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Stand und Perspektiven einer "Qualitativen Psychologie" (in Deutschland). Zur Einführung in den Themenschwerpunkt
Günter Mey [Journal für Psychologie, Jg. 15 (2007), Ausgabe 2]
Zusammenfassung
Qualitative Forschung hat sich in der hiesigen Psychologie trotz aller erkennbarer Vorstöße immer noch nicht fest etablieren können. Entlang einiger historischer Entwicklungslinien wird der schwierige Stand einer qualitativen Psychologie nachgezeichnet und auf deren marginale Position, verglichen mit dem quantitativen Mainstream und auch gegenüber anderen sozial- und humanwissenschaftlichen Disziplinen, hingewiesen. Herausgestellt wird, dass sich Methoden anstelle unnötiger Grabenkämpfe innerhalb der Psychologie oder mit qualitativen Ansätzen anderer Disziplinen in ihrem (sub-) disziplinären Kontext konturieren müssen, es also Gegenstand künftiger Anstrengungen sein muss, die Psycho-Logik von Methodenentwicklung/-anwendung weiter herauszuarbeiten. Hilfreich kann hierbei ein international geweiteter Blick sein.
Schlüsselwörter: Geschichte der qualitativen Sozialforschung, quantitative und qualitative Methodologie, Selbstreflexivität, Internationalität, Grounded Theory Methodologie
Summary
Status quo and perspectives on a "qualitative psychology" (in Germany): An introduction to the thematic issue Despite considerable improvements during the last three decades, qualitative research still is not well established within psychology. This contribution first provides a historical overview of the difficult current status of qualitative psychology; e.g., being marginalized compared with its quantitative counterpart as well as with other social sciences (especially sociology, often regarded as the qualitative core discipline). Instead of fighting senseless battles with the mainstream of psychology or starting new ones with other disciplines it is recommended to elaborate the specific disciplinary perspectives crucial for psychological research endeavours; i.e., to focus on the psycho-logic and on psycho-logical requirements for qualitative research methods. An increased acknowledgement of the international state of the art of qualitative research might be helpful.
Key words: history of qualitative research, quantitative and qualitative methodology, self- reflexivity, international research, grounded theory methodology
1. Einleitung
Die Beziehung von qualitativer Forschung und Psychologie und die Frage nach dem Stellenwert qualitativer Methoden innerhalb der psychologischen Forschung hat eine lange Geschichte mit diversen Positionsbestimmungen und Positionierungsversuchen: zuweilen finden sich unerfreuliche, manchmal unnötige Grabenkämpfe, zum Teil sind die Debatten geprägt von Ignoranz und selbst-initiierten Rückzügen, dann aber auch von überraschenden Annährungen und wechselseitigen Bezugnahmen. Insofern erscheint "Die Psychologie und die Methodenfrage" als ein "zeitloses Thema", wie Angela Schorr in den 1990er Jahren wohl zu Recht (im Untertitel ihrer auf eine Tagung zurückgehenden Publikation) festhielt; jedoch eines, bei dem die qualitative Forschung am Ende wenn nicht als Verlierer, dann bestenfalls als "zweiter Gewinner" zurückblieb.
Die über viele Jahrzehnte währende marginale Rolle qualitativer Forschung innerhalb der Psychologie darf angesichts der viel beschworenen und argumentativ strapazierten "Gegenstandsangemessenheit" zunächst einmal verwundern, denn "qualitatives Denken" erscheint genuin für psychologische Fragestellungen. Allein in der Gründungsphase findet sich eine Reihe an "Vordenkerinnen" und "Vordenkern" (bzw. solche, die wir heute als Vordenkende verstehen/klassifizieren), hierzu gehören Repräsentantinnen und Repräsentanten aus der Klinischen, Sozial- und insbesondere Entwicklungspsychologie (im Heft dazu stellvertretend der Beitrag von Hoppe-Graff und Hye-On Kim am Beispiel der Forschungstagebücher, die eine bedeutsame Datenquelle der frühen Jahre dieser Teildisziplin bildeten). Nach der Zäsur durch den Faschismus hat es nicht nur keinen Anschluss an diese frühen Ansätze gegeben, sondern es steht bis heute eine systematische Analyse der "Klassiker" im Hinblick auf die Methodenfrage aus: Erst für einzelne Vertreterinnen und Vertreter lassen sich solche Aufarbeitungen finden, so etwa in den Bemühungen von Werner Deutsch um die Sternschen Arbeiten ( http://psypost.psych.nat.tu-bs.de/Seiten/Stern.htm; siehe dazu auch den Kommentar von Deutsch im Diskussionsforum). Ebenso sind die Analysen der Hannoveranischen Arbeitsgruppe um Ali Wacker zu Marie Jahoda ( http://www.sozpsy.uni-hannover.de/dfa/ marie_jahoda.htm) und zur Marienthal-Studie ( http://www.sozpsy.uni-hannover.de/marienthal/) als prominentere Beispiele zu nennen. International finden sich solche Ausarbeitungen (z.B. Versuche, die "Ganzheitspsychologie" wieder – oder gar neu [?] – zu entdecken) programmatisch beispielsweise unter dem Titel "From Past to Future" (Valsiner 2007), wobei auch hier nicht immer das Methodologische/Methodische im Vordergrund des Arbeitsprogramms steht.
2. Qualitative Forschung – für viele lange Zeit und für einige auch heute noch nur ein (unnötiges?) Vorspiel
Für die Zeit nach dem 2. Weltkrieg und die folgenden Jahrzehnte fällt im Zusammenhang mit qualitativer Forschung zumeist lediglich der Name Hans Thomae, der die psychologische Biographik mitbegründet hat (siehe dazu das Gespräch, das Jürgen Straub für das Journal für Psychologie 1996 [nachveröffentlicht 2004] mit ihm führte); wenngleich Thomae vielen allerdings wohl eher wegen seiner Bemühungen um eine sinnvolle Verknüpfung qualitativer und quantitativer Forschungsergebnisse hervorhebenswert ist. Diese Position, die heute sehr elaboriert vorliegt und unter "mixed methods/methodology" vielfältige Diskussionen zeitigt (und seit 2007 sogar ein eigenes "Journal of Mixed Methods Research" aufweist), war lange Zeit die einzige Einfallspforte von qualitativer Methodik in die psychologische "Mainstream"-Forschung. Und ein wenig wirkt es auch heute noch so, als ob innerhalb der Psychologie qualitative Forschung dann "ihren Platz hat", wenn sie mit quantitativer Forschung einhergeht – in der Forschungspraxis meint dies leider in der Regel, jenseits zahlreicher anderer möglicher Bezugnahmen, von ihr gefolgt wird, d.h. qualitative Forschung bleibt auf ihren "explorativen" Charakter festgeschrieben (und z.T. äußern sich entsprechend "defensiv" selbst einige qualitative Psychologinnen und Psychologen). Außen vor bleiben oft aufgrund solcher Zuschreibungen gut ausgearbeitete und fundiert vorgetragene Überlegungen wie die des in die Soziologie ausgewanderten Psychologen Udo Kelle (2007) zur Frage der "Integration qualitativer und quantitativer Methoden in der empirischen Sozialforschung", die weit über vereinfachende und dichotome Vorschläge hinausgehen (siehe dazu auch den immer noch sehr empfehlenswerten "Ordnungsversuch" von Nigel Fielding und Margrit Schreier 2001).
An dem Vorherrschen simplifizierender Vorstellungen zum Verhältnis qualitativ-quantitativ ändert sich auch dann nichts, wenn hinzugenommen wird, dass qualitative Forschung heute – zumindest in der Perspektive einiger wichtiger Vertreter auch des Mainstream – deutlich vom Rand in die Mitte der Disziplin gerückt ist. So unterstreicht etwa Jürgen Rost (2002), immerhin einer der ehemaligen Herausgeber von Methods of Psychological Research Online ( http://www.mpr-online.de/; seit 2004 unter dem Titel "Methodology" als Printjournal geführt) – das Potenzial qualitativer Forschung: Rost zufolge hat die bis dato dominierende sozialwissenschaftliche (also die quantitative) Methodenlehre wenig zu bieten, um "von informationsreichen Daten zu brauchbaren Theorien" zu gelangen, während in der qualitativen Forschung zunehmend Programme und Ansätze genau hierzu ausgearbeitet werden (siehe als Beispiel in diesem Heft den Beitrag von Phillip Mayring zu Designs innerhalb der qualitativen Forschung oder Margrit Schreier eben dazu und zur Frage des Samplings in qualitativen Studien, die sich insbesondere mit der "absichtsvollen" Stichprobenbildung an dem der Grounded-Theory-Methodologie entlehnten "Theoretical Sampling" orientieren; Schreier 2006).
3. Qualitative Forschung als (ungeliebtes?) Stiefkind
Die veränderte Haltung quantitativ ausgerichteter Psychologinnen und Psychologen gegenüber qualitativer Forschung zeigt sich auch daran, dass letztere in einst rein quantitative Methodeneinführungsbände Eingang gefunden hat, so in "Forschungsmethoden und Evaluation", ein Lehrbuch, das von dem "Statistiker" Jürgen Bortz gemeinsam mit Nicola Döring verfasst seit 2006 in der nunmehr vierten Auflage vorliegt. Hier bleibt allerdings kritisch anzumerken, dass Bortz und Döring es unterlassen haben, das etwa 50seitige Kapitel zu qualitativer Forschung seit der Erstfassung von 1995 wesentlich zu aktualisieren. Es wird angesichts einer in Bewegung befindlichen Landschaft (auch) qualitativer Forschungsmethoden ein veralteter Stand verbreitet, u.a. wenn Ansätze wie die Metaphernanalyse oder die Diskursanalyse bzw. die Ausweitung der "Visual Methods" keine angemessene Berücksichtung finden, ganz abgesehen von im hiesigen Sprach[Denk]raum erst langsam ins Blickfeld rückenden "postmodernen" Ansätzen. Dass aber an qualitativer Forschung scheinbar kein Weg mehr vorbei führt, zeigt auch der für Studierende von Howitt und Cramer 2005 vorgelegte Einführungsband "Introduction to Research Methods in Psychology", in dem qualitative Forschung ebenfalls ausgiebiger als früher behandelt wird, wobei ihr weiter ein wenig die Rolle des (ungeliebten?) Stiefkinds zukommt (siehe dazu auch Sullivan 2007). Und es zeigt sich die veränderte Haltung auch in der Zunahme an Forschungsfeldern, in denen qualitative und quantitative Forschung gemeinsam (bzw. zumindest in "friedlicher Koexistenz") betrieben werden.
4. Im Konzert der "Großen" – ungehört?
Doch ungeachtet dieser vermehrten Bezugnahme und Akzeptanz hat qualitative Forschung nicht nur im (sub-) disziplinären "(Wett-) Streit" mit quantitativer Forschung im Großen und Ganzen betrachtet oftmals das Nachsehen, sondern die qualitativ orientierte Psychologie nimmt in der interdisziplinären Auseinandersetzung eine nachrangige Stellung ein, und zwar seit Beginn ihrer Renaissance in den 1970er Jahren: Schon im Zuge der zunehmenden Ausweitung einer Debatte um die Forschungsmethodologie (in Folge des Positivismusstreits und bei der Bemühung, nordamerikanische symbolisch-interaktionistische oder ethnomethodologische Ansätze zu [re-] importieren) agierte die Psychologie, verglichen mit anderen sozial-/geisteswissenschaftlichen Disziplinen, nicht nur mit Zeitverzug, sondern vor allem mit weniger Nachdruck, weniger nachhaltig und weniger sichtbar.
Nicht zuletzt in Folge dieser "Zurückhaltung" wird der Psychologie im Kanon der qualitativen Forschung in Deutschland heute eine nur marginale Position zuerkannt, die Soziologie gilt vielen (insbesondere den Soziologen und Soziologinnen selbst) als Leitdisziplin, und wenn dort von qualitativer Forschung gesprochen wird, ist eigentlich nur die Rede von qualitativer soziologischer Forschung mit wenig Bezugnahmen auf innerhalb der Psychologie entwickelte Verfahren/Ansätze (vgl. Mey u. Mruck 2007a).
Wenn Beiträge der Psychologie aus der Zeit der methodischen "Wende" in den 1980er Jahren genannt werden, sind dies wiederkehrend zum einen (wohl auch des "griffigen" Titels wegen) die von Bergold und Flick editierte Textsammlung "Einsichten – Zugänge zur Sicht des Subjekts mittels qualitativer Forschung", die auf eine Arbeitsgruppe im Rahmen eines DGVT-Kongresses zurückgeht, sowie der Herausgeberband "Qualitative Forschung in der Psychologie" (Jüttemann 1985), in dem sich u.a. die bis heute wegweisenden Beiträge zur "Qualitativen Inhaltsanalyse" (Mayring) und zum "Problemzentrierten Interview" (Witzel) finden, die anders als viele andere psychologische Methodenbeiträge heute zum geteilten Fundus der qualitativen Forschung gerechnet und in allen Übersichtsbänden erwähnt werden (wenn auch in der Soziologie und Erziehungswissenschaft zuweilen als theorielose "Ad-hoc"-Methoden eingeordnet; vgl. Reichertz 2007).
Doch Beispiele wie die vorgenannten bilden die Ausnahme in der nicht-psychologischen Rezeption. In der Regel ereilt qualitativ-psychologische "Erfindungen" das Schicksal der frühen Arbeiten von Volmerg, Leithäuser und Mitstreitenden (1977, 1979) zur Gruppendiskussion, ebenso geht es Vorschlägen zum "qualitativen Experiment" von Kleining (1986, als Soziologe mit Grenzgängerschaft in die Psychologie) sowie den Darlegungen zur subjektwissenschaftlichen Methodik aus dem Kreis der Kritischen Psychologie (z.B. Markard 1991): diese werden heute (wenn überhaupt) überwiegend "historisch" zitiert; ganz ähnlich verhält es sich, um nur einige weitere Beispiele zu nennen, mit Groebens Methodenentwicklungen, mit Jüttemanns "Induktiver Diagnostik" und "Komparativer Kasuistik" (1990) oder mit Legewies "Hermeneutische Diagnostik" (veröffentlicht als Vorlesungsreihe 2000-2004), die zudem häufig nur in dem jeweils eher begrenzten, unmittelbaren Forschungskontext erwähnt werden.
Besonders deutlich wird eine solche Entwicklung beim Blick in die beiden Handbücher zur qualitativen Forschung: Während im ersten (1991 herausgegebenen von Flick, von Kardorff, Keupp, von Rosenstil und Wolff) noch recht viele Psychologinnen und Psychologen vertreten waren, sucht man diese vergebens in der aktuellen Ausgabe (Flick, von Kardorff u. Steinke 2000). Selbstverständlich verweisen solche Handbücher immer auch auf Wahlen der Herausgebenden, die hieraus folgende (Un-) Sichtbarkeit etabliert gleichwohl – insbesondere im Falle transdisziplinär sehr breit genutzter (Hand-) Bücher – Zitations- und Rezeptionspraxen, die zumindest im Falle der erwähnten Handbücher die Psychologie als unbedeutsamer erscheinen lassen als sie de facto zu dem Zeitpunkt der Veröffentlichung war bzw. heute ist.
Dass die in weiten Teilen der qualitativen Sozialforschung nahegelegte Lesart der Absenz der Psychologie als Ort der Entwicklung und Anwendung qualitativer Methodik überzogen ist, wird ersichtlich an den in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren deutlicher vorgetragenen Bemühungen der Ausarbeitung einer qualitativen Forschungsprogrammatik für die Psychologie, die neben den festen Koordinaten und "Pflichtreferenzen" (insbesondere die Arbeiten von Mayring oder Flick selbst, letzterer scheint häufiger als "Soziologe" wahrgenommen und wirksam) u.a. die folgenden Eckpunkte betreffen: Neben dem Versuch einer Etablierung eines Zentrums für Qualitative Psychologie in Tübingen (Kiegelmann 2007) betrifft dies das über das Internetportal qualitative-reserch.net ( http://www.qualitative-forschung.de/ bzw. http://www.qualitative-research.net/) bzw. von dem Berliner Institut für Qualitative Forschung angebotene Spektrum an Aktivitäten zur qualitativer Forschung: Hierzu gehören u.a. "QSF-L – Mailingliste Qualitative Forschung" und das "Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung" sowie die internationale und transdisziplinäre Open-Access-Zeitschrift "Forum Qualitative Sozialforschung / Forum Qualitative Social Research" (FQS, http://www.qualitative-research.net/fqs/), an deren Entwicklung nicht nur Psychologinnen und Psychologen wesentlich beteiligt waren, sondern in die von Beginn an Schwerpunktbände zu qualitativer Psychologie (Breuer, Mruck u. Ratner 2000) und Themen mit Relevanz für die qualitativ-psychologische Forschung breit Eingang gefunden haben (siehe zur Geschichte und Verbreitung von FQS Mruck u. Mey 2006). Neben FQS als prominentestem Flaggschiff mit Breitenwirkung inner- und außerhalb der Psychologie werden zudem zwei Bände breiter rezipiert, nämlich "Qualitative Psychologie" (Breuer 1996) und "Qualitative Entwicklungspsychologie" (Mey 2005; siehe dazu die als Kommentar abgefasste Abhandlung von Deutsch im Diskussionsforum). Beide Bände (mit bewusst gewähltem programmatischem Titel) finden in aktuellen Übersichten zu qualitativer Forschung (auch jenen, die von Soziologen verfasst wurden, siehe etwa Hitzler 2007, Reichertz 2007) Erwähnung. Eine explizit psychologisch-methodologische Wendung wird in diesem Zusammenhang dort ersichtlich, wo Breuer offensiv unter Rekurs auf den Ethnopsychoanalytiker Devereux und mit Bezug auf die Methodologie der Grounded Theory sowie auf naturalistische Feldforschungsmethodiken anmahnt, Selbstreflexivität und Subjektivität im Forschungsprozess zu nutzen (siehe dazu den Beitrag von Lettau und Breuer in diesem Heft), statt die Stellung der Forschenden (und ihre Mitwirkung an der Konstruktion der Daten und von Theorie) zu leugnen, wie sich dies recht häufig trotz anderer Prämissen auch in der qualitativen Forschungspraxis findet (siehe zum "Fortleben des Phantoms der Störungsfreiheit" innerhalb der qualitativen Forschung Mruck u. Mey 1996).
5. Perspektiven auf einem (unübersichtlichen?) internationalen Markt
Dass die hier in groben Zügen nachgezeichnete Geschichte nicht nur eine lokale ist, zeigt beispielsweise ein kurzer Blick in den angelsächsischen Raum, für den sich auf den ersten Blick ganz ähnliche "Entwicklungen" festhalten lassen: Erst Mitte der 1990er Jahre war hier ein deutlicheres Bemühen um eine Rückbesinnung auf qualitative Forschungsmethoden erkennbar und der damit einhergehende Versuch einer theoretischen Grundlegung, programmatisch formuliert als "Rethinking Psychology" und "Rethinking Methods in Psychology" (Smith, Harré u. Langenhove 1995a, 1995b). Weitere Erträge dieser Bemühungen sind dokumentiert in dem Band "Qualitative Psychology" von Smith (2003), wobei für den angelsächsischen Raum typisch ist, dass auch nicht-psychologische Beiträge in diese Bände Eingang finden. Die Relevanz an (Lese-, Veröffentlichungs- und Identifikations-) Orten für qualitativ Forschende wird – neben dem einen oder anderen Sammelband oder Einführungsbuch zu qualitativer Methodik mit explizitem Fokus auf psychologische Forschung – zusätzlich unterstrichen durch ein 2004 gegründetes "Journal for Qualitative Methods in Psychology", nachdem zuvor kein entsprechendes "Organ" existierte (abgesehen von der Möglichkeit, in FQS oder anderen transdisziplinär konzipierten Zeitschriften zu qualitativer Forschung zu veröffentlichen).
Damit endet die Ähnlichkeit zwischen deutschem und nicht-deutschem Sprachraum allerdings auch schon recht bald. Denn es finden sich im angelsächsischen Raum viel selbstverständlicher Ansätze aus der Diskursforschung (etwa von Ian Parker 2003, mehr noch verbunden mit den Namen Carla Willig, Margret Wetherell und Jonathan Potter, in deutsch verfügbar Potter 2001 im Handbuch zur sozialwissenschaftlichen [!] Diskursanalyse) oder narrative Ansätze (im Überblick dazu Brockmeier u. Mattes 1999, im Heft zu den Potenzialen von "Narrative Inquiry" exemplarisch der Beitrag von Mark Freeman) sowie Formen von partizipativer Forschung (Tolam u. Brydon-Miller 2001; zumeist, aber nicht nur in Verbindung mit "Action Research"), wie qualitative Forschung insgesamt viel selbstbewusster (also ohne eigentümliche Begründungsnöte) Eingang und Anwendung findet. Und es prosperieren dort in unserer hiesigen Debatte mehr oder weniger "unbekannte" Ansätze wie etwa die Bemühungen einer Performative Social Science, die nicht nur auf eine andere Art der Präsentation, Vermittlung und Verbreitung von Forschungsergebnissen zielt, sondern auch einen anderen Blick nimmt auf den Sozialforscher/die Sozialforscherin als "actor" (Jones 2006). Diese hier "fremden" Ansätze sind für den "US-Markt" eher stilbildend. Herausgehoben ist hierbei das von Norman Denzin und Yvonna Lincoln (2005) editierte, mittlerweile in der dritten Auflage vorliegende voluminöse "Handbook of Qualitative Research", mit dem eine postmodernistische Auslegung qualitativer Forschung an der Tagesordnung ist: Forschungsstile wie Autoethnography (Ellis 2004) und Anleihen bei Poetik, Tanz, Theater, Film bilden neue und innovative Formen qualitativer Sozialforschung, häufig verbunden mit Formen experimentellen Schreibens, ohne dass deshalb auch ganz "traditionelle" qualitative Forschung verdrängt würde, ausgerichtet etwa an der Phänomenologie (Fisher 2006) oder präsentiert in einem etwas breiter angelegten Sammelband zu "Qualitative Research in Psychology" von Camic, Rhodes und Yardley 2003, der eine Zusammenstellung zentraler "normaler" Ansätze und Verfahren bietet und in der Anlage ein wenig an die erste Auflage von Denzin und Lincoln von 1994 erinnert, die weniger postmodern war).
Im Zuge solcher Wendungen verwundert es dann wenig, dass selbst "bekannte" Methoden in anderem Lichte erscheinen, wie beispielsweise an veränderten Haltungen und Lesarten der Grounded-Theory-Methodologie (GTM) deutlich wird. Während es in der hiesigen Debatte und psychologischen Forschung schon wie ein Forschritt erscheint, dass die GTM als Methode vermehrt Berücksichtigung findet, wirkt schon die Feststellung, dass die beiden Begründer – Barney Glaser und Anselm Strauss – die Entwicklung der GTM getrennt vorangetrieben haben, immer noch für viele etwas überraschend (einen Überblick über verschiedene Auffassungen, wie die GTM anzuwenden sei, bietet der soeben vorgelegte Grounded Theory Reader mit klassischen und neuen Texten, Mey u. Mruck 2007b). Im angloamerikanischen Raum ist zudem bereits seit längerem eine konstruktivistische (Auf-) Fassung der GTM (Charmaz 2006) bzw. ein "grounded theory approach after the postmodern turn" als "Situational Analysis" (Clark 2005) auf dem Vormarsch; Lesarten, die für eine "(Selbst-) Reflexive Grounded-Theory-Methodologie" (Mruck u. Mey 2007) stehen, und die es innerhalb der Psychologie erst noch breiter zu entdecken gilt.
Hier nur angedeutet sei, dass die Verwirrung um den Stand und die Nichtabsehbarkeit der Entwicklung(spotenziale) einer qualitativen Psychologie noch zunehmen dürften, wenn ein Blick auf Entwicklungen jenseits "europäischer" oder "nordamerikanischer" Diskurse geworfen wird. Überblicke etwa zur iberoamerikanischen Forschungslandschaft (dazu Cisneros Puebla, Domínguez Figaredo, Faux, Kölbl u. Packer 2006) legen nahe, dass wir mit unseren Grundlinien und Berichten über den Status Quo höchstens Ausschnitte fassen, und dass in einer so erweiterten Perspektive wir einige unserer liebgewonnenen Selbstverständlichkeiten, unhinterfragten Voraus-Setzungen und sicher geglaubten einschlägigen Referenzen aufzugeben hätten – dies betrifft auch die Wissenschaftssprachen, denn schon "Europa denkt mehrsprachig", die Welt ganz sicher nicht nur englisch.
6. Fazit
Qualitative Forschung ist in Bewegung geraten: ältere Ansätze haben sich verändert, neuere sind hinzugekommen. Insoweit ist qualitative Forschung mehr denn je ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Verfahren incl. der dahinter stehenden Theorien/Basisannahmen mit vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten in den unterschiedlichsten Themenfeldern. Unter einer internationalen Perspektive zeigt sich, dass qualitative Forschung viel selbstverständlicher einen Platz in der Forschungslandschaft einnehmen kann, als es uns aufgrund der hiesigen Situation mitunter erscheint: vielfach gehört qualitative Forschung einfach aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit zum Methodenspektrum dazu (ohne übergehen zu wollen, dass es umgekehrt beispielsweise osteuropäische Länder gibt, in denen eine qualitative Methodik in der akademischen Psychologie noch fast gänzlich fehlt). Qualitative Forschung in der deutschsprachigen Psychologie ist – dies deutet die kurze Zusammenfassung an – keine einfache nachzuerzählende "Geschichte", denn es gibt mindestens (!) zwei mögliche Narrative: Das eine Narrativ (das ich hier deutlicher bedient habe) kündet von dem "Schattendasein" und den "Grabenkämpfen" – oder wie Groeben (2006) es nennt, von der "selbstverschuldeten Irrelevanz des qualitativen Offstreams". Das zweite Narrativ (das sich immer wieder "hineindrängt") würde eher eine Art Erfolgsgeschichte der stetigen Zunahme und des Bedeutungsgewinns (nach?) zeichnen, d.h. eine Geschichte, derzufolge qualitative Forschung auf dem Weg zur "Normalwissenschaft" ist (ein Narrativ, das derzeit innerhalb der deutschen Soziologie deutlicher zu finden, aber auch dort nicht unkritisch zu betrachten ist).
Der (selbst-) kritische Blick auf die Methodenbehandlung in der Psychologie hätte sich möglicherweise etwas abgemildert gelesen, wäre gleichzeitig eine ähnliche Analyse für quantitative Forschung und deren "Schwächen" und "Sackgassen" eingeflochten (hier wurde nur stellvertretend Rost herangezogen, der für einen kritischen Binnenblick auf die quantitativen Methodenlehre steht) oder wäre auf nicht minder kritische Punkte innerhalb anderer Disziplinen eingegangen worden. Dies betrifft Allein- oder zumindest Mehrheitsvertretungsansprüche für qualitative Sozialforschung bei mitunter erkennbarer Beschränkung auf den eigenen "Bekanntenkreis als Universum" in einigen entwickelten Disziplinen ebenso wie Vergleiche mit wieder anderen Fachgebieten (z.B. Politikwissenschaft) und deren geringem Entwicklungsstand und (Nicht-) Bezug zu qualitativer Forschung, die die Psychologie weniger als Diaspora würden erscheinen lassen. All dies hätte zu einer umfassenderen Analyse hinzugehört, aber es hätte auch abgelenkt. Denn welche Rahmung für das Narrativ auch immer vorrangig gewählt werden mag: Die besondere method(olog)ische Herausforderung ist immer eine auch disziplinäre Verortung und sind deren inhaltlichen Aufgaben – das heißt im vorliegenden Falle, qualitative Forschung in ihrer Psycho-Logik auszubuchstabieren (dazu auch Markard 2007) –, ohne starr disziplinär zu agieren.
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Dr. Günter Mey Institut für Qualitative Forschung Internationale Akademie Freie Universität Berlin Habelschwerdter Allee 45 PF 4 D-14195 Berlin E-Mail: mey@bitte-keinen-spam-qualitative-forschung.de Website: http://www.institut.qualitative-forschung.de
Wissenschaftliche Geschäftsführung des "Instituts für Qualitative Forschung" an der Freien Universität Berlin, zuvor fachliche und organisatorische Leitung der Entwicklungspsychologie an der TU Berlin Arbeitsschwerpunkte: Qualitative Methodologie und Methoden, Identitätsforschung, Intergenerationaler Erfahrungstransfer, Wissenschaftskommunikation; Open Access
Manuskriptendfassung eingegangen am 9. September 2007
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