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Sekundäranalyse qualitativer Interviewdaten – Problemkreise und offene Fragen einer neuen Forschungsstrategie

Irena Medjedovic
[Journal für Psychologie, Jg. 15 (2007), Ausgabe 3]

Zusammenfassung

Qualitative Daten stellen eine reichhaltige und oft unausgeschöpfte Quelle von Forschungsmaterial dar. Trotzdem werden sie selten einer erneuten Analyse unterzogen. Die Analyse einer deutschlandweiten Befragung qualitativer Forscher/innen zeigt, dass mit dieser neuen, noch unvertrauten Forschungsstrategie Sekundäranalyse einige Probleme und offene Fragen verbunden werden. Auf der methodologischen Ebene werden die Spezifität sowie die Kontextgebundenheit qualitativer Forschung als Einwände gegen die Sekundäranalyse vorgebracht. Auf der forschungsethischen Ebene wird eine Gefährdung der sich im Interview konstituierenden vertraulichen Beziehung zum Forschungssubjekt befürchtet. Des Weiteren spielen auch Konkurrenzüberlegungen eine Rolle, wenn es darum geht, eigene Daten für eine Sekundäranalyse bereitzustellen. Der Beitrag leistet einen ersten Schritt für die Diskussion über die qualitative Sekundäranalyse, indem er anhand der geführten Experteninterviews die kritischen Aspekte der Sekundäranalyse aufzeigt. Sekundäranalytische Erfahrungen der befragten Forscher zeigen aber auch, dass diese Probleme keine unlösbaren Einwände gegen die Sekundäranalyse darstellen müssen.

Schlagwörter: Sekundäranalyse, qualitative Interviews, Machbarkeitsstudie, Data fit, Kontext, Forschungsethik

Summary

Secondary analysis of qualitative interview data (in Germany) – problems and open issues of a new research strategy
Qualitative data are a rich and often not fully exploited source of research material. Nonetheless they are seldom reanalysed. The analysis of a nationwide German survey of qualitative researchers shows that there are some concerns and open issues associated with this new and unfamiliar research strategy secondary analysis. On the methodological side specificity and context sensitivity of qualitative research are raised as objections against secondary analysis. On the ethical side concerns relate to an assumed breach of the confidential relationship to the research subject constituted within an interview. Furthermore, considerations concerning competition play also a role when researchers are asked to provide their data for reuse by others. This article provides a first step for a discussion about qualitative secondary analysis (in Germany), by pointing out the critical aspects of secondary analysis based on the conducted expert interviews. But experiences of the interviewed researchers with secondary analysis show as well that these problems do not necessarily constitute unsolvable obstacles. 

Key words: secondary analysis, qualitative interviews, feasibility study, data fit, context, research ethics

1. Ausgangslage: „a strange silence“

„There is a strange silence close to the heart of the qualitative research community“ (Thompson 2000, Abs.1).


Thompson formulierte diesen Satz vor einigen Jahren für den englischsprachigen Raum und meinte damit die (fehlende) Debatte um die Sekundäranalyse qualitativer Daten. Mittlerweile ist die Debatte weitaus fortgeschrittener, sodass sich einige internationale Veröffentlichungen finden lassen und die Sekundäranalyse auch in qualitativen Methodenhandbüchern Eingang gefunden hat (vgl. Corti & Thompson 2004; Corti, Thompson & Fink 2004). Das britische Archiv ESDS Qualidata, welches bei dieser Entwicklung eine maßgebliche Rolle spielte, besteht nunmehr seit über zwölf Jahren und stellt qualitative Daten für wissenschaftliche Sekundärnutzungen zur Verfügung.

Für den deutschen Raum gilt Thompsons Befund jedoch immer noch: Dies wird deutlich, da sich in den mittlerweile drei Schwerpunktausgaben der Open Access Zeitschrift FQS – Forum Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research zur Thematik Archivierung und Sekundärnutzung mit insgesamt 65 Beiträgen lediglich drei finden, die auf durchgeführten Sekundäranalysen beruhen; diese stammen von Medjedovic und Witzel (2005), Gläser und Laudel (2000) sowie Notz 2005. In den einschlägigen Lehrbüchern zu qualitativen Methoden wird die Sekundäranalyse als eigene Forschungsstrategie nicht behandelt; der einzige Verweis ist bei Lüders (2005, 637) zu finden, der mangelnde Konzepte und Verfahren zu Strategien von qualitativen Sekundäranalysen als einen methodologischen weißen Fleck erwähnt. Auch eine Institution, die deutschlandweit qualitatives Datenmaterial systematisch akquiriert, archiviert, dokumentiert und einer wissenschaftlichen Sekundärnutzung zuführt, gibt es in Deutschland derzeit nicht.

Anfänge einer (systematischen) Auseinandersetzung mit der Thematik der Sekundäranalyse qualitativer Daten sind neuerdings maßgeblich im Zusammenhang der Bemühungen des Archivs für Lebenslaufforschung (ALLF)1 der Universität Bremen zu verzeichnen.2 So wurde in einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung (ZA) an der Universität zu Köln eine mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Studie3 durchgeführt, die die Machbarkeit einer Serviceinfrastruktur für die Archivierung und Vermittlung qualitativer Interviewdaten für die wissenschaftliche Sekundärnutzung untersuchte. 

Die ersten Ergebnisse der schriftlichen Befragung – im Folgenden bezeichnet als "Machbarkeitsstudie" (vgl. Opitz & Mauer 2005) – ergaben zum einen großes Interesse an der Sekundäranalyse qualitativer Interviewdaten und dem Aufbau einer entsprechenden Serviceinfrastruktur.4 Zum anderen verdeutlichen die Ergebnisse auch, dass die Schaffung eines Angebots an qualitativen Interviewdaten, vom Blickwinkel potenzieller Datennutzer mit spezifischen Anforderungen an die Voraussetzungen einer eigenen Durchführung von Sekundäranalysen sowie vom Blickwinkel potenzieller Datengeber mit spezifischen Anforderungen an die Bereitstellung von sekundär zu nutzenden Daten verbunden wäre. Wie die Darstellung der die quantitative Befragung ergänzenden Ergebnisse der mündlichen Befragung zeigt, liegen diesen Anforderungen methodologische sowie forschungsethische Aspekte und Probleme zugrunde, die mit dieser neuen Forschungsstrategie Sekundäranalyse zusammenhängen.

2. Die Befragungen im Rahmen der Machbarkeitsstudie „Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewdaten“

Die Eruierung der Machbarkeit eines Archivs für qualitative Interviewdaten umfasst zwei Seiten: die Seite der Überlassung von Daten für die erneute Nutzung sowie die Seite der Nutzung der archivierten Daten. So wurden Projektleiter/innen und Mitarbeiter/innen qualitativ ausgerichteter Forschungsprojekte in einer deutschlandweiten schriftlichen (n=430) und anschließenden mündlichen (n=36) Befragung sowohl als potenzielle Datengeber/innen als auch als potenzielle Sekundärnutzer/innen befragt, und zwar hinsichtlich ihrer Erfahrungen mit der Sekundäranalyse, den Vor- und Nachteilen der Sekundäranalyse, ihrer Bereitschaft zur Sekundäranalyse sowie zur Nutzungsüberlassung, wie auch der Befürwortung oder Ablehnung eines Archivs. Aufbauend auf den Ergebnissen dieser Befragungen war es Ziel, Kriterien und Konzepte für die Archivierung qualitativer Daten zu entwickeln.5

Eine detaillierte Darstellung der Durchführung sowie der zentralen Ergebnisse der schriftlichen Befragung wurde bereits von Opitz und Mauer (2005) geleistet. Ziel der mündlichen Befragung war es, auf der Basis der Resultate der quantitativen Daten, Sondierungen anzuschließen, die Detailanalysen ermöglichen. Dies erwies sich für folgende Themen als notwendig:

  • Spezifität der Forschungsfrage
    „Zu spezielle Forschungsfragen“ erwiesen sich als bedeutsamer Grund für die Befragten, die qualitative Daten bislang noch nie sekundär genutzt haben.  
  • Kontext und Dokumentation
    Als wichtigste Voraussetzung für die Nutzung fremden Datenmaterials wurde eine umfassende Dokumentation des Forschungsprozesses genannt. Die mangelnde Nachvollziehbarkeit des Forschungskontextes erwies sich zudem als häufigste Schwierigkeit bei durchgeführten Sekundäranalysen. Und rund ein Viertel derjenigen, die eine Datenbereitstellung zukünftiger Daten verweigern, begründen ihre Ablehnung mit der Kontextgebundenheit qualitativer Daten. 
  • Datenschutz und Anonymität
    Die datenschutzrechtliche Zulässigkeit und die Wahrung der Anonymität von Interviewten wurden am häufigsten als Bedingungen an die Weitergabe eigener Daten für sekundäranalytische Zwecke geknüpft. Auch viele derjenigen, die eine Datenweitergabe verweigern, führen diese Punkte an.
  • Kontrolle
    An die Bereitschaft ihre Daten für die Nutzung durch Dritte bereitzustellen knüpfen rund ein Viertel der Befragten die Bedingung, dabei die Kontrolle über die weitere Nutzung zu behalten. 

Entsprechend wurde für die Auswahl der Befragtengruppe für die Interviews darauf geachtet, Befragte einzubeziehen, die diese Aspekte in den Fragebögen angegeben hatten. Des Weiteren wurden sowohl Forschende mit als auch ohne sekundäranalytische Erfahrungen für die Interviews ausgewählt, um Differenzierungen zu diesen Fragen aus beiden Perspektiven zu erhalten und kontrastieren zu können. Ein weiterer Gesichtspunkt für die Befragtenauswahl war, sowohl Zustimmende als auch der Ablehnende gegenüber einer Gründung eines Archivs für qualitative Daten aufzunehmen.

Für die Durchführung der ExpertInnengespräche wurde die Methode des „problemzentrierten Interviews“ (Witzel 2000) gewählt. Gestützt auf einen Leitfaden wurde in den Interviews den Forschenden Raum gegeben, ihre Erfahrungen hinsichtlich der Sekundärnutzung qualitativer Daten wie auch der Datenbereitstellung für Sekundärnutzungen (dabei erfahrene Schwierigkeiten eingeschlossen) zu erläutern; assoziierte Einwände, Probleme oder Bedingungen darzulegen; zu spezielleren Themen – wie Kontextgebundenheit der Daten und Rolle der Dokumentation, Datenschutz und Anonymisierung, bisherige Praxis der Datenaufbereitung, sowie archivkonzeptionellen Überlegungen – Auskunft zu geben.

Aufbauend auf der nun erfolgten (vorläufigen)6 Analyse der Interviews stützt sich der vorliegende Beitrag auf die Differenzierung der Argumente zu den offenen Fragen und Hauptproblemen, die im Zusammenhang der Sekundäranalyse qualitativer Daten angeführt werden.

3. Sekundäranalyse qualitativer Interviewdaten – Probleme und offene Fragen methodologischer und forschungsethischer Art

Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie zeigen, dass mit der Sekundäranalyse spezielle Aspekte methodologischer sowie forschungsethischer Art verbunden werden. In der schriftlichen Befragung tauchen diese methodologischen (Spezifität und Kontextualität qualitativer Forschung) und forschungsethischen Argumente (Datenschutz und Vertraulichkeit) entweder in der Form an die Sekundäranalyse geknüpfter Bedingungen für die Nutzung auf oder sie werden als Bedenken oder Einwände gegen die qualitative Sekundäranalyse vorgebracht (vgl. Abschnitt 2).

Um die Debatte in Bezug auf die Sekundäranalyse qualitativer Daten im deutschsprachigen Raum forcieren zu können, ist es m.E. notwendig, die subjektiven Sichtweisen qualitativer Forscher und Forscherinnen hinsichtlich dieser Argumente zu erfassen und auf diese Weise die Debatte aus wissenschaftlich-praktischer Sicht zu differenzieren. Auch wenn Skepsis und Ablehnung in den Befragungsergebnissen keinesfalls dominieren (im Gegenteil), möchte ich im Folgenden bewusst die wesentlichen Probleme und Einwände thematisieren, da sie m.E. Hinweise auf die Besonderheiten der Sekundäranalyse geben – sozusagen: an den richtigen Stellen „den Finger in die Wunde legen“ und daher diskutiert werden sollten. Dabei sollen die Probleme – in Bezug auf Spezifität und Analysepotenzial, Kontextsensitivität sowie Forschungsethik – aus den Schilderungen Sekundäranalyse Erfahrener als auch Unerfahrener abgeleitet werden.

3.1 Spezifität und Analysepotenzial qualitativer Daten

Der Begriff Sekundäranalyse beschreibt eine Forschungsstrategie, bei der auf bereits vorliegende Forschungsdaten zurückgegriffen wird. Daher steht zu Beginn jeder Sekundäranalyse zunächst die Frage nach geeigneten Daten (vgl. „data fit“ bei Heaton 2004). Während dieser Aspekt auch die Vergleichbarkeit des Datensatzes (Glaser 1962)7, den Grad der Vollständigkeit des Datensatzes bzw. der Daten (Hinds, Vogel & Clark-Steffen 1997) sowie die angewandten Erhebungsmethoden (Thorne 1994) betrifft, liegt der Schwerpunkt in der Beurteilung, inwieweit und in welcher thematischen Breite und Tiefe die Daten die sekundäranalytische Frage bedienen (können). Barney Glaser formulierte diesen Schritt, der die eigentliche Analysearbeit darstellt, als Kernstück jeder Sekundäranalyse: „If the data are comparable with respect to population, situation, and variables, then the social scientist merely analyzes it according to the specific operating problem. This is the very essence of secondary analysis.“ (Glaser 1962, 72)

Spezifität der Forschungsfrage

Aus der Perspektive einiger der befragten qualitativ Forschenden birgt dieses eigentliche Kernstück der Sekundäranalyse ein methodologisches Problem: Weil für eine spezielle Forschungsfrage erhoben, wird zum einen bezweifelt, dass qualitative Daten für sekundäre Forschungsfragen nutzbar sind; umgekehrt wird angenommen, dass keine passenden Daten für das eigene, ganz spezifische Forschungsinteresse – außer durch die eigene Erhebung produziert – zu finden seien. So formuliert etwa ein Befragter seine Skepsis gegenüber der Machbarkeit qualitativer Sekundäranalysen:


„Dann weiß ich nicht, ob das Material zu dieser Fragestellung überhaupt passt, weil mein Material zu einer speziellen Fragestellung – höchst speziellen Fragestellung generiert worden ist.“ (Int.6)


Die Machbarkeitsstudie zeigt unterschiedliche Erfahrungen hinsichtlich des Analysepotenzials. Einerseits scheint qualitatives Datenmaterial eine reichhaltige und im Primärprojekt nicht selten unausgeschöpfte Quelle zu sein. So ergeben sich beispielsweise in Anschlussprojekten Sekundäranalysen, weil festgestellt wird, dass „an einzelnen Stellen noch nicht genügend die Daten ausgewertet [wurden] und Fragen offen geblieben sind“ (Int.20). Andererseits kann die Spezifität der Fragestellung bzw. der Fokus des jeweiligen Primärprojekts dem sekundäranalytischen Zweck aber auch Grenzen setzen. Befragte berichten von Sekundäranalysen, die durchaus Ergebnisse lieferten, sich jedoch insgesamt oder bezogen auf einzelne Fragestellungen als weniger gehaltvoll erwiesen als zuvor erwartet (Int.9), oder bei denen die inhaltlichen Vertiefungen zum Gegenstand vermisst wurden (Int.21). Auf dem Hintergrund solch einer Erfahrung stellt eine Befragte die Eignung qualitativer Daten für die Sekundäranalyse generell in Frage:


„Das ist die Frage, die mir da so in dem Hinterkopf auch herumgeht – ist es denn überhaupt möglich beim qualitativen Herangehen, das sozusagen von vornherein mitzuplanen, die verschiedenen Fragen, die verschiedene Forscher im Kopf haben.“ (Int.21)

Abhängigkeit von der theoretischen Perspektive der Sekundäranalyse

Erfahrungen der befragten Forschenden zeigen demnach, dass die Passung von Daten und Analyseinteresse von Fokus und Reichhaltigkeit der konkret zu nutzenden Daten selbst abhängt. Doch weisen die Ergebnisse der Befragung auch darauf hin, dass die andere Seite der Passung nicht außer Acht zu lassen ist: nämlich die theoretischen und methodologischen Voraussetzungen der Sekundäranalyse. Ein normativ-deduktiver Ansatz bereitet eher Probleme, die Daten mit Blick auf vorgefasste theoretische Konzepte und daraus abgeleitete Begriffsdefinitionen auszuwerten, als eine induktive bzw. abduktive Vorgehensweise, die ohne ein solches theoretisches Korsett die Reichhaltigkeit der Primärdaten für die Chance schätzt, neue theoretische Einsichten zu erlangen.8 Während also manch/e Forscher/in mit Sekundäranalysen eher die Möglichkeit verbindet, empirische Belege für bereits ausgearbeitete theoretische Vorannahmen oder Konzepte zu finden und daraufhin eventuell unzufrieden ist mit der tatsächlichen „Ausbeute“ (wie z.B. Int.9), zeigt ein weiterer Fall (Int.32) aus der Befragung, dass die Sekundäranalyse auch in einen Forschungsprozess eingebunden werden kann, der einer eher Hypothesen generierenden und iterativen Vorgehensweise entspricht (wie sie die Grounded Theory typischerweise vorsieht; vgl. Glaser & Strauss 1967): 


„Also da war unsere Fragestellung noch gar nicht wirklich klar umrissen, sondern es war wirklich eine Neugierde da, zu sagen: Oh, klasse, hier ist viel Datenmaterial, wo wir ’rausfinden können, was da für Probleme aufgetreten sind, lass uns doch einfach mal gucken. Und dann ist es eben tatsächlich so gewesen, dass wir in der Beschäftigung mit dem Datenmaterial unabhängig voneinander, also drei Personen unabhängig voneinander, auf bestimmte Phänomene gestoßen sind, die wir aber ursprünglich gar nicht im Kopf hatten. Also wo wir ursprünglich nicht erwartet hatten, dazu was zu finden oder gar danach gesucht hatten, aber dann eben sagten: Mensch, das ist doch ein interessanter Aspekt, wollen wir dem nicht noch mal genauer nachgehen. Also das war tatsächlich so ein Hypothesen generierendes Verfahren, ganz, wirklich mal in der Reinform, zu sagen: Wir nehmen diese Daten und lassen sie auf uns wirken und schauen mal, was sie uns sagen. Und daran kristallisiert sich dann eigentlich erst unsere Forschungsfragestellung oder unsere Hypothese, Hypothesen heraus, die wir dann versuchen, eben mit weiterer Datenerhebung noch zu untermauern oder zu stützen.“ (Int.32)


Durch diese Sekundäranalyse sei es ihnen gelungen, gegenüber der Primäranalyse neue Aspekte und Hypothesen herauszuarbeiten, die zudem die Ergänzung der Daten durch eine – zuvor nicht vorgesehene – zweite Erhebung von Interviews mit einer in der Primärerhebung nicht erschlossenen Befragtengruppe nahe legten. Auch ein anderes Beispiel zeigt, dass allein schon der Sachverhalt, die Außenperspektive einzunehmen, die Analyse durchaus befördern und ein über die Primärauswertung hinausgehendes Interpretationspotenzial aufzeigen kann:


„Also beispielsweise bei diesem Projekt, wo es um Arbeitsmarkt gegangen ist, ist mir halt aufgefallen, dass jene Interviewer, die aus dem Bereich der.- in dem Fall waren das Soziologen sehr viel stärker darauf geachtet haben in ihren Analysen, wie behaupten sich Leute am Arbeitsmarkt, welche Strategien wenden sie an gegenüber dem Arbeitsamt, gegenüber den Unternehmen und solche Dinge und ich als europäischer Ethnologe – mich hat mehr interessiert, o.k., was kann ich an dem, was die Leute sagen auch herauslesen, was Arbeit für sie bedeutet, wie sie Arbeitsmarkt wahrnehmen, was Gerechtigkeit für sie ist und so Aspekte. Also ich mein, das ist vielleicht ein bisschen platt gesagt, aber die einen, die Soziologen in dem Projekt, hat vielleicht ein bisschen mehr die gesellschaftliche Ebene interessiert und mich hat mehr die kulturelle Ebene interessiert, […] was im Endeffekt ja dann aber trotzdem ein ziemlich gutes und umfängliches Bild ergeben hat.“ (Int.14)


Der in dem Zitat beschriebene Erkenntniszuwachs, den die Sekundäranalyse mit dem Einbeziehen eines Fächer übergreifenden Blickwinkels ermöglicht, erinnert an das Konzept der Triangulation, welche „die Einnahme unterschiedlicher Perspektiven auf einen untersuchten Gegenstand“ (Flick 2004, 12) beinhaltet.

Zwischenfazit

Der Sachverhalt, dass jede Forschungsfrage eine spezifische ist, begründet bei einigen Forschenden Skepsis gegenüber der Machbarkeit von Sekundäranalysen. Das Analysepotenzial eines jeden Datensatzes hat seine Grenzen und kann daher auch einer Sekundäranalyse mit ihrer wiederum spezifischen Fragestellung Grenzen setzen. Doch zeigen Erfahrungen einiger befragter Forscher und Forscherinnen, dass dieser Umstand nicht prinzipiell gegen die Sekundäranalyse spricht. Zum einen ist es in der gegenwärtigen Forschungspraxis nicht unüblich, Forschungsmaterial auch über das eigentliche Projekt hinaus weiter auszuschöpfen, wenn auch nur einzelne Aspekte und vielleicht nicht in ausreichender Tiefe. Zum anderen ist die Beantwortung der Frage der Passung auch abhängig von der theoretischen Herangehensweise der Sekundäranalyse, sodass Sekundäranalysen auch umgekehrt die Erwartungen übertreffen können.

Die bisherige Analyse zeigt, dass die Argumente hinsichtlich der Geeignetheit qualitativer Daten für die Sekundäranalyse auf die Frage zurückführen, inwieweit Sekundäranalysen sinnvoll sind. Der Aspekt der Kontextgebundenheit bzw. -sensitivität qualitativer Forschung stellt dagegen die Frage nach der Machbarkeit von Sekundäranalysen.  

3.2 Kontextsensitivität qualitativer Daten

Abhängigkeit vom Forschungsansatz

Trotz der vielfach angeführten Vielfalt der qualitativen Forschung und ihrer Methoden scheint sie doch ein gemeinsames Anliegen zu haben: „die Rekonstruktion von Sinn“ (Hitzler 2007, Abs.13).9 Unmittelbar verbunden mit dem Ziel des Sinnverstehens ist der Gedanke der Kontextualität, da der Sinn einer Handlung oder einer sprachlichen Äußerung von dem Kontext abhängt, in dem sie auftritt.10

Die mündliche Befragung zeigt, dass die Relevanz des Kontextes unterschiedlich wahrgenommen wird. Ob qualitative Forschende im Zusammenhang der Sekundäranalyse die Gefahr der Dekontextualisierung überhaupt befürchten, hängt zunächst davon ab, welchen Forschungsansatz sie verfolgen, d.h. welches konkrete Verständnis sie von Sinn und Rekonstruktion und damit eben auch Kontext haben und zur Anwendung bringen (vgl. auch van den Berg 2005). In Auswertungsverfahren, in denen der (extra-diskursive) Kontext gezielt in der ersten Analyse unberücksichtigt bleibt und sich ausschließlich auf den Text konzentriert wird, liegt es auf der Hand, dass Kontext nicht als Problem oder Einwand gegen die Sekundärnutzung vorstellig gemacht wird:


„da wir in den, zumindest in den neueren Verfahren der Textinterpretation in qualitativen Methoden ja dieses Prinzip der Einklammerung des Kontextes haben, ist das eigentlich auch ’ne ganz gute Voraussetzung für […] Sekundärnutzungen. Man kann das Material einfach nehmen“ (Int.24)


Um ein Interview etwa objektiv hermeneutisch, dokumentarisch oder konversationsanalytisch auszuwerten, wird davon ausgegangen, dass der relevante Kontext in der sequenziellen Umgebung von Konversation aufgebaut wird (Holstein & Gubrium 2004, 300) und sich im Interview selbst dokumentiert.

Dabei sein

Forschende, für die das Risiko der Dekontextualisierung hingegen eine relevante Rolle spielt, befürchten bei einer Sekundäranalyse fremder Daten einen Mangel an Kontextinformationen, der insbesondere durch die fehlende persönliche Beteiligung in der Erhebung entsteht. Diesen Mangel, nicht dabei gewesen zu sein („not having been there“, Heaton 2004, 60), die Interviews nicht selbst geführt und erlebt zu haben, drücken Befragte beispielsweise als fehlende Erlebnisgrundlage für das „Gefühl zu dem Material“ (Int.33) aus:


„Wenn Sie denn qualitativ forschen, dann spielt natürlich, es ist schwer zu sagen, aber es spielt natürlich das eigene Erheben mit ’ne Rolle. Ich, ich kenn’ die Person natürlich nicht, aber ich kenn’ die Situation. Wenn Sie dann zwanzig Interviews gemacht haben, dann haben Sie sozusagen insgesamt auch ein Gefühl und das kann man nicht transportieren sondern das haben Sie, weil Sie selber die Daten erhoben haben. Aber das, glaube ich, kann man nicht weitergeben. Das funktioniert glaube ich nicht.“ (Int.33)


Die Forschenden fassen den relevanten Kontext dabei unterschiedlich. Einige – wie beispielsweise der zuletzt zitierte Befragte – betonen ein Kontextverständnis, welches sich eher auf das Projektmaterial insgesamt bezieht. In diesem Verständnis spiegelt sich in den einzelnen Interviews ein projektspezifischer Erhebungskontext wider, sodass es nicht auf das Erleben jedes einzelnen Interviews ankommt, sondern über das Erleben einiger Interviews eine Art projekttypische Erhebungssituation vermittelt wird. Andere befragte Forschende wiederum verstehen unter relevantem Kontext einen, der sich enger auf das einzelne – also individuelle – Interview bezieht. In beiden Fällen steht jedoch das persönliche Erleben der Interviews im Vordergrund. Doch wodurch im Interview wird der relevante Kontext vermittelt, bzw. was macht das „Gefühl für die Daten“ aus? 

Interview als soziale Situation

In näherer Betrachtung der Befürchtungen oder auch der Anforderungen hinsichtlich der (De-) Kontextualisierung fällt auf, dass das Forschungsinstrument Interview als soziale Situation (bzw. "soziales Arrangement", Mey 2000) betrachtet wird, die als Entstehungskontext der Daten über die Erinnerung und Reflexion des Forschers oder der Forscherin in die Auswertung einfließt. Oder wie eine Befragte den selbst erfahrenen Unterschied zwischen einer Sekundäranalyse fremder Daten – hier der Interviewtranskripte11 – und der Analyse eigens erhobener Daten formuliert:    


„Also gerade als Element von qualitativer Forschung finde ich das auch spannend, die Interviewsituation wirklich selbst zu erleben und dann anhand der Transkripte, die man hat oder anhand der Notizen, die man sich macht, das dann noch mal nachzuverfolgen, sich in Erinnerung zu rufen, eben gerade bei der Auswertung zu wissen, wie hat die Stimme geklungen, […], was war da so ein Ausdruck, für ein Stimmfall, was für Pausen hat es vielleicht gegeben, wie war die Mimik, das sind eben alles so Sachen, die man dann schon verliert, das ist klar.“ (Int.32)


Festzuhalten bleibt, dass die Interviewsituation durch das soziale Element, die intersubjektive und interaktive Beziehung zwischen interviewender und interviewter Person, mitkonstituiert wird. Und dieses soziale Element fehlt in der Analyse nicht selbst erhobener Daten. Wie diese Befragte im Fortgang formuliert, muss dieses Fehlen an Kontextinformationen aus „erster Hand“ jedoch kein ausschließliches Problem von Sekundäranalysen sein, da es durchaus häufiger in der Forschungspraxis vorkommt, dass nicht jedes Interview von der Person im Forschungsteam ausgewertet wird, die das Interview führte.12 

(Intersubjektive) Nachvollziehbarkeit des Kontextes

Hinsichtlich der Sekundäranalyse lassen sich in den Erfahrungen der Befragten zwei Umgangsweisen mit dieser Problematik finden: In dem zuletzt angesprochenen Fall wurden über Rücksprachen mit dem Primärforscher, der die Interviews durchgeführt hatte, entsprechende Metainformationen zu den Interviews erfragt. In einem zweiten Fall konnte der Sekundärforscher, der keinen persönlichen Kontakt zu der Datenerheberin des originären Projekts hatte, über eine schriftlich festgehaltene Dokumentation eine Kontextualisierung erhalten, die er als hilfreich empfand:


„Diese Sachen, die man so wahrnimmt als Interviewer auch an sich sicherlich subjektiv sind, aber die waren hier festgehalten und haben einfach ein bisschen – waren für mich ’ne Hilfe, mich ’reinzuversetzen auch in dieses Gespräch, das da stattgefunden hat.“ (Int.20)


Diese Notizen enthielten Informationen über die gesamte Interviewsituation und ihre Rahmenbedingungen (z.B. Kommunikation im Vorfeld, Ort und Wohnverhältnisse) sowie die Eindrücke des Interviewenden bezüglich Interviewatmosphäre und Interviewpartner/in13.

Ferner, und ungeachtet der Bedeutsamkeit von Metainformationen zum Interview, ist ein elementares (und erstes) Mittel, um den Kontext nachzuvollziehen, das Interviewtrankskript selbst. Die Ergebnisse der Befragungen geben Hinweise darauf, dass die Sekundäranalyse auch hier spezielle Anforderungen an die Daten stellt. Diese Anforderungen rekurrieren zum Teil auf Schwierigkeiten im Umgang mit nicht optimalen Interviewtranskripten, von denen Befragte berichten. So nutzte beispielsweise eine Befragte (Int.35) Interviews, die sehr unterschiedlich, oft ungenau und lückenhaft transkribiert waren. Sie empfand es als Mangel, nicht zu wissen, wie die Interviews geführt worden waren und was ausgelassen wurde. In einem anderen Fall (Int.9), in dem es schließlich gar nicht zur Sekundäranalyse der vorliegenden Transkripte kam, gab es die Schwierigkeit herauszufinden, „wer was gesagt hat“ (ebd.) (in der Gruppendiskussion!). Die Sekundäranalyse formuliert also gegenüber der bislang üblichen Forschungspraxis einen höheren Anspruch an Genauigkeit und Vollständigkeit von Transkriptionen. 

Zwischenfazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass auf der einen Seite die Kontextsensitivität qualitativer Daten als Einwand gegen die Sekundäranalyse qualitativer Daten vorgetragen wird. Auf der anderen Seite wird insbesondere auf dem Hintergrund praktischer sekundäranalytischer Erfahrungen die Gefahr der Dekontextualisierung jedoch weniger als unlösbares Problem verstanden, sondern es werden konstruktiv Lösungsvorschläge formuliert. In letzterem Sinne erhält die Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses, der Daten und ihres Entstehungskontextes für die Sekundäranalyse eine zentrale Bedeutung. Um diese Nachvollziehbarkeit herzustellen, gilt es auf die entsprechende Qualität von Transkription und Dokumentation zu achten. Dabei spielt es eine besondere Rolle, das Interview als soziale Situation zu erfassen.

3.3 Datenschutz und Forschungsethik

Im Zusammenhang der Sekundäranalyse von qualitativen Daten sind die datenschutzrechtlichen und forschungsethischen Aspekte nicht weniger relevant als die erläuterten methodologischen.

Über 80 Prozent der Befragten äußerten in der schriftlichen Befragung ihre grundsätzliche Bereitschaft, Interviewdaten aus zukünftigen Projekten für eine Nutzung durch Dritte bereitzustellen, doch knüpft die Mehrzahl dies an Bedingungen. Als häufigste Bedingung wurde die Wahrung von Anonymität und Datenschutz genannt. Auch viele derjenigen, die eine Weitergabe ihrer Daten ablehnten, führten genau diese Punkte zur Begründung an.

Die rechtliche Seite sieht für die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung personenbezogener Daten im Wesentlichen zwei Prinzipien vor: die informierte Einwilligung sowie die Anonymisierung (BDSG 1990, §4 und §40). Für die qualitative Forschung bedeutet dies zum einen, dass die Teilnahme an einer Untersuchung freiwillig und auf Grundlage einer Information über den Zweck und die Nutzung der Erhebung erfolgen sollte (Ethik-Kodex 1992; Hopf 2005). Die in qualitativen Interviews enthaltenen personenbezogenen Daten gelten dem (deutschen) Bundesdatenschutzgesetz zufolge als (faktisch) anonymisiert, wenn "die Einzelangaben über persönliche oder sachliche Verhältnisse nicht mehr oder nur mit einem unverhältnismäßig großen Aufwand an Zeit, Kosten und Arbeitskraft einer bestimmten oder bestimmbaren natürlichen Person zugeordnet werden können" (BDSG §3 Abs. 6). Auch wenn die Einhaltung dieser datenschutzrechtlichen Bestimmungen bereits für die Erhebung gilt, gibt es dennoch eine forschungsethische Debatte, wenn es darum geht, die vertraulich erhobenen Daten „in fremde Hände“ zu geben.  

An dieser Stelle soll (und kann) es nicht darum gehen, rechtliche bzw. juristische Probleme aufzuzeigen und zu klären. Die mündliche Befragung der Machbarkeitsstudie bietet stattdessen das Potenzial, den forschungsethischen Bedenken näher nachzugehen, d.h. den Problemen, die die befragten Forschenden – aus ihrer Perspektive als qualitative Forscherin bzw. Forscher – in Bezug auf den Schutz "ihrer" Forschungssubjekte sehen und gelöst haben wollen.

Vertrauensbeziehung zum Forschungssubjekt

Bedenken forschungsethischer Art haben ihren Ausgangspunkt in einer spezifischen Wahrnehmung der Beziehung zwischen Forscher/in und Forschungssubjekt. In der qualitativen Forschung erhält die Person des Forschers oder der Forscherin eine besondere Bedeutung dadurch, dass er/sie sich ins Feld begibt und selbst zum Instrument der Erhebung wird. Der Zugang zu den Informationen wird in den Interaktionsprozessen zwischen Forscher/in und Beteiligten ausgehandelt. Der Forscher betritt das Feld als „professioneller Fremder“, versucht sich im Interview aber von dieser Position zu befreien – sprich eine vertrauliche Beziehung aufzubauen –, um Zugang zur Innenperspektive des Forschungssubjekts zu erlangen (Flick 1999, Kap.6).

Durch die persönliche, u.U. sogar emotionale (vgl. auch Richardson & Godfrey 2003) Beziehung, die sich so im Verlauf eines Interviews aufbaue, fühlen sich Forscher/innen den Interviewten gegenüber verantwortlich. Mit einer institutionalisierten Weitergabe von Daten für die Sekundäranalyse befürchten einige der befragten Forscher/innen, dass das „Verhältnis zwischen Interviewer und Interviewtem, dass es was formaleres kriegt, und es nicht mehr so ein Vertrauensverhältnis ist“ (Int.8).  

Aufbauend auf der Annahme, dass die Vertrauensbeziehung und die datenschutzrechtlich gegebenen Zusagen also die Grundlagen einer (erfolgreichen) Erhebung sind, würde die Nutzung durch einen außen stehenden Dritten einen Vertrauensbruch bedeuten und die Erhebungsgrundlage in Frage stellen. Als praktische Konsequenz könnte dies zudem unerwünschte Auswirkungen auf die Interviewbereitschaft nachziehen, wie folgender Befragter erläutert: 


„Also es wird immer gesagt, man wollte eine Atmosphäre des Vertrauens aufbauen, […] aber das Vertrauen, das ist auch was, was eine Gültigkeit hat […]. Also nicht nur deshalb, weil man sich damit ein Feld vergiften würde, wenn sich 'rumspricht, dass welche Nachteile dadurch erfahren haben, dass sie interviewt wurden, zum Beispiel.“ (Int.2)

Befürchtete Missbrauchsrisiken

In den Darlegungen der befragten Forscher/innen findet sich kein Beispiel für einen tatsächlich eingetreten Fall einer Beeinträchtigung oder Schädigung, die einem Interviewten aus einem Interview oder einer Sekundäranalyse des Interviews erwachsen ist. Jedoch werden von befragten Forscherinnen und Forschern Risiken ausgemacht, die sich zum einen innerhalb der wissenschaftlichen Nutzung verorten lassen, zum anderen außerhalb der Wissenschaftssphäre gesehen werden.

So wird etwa die (gezielte) Verunglimpfung von untersuchten Personen oder Gruppen typischerweise durch außerwissenschaftliche Institutionen, wie z.B. den Medien, vermutet:


„Solange jetzt Schulforscher die Daten benutzen, hätte ich kein Problem, aber was wäre, wenn jetzt irgendwie die Satire-Zeitschrift XY das wäre […]. Stellen Sie sich vor, Sie machen Beobachtungen im Krankenhausalltag, oder Kita […], oder beschreiben Sie in diesen Beobachtungen, Beobachtungsprotokollen, wie Erzieher in der Kirche gucken, dass sie sich zurückziehen und quasseln und was die Kinder dann machen und so, das kann ja benutzt werden, um den ganzen Berufsstand zu verunglimpfen, und nicht mehr für erziehungswissenschaftliche Forschung.“ (Int.10)


Innerhalb der wissenschaftlichen Nutzung dagegen wird kein Interesse an einer derart gezielten Verunglimpfung von Forschungssubjekten oder der gezielten Offenlegung personenbezogener Daten ausgemacht.14 Ein Risiko des unethischen Gebrauchs wird vielmehr darin gesehen, dass Daten für brisante Forschungsfragen genutzt werden könnten, für die keine Einwilligung gegeben wurde:   

 
„[…] wenn jemand mal einen Ost-West-Vergleich machen will, kriegt er vom Sampling her natürlich eine enorme Breite. Dafür ist das Material wunderbar zu nutzen und da hätte ich zum Beispiel auch überhaupt kein Problem, […] weil ich auch, wie ich mein Sampling kenne, weiß, die hätten damit kein Problem. Aber wenn's dann wie gesagt jemand nimmt, um sexuellen Missbrauch zu analysieren, dann hätten die ein Problem damit […]. Es muss nicht hundertprozentig jetzt der Auswertungszweck sein, zu dem es erhoben worden ist, aber es muss einer sein, von dem ich annehme, es wäre okay für die Interviewpartner.“ (Int.5)


Diese besondere Brisanz der Datenschutzproblematik wird dabei eher auf die Weitergabe von Interviews bezogen, bei denen die persönliche Lebensgeschichte der Befragten im Mittelpunkt steht und die daher sensible Daten zur befragten Person enthalten (können). In diesem Sinne wird dagegen die Sekundärnutzung von Experteninterviews, soweit sie sich auf Aussagen über Funktionsträger in Organisationen beschränken, als weitaus weniger problematisch eingeschätzt. Andererseits gilt bei Experteninterviews die mögliche Wiedererkennbarkeit einzelner Interviewpartner zu bedenken, wenn die Interviews sich auf kleine Befragtengruppen und eingeengte Untersuchungsfelder beziehen (Int.1). Dies führt zu der Frage der Anonymisierung oder Anonymisierbarkeit qualitativer Interviews.

Anonymisierung

Die Vorstellungen über notwendige Schritte zur Gewährleistung eines forschungsethisch korrekten Umgangs machen deutlich, dass die Anonymisierung biografischer Interviewtexte als notwendiger Schritt betrachtet wird. Aufgrund der darin enthaltenen Reichhaltigkeit an vielen persönlichen Details zu den Lebensgeschichten und dem persönlichen Umfeld der Untersuchungspersonen stellt sich qualitativen Forschenden jedoch die Frage, wie eine geeignete Anonymisierung überhaupt gestaltet werden kann. Erschwerend kommt hinzu, dass Lösungen der Datenschutzproblematik den Befund berücksichtigen müssen, dass Wissenschaftler/innen auf der einen Seite als Datengeber/innen Verletzungen von Datenschutzregeln durch Sekundärnutzer/innen befürchten, auf der anderen Seite als Datennutzer/innen aber sehr viel Wert auf hochsensible Originaldaten und umfangreiche Kontextinformationen über die Interviews als Voraussetzung für Sekundäranalysen legen (vgl. Abschnitt 3.2).

In der bisherigen Forschungspraxis kommen ganz unterschiedliche Anonymisierungsstrategien zur Anwendung: Zum Teil werden personenbezogene Informationen über die Befragten gelöscht/„geschwärzt“, Pseudonyme vergeben oder Daten im Sinne der „Legung falscher Fährten“ verändert. Eine sekundäranalytische Erfahrung eines Befragten zeigt, dass insbesondere diese letzte Form der Anonymisierung, personenbezogener Daten in Interviewtranskripten gezielt zu verfremden, ungeeignet scheint für Sekundäranalysen, in denen sozialstrukturelle Daten von großer Bedeutung sind (z.B. explorative Feldstudien):


„Der Punkt, der sich dann im Laufe der Zeit herausstellte, war aber, dass die Zurverfügungstellung des Materials schon erste Anonymisierungsschritte unternommen hatten [….]. Die verschrifteten Daten [wurden] so verfremdet, dass dann Kontextvariablen entstanden, die für meine Begriffe nicht mehr nachvollziehbar waren. Das heißt, das wurde dann so toll anonymisiert, dass es Sinn verzerrend war.“ (Int. 15)

Zwischenfazit

Der Anspruch auf einen besonders vertraulichen Umgang mit den Daten hängt zum einen mit der Natur qualitativer Interviewdaten zusammen, weil sie in der Regel einen Reichtum an persönlichen Details aus dem Leben der untersuchten Personen enthalten. Zum anderen begründet die besondere Sicht des/der qualitativen Forschers/Forscherin auf die Beziehung zum Forschungssubjekt den hohen Anspruch auf Vertraulichkeit.

Aus den Befürchtungen forschungsethischer Art ließe sich erstens folgern, dass die Etablierung eines Data Sharing wissenschaftlicher Interviewdaten die potenzielle Bedienung außerwissenschaftlicher Interessen und Einrichtungen mit qualitativen wohlmöglich personenbezogenen Daten auszuschließen hat. In Bezug auf wissenschaftliche Sekundäranalysen laufen die forschungsethischen Bedenken im Wesentlichen darauf hinaus, dass Interviewdaten nicht für brisante, das Einverständnis der Forschungssubjekte nicht umfassende Themen genutzt werden. Darüber hinaus sollten Anonymisierungsstrategien gefunden und angewendet werden, die die Relevanz von Kontextinformationen für die Analyse mitberücksichtigen.

3.4 Noch ein forschungsethischer Aspekt?: Karriere und Konkurrenz in der Wissenschaft 

Nicht erst seit des staatlich forcierten „verschärften Wettbewerbs um ökonomisches Forschungskapital“ (Reichertz 2007) herrscht (auch) in der Sphäre der Wissenschaft und Forschung Konkurrenz. Die Schwierigkeit bei dieser Thematik besteht darin, dass sie zu gern unerwähnt bleibt oder nur unterschwellig mitschwingt. Entsprechend nimmt sie in den Ergebnissen der schriftlichen Befragung der Machbarkeitsstudie in explizit geäußerter Form einen quantitativ geringen Stellenwert ein. Äußerst selten findet sich in den offen gestellten Fragen der Fragebögen eine Äußerung wie im folgenden Zitat, welches eine Befragte als Bedingung für die zukünftige Bereitstellung ihrer Daten angab:


„Wenn ich sicher sein könnte, dass nicht andere aus meiner Arbeit Lorbeeren beziehen (klingt egoistisch, ist aber leider heute nicht unwichtig).“ (Fb.22)


Die mündliche Befragung zeigt umso deutlicher, dass mit einer Datenbereitstellung verschiedene Befürchtungen des „Missbrauchs“ der eigenen Daten durch (konkurrierende) Dritte verbunden werden, die ein Bedürfnis nach Beibehaltung der Kontrolle über die Weiterverwendung der eigenen Daten begründen als auch zur prinzipiellen Ablehnung der Ermöglichung von Sekundäranalysen führen können.

Ertrag für die eigene Karriere

Ein Aspekt dieser Einwände bildet – wie in dem letzten Zitat bereits angesprochen – die Thematik des ausschließlichen Ertrags für die eigene Karriere. Data Sharing wird in diesem Sinne unter dem Aspekt betrachtet, inwiefern der eigene Aufwand der Datenerhebung entsprechend die eigene wissenschaftliche Reputation und Laufbahn befördert, und nicht dazu führt, dass wohlmöglich die Konkurrenz aus der Nutzung der eigenen Daten einseitig Erfolg erntet. Dennoch gibt es auf der anderen Seite auch Äußerungen, die deutlich machen, dass eine gegenseitige Datennutzung auf informellen Wegen innerhalb eines Kollegenkreises durchaus erwünscht ist. Derlei Beziehungen werden von den Befragten als Vertrauensbeziehungen charakterisiert, in denen der gegenseitige Austausch und Ertrag betont wird; im Unterschied zu einer formelleren Datenbereitstellung, die als eher einseitig assoziiert wird: 


„Ja das hängt sicher an den Personen auch, dass es nur Personen sind, mit denen ich auch einen persönlichen Kontakt hab. Also, wo auch ein gewisses Vertrauensverhältnis besteht, wo das auch so ein Geben und Nehmen ist. Also das ist kein einseitiges Verhältnis bei mir.“ (Int.9)


Eine Vertrauensbeziehung unterstellt, kann aber auch unabhängig von einem gegenseitigen (Daten-) Austausch, eine Sekundäranalyse der eigenen Daten durch Dritte als Ertrag empfunden werden. Der Sachverhalt, dass andere Wissenschaftler/innen sich den eigenen Daten widmen und diese einer erneuten Analyse unterziehen, verleiht auch der eigenen Arbeit Anerkennung, Aufwertung und eventuell größere Bekanntheit in der Scientific Community. In diesem Sinne berichtet die Befragte aus Interview 32 von ihren Erfahrungen mit dem Primärforscher:


„Ich glaube, er hatte eher den Eindruck, dass seine eigene Arbeit dadurch noch mal einen höheren Stellenwert bekommt, dass wir sagen: Das finden wir so spannend, was du gemacht hast, da wollen wir noch mal genauer nachschauen und tiefer ’reinschauen.“ (Int.32)

Infragestellung der eigenen Forschung

Das Bedürfnis nach Beibehaltung der Kontrolle über die eigenen Daten kann auch in einer Unsicherheit begründet sein, die eigenen Daten einem (über-) kritischen Blick von Fachkollegen auszusetzen.15 Ein wesentliches Motiv stellt dabei die mögliche Infragestellung der eigenen Forschung durch Kritik der methodischen Vorgehensweise der Erhebung, Aufdeckung von Fehlern etwa bei der Interviewführung und insbesondere durch Kritik an vermeintlich empirisch nicht belegbaren Ergebnissen dar. Die Bedenken verweisen auf Konkurrenzerfahrungen der Befragten sowohl im Wissenschaftsbetrieb insgesamt als auch innerhalb von Forschungsteams selbst. So wird beispielsweise von Konflikten hinsichtlich der Gültigkeit von Forschungsergebnissen berichtet, die innerhalb der Forschungszusammenhänge der Primärstudie – etwa in Kooperationen, Forschungsgruppen innerhalb eines Instituts oder innerhalb eines Projekts, in dem Auswertung und Erhebung (teilweise) personell getrennt sind – auftraten. Der Befragte aus Interview 15, der erst nach der Erhebungsphase zum Projektteam dazu stieß, erfuhr derlei Differenzen:


„Der Punkt ist, das Paradeinterview, Familie B, da waren wir uns unglaublich einer Meinung. Und bei einigen anderen Familien differierten meine Einschätzungen mit denen des Restteams an einigen Punkten schon erheblich.“ (Int.15)


Die Befürchtungen der Befragten von Konflikten hinsichtlich unterschiedlicher Interpretationsweisen oder des Aufdeckens vermeintlicher Fehler erschöpfen sich jedoch nicht in dem bloßen Umstand der Konkurrenz. 

Angesichts der Vielfalt qualitativer Ansätze und der mangelnden Standards in diesem weiten Methodenfeld, kann eigentlich kaum von einer qualitativen Forschung gesprochen werden (vgl. Reichertz 2007; Hitzler 2007; Mey & Mruck 2007; Mruck & Mey 2007, Hollstein & Ullrich 2003; Lüders 2005; speziell für Psychologie siehe auch das Heft 2/2007 des Journal für Psychologie Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterhttp://www.journal-fuer-psychologie.de/jfp-2-2007.html). Eine Wissenschaftssphäre unterstellt, in der Wissenschaftler/innen eine hohe Konkurrenz erfahren, wird diese Vielfalt und methodologische Unbestimmtheit u.U. zu einem verschärfenden Mittel der Konkurrenz, – wie der Befragte in folgendem Zitat zum Ausdruck bringt:


„Im Qualitativen ist man eigentlich immer anfechtbarer als im Quantitativen, wenn man sich dort professioneller Hilfe bedient hat. Also da kann leicht ein Geschmäckle aufkommen. […] Es ist […] ein ziemlich hartleibiger Betrieb und ich weiß es nicht, ob ich es gerne hätte, wenn also bestimmte Leute da mit meinen qualitativen Daten ’rumfummeln würden, die für mich perfekt sind oder fast perfekt, aber andere eben andere Maßstäbe anlegen [….]. Und die Maßstäbe im Qualitativen- im Quantitativen sind die klar, im Qualitativen sind die nicht klar, überhaupt nicht.“ (Int.6)


Individuen, die sich institutionellen Zwängen ausgesetzt sehen, entwickeln zwei unterschiedliche Varianten der Umgangsweise mit antizipierten oder erfahrenen Konflikten. Während die einen die Sekundäranalyse eher ablehnen, streben andere dennoch nach Kooperation und setzen differierende Analyseergebnisse konstruktiv um. Entsprechend dieser zweiten Variante wurde auch mit den in Int.15 geschilderten Interpretationsdifferenzen im Team umgegangen: 


„Durch eine relativ gute Datendokumentation oder auch beziehungsweise dadurch, dass das innerhalb des Projektes ja sauber gehandhabt wurde, konnt’ man dann immer noch sagen, an der und der Stelle, […] man konnte sehr genau den Finger auf die Wunde legen und sagen, hier vermut’ ich irgendwas, schau es bitte auch noch mal an und wenn wir das im Kontext zur ersten Welle sehen. Und also da ließen sich sehr schnell Bezugs- und Diskussionspunkte herstellen.“ (Int.15)

Zwischenfazit

Die Befunde zeigen, dass in der Debatte um die Sekundäranalyse qualitativer Daten auch Karriere orientierte Eigeninteressen und Konkurrenzüberlegen eine Rolle spielen. Zum einen vermissen einzelne Forscherinnen/Forscher einen persönlichen Nutzen davon, anderen Daten für eine Sekundäranalyse bereitzustellen. Zum anderen wird mit der Sekundäranalyse der eigenen Daten durch Dritte die potenzielle Infragestellung der eigenen Forschung assoziiert. 

Demgegenüber zeigen Erfahrungen mit Sekundäranalysen, dass Primärforscher/innen die Sekundäranalyse ihrer Daten durch Dritte durchaus als Ertrag für die eigene Wissenschaftskarriere wahrnehmen können. Darüber hinaus zeigen sie, dass unter den Voraussetzungen eines offenen und konstruktiven Umgangs auch divergierende Interpretationen konstruktiv umgesetzt werden können.

4. Fazit

Die Sekundäranalyse qualitativer Daten bietet neue Potenziale für die qualitative Sozialforschung, doch sind diese bislang in der deutschen Forschungs- und Wissenschaftsgemeinschaft weitgehend unerkannt und unausgeschöpft. Die Analyse der Befragung qualitativ forschender Wissenschaftler/innen zeigt, dass mit dieser neuen, unvertrauten Forschungsstrategie einige methodologische und forschungsethische Besonderheiten verbunden sind, die Probleme oder Fragen für die Diskussion über die Sekundäranalyse aufwerfen.

So stellt die Spezifität von (qualitativer) Forschung die Frage, inwiefern die Sekundäranalyse überhaupt einen sinnvollen Erkenntniszuwachs gegenüber der Primärforschung hervorbringen kann. Mit der Kontextgebundenheit qualitativer Forschung wird wiederum die Machbarkeit der Sekundäranalyse in Frage gestellt. Die Befragungsergebnisse zeigen aber auch, dass diese Probleme keine prinzipiellen, d.h. unlösbaren Einwände gegen die Sekundäranalyse darstellen müssen. Erfahrungen mit Sekundäranalysen geben Hinweise auf durchaus positive Nutzungspotenziale der qualitativen Sekundäranalyse und zeigen Lösungsansätze für alternative Formen der Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses, der Daten und ihres Entstehungskontextes auf.  
Der forschungsethische Aspekt hat zum einen die Besonderheit qualitativer Daten, mit ihrer Reichhaltigkeit an persönlichen und sensiblen Details aus dem Leben der Untersuchten zu berücksichtigen. Zum anderen tangiert er auch eine methodologische Seite, da die Beziehung zum Forschungssubjekt aus der Perspektive qualitativer Forscher/innen als Vertrauensbeziehung betrachtet wird und die Vertraulichkeit gegenüber dem Forschungssubjekt als eine weitgreifende ethische Grundbedingung der Datenerhebung stilisiert wird. Aus dem Anspruch, das Vertrauen des Gegenübers nicht zu gefährden, ergibt sich für die Sekundäranalyse m.E. die Notwendigkeit, neue Wege der Vertraulichkeitszusagen zu finden, die die informierte Einwilligung des Forschungssubjekts in weitere wissenschaftliche Nutzungen berücksichtigen. Auch für die – schon aus rechtlicher Sicht gebotene – Anonymisierung von Interviewtranskripten gilt es Lösungen zu finden, die einen Schutz für die involvierten Personen gewähren und gleichzeitig aber das Risiko der Dekontextualisierung der Daten minimieren.  

Einige der in diesem Beitrag zunächst bloß aufgezeigten kritischen Aspekte bedürfen einer systematischen und konzeptionellen Klärung – auch anhand von exemplarisch durchgeführten und methodologisch reflektierten Sekundäranalyen. Andere Probleme wiederum hängen vielleicht weniger an einer wissenschaftlichen Befassung als vielmehr an der Bereitschaft der qualitativen Forschungsgemeinschaft, Sekundäranalysen ihrer Daten zuzulassen und sich damit auch ein stückweit angreifbarer zu machen.

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Endnoten

1 Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterhttp://www.lebenslaufarchiv.uni-bremen.de

2 Erstes systematisches Aufgreifen der Methode in Deutschland: Corti, Witzel & Bishop (2005); erster Workshop “Sekundäranalyse qualitativer Daten” (A. Witzel und I. Medjedovic): 2. Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung, 14./15. Juli 2006.

3 "Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewdaten – eine Machbarkeitsstudie" (Laufzeit: 2003-2005); durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Gemeinschaftsprojekt des Archivs für Lebenslaufforschung an der Universität Bremen und des Zentralarchivs für Empirische Sozialforschung an der Universität zu Köln. Projektteam: Prof. Karl F. Schumann, Dr. Andreas Witzel, Irena Medjedovic, Diane Opitz und Britta Stiefel (Bremen) sowie Prof. Wolfgang Jagodzinski, Dr. Ekkehard Mochmann und Reiner Mauer (Köln).

4 Knapp zwei Drittel der Befragten können sich vorstellen, in der Zukunft qualitative Daten sekundär zu nutzen und beinahe 80 Prozent der Befragten befürworten den Archivaufbau (Opitz & Mauer 2005, Abs. 42-44).

5 Überlegungen zu einem innovativen Modell für die Archivierung qualitativer Daten in Deutschland finden sich in Medjedovic und Witzel (2008) und Witzel und Mauer (2007).

6 Die Reichhaltigkeit der Expert/inneninterviews macht eine weitere und tiefer gehende Auswertung erforderlich, die die Autorin im Rahmen ihrer Dissertation vornehmen wird. 

7 Vergleichbarkeit hinsichtlich „populations, 2. situational dynamics, 3. problems under study, 4. variables or concepts, and 5. past findings with present hypotheses“ (Glaser 1962, 71).

8 Auch in der Literatur gibt es diesbezügliche Hinweise: Hinds et al. (1997) berichten von einer gescheiterten Sekundäranalyse, in der versucht wurde, ein theoretisches Modell an die Daten anzulegen; im Unterschied etwa zu Analysemethoden, die Grounded Theory-Techniken nutzten – wie in der zweiten Sekundäranalyse, die Hinds et al. schildern, sowie auch bei Szabo und Strang (1997).     

9 Reichertz (2007) hingegen attestiert der qualitativen Sozialforschung angesichts der wiederum vielfältigen und auseinander fallenden Gebrauchsweisen von „Sinn“ und „Rekonstruktion“ weniger (konstitutive) Gemeinsamkeit (ebd., 3).

10 Kontext ist demnach zentraler Bestandteil qualitativer Untersuchungen und insbesondere in der Soziologie von zentralem Erkenntnisinteresse, wie etwa Holstein und Gubrium (2004) formulieren: „Broadly speaking, sociology itself is dedicated to understanding the myriad effects of social context on lived experience.“ (297)

11 Die Befragungen der Machbarkeitsstudie zeigen u.a., dass qualitative Forschung, sofern sie ihre Daten per Interview erhebt, überwiegend eine Textwissenschaft ist und die Analysearbeit überwiegend an den Transkripten passiert. Darüber hinaus stellen Originaldaten – in Audio- oder Videoformat – höhere Datenschutzprobleme dar.

12 Im Gegenzug lässt sich wiederum auch nicht schließen, dass die Gefahr der Dekontextualisierung ein per se mit der Analyse fremder Daten verbundenes Problem sei: Erinnerung muss nicht zuverlässig sein und schwindet mit der Zeit, ebenso wie die intellektuelle und emotionale Verstrickung (Mauthner, Parry & Backett-Milburn 1998). In Verbindung mit einer unzureichenden Dokumentation bzw. dem fehlenden Festhalten der Kontextinformationen können auch eigene Daten „fremd werden“. So verwundert es dann nicht, dass die in der schriftlichen Befragung berichteten Schwierigkeiten mit der Nachvollziehbarkeit und Kontextualisierung der Daten auch bei Sekundäranalysen eigener Daten auftraten.

13 Eine derartige schriftliche Dokumentation sieht z.B. das Interviewverfahren des problemzentrierten Interviews in Form der Postskripte vor (Witzel 2000).

14 Wie die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie zeigen, sind sich Wissenschaftler/innen im Gegenteil ihrer Verantwortung gegenüber den Forschungssubjekten äußerst bewusst.

15 Corti (2000) beschreibt dieses Moment („Vulnerability: Fear of Exposure“, Abs. 25) als eine der Entwicklung von qualitativen Archiven entgegenstehenden Hürde.  

 


Dipl.-Psych. Irena Medjedovic
Universität Bremen
Graduate School of Social Sciences (GSSS)
Archiv für Lebenslaufforschung
Wiener Straße/FVG
Postfach 330 440
D-28334 Bremen
E-Mail: Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-Mailirenam@bitte-keinen-spam-gsss.uni-bremen.de

Irena Medjedovic ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Archiv für Lebenslaufforschung der Graduate School of Social Sciences der Universität Bremen und ist am Aufbau eines Archivs für qualitative Interviewdaten beteiligt. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Methodologie der qualitativen Sekundäranalyse sowie Fragen der Archivierung qualitativer Daten.

Manuskriptendfassung eingegangen am 13. Dezember 2007


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