichtlichkeit bzw. Unüberschaubarkeit von Beratung ist schon seit vielen Jahren die zutreffende Vokabel (vgl. Schönig und Brunner 1990). Das ist natürlich insofern besonders fatal, als Beratung eigentlich an erster Stelle dazu dienen sollte, mit der Unübersichtlichkeit fertig zu werden und nicht, neue Unübersichtlichkeiten durch die Etablierung verschiedener Beratungsprofessionen hinzu zu fügen. Nicht zuletzt im Interesse der KlientInnen bzw. KundInnen wäre deshalb die Entwicklung einer Orientierungshilfe zur Überwindung der Übersichtlichkeit dringend notwendig.10
Insofern ist es ein nicht genug zu würdigendes Verdienst von Nestmann, Engel und Sickendiek (2004), mit ihrem zweibändigen "Das Handbuch der Beratung" diese Unübersichtlichkeit von Beratung eingefangen und auf diese Weise zur Klärung einen sehr wichtigen Schritt geleistet zu haben. Dieses Werk dokumentiert die Vielfältigkeit und den Facettenreichtum professionell betriebener Beratung. Dabei muss zusätzlich berücksichtigt werden, dass darin schwerpunktmäßig der große Bereich der psychosozialen Beratung erfasst wird, mit der Ausnahme eines kleinen Artikels zur betriebswirtschaftlichen Beratung i.S. von Consulting und eines zur Organisationsentwicklung. Beratung im Bereich Human Ressources / Personalentwicklung und betriebliche Sozialberatung wird nicht eigens thematisiert, obwohl es mittlerweile Bereiche mit riesigen Umsätzen und großer gesellschaftlicher Bedeutung sind. Auch sind eine Vielzahl fachlich orientierter Beratungsformen ("Bindestrich-Beratungen" wie z.B. Steuerberatung, Rechtsberatung, IT-Beratung etc. etc.) nicht aufgeführt – dies hätte das Projekt gänzlich ausufern lassen.
In einigen Bereichen ist die Professionalisierung von Beratung auf der Ebene spezifischer Gesetze bzw. Rechtsverordnungen vergleichsweise fortgeschritten, aber mit unterschiedlichen Vorgaben für die fachliche Seite oder für den Beratungsprozess selbst oder für die Vergütung von Beratungsleistungen11, z.B. in der Steuerberatung, in der Sozialberatung nach KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz), in der Schwangerschaftskonfliktberatung, in der Rechtsberatung etc., in anderen Bereichen ist gesetzlich wenig oder gar nichts spezifisch geregelt, z.B. in der Unternehmensberatung, in der Beratung zu Personalentwicklung / Human Resources; generell gibt es Regelungen überall dort, wo Beratung aus öffentlichen Mitteln finanziert wird oder wo es um öffentliche Mittel (z.B. Steuerberatung) oder sonstige Belange von öffentlichem Interesse geht (Rechtsberatung). Dies korreliert aber nicht unbedingt mit der wirtschaftlichen Bedeutung; so sind die Umsätze im Bereich der Unternehmensberatung einschl. Human Resources sicherlich nicht unbedeutend, auch nicht im Vergleich zur psychosozialen Beratung (s.o.).
Verbände und Beratung
Eine ganze Reihe von Aktivitäten und Regelungen für professionelles Beraten gibt es dagegen auf der Verbandsebene. Allerdings reduziert dies gegenwärtig nicht die Unübersichtlichkeit, sondern verstärkt sie eher noch. So zählt der Dachverband DGfB im März 2008 30 Mitgliedsorganisationen, sowie 3 assoziierte Mitglieder, und da ist neben dem Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU, dem selbst wiederum 13 Fachverbände angehören, eine ganze Reihe von potentiellen Mitgliedsverbänden (z.B. die Berufsberater an der Bundesagentur, der Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen bdp) nicht mit dabei. Die Professionalisierungsbemühungen dieser Verbände beschränken sich naheliegenderweise auf ihren Bereich. So formuliert zwar die Deutsche Gesellschaft für Supervision explizit formulierte Qualitäts- bzw. Ausbildungsstandards genau für die Supervision wie z.B. auch die GwG für psychosoziale Beratung, aber sie machen dabei gleich ein Problem deutlich:
Die Fachverbände, die mit Beratung zu tun haben, definieren sich nach völlig verschiedenen Ordnungsgesichtspunkten.
Da gibt es solche, die sich nach bestimmten Beratungskonzepten oder -Verfahren definieren, wie die Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie oder die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie, oder solche, die sich nach Arbeitsfeldern definieren (für Coaching, für Supervision, für Soziale Arbeit, für Jugend- und Eheberatung oder für Familienplanung, Management, Sexualpädagogik und Sexualberatung…) nach Weltanschauung (christlich, evangelisch, katholisch….), nach Art der Organisation (Hochschulen). Zum Teil haben die Verbände relativ elaborierte Professionalitätsvorstellungen, zum Teil überhaupt keine. Zum Teil haben sie eigene Aus- oder Weiterbildungseinrichtungen speziell für Beratung mit bemerkenswerten Umsätzen, andere wiederum sind selbst Aus- und Weiterbildungsstätten (Hochschulen), viele bieten keine eigene Aus- und Weiterbildung an, andere sind Berufsverbände…Die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten werden u.a. deutlich, wenn es um die Erstellung eines für alle Beratungen zutreffenden Katalogs von Beratungskompetenzen geht: Je nach konzeptueller Position werden solche Kompetenzen unterschiedlich definiert, im psychoanalytischen Konzept werden die Kompetenzen für Gesprächsführung anders zu operationalisieren sein als im systemischen oder im verhaltenstherapeutischen Konzept. Auf der ethischen Ebene lassen sich Unterschiede zwischen den verschiedenen kirchlichen und den eher weltlichen Verbänden ausmachen etc., auch im Hinblick auf die Ergebnisoffenheit von Beratung gibt es Unterschiede.
Nehmen wir dann noch hinzu, was im erwähnten Handbuch der Beratung an verschiedenen (akademischen) Fächern mit ihren jeweiligen Professionsinteressen beteiligt ist (Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Philosophie, Recht, Politologie, Theologie….) und noch weitere Handlungsfelder, die in der DGfB per Verband nicht vertreten sind (Berufsberatung, Weiterbildungsberatung, Berufslaufbahnberatung, Gesundheitsberatung….). dann zeigt sich, dass die bisherigen Bemühungen um die Professionalisierung von Beratung in verschiedenen Bereichen auf dem Hintergrund sehr verschiedener Interessen und unter unterschiedlichen Perspektiven vorangetrieben werden.
Aber es gibt auch durchaus Gemeinsamkeiten, da ist vor allem das Interesse an der Seriosität von Beratungsangeboten zu nennen, das sich nicht nur auf die Qualität von Beratung erstreckt, sondern auch auf die Orientierung an der Selbstverantwortung, der Autonomie und der Stärkung der Unabhängigkeit der KlientInnen durch Beratung, also gegen die Instrumentalisierung von Beratung für die Unterwerfung unter zweifelhafte Ideologien.
Die unterschiedlichen Interessen sind also zunächst eine Belastung, könnten sich aber auch als vorteilhaft im Sinne einer wünschenswerten Offenheit erweisen. Die durchaus nicht kompatiblen Interessen der beteiligten Institutionen erschweren es jedenfalls derzeit, sich auf Standards der Ausbildung, der Beratungsqualität etc. fest zu legen oder auch eine Einigung darüber, was die unverzichtbaren Beratungskompetenzen sind bzw. wie diese zu formulieren sind: die verschiedenen Beratungskonzepte (humanistisch, verhaltenstheoretisch, systemtheoretisch, psychoanalytisch etc.) haben aufgrund ihres teilweise sehr unterschiedlichen, z.T. auch nicht mehr aktuellen wissenschaftlichen und anthropologischen Hintergrunds (vgl. dazu den Beitrag von Weissman in diesem Heft) mit unterschiedlichem Menschenbild verschiedene Terminologien ausgebildet, mit der Konsequenz, dass den Kern des Beratungsverständnisses betreffende Begriffe sich nicht einfach in die je andere Terminologie übersetzen lassen. In der Konsequenz stellen sich die Kernkompetenzen von Beratung aus Sicht der verschiedenen Interessen ebenfalls unterschiedlich dar. Eine gemeinsame begriffliche Basis als Voraussetzung für entsprechende Verständigungsprozesse ist derzeit nicht in Sicht.
Grundsätzlich kollidiert das Interesse an Standards für die Durchführung von und die Ausbildung für Beratung, um nicht zuletzt auch für Kunden bzw. KlientInnen eine Orientierung zu erhalten, mit der durchaus begründeten Befürchtung, dass eine Festlegung auf Standards einen der Sache nach in Entwicklung befindlichen Prozess verfrüht zementieren könnte und auch genutzt werden könnte, um eigene Verbands-Interessen z.B. an der Ausbildung gegen womöglich aufkommende Konkurrenz abzuschotten. Hier stimmen vielfach die Erfahrungen mit dem Psychotherapeutengesetz sehr nachdenklich. Die Formulierung von Standards kann bestenfalls nur einen je aktuellen Stand der Diskussion abbilden, der in der Regel weniger von der Kraft des besseren Arguments als von Machtkonstellationen geprägt wird.
Berufsbild als BeraterIn?
Ein einigermaßen klares Berufsbild für den Berater / die Beraterin lässt sich derzeit nicht ausmachen: Allein schon die Unterscheidung zwischen consulting und counseling offenbart, dass unter der Bezeichnung Beratung sehr verschiedene berufliche Tätigkeiten zusammengefasst werden. Zählt man noch die unzähligen Bindestrich- Beratungen (also z.B. Steuer-, Energie- Anlage- Drogen-, Schuldner-, Typ-, Karriere-, Berufs-,….. Beratungen) hinzu, wird es vollends bunt und uneinheitlich. Verständlicherweise ist deshalb zu beobachten, dass auch Personen /Institutionen, die sich professionell mit Berufsbildern befassen, mit beraterischen Berufen ihre Schwierigkeiten haben. So finden sich auf berufskunde.com z.B. die folgenden Berufsbilder mit "berater/in" in der Bezeichnung: IT- Consultant (IT-Berater/in), Berufsberater/in, Einrichtungsfachberater/in, Energieberater/in, Farb- und Stilberater/in, Flugdienstberater/in, Personalberater/in, Steuerberater/in, und man fragt sich, warum gerade die und nicht andere?
So ist generell fraglich, ob es jemals ein Berufsbild des Beraters geben wird. Dennoch haben alle diese Tätigkeiten etwas gemeinsam – zumindest erscheint es uns spontan nicht abwegig, all dies unter dem Wort Beratung zusammen zu fassen. Und weiter können wir feststellen: was wir Beratung nennen, ist im Grunde mehr oder weniger Bestandteil jeder Dienstleistung – es ist zumindest schwierig, Dienstleistungen zu finden, die ohne Beratung auskommen.
Ist also Beratung nur eine Methode, die zu verschiedenen Zwecken eingesetzt werden kann und als solche Bestandteil verschiedenster Berufsbilder und Professionen ist?
Dazu ist anzumerken, dass sich die Bedeutung der klassischen Berufsbilder generell abschwächt. In der Regel haben sie nur noch eine definierte Bedeutung bei der Wahl einer Ausbildung. Was dann in der individuellen beruflichen Entwicklung weiter geschieht (selbstgesteuert durch den "Arbeitskraftunternehmer" und den gesellschaftlichen Risiken unterworfen s.o.), ist – ausgenommen von Bereichen, die gesetzlich reglementiert sind – mehr eine Frage des persönlichen Profils und das wird sich in der Zukunft wohl noch verstärken. So wird beispielsweise für viele berufliche Karrieren das akademische Studium tendenziell vor allem zu einer Einstiegsqualifikation, die schon nach wenigen Jahren durch berufliche Erfahrungen und Weiterbildungen so weit überlagert werden kann, dass sich für dieselbe Position Menschen mit sehr verschiedenem Studium erfolgreich bewerben können. Gerade in beraterischen Berufen scheint dieser Trend besonders ausgeprägt zu sein. Und das ist nur zum Teil dadurch erklärbar, dass für beraterische Tätigkeiten neben der Beratungskompetenz häufig noch eine fachliche Kompetenz auf sehr unterschiedlichem Niveau notwendig wird, so dass jemand, der sich mit beraterischer Grundkompetenz (Psychologie, Sozial- Pädagogik) zusätzlich eine fachliche Kompetenz aneignet (z.B. Informationstechnologien) mit jemandem konkurriert, der sich zusätzlich zu seiner fachlichen Grundkompetenz (Elektrotechnik / Informatik) per Weiterbildung beraterische Kompetenzen angeeignet hat. Mitunter finden sich auch ganz andere Karrieren, so dass wir auch Menschen mit einer beruflichen Position finden können, die mit ihrem ursprünglichen Studium gar nichts zu tun hat – gerade im Personalbereich kann man solche Karrieren häufig finden.12
Besonders zu bedenken ist dabei allerdings, dass Beratung sich nicht bloß auf die rein technische Beherrschung von Methoden beschränken kann, sondern den ganzen Menschen als BeraterIn in Anspruch nimmt. Und dieser Umstand wiederum könnte die Basis für eine gemeinsame professionelle Identität abgeben. Sie würde im Wesentlichen auf die reflexiven Formen von Beratung abstellen. Aber wo ist da eine Grenze zu ziehen? In mehr oder weniger intensiver Form muss auch in primär sachbezogenen Beratungen der transitiven Formen eine Selbstklärung zumindest angesprochen werden, denn wie soll ich jemanden gut sachlich beraten, z.B. in der Vermögensberatung, wenn ich nicht weiß, was er will, was sein Lebensentwurf ist?
Beratung und akademische Disziplinen
Wie im Handbuch der Beratung ebenfalls deutlich wird, kann man auch keine eindeutige und ausschließliche Zuordnung einer akademischen Disziplin zur Beratung erkennen. Zwar sind die meisten Beiträge von PsychologInnen geschrieben, aber schon bald folgen die PädagogInnen und Vertreter anderer sozial- oder kulturwissenschaftlichen Disziplinen. Das entspricht der allenthalben geäußerten Forderung, dass Beratung nur inter- oder multidisziplinär konzipiert werden kann, dass also die Reduzierung auf ein akademisches Fach mit einer so drastischen Verkürzung verbunden wäre, dass die Qualität von Beratung erheblichen Schaden nehmen würde. Das gilt auch für eine Wissenschaft von Beratung bzw. eine Forschung über Beratung: Wenn eine wesentliche Legitimierung von Beratung darin besteht, dass sie den Menschen helfen soll, die Unübersichtlichkeit zu überwinden und zu einer sinnvollen Gestaltung ihres Lebens im beruflichen und im privaten Kontext zu verhelfen, muss Beratung eine übergeordnete Perspektive eröffnen, die den KlientInnen den Zugang zu ganz verschiedenen Ressourcen eröffnet, und das kann nur darauf hinauslaufen, dass eine Wissenschaft von Beratung eine Wissenschaft sein muss, die den KlientInnen die Ressourcen und wissenschaftlichen Ergebnisse der verschiedensten akademischen Fächer und Disziplinen zugänglich macht. Das kann allerdings nicht heißen, dass eine solche Wissenschaft in irgendeiner Weise den anderen übergeordnet sein soll. Eine solche Vorstellung kann letztlich nicht zielführend sein, vielmehr muss wohl an eine geeignete Form von Vernetzung gedacht werden. Das impliziert freilich eine ungeheure Aufgabe, gelingt es doch in der Regel kaum noch, den Wissensbestand innerhalb einer Disziplin angesichts der vielfachen Spezialisierungen zu überschauen und für eine Verwendung des fachlichen Wissens im praktischen Handlungskontext nutzbar zu machen. Für die Beratung müsste dieses Wissen zudem sowohl auf der Ebene des Beraterhandelns als auch auf der Ebene des KlientInnenhandelns bereitgestellt werden. Wie soll das über mehrere Disziplinen hinweg möglich sein? Zudem müsste dafür eine neue Form von interdisziplinärer, fachübergreifender Zusammenarbeit gefunden und institutionalisiert und organisiert werden - eine angesichts der verbreiteten Revierkämpfe innerhalb der und zwischen den Disziplinen ebenfalls nicht leicht zu bewältigende Aufgabe, auch wenn sich Anzeichen für eine Überwindung der traditionellen Fachgrenzen abzeichnen. Anlass zu Hoffnung geben Entwicklungen, wie sie sich beispielsweise in interdisziplinär aufgestellten Publikationsorganen wie dem "Forum qualitative Sozialforschung" oder im "Journal für Psychologie" niederschlagen: hier zeigen sich solche Abgrenzungen immer weniger. Sie markieren zwar nicht den Mainstream in den Fächern, werden aber immer stärker.
Das Thema "Wissen" könnte für die Institutionalisierung und Professionalisierung von Beratung von so großer Bedeutung werden, dass wir ihm einen ganz eigenen Stellenwert zuordnen, zumal es auch noch andere Dimensionen aufweist, wie sich zeigen wird.
Beratung, Wissen und Wissenschaft
Gemeinhin gilt es als eines von mehreren Anzeichen für eine Professionalisierung einer Tätigkeit, wenn sich eine spezielle Wissenschaft dazu etabliert. Doch fragt es sich im Falle von Beratung, ob die Idee einer Beratungswissenschaft im klassischen Sinne als eine Wissenschaft über Beratung zielführend sein kann. Einige Problematiken klassischen Wissenschaftsverständnisses zum Thema Beratung fasst Mcleod (2004, 419 - 440) zusammen. Neben methodologischen Schwierigkeiten betont er zu Recht auch die auftretenden ethischen Dilemmata und das Problem der Reaktivität (durch Forschung wird unvermeidlich in Beratungen eingegriffen) und die unvereinbaren fachlichen Subkulturen der Praxis und der Wissenschaft.13
Darüber hinaus ist grundsätzlich in Frage zu stellen, ob die klassische Vorstellung, dass irgendwo (in den Institutionen der Wissenschaft) Wissen geschaffen wird, das dann anderswo, nämlich in den Kontexten praktischer Anwendung, "angewandt" wird, gerade im Beratungszusammenhang noch haltbar ist. Im Bereich der Psychologie fällt z.B. auf, dass in einer Übersicht zur "Psychologie in der Praxis" (Straub, Kochinka und Werbik 2000) zum Stichwort Beratung nur sehr wenig ausgeführt wird, und dann auch bevorzugt im Sinne der Weitergabe von psychologischem Wissen (transitive Beratung 1); diese Engführung ist sicherlich der klassischen Trennung von Institutionen zur Schaffung von Wissen von den Institutionen der Anwendung geschuldet.
Deshalb sollten wir uns den Zusammenhang zwischen Wissen und Beratung einmal genauer ansehen:
Zunächst ist zu klären, um welche Art von Wissen es in Beratung geht /gehen kann. Hier können wir unterscheiden: - Fachliches oder Sachwissen zu einem inhaltlich umschriebenen Themenbereich wie z.B. Steuergesetze, Informationstechnologie, Recht, Drogen und Abhängigkeit, den Einfluss von Belohnung und Bestrafung auf die Motivation etc. aus dem Wissenschaftssystem.
- Praktisches Handlungswissen, unterschieden nach Beratungshandlung (wie führe ich als BeraterIn am besten eine Beratung durch?) und Klientenhandlung (wie handelt der Klient am besten in der Situation xy?). Dieses Wissen schließt die Umsetzung von fachlichem Wissen (= Kompetenz nach Erpenbeck und Heyse 2007) ein, reduziert sich aber bei weitem nicht darauf.
- Epidemiologisches Wissen: mit welchen Problemen schlagen sich die (welche?) KlientInnen herum, wie reagieren sie und wie kann ihnen geholfen werden?
1.
Wenn wir Beratung auf das klassische Verständnis von jdn beraten i.S. jdm einen Rat geben (transitiv 1) reduzieren, stellt sich der Zusammenhang zwischen Beratung und Wissen relativ einfach dar: Es geht einfach um die Weitergabe möglichst erprobten Wissens, über das der Berater verfügt, der Klient aber nicht. Woher der Berater dieses Wissen bezieht, ist allerdings schon eine offene Frage. Idealtypisch bezieht er es aus dem Wissenschaftssystem und setzt es dann in der praktischen Anwendung mit / für den Klienten um - der Berater als Vermittler von Wissensanwendung oder selbst als Wissensanwender. Aber schon, wenn der Berater an einem Prozess des etwas miteinander Beratens (transitive Beratung 2) teilnimmt, sei es als Beteiligter, sei es als Moderator, nimmt er Teil an einem Prozess der Wissensgenerierung, also an der Schaffung von Wissen.
2.
In Beratungen werden ständig neue Wissensbestände von der Art: "Wie mache ich am besten xy?" geschaffen, also praktisches Handlungswissen, das in anderen Zusammenhängen ("Wissensmanagement") als "best-practice" oder wieder woanders als Praxeologie bezeichnet wird. Genauer betrachtet ist dieses Wissen logisch zweistufig: Zunächst wird erarbeitet, was möglich ist und in einem zweiten Schritt dann, wie das, was für ein(e) KlientIn möglich ist, und was er /sie will, praktisch realisiert werden kann. Dasselbe wiederholt sich auf der Ebene des Beraterhandelns: Was ist der(m) BeraterIn in einer definierten Beratungssituation möglich und wie kann sie/er, was ihr/ihm möglich ist und zielführend erscheint, mit und für den Klienten realisieren (best-practice von Beraterhandlungen).
Im Unterschied zur transitiven Beratung 2 (etwas miteinander beraten), wo es um Sachthemen geht, die außerhalb der beteiligten Personen liegen, werden in Beratung 3 (reflexive Beratung 1 - sich miteinander beraten) Regeln des miteinander-Umgehens erarbeitet und als gültig bestimmt – das entspricht dem Grundgedanken des Diskurs nach Habermas, der einen Geltungsanspruch von Normen und Regeln begründet. Weil die Beteiligten hierbei als Subjekte involviert sind, kann nicht von einem Beratungsgegenstand gesprochen werden, der außerhalb ihrer selbst liegt – letztlich geht es hierbei auch immer um die je eigene Position / Rolle im sozialen Kontext. Was die Wissensebene betrifft, handelt es sich um Wissen auf zwei Ebenen: a) wie komme ich in Beratungen zu gültigen Verabredungen zwischen Partnern bezüglich ihrer Handlungen (Methodenwissen) und b) welche Regeln im Miteinander-Umgehen sind möglich und wie können sie von den beteiligten Partnern realisiert werden (soziales, kulturelles Wissen). Es handelt sich also in beiden Fällen zunächst um lokal gültiges Wissen (weil diese Regeln nur für die Beteiligten in ihrem speziellen Kontext gelten), das aber als Möglichkeit durchaus auch für andere Konstellationen Sinn machen könnte – es geht also um die klassisch als "Übertragbarkeit" von einer sozialen Konstellation auf eine andere bezeichnete Problematik.
Dieselbe Frage stellt sich im Zusammenhang von Beratungsform 4 (reflexiver Beratung 2) der Selbstklärung: Hier wird in Beratungen Wissen des Klientensubjekts über sich selbst generiert, reflexives Wissen also. Auch das ist Wissen von zunächst lokaler Geltung, d.h. es gilt nur für eben dieses (Klienten-) Subjekt. Solches Wissen könnte aber auch in gewissen Grenzen anderen weiterhelfen, weil die Subjektkonstruktionen in einer Gesellschaft / Kultur grundsätzliche Gemeinsamkeiten aufweisen. Das ist deshalb besonders interessant, weil hierbei die Reflexion verinnerlichter Machtstrukturen ansteht – um in der Terminologie von Foucault zu bleiben (s.o.). In Beratungen gehen wir in der Regel auch noch darüber hinaus und thematisieren mögliche Umgangsweisen mit entsprechenden Erkenntnissen des Subjekts über sich selbst bzw. darüber, wie wir als Subjekte der reflexiven Moderne konstruiert werden bzw. uns selbst konstruieren und welche praktischen Schlussfolgerungen wir daraus ziehen (können). Das gilt grundsätzlich sowohl für individuelle wie für korporierte Subjekte.14
3.
Bisher verbleibt in der Regel das in Beratungen generierte Wissen bei den BeraterInnen und ihren KlientInnen. Eine gewisse Verbreitung kann es erfahren, wenn es BeraterInnen in ihren zukünftigen Beratungen verwenden, es stellt dann einen Kompetenzgewinn für sie dar; auch über Supervisionen kann ein Transfer vonstatten gehen, der Supervisor sorgt dann für die Verbreitung. In diesen Zusammenhang der Weitergabe von Wissen ist auch die Aus- und Weiterbildung zu stellen, soweit erfahrene BeraterInnen als TrainerInnen tätig werden und die Weiterbildung als Austausch auch der TeilnehmerInnen untereinander realisieren. Eine andere Möglichkeit besteht, wenn BeraterInnen sich mehr oder weniger zufällig entschließen, ihre Erfahrungen aufzuarbeiten und z.B. in Form eines Buches zu veröffentlichen.
Die Art der Wissensaufbereitung wird in allen diesen Formen der Wissensverbreitung in aller Regel nicht besonders reflektiert, insbesondere, was die Qualität und den Geltungsbereich des Wissens anbelangt. Ob und inwiefern dieses Wissen also den gängigen - oder begründeten anderen - Kriterien wissenschaftlichen Wissens entspricht und welchen Geltungsanspruch es erheben kann, bleibt offen. Vielfach begnügt man sich mit der Empfehlung "das lief gut, probier doch auch einmal". Wissenschaftslogisch haben wir es hier mit der Induktion oder der Abduktion (Peirce 1983, Reichertz 2003) zu tun, es gäbe also durchaus geeignete wissenschaftstheoretische Ansatzpunkte für eine systematische wissenschaftliche Erschließung dieses Wissens. Methodologisch kommen vor allem die Ansätze der qualitativen Forschung infrage, weil wir in Beratungen auf den Einzelfall abstellen müssen - der statistische Durchschnitt hilft bekanntlich im Einzelfall wenig. Vereinzelt gibt es bereits Ideen und Bemühungen, diesen Wissensschatz zugänglich zu machen. Zu nennen sind hier - Konzepte zur Nutzung von Supervision für die sozialwissenschaftliche Wissensgewinnung (Billmann-Mahecha in Kaiser /Seel 1981, Giesecke und Rappe- Giesecke 1997, 1998). Wir können diese auch als Qualitätssicherungs- und Weiterbildungskonzepte betrachten, die zugunsten der Forschung elaboriert wurden.
- Qualitative Forschung im Beratungskontext (z.B. Riemann 2002): hier handelt es sich um Forschung, die direkt der Aus- und Weiterbildung zugute kommt. Überhaupt stellt die qualitative Sozialforschung eine ganze Reihe geeigneter Verfahren bereit, die in einer zu institutionalisierenden Form von Beratungswerkstätten systematisch Wissen schaffen können (ein in einem solchen Kontext gut nutzbares "Arbeitsbuch" wird von Przyborski und Wohlrab-Sahr (2008) angeboten). Wenn wir Beratung als eine Produktion von Texten auffassen, eröffnet sich ein ganzes Feld an Möglichkeiten qualitativer Sozialforschung für eine wissenschaftliche Aufarbeitung auf der Grundlage verschiedenster Ansätze – von der objektiven Hermeneutik über die dokumentarische Methode bis zur Grounded Theory.
- Bild-und Videointerpretation: In professionellen praktischen Beratungen wird bekanntlich nicht nur mit dem Medium Sprache gearbeitet. Wenn wir zwei-und dreidimensionale bildliche Darstellungen (z.B. Fotos, Aufstellungen), auch in zeitlicher Ausdehnung (Videos, Theaterszenen) einer systematischen wissenschaftlichen Interpretation unterziehen wie von Bohnsack (2009) entwickelt, eröffnet sich eine weitere hochinteressante Perspektive, die nicht nur für die Grundlagenforschung, sondern auch für die Verbesserung der Praxis unmittelbar genutzt werden kann.
Auch die schon in die Jahre gekommenen Ansätze der Aktionsforschung könnten eine Neubelebung erfahren, weil sie bereits einige erfolgreiche Konzepte zur Verbindung von Forschung und Anwendung in demselben Kontext entwickelt haben.
Eine sehr interessante Perspektive eröffnet sich derzeit unter dem Stichwort "performative Sozialforschung" (vgl. dazu das Themenhaft des "Forum qualitative Sozialforschung (FQS) 9(2) sowie Winter und Niederer 2008). In der Praxis erfahrener BeraterInnen werden schon lange ästhetische Medien sowohl zur Erkenntnisgewinnung wie auch zur Weitergabe von Erkenntnissen genutzt, wie sich in einem Workshop einer Arbeitsgruppe der Neuen Gesellschaft für Psychologie an der Fachhochschule Vorarlberg im Jahr 2003 eindrucksvoll zeigte (vgl. dazu beispielhaft den Beitrag von Battisti und Eiselen (2008) im genannten Heft des FQS); eine differenziertere vertiefte Auseinandersetzung mit Ästhetik steht allerdings noch aus. An Fragestellungen besteht wahrlich kein Mangel, auch an sehr grundsätzlichen, wie sich am Beitrag von Weissman (in diesem Heft) zeigt.
Grundsätzlich wurde das Thema einer Wissensgenerierung aus der Praxis bereits in der Wissen(schaft)s- Soziologie thematisiert. Gibbons et al. (1994), Nowotny et al. (2001), unterscheiden Modus 1 der Wissensgewinnung vom Modus 2 (im Sammelband von Franz et al. 2003 werden diese Konzepte differenziert diskutiert): Die Unterschiede sind in der folgenden Übersicht zusammengestellt:
Tabelle 1: Der neue Modus der Wissensproduktion (Aus: Moldaschl und Holtgrewe (2003, 220) in Anlehnung an Maranta und Pohl (2001,103))
|
Modus 1 |
Modus 2 |
|
The new Production
of Knowledge, Gibbons et al. 1994 |
-
Problemdefinition und -lösung im akademischen
Kontext
-
disziplinär, teils interdisziplinär
-
homogene Wissensbasis (primär aus wissenschaftlichen
Institutionen)
-
Bewertung wissenschaftlicher Ergebnisse anhand
systemeigener Kriterien
|
- Wissensproduktion im Anwendungskontext
- transdisziplinär
- heterogene Wissensbasis aus unterschiedlichen Institutionen
- heterarchisch, in stets wechselnden Akteurskonstellationen
- Bewertung des Wissens durch Anwender bzw. durch Bewährung
in der Praxis, nach reflexiven, zu legitimierenden Kriterien
|
|
Re-Thinking
Science, Nowotny et al., 2001
|
- Gesellschaft und Wissenschaft als separate Entitäten
- universell und kontextfrei
- Bewertung durch peers
- reliables Wissen
- Experten als Wissensträger
|
- Koevolution von "mode 2-science" und "mode 2-society"
- kontextualisierte Gültigkeit des Wissens
- Bewertung durch den Markt ("agora")
- sozial "robustes" Wissen
- kollektive ("transgressive") Expertise
|
Wissensproduktion im Anwendungskontext ist also genau das, was faktisch in Beratungen bereits tausendfach passiert, sie wird aber nicht systematisch genutzt und nur vereinzelt in einen direkten Zusammenhang mit Ausbildung gebracht (eine Ausnahme wird bspw. von Riemann (z.B. 2002, 2003) praktiziert), d.h. ein ungeheures Potential liegt hier brach. In einer professionalisierten und institutionalisierten Beratung ließe sich eine komplexe, aber direkte Vernetzung von Wissenschaft in verschiedenen Formen mit (Aus-)bildung und der Qualitätssicherung praktischer Anwendung realisieren. Dazu müssen keineswegs völlig neue Ansätze entwickelt werden, vielmehr gibt es aus benachbarten Bereichen bereits Konzepte und erprobte Praktiken, die herangezogen werden können - man denke nur an die Konzepte und Erfahrungen aus dem Wissensmanagement, einem für die Zukunft von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen wohl zentralen Bereich, in dem es derzeit nur so gärt und brodelt, wie im Anschluss an die Arbeiten von Nonaka und Takeuchi (1995) der entspr. Artikel in Wikipedia und die Diskussionen / Verlinkungen dazu deutlich machen ( http://de.wikipedia.org/wiki/Wissensmanagement). Solche Aussichten werden keinesfalls bloß unkritisch euphorisch, sondern zunehmend auch kritisch diskutiert, insbesondere, was die Reduzierung von Wissensmanagement auf bloße Kommunikationstechnologien anbelangt.
Für die Beratung ist das SECI-Modell von Nonaka und Takeuchi von Interesse, das wesentlich auf der Unterscheidung zwischen implizitem und explizitem (Handlungs-) Wissen nach M. Polanyi (1966) beruht. In Prozessen der Wissensgenerierung und -verbreitung finden verschiedene Formen der Wissensumwandlung statt, nämlich:
- Vom impliziten zum impliziten Wissen – die Sozialisation
- Vom impliziten zum expliziten Wissen – die Externalisierung
- Vom expliziten zum expliziten Wissen – die Kombination
- Vom expliziten zum impliziten Wissen – die Internalisierung
Beratungen nutzen sämtliche Prozesse im Interesse des Klienten, vielleicht mit besonderem intendierten Schwerpunkt auf der Externalisierung als Umwandlung vom impliziten zum expliziten Wissen bzw. als Explizitmachen eines impliziten Kontextes, wodurch neues verfügbares Wissen geschaffen wird. Aber auch die Kombination spielt eine wichtige Rolle, wird doch in Beratungen häufig explizites Wissen miteinander in Beziehung gesetzt: Es darf aber auch nicht vernachlässigt werden, auch der Sozialisation, speziell unter kritischer Perspektive als nicht bewusst werdende Verinnerlichung von Machtstrukturen, die gewissermaßen hinter dem Rücken auch des Beraters stattfinden können, vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei wird – wie oben bereits erwähnt - eine Einbeziehung von Supervision / Coaching in die systematische kritische Wissensgenerierung eine bedeutende Rolle spielen. Dies gelingt allerdings nur, wenn deren Selbstverständnis weiter entwickelt wird, wenn Supervision und Coaching nicht nur als Dienstleistung zur individuellen Unterstützung in schwierigen praktischen Problemlagen verstanden werden, sondern auch als Formen kritischer Wissensgenerierung.
Alle diese Prozesse systematisch nach wissenschaftlichen Standards zu strukturieren und zu thematisieren, wäre eine Zukunftsaufgabe der Forschung im Zusammenhang praktischer Beratung nach Modus 2.15 Die Organisation von Wissensgenerierung und –verbreitung sollte sich von der Bindung an klassische Organisationsformen (z.B. Unternehmen) lösen und Netzwerke nutzen (vgl. Ciesinger et al. 2005, Howaldt 2005, 2007 oder im Zusammenhang der "Kompetenzentwicklung" Sydow et.al 2003).
Daneben ist natürlich die im klassischen Sinne zu verstehende Forschung über Beratung durch die Wissenschaft nicht zu vernachlässigen, sondern zu integrieren. Sie hätte den zusätzlichen Auftrag, sowohl die Prozesse der Wissensgewinnung im Beratungskontext, als auch die inhaltlichen Ergebnisse bspw. auf der Ebene der Beratungsthemen bzw. – Gegenstände auf zu arbeiten, kritisch zu reflektieren (s.o.) und in öffentliche Diskurse einzubringen.
Alles zusammen erfordert eine institutionelle und organisatorische Infrastruktur, die unter der gesellschaftskritischen Perspektive von kommerziellen Verwertungsinteressen möglichst frei sein sollte. Für die Moderatorenfunktion geeigneter Netzwerke bieten sich die Hochschulen an, die einen neuen Auftrag erhalten, der allerdings auch als Neubelebung des Humboldtschen Ideals der Verknüpfung von Ausbildung und Wissenschaft/Forschung verstanden werden kann, zu der nun noch die Praxis hinzu käme. Das wäre allerdings nicht die erste Einrichtung von Hochschulen, die in Verbindung mit Praxis Forschung und Lehre betreibt, man denke nur an die Universitätskliniken. Wir wären jedoch nicht gut beraten, wenn wir uns an diesen Organisationsformen als Vorgabe orientieren würden; besser geeignet wäre eine Orientierung an psychologische Ambulatorien, die sich aber nach dem Muster von Netzwerken organisieren sollten und mehr Gewicht auf die Begleitung praktisch tätiger BeraterInnen legen sollten.
Die zu bewältigenden Schwierigkeiten sind möglicherweise weniger auf der Ebene der Sachlogik der Gewinnung von geprüftem und belastbarem Wissen zu erwarten als auf der Ebene der verschiedenen Kulturen der Wissenschaft und der Praxis, wobei nicht kompatible Ansprüche, Interessen und Statusfragen eine relative größere Rolle spielen können, auch wenn sie sich hinter Sachargumentationen verbergen. Im Verhältnis zwischen Universitäten und Unternehmen wurde dies bereits erkannt (Klatt 2005, Kuszpa 2005, Fatzer und Schoefer 2005). Allerdings handelte es sich in den meisten Fällen nicht um eine Kooperation von Hochschulen mit praktisch arbeitenden Beratern, sondern die Hochschule als Vertreterin von Wissenschaft wurde direkt selbst beraterisch tätig. Im Bereich psychosozialer Beratung und eher psychologischer Organisationsberatung wurde ein solches Netzwerk von Beratern mit einer Hochschule m. W. noch nicht erprobt.
Die bereits stattgefundene Ausdehnung des Auftrags der Hochschulen in die Weiterbildung kommt dem grundsätzlich entgegen. Der Professionalisierung von Beratung würde dies sicherlich einen beachtlichen Schub verleihen.
These: Die Qualität der Professionalisierung von Beratung wird sich wesentlich danach entscheiden, wie der Umgang mit Wissen (Wissensgenerierung und Wissensverbreitung) und zwar speziell mit (praktischem) Handlungswissen institutionalisiert und organisiert wird.
Zu tun gibt es dabei noch genug, insbesondere, die Integration von Beratung /Supervision mit qualitativer empirischer Sozialforschung zu organisieren. Das Problem dabei wird weniger die geringe Anzahl von Möglichkeiten sein, als vielmehr die Menge der infrage kommenden Ansätze und wie verschiedene qualitative Forschungskonzepte mit quantitativen sinnvoll verbunden werden können.
Beratung und Ethik
Wenn sich die Bedeutung von Beratung tatsächlich in der skizzierten Richtung weiter entwickelt, ist sie mit einer ungeheuren gesellschaftlichen Verantwortung einerseits und einer speziellen Verantwortung für ihre einzelnen KlientInnen auf der anderen Seite verbunden. Die unter dieser kritischen Perspektive zu diskutierenden Fragen wären u.a., auf welche Weise und inwieweit eine institutionalisierte, hochprofessionelle Beratung auf sublime Weise zur nicht reflektierten "Verinnerlichung von Machtstrukturen" (Foucault 1968a, 1968b) bis zu ihrer "Inkorporation" (Bourdieu 1980) beiträgt – z.B. als Agentur für Individualisierungs- bzw. Subjektivierungsprozesse -, und wie umgekehrt erreicht werden kann, dass sie sich auch als Instanz einer kritischen Reflexion etabliert. Immerhin könnte Beratung grundsätzlich bevorzugt denen zu Gute kommen, die dafür (gut) bezahlen können, sie würde auf diese Weise soziale Unterschiede verstärken und verschärfen. Sie könnte sich auch zum Vollzugsagenten der Unterwerfung unter Ideologien entwickeln, was z.B. Scientology schon erkannt und für sich ausgenutzt hat, wovon auch die Kirchen im Zusammenhang der Schwangerschaftskonfliktberatung nicht ganz frei sind, zu schweigen von diversen wirtschaftlichen Interessen und staatlichen Überwachungs-und Kontrollphantasien. Ein institutionalisierter ethischer Diskurs wird umso dringlicher, wenn durch wissenschaftlichen Kriterien genügende Wissensgenerierung die Effektivität von Beratung deutlich gesteigert wird. Vielfältige Begehrlichkeiten sind also denkbar. Dem Schutz des (ergebnis-)offenen Diskurses und der Sicherung der Persönlichkeitsrechte muss deshalb höchste Priorität eingeräumt werden. Die Bewältigung dieser Themen können die BeraterInnen nicht individuell schultern, sondern Beratung muss so institutionalisiert werden, dass die BeraterInnen dieser Verantwortung in einem intensiven Diskurs gerecht werden können. Auf der anderen Seite könnte eine institutionalisierte Beratung als gesellschaftliches Frühwarnsystem fungieren, das sensibel sich entwickelnde Problemlagen erkennt, so dass bspw. politisch gegengesteuert werden kann.
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Endnoten
1 Insofern müsste Beratung im Mittelpunkt des Programms des sozialen Konstruktionismus (z.B. Gergen 2002) und ähnlicher eher wissenschaftstheoretisch formulierter Konzepte stehen. Zur Diskussion möglicher Forschungsprogramme vgl. Mattes und Musfeld (2005), eine kritische Übersicht findet sich bei Zielke (2007).
2 Dieser Beratungsbegriff ist Grundlage des weiterbildenden Masterstudiengangs „Beratung in verschiedenen professionellen Handlungsfeldern“ http://www.fh-nuernberg.de/index.php?id=3848
3 An dieser Stelle erscheint es müßig, zu fragen, was jeweils zuerst war und damit Ursache, und was Wirkung ist.
4 die einhergeht mit der Veränderung des klassischen Arbeitnehmers zum „Arbeitskraftunternehmer“ s. dazu unten.
5 Mit einer ähnlichen Stoßrichtung hat Bourdieu die Ressourcen der Subjekte zur Lebensführung unter seinen verschiedenen Kapitalsorten ausdifferenziert (s.u.).
6 In diesem Sinne gehört auch bspw. die Steuerberatung und der Umgang mit dem eigenen Vermögen (also dem, was ein Subjekt „vermag“) zur Lebensberatung, denn für die eigene Lebensgestaltung ist dies sicherlich nicht ganz ohne Bedeutung. Ein guter Steuer- oder Vermögensberater kann seine Aufgabe nur wahrnehmen, wenn er sich auf die Lebensplanung seiner KlientInnen einlässt, ihre Hoffnungen, Phantasien und Ängste, genauso wie der Architekt, der sozusagen das Gehäuse für die Lebensgestaltung seiner KlientInnen entwerfen soll.
7 Eine Neudefinition des hier verwendeten Begriffs von Beratung ist wohl nicht notwendig, Voß bezieht sich wohl eher auf ein transitives Beratungsverständnis i.S. jdn. beraten /jemandem einen Rat geben.
8 Hier nähert sich interessanterweise – aber eigentlich folgerichtig - die soziologische Analyse der Erkenntnistheorie, wonach wir nicht von einer Gegenüberstellung von Realität auf der einen Seite und den Sätzen über diese Realität (= symbolische Konstruktionen) ausgehen können, sondern nur Sätze miteinander in Beziehung setzen können (Wittgenstein), also nur jeweils verschiedene Formen symbolischer Konstruktionen.
9 Bei der Institutionalisierung der Psychotherapie wäre die Etablierung einer kritischen reflexiven Instanz auch möglich gewesen, wurde aber versäumt mit der Konsequenz, dass jetzt gesellschaftliche Institutionen geschaffen wurden (vgl. das Psychotherapeutengesetz), die von einem steigenden Bedarf an Psychotherapie profitieren und deshalb kaum Interesse an gesellschaftskritischen Fragen haben. Einen ähnlichen Fehler bei der Professionalisierung von Beratung sollten wir zu vermeiden trachten.
10 Tatsächlich gibt es bereits im betriebswissenschaftlichen Bereich eine Beratung von Führungskräften zum Umgang mit Beratung. Sie nennt sich „Metaberatung“ (Mohe 2007).
11 Barabas (2004 S. 1203) spricht hier von einer „Rechtszersplitterung“.
12 Hier finden sich LehrerInnen, TheologInnen, IngenieurInnen, BetriebswirtInnee, PsychologInnen und SoziologInnen, PhilosophInnen etc.etc. Im öffentlichen Dienst bleibt man in der Regel noch stärker als in der Wirtschaft auf die ursprüngliche Qualifikation „festgenagelt“.
13 Dieselbe Problematik wurde bereits im Zusammenhang der „Beratungsforschung“ aufgegriffen und einer grundsätzlichen Klärung näher gebracht (Seel 1981).
14 Nicht allen BeraterInnen ist wohl bewusst, dass sie mit ihren KlientInnen an solchen Prozessen arbeiten und auch zur Verinnerlichung von Machtstrukturen beitragen einschl. der Individualisierung gesellschaftlicher Probleme und Risiken.
15 Dies könnte auf eine Intensivierung, Systematisierung und wissenschaftliche Begründung einer Praxeologie hinauslaufen. Allerdings ist dieser Begriff problematisch: Es gibt einen eher soziologischen Begriff, der auf die gesellschaftliche Praxis abstellt, unter den z.B. das Werk von P. Bourdieu fällt, und einen eher psychologischen, der im Grunde praktische Erfahrungen in einem professionellen Kontext meint – worauf die Wissensgewinnung nach Modus 2 abzielt. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, wenn die notwendige differenzierte Diskussion zum Begriff Praxeologie hier geführt werden würde.
H. – Jürgen Seel, Diplom-Psychologe, Dr. phil. Professor für Soziale Arbeit Arbeitsschwerpunkte: Beratung, Management, Ästhetik in der Sozialen Arbeit Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg Fakultät Sozialwissenschaften Bahnhofstr. 87 90402 Nürnberg
Hans-Juergen.Seel@bitte-keinen-spam-ohm-hochschule.de
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