Worte schaffen Soziales: Wie Sprache Gesellschaft verändert

Worte schaffen Soziales: Wie Sprache Gesellschaft verändert

Anna-Lisa Müller

Zusammenfassung

Dieser Beitrag nimmt das Potential der Sprache zur Veränderung sozialer Strukturen und Verhältnisse in den Blick. Ich rekonstruiere Judith Butlers Konzept der Performativität der Sprache und stelle darauf aufbauend aktuelle Beispiele vor, die zeigen, welche Kraft Sprache entfalten kann und was es gesellschaftlich bedeutet, wenn Menschen sich der Sprache bedienen und die sie umgebende Welt mithilfe der Sprache aktiv gestalten. Ich zeige, wie Butler unter zuhilfenahme von Louis Althussers Modell der Anrufung (interpellation), John L. Austins Theorie der performativen Sprechakte und Jacques Derridas Konzepten der Iterierbarkeit, der différance und des Ereignisses ein eigenes Modell von Sprache und Gesellschaft entwickelt. Es wird deutlich, wie sie damit sowohl Stabilität als auch Dynamik als die Gesellschaft charakterisierende Merkmale konzeptionell fasst.

Sprache ist das konstitutive Element sowohl für Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse als auch die (temporäre) Stabilisierung dieser Verhältnisse und wird als aktives Mittel verstanden, Transformationen und Stabilisierungen des Sozialen zu vollziehen. Ihr wohnt ein genuin emanzipatorisches und kritisches Potential inne, das mit Butlers Konzept der Performativität theoretisch gefasst werden kann.

Schüsselwörter: Performativität, Anrufung, Diskurs, Umdeutung, Judith Butler, Iteration, Dekonstruktion

Summary

This paper looks at the potential of language to change social structures and conditions. I reconstruct Judith Butler’s concept of a language’s performativity and present recent examples which show the inherent potential of language and its effects on a society if people use their language in specific ways and therewith actively shape their social surroundings. I demonstrate how Butler uses Louis Althusser’s model of interpellation, John L. Austin’s theory of performative speech acts and Jacques Derridas concepts of iteration, différance and the event to formulate her own concept of language and society. It will become manifest that she can analytically include both stability and dynamics as characteristic elements of societies.

Language as the constitutive element both for changes of social conditions and for their (temporal) stabilization is understood as an active means for performing these transformations and stabilizations. Thus, a genuine emancipatory and critical potential which can be conceptualized with Butler’s concept of performativity is inherent in language.

Keywords: performativity, interpellation, discourse, reinterpretation, Judith Butler, itération, deconstruction

1. Einführende Worte

Gesellschaft und damit soziale Verhältnisse sind von einem Spannungsfeld geprägt, das maßgeblich durch das Zusammenspiel von Dynamik und Beharrung, von Veränderung und Stabilität entsteht. Sprache spielt dafür eine maßgebliche Rolle. Doch wie lässt sich die Bedeutung von Sprache für die Veränderung und Stabilisierung gesellschaftlicher Prozesse genau fassen? Und wie lässt sich in diesem Zusammenhang das kritische Potenzial der Sprache konzeptualisieren? Ich werde im Folgenden verschiedene theoretische Konzepte zusammenführen, um ein Modell zu entwerfen, wie das kritische Potenzial von Sprache als maßgeblich für gesellschaftliche Veränderungen gefasst werden kann. Dabei beziehe ich mich in erster Linie auf die Konzepte von Judith Butler, Louis Althusser, Jacques Derrida und John L. Austin. Diese Theoretiker nehmen alle die Frage nach der Bedeutung von Sprache für das Soziale in den Blick, unterschiedlich explizit und aus unterschiedlichen Perspektiven. Indem ich diese Perspektiven zusammenführe, werden die Möglichkeiten einer Kritik durch Sprache sichtbar, welche als ein zentraler Ansatzpunkt für gesellschaftliche Kritik selbst konzipiert wird. Letztendlich stelle ich damit auch die Frage nach der Gültigkeit des Marx’schen Verständnisses der Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse als grundlegender Bedingung für gesellschaftliche Ordnung und Herrschaft.

2. Gesellschaft: Stabilität und Veränderung als konzeptionelle Pfeiler

In der Frage, was eine Gesellschaft ausmacht, wie also Soziales charakterisiert werden kann, geht es immer auch um die Frage, welche Bedeutung der Stabilität und dem Wandel zugesprochen werden kann. Je nach Perspektive ergibt sich immer ein Dilemma: Diejenigen, die die Routinen und die Beharrungskraft gesellschaftlicher Strukturen betonen, stehen vor der Frage, wie sich Wandel ereignen kann. Diejenigen, die Dynamik und Wandelbarkeit als zentrale Merkmale des Sozialen hervorheben, stehen dagegen vor dem Problem, wie die sich offensichtlich ausprägenden Strukturen und Routinen einer Gesellschaft erklärt werden können. Eine dritte Gruppe derjenigen, die beides hervorzuheben versucht, muss gleichsam beide Probleme angehen: Wann und wie bilden sich Strukturen und Routinen heraus? Wann und wie setzt Wandel ein, und in welcher Beziehung steht beides zueinander? Gibt es spezifische Bedingungen, wann das eine das andere ablöst? Die Fragen werden bei einer solchen, auf Synthese bedachten Perspektive also nicht weniger – im Gegenteil. 2.1 Gesellschaft: Stabilität und Widerstand

Karl Marx hat in sehr prominenter Weise auf das Verhaftetsein der Einzelnen in die sie umgebenden gesellschaftlichen Verhältnisse aufmerksam gemacht. Nicht nur sind die Philosophen mit ihrem Denken – und damit auch mit ihrer Kritik – im materiellen Sein verhaftet und durch die gesellschaftlichen Bedingungen maßgeblich beeinflusst (daher will Marx Hegel ja auch vom Kopf auf die Füße stellen), jede/r Einzelne ist es. Befragt auf die Beziehung von Sein, Bewusstsein und Sprache lässt sich in der Deutschen Ideologie von Marx und Friedrich Engels Folgendes finden:

Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewußtseins ist zunächst unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr der Menschen (…). Die Sprache ist so alt wie das Bewußtsein – die Sprache ist das praktische, auch für andre Menschen existierende, also auch für mich selbst erst existierende wirkliche Bewußtsein, und die Sprache entsteht, wie das Bewußtsein, erst aus dem Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit andern Menschen. (Marx und Engels 1990, 26ff. [Hervorh.i.O.])

Bewusstsein und Sprache sind demnach unmittelbar gekoppelt an Sozialität, an die Interaktion von Menschen in spezifischen materiellen Kontexten. Anders formuliert: Gesellschaftliches Sein in einer je eigenen materiellen Umgebung erzeugt ein spezifisches Bewusstsein und eine spezifische Sprache.

In Das Kapital arbeitet Marx heraus, welche Rolle der Einzelne für die Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse einnimmt. Die Struktur der Gesellschaft wird stabil gehalten, indem die Verhältnisse über die Arbeitsverhältnisse reproduziert werden. Wie kann es in einer solchen Konzeption zu Wandel kommen, woher bekommt die Sprache ihre Kritikfähigkeit? Für Marx entstehen Veränderungen aus der Verschärfung gesellschaftlicher (Produktions-)Verhältnisse und schließlich aus dem Klassenkampf. Wenn in seiner Argumentation Sprache an die gesellschaftlichen und materiellen Verhältnisse gekoppelt ist, die den/die Einzelne/n umgeben, und sie erst aus diesen Verhältnissen entsteht, kann der Sprache konzeptionell kein Kritikpotential inhärent sein, das potentiell destabilisierend wirkt und damit selbst hervorbringend ist.

Eine interessante Perspektive auf Marx und über diesen hinausgehend entwirft Louis Althusser in seinem Text Ideologie und ideologische Staatsapparate (1977). Indem er, die Marx’sche Argumentation nachzeichnend, den Blick auf die Ideologie und die Institutionen lenkt, die zur Sicherung der gesellschaftlichen Ordnung nötig sind, öffnet sich der Blick hin zu einem sozialen Wandel, der als Möglichkeit dem System immanent sein kann. Althusser erweitert die Marx’sche Konzeption vom Staat als repressivem Staatsapparat und fügt die ideologischen Staatsapparate hinzu; damit fokussiert er die Bedeutung von Institutionen wie der Kirche, der Familie, Berufsverbänden, Kultur und Bildungsinstitutionen, die in erster Linie dem privaten Bereich angehören. Sie zählen insgesamt zu den Staatsapparaten, da sie, wie die Institutionen des repressiven Staatsapparats (Polizei, Verwaltung, Armee etc.), die hegemoniale Ideologie transportieren (Althusser 1977, 119ff.). Kommt dem repressiven Staatsapparat die Aufgabe zu, über seine Institutionen »im Ernstfall« (Althusser 1977, 119) und repressiv das Funktionieren des Staates zu sichern, sind die Institutionen des ideologischen Staatsapparats aus einem anderen Grund wichtig: Sie sind entscheidend für die Sicherung der gesellschaftlichen Ordnung, da sie das Bestehen der herrschenden Ideologie garantieren: Über die Familie werden bestimmte Werte und Rollenverständnisse weitergegeben, die Bildungseinrichtungen sorgen dafür, dass die nachgefragten Kompetenzen und bestimmte Wahrheiten vermittelt werden.[1] Bedeutsam für die Frage, die ich in diesem Beitrag stelle – wie kann es mithilfe von Sprache zu gesellschaftlichem Wandel kommen -, ist nun Althussers Feststellung, dass »die Ideologischen Staatsapparate vielfältig [sind], unterschieden, »relativ autonom« und in der Lage, ein objektives Feld für Widersprüche zu liefern« (Althusser 1977, 123 [Hervorh.i.O.]). Für die Staatsmacht ist es essentiell, auch die Hegemonie über diese Staatsapparate und damit über die Ideologie zu wahren bzw. zu erlangen, um ihr gesellschaftliches Überleben zu sichern. Zudem sind, so Althusser, sowohl die Beharrungseffekte als auch die Chancen für Widerständige, sich Gehör zu verschaffen, in diesen Institutionen am größten. Sie sind die Orte, an denen die Brüchigkeit von gesellschaftlicher Ordnung zutage tritt, aber auch die Orte, an denen Stabilität hergestellt wird. Veränderungen können also innerhalb dieses institutionellen Rahmens, nämlich innerhalb der ideologischen Staatsapparate, in Kraft treten. Das einzelne Subjekt bekommt in dieser Konzeption allerdings keine eigenständige Funktion zugesprochen.

Nun sind also gesellschaftliche Felder identifiziert, die Orte der Transformation und des Widerstands darstellen können.[2] Um den/die Einzelne/n und den Akt des Sprechens in den Blick zu bekommen, werde ich Althusser noch einen weiteren Schritt folgen und dann zu Judith Butlers Bezugnahme auf Althusser wechseln, um dem kritischen Potential von Sprache weiter auf die Spur zu kommen. 2.2 Das Subjekt und das Sprechen

Wie gelangt Althusser nun von der Makroebene der gesellschaftlichen Struktur zur Ebene des Einzelnen, zur Mikroebene? Er vollzieht eine argumentative Doppelbewegung, um beides in seiner Konzeption fassbar zu machen. Mit der Einführung des Subjekts als dem sich der Ideologie unterwerfenden Individuum konzipiert er den Träger der Ideologie; das Subjekt handelt in

[einer] Ideologie, die innerhalb eines materiellen ideologischen Apparates existiert, materielle Praxen vorschreibt, die durch ein materielles Ritual geregelt werden, wobei diese Praxen wiederum in den materiellen Handlungen eines Subjekts existieren, das mit vollem Bewußtsein seinem Glauben entsprechend handelt. (Althusser 1977, 139)

Ideologie, Praxis und Individuum werden über das Subjekt miteinander verknüpft, die Konzeption des Individuums als Subjekt ist der zentrale Schritt in dieser Argumentation. Das Individuum nimmt eine gesellschaftliche Position an und unterwirft sich damit der Ideologie, wird somit aber gleichzeitig auch Mitglied der Gesellschaft und bekommt eine Position zugewiesen – wie sich später zeigen wird, ist dies eine Voraussetzung für die Möglichkeit, zu sprechen und damit Kritik üben zu können.

Althusser erläutert diese Subjektwerdung am Beispiel der – sich sprachlich vollziehenden – Anrufung. Zum Verständnis des Beispiels ist es wichtig zu wissen, dass der deutsche Begriff Anrufung die Übersetzung des französischen Ausdrucks interpellation ist, der auch die vorübergehende Festnahme von Verdächtigen zu ihrer Überprüfung meint. So ist ein Beispiel bei Althusser das eines Polizisten, der einen Beschuldigten auf der Straße an-ruft, be-nennt (Althusser 1977, 142f.). Die Antwort, d.h. das Annehmen der An-Rufung, macht den Angerufenen zum intelligiblen Mitglied der Gesellschaft (hier: als Verdächtiger); die Anrufung wird angenommen, auch wenn die Position, wie in diesem Fall, eine negative ist. Zu groß ist das psychische Verlangen, gesellschaftlich anerkannt und damit sozial sichtbar zu sein. Dieses Verlangen nach einer gesellschaftlichen Rolle, nach sozialer Sichtbarkeit, wird erfüllt, indem ein Individuum von der Gesellschaft benannt wird und eine Subjektposition zugewiesen bekommt. Anders gesprochen: Das Individuum wird zum Subjekt, indem es sich der Ideologie unterwirft und sie anerkennt. Nach dem Prozess der Anrufung, d.h. mit dem Namen-haben, ist der/die Einzelne intelligibel.

Althusser schlussfolgert – und dem schließt sich Judith Butler in ihren Arbeiten weitgehend an -, dass jemand, der nicht als intelligibel anerkannt ist, in der und für die Gesellschaft sozial nicht existiert. Erst die sprachliche Benennung weist ihm/ihr eine soziale Rolle zu, der Übergang vom Individuum zum gesellschaftlichen Subjekt wird vollzogen und erlaubt es ihm erst, zu sprechen. Diese Zuschreibungen bringen Subjektpositionen und schließlich soziale Verhältnisse hervor, über die die herrschende Ideologie zunächst einmal gesichert wird. Ich sage zunächst, denn wenn ich mich nun Butlers Arbeiten zuwende, zeigt sich, wie fragil diese Subjektpositionen und damit die gesellschaftliche Ordnung werden können.

Die Subjektwerdung ist das entscheidende Element der Althusser’schen Theorie, das Butler aufgreift, um es zu modifizieren und in ihr theoretisches Konzept zu integrieren. Der Grund für die Modifikation liegt darin, dass Althusser zwar die Möglichkeit zur Veränderung von gesellschaftlichen Verhältnissen sieht, aber dass er sie lediglich in den Institutionen der ideologischen Staatsapparate sieht. Dem einzelnen Subjekt werden sowohl die Fähigkeit als auch die Möglichkeit abgesprochen, widerständig zu handeln. Indem Butler das Modell der Subjektwerdung von Althusser übernimmt, es aber an entscheidender Stelle modifiziert, gelingt es ihr, das einzelne Subjekt als potentiellen Ort von Widerständigkeit und Veränderung zu konzeptualisieren und in den Mittelpunkt zu rücken.

Grundsätzlich befassen sich alle Arbeiten Butlers, mit je unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen, mit der Rolle von Sprache in und für Gesellschaft. In Psyche der Macht setzt sie sich kritisch mit Althussers oben besprochenem Text Ideologie und ideologische Staatsapparate auseinander und wendet sich der Bedeutung von Ritualen und Praktiken im Kontext der Subjektwerdung zu. Mit ihrem Konzept des passionate attachment, des »leidenschaftlichen Verhaftetseins« (Butler 2001, 121), formuliert sie eine Erweiterung des Althusser’schen Modells der Anrufung, indem sie den psychischen Willen zur Unterwerfung unter das Gesetz, das den Subjektstatus verspricht, betont. Die Annahme einer Anrufung durch das Gesetz, die mit einer Unterwerfung einhergeht, ist bei Althusser insofern problematisch, als nicht zwangsläufig einleuchtet, warum ein Individuum diese Unterwerfung auf sich nimmt. Für Butler dagegen «[lebt] es [das Subjekt, A.-L.M.] in leidenschaftlicher Erwartung des Gesetzes« (Butler 2001, 121). Diese Erweiterung der Perspektive verlegt nicht nur die Motive für die Unterwerfung in die Psyche des Subjekts, sondern nimmt das einzelne Subjekt gewissermaßen in seiner Ganzheit wahr, indem es mehr als seine Rolle in der und für die Gesellschaft in den Blick nimmt. Es wird damit nicht nur Träger einer Ideologie, sondern auch mögliche Bruchstelle für diese Ideologie. Diese konzeptionelle Wendung, die in der Betonung der Psyche des einzelnen Subjekts liegt, stellt die entscheidende theoretische Verschiebung dar. Das Potential zur Widerständigkeit und Veränderung wird nun in der Psyche des Subjekts verortet und nicht mehr nur in den gesellschaftlichen Institutionen.

Dieses Potential entsteht daraus, dass, um bei Althussers und Butlers Beispiel zu bleiben, das Gesetz dem Subjekt zwar eine gesellschaftliche Identität, eine Identität als Subjekt, verspricht, aber gleichzeitig, so Butler, die Möglichkeit des Scheiterns der Subjektwerdung inbegriffen ist: Diese Möglichkeit des Scheiterns hat ihren Ort in der Psyche des/der Einzelnen (Butler 2001, 91ff.). Wendet sich das Subjekt gegen die Anrufung, indem es sich nicht unterwirft, stellt es in derselben Bewegung das Gesetz und damit auch die Ideologie infrage – um den Preis des Nicht-seins. Ein solches Scheitern der Unterwerfung wiederum ist Grundbedingung für Prozesse, die die Stabilität und Routinen der gesellschaftlichen Ordnung in Frage stellen und den Boden für soziale Veränderungen bereiten. Wie lässt sich eine solche Perspektive auf soziale Veränderungen fassen? In Das Unbehagen der Geschlechter (1991) hatte Butler noch betont, dass alternative Subjektformen gerade erst durch ihr Ausgegrenzt-sein durch das hegemoniale Gesetz und damit immer innerhalb dieses Gesetzes entstehen. Damit griff sie das Verständnis von Macht als produktiver Kraft auf, das Michel Foucault unter anderem in Sexualität und Wahrheit (1987, Bd. 1; 1989, Bd. 2) entwirft. Poststrukturalistisch gesprochen: Das Außen ist das konstitutive Andere, die hegemonialen Subjektformen bringen durch das Verbot und die Tabuisierung anderer Formen diese erst hervor – auch sprachlich. Indem ich y bin und nicht x, benenne ich auch x und bringe es damit gleichsam sprachlich-performativ hervor. Mit Butler: »Tatsächlich läßt sich die Repression dahingehend verstehen, daß sie das Objekt, das sie verneint, zugleich hervorbringt« (Butler 1991, 141).

Die Vorstellung der Desubjektivation, die Butler in Psyche der Macht entwirft, lässt nun jedoch eine veränderte Perspektive zu: Das Scheitern der Unterwerfung bedeutet, auch eine alternative, möglicherweise mit Verboten und Tabus belegte Subjektidentität gerade nicht anzunehmen. Noch bei Althusser ist es das Bedürfnis des Einzelnen, überhaupt eine soziale Rolle zugewiesen zu bekommen, welches es bewirkt, dass das Individuum auch eine andere als die hegemonialen Subjektformen annimmt. Selbst in Butlers Konzept des passionate attachment scheint diese Vorstellung noch durch. Argumentativ bewegt sie sich letztlich aber in Richtung des von Derrida als Ereignis konzipierten Bereichs außerhalb des Möglichen, hin zu dem, was »vielleicht noch kommt, vielleicht im Kommen bleibt« (Derrida 2001, 32 [Hervorh.i.O.]) und sich durch eben diese Unbestimmtheit sowie die Unterbrechung jeglicher Konventionen, Regeln und Strukturen auszeichnet (Derrida 2001, 72). Die Desubjektivation ist eine Zurückweisung der hegemonialen Struktur der Gesellschaft inklusive ihres konstitutiven Außen und somit ein Derrida’sches Ereignis. Konsequent zuende gedacht, müsste eine solche Desubjektivation ihren Platz also außerhalb des Gesetzes und der Normen haben – und damit wird auch die Verbindung von Interpellation und Subjektwerdung infrage gestellt. Steht bei Althusser das Gesetz und die auf ihm basierende Interpellation immer zeitlich vor der Subjektwerdung, so wird dies bei Butler gerade problematisiert.

Dies ist eine konzeptionelle Wendung, die auf den ersten Blick problematisch erscheint, öffnet sie doch eine Leerstelle: Bislang war die soziale Identität, sei sie negativ oder positiv, als konstitutives Merkmal sowohl der Gesellschaft als auch des/der Einzelnen gefasst worden. Was für eine Perspektive wird dagegen hier formuliert? Für Butler kann sie »den Weg in eine offenere, ethischere Art zu sein weisen, ein Sein der Zukunft oder für die Zukunft« (Butler 2001, 123) – ein Ereignis. Die Tatsache, dass im Moment der Subjektivation die Möglichkeit der Desubjektivation enthalten ist, welche außerhalb des Gesetzes und des Bekannten liegt, impliziert Folgendes: Die gesellschaftliche Ordnung, in deren Rahmen die Subjektivation stattfinden soll, weist Brüche auf, und ihre Fragilität wird mit dem Scheitern der Unterwerfung des Subjekts entblößt.

Welche Rolle spielt für Butler nun die Sprache in den Prozessen der Subjektivation und potentiellen Desubjektivation? Sie ist zentral dafür, dass aus Individuen Subjekte werden, indem erstere die Orte der letzteren besetzen und »gleichsam in der Sprache eingeführt werden.« (Butler 2001, 15) Bei Althusser war es der Beschuldigte, der über die Anrufung und die Annahme der Benennung sprachlich an einem bestimmten gesellschaftlichen Ort – nämlich als Beschuldigter in der Institution und Struktur des Rechts, mit spezifischen strukturellen Beziehungen zu anderen Subjekten wie dem Staatsanwalt, dem Polizisten etc. – eingeführt wurde. Die Sprache ist somit für Butler die Möglichkeitsbedingung der Subjektwerdung. Folgen wir der oben skizzierten Argumentation, dass der Subjektwerdung immer auch das Potential der Desubjektivation implizit ist, so ist Sprache zudem auch die Möglichkeitsbedingung des Widerstands gegen die Unterwerfung und die Subjektivation. Somit vollziehen sich die Konstitution des Subjekts in der Welt, das Intelligibel-sein, und die damit einhergehende Etablierung bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse genauso maßgeblich durch Sprache wie die Infragestellung sozialer Ordnungen und Subjektpositionen.

3. Sprache als Werkzeug für Veränderung

Nachdem ich die Bedeutung von Sprache für gesellschaftliche Ordnungen aufgezeigt und angedeutet habe, wie die Sprache auch das Widerständige beeinflusst, werde ich mich nun detaillierter mit Butlers Konzept von Sprache und ihrer Beziehung zur Gesellschaft beschäftigen. Dabei lege ich besonderes Augenmerk auf den performativen Charakter der Sprache und zeige, in welcher Form Butler mit den Theorien von Austin, Derrida und Foucault arbeitet. 3.1 Das Handeln mit Sprache

Butler nimmt besonders ausgeprägt in der Essaysammlung Haß spricht (2006), die schon 1997 im Original unter dem Titel Excitable Speech erschien, den performativen Charakter von Sprache und damit ihr Potential zur Transformation sozialer Verhältnisse in den Blick. Zentral für ihr Sprachverständnis sind das schon behandelte Modell der Anrufung von Althusser sowie Austins Theorie der Sprechakte und die von Derrida ausgearbeiteten Konzepte der différance und Iterierbarkeit.

Dient ihr das Konzept der Anrufung eher dazu, die grundsätzliche Bedeutung von Sprache für die Subjektbildung hervorzuheben, so wendet sie sich in Haß spricht besonders den konkreten sprachlichen Akten und ihrer Rolle für die Stabilisierung und Veränderung sozialer Ordnungen zu. Der deutsche Titel dieser Essaysammlung zeigt in einer etwas unglücklichen Übersetzung des zentralen Themas an, worum es in weiten Teilen des Buches geht: Hate speech bezeichnet im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch die sogenannte verletzende Rede, sie umfasst Schimpfnamen, Beleidigungen und ähnliches. Dies impliziert ein Verständnis von Sprache, das ihr mehr zuweist als reines Benennen: Sprache tut etwas, in diesem Fall jemanden beleidigen. Dies ist die zugrunde liegende Annahme Butlers, die ich im Folgenden näher ausführen werde, denn mit diesem Konzept ist es möglich, sich einem kritischen Potential von Sprache zu nähern.

Dass Sprache als Handeln begriffen werden kann, hat prominent John L. Austin ausgearbeitet. In Zur Theorie der Sprechakte (1972) führt er die Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Sprechakten ein. Konstative Äußerungen sind Behauptungen und Aussagen, die als wahr respektive falsch bewertet, denen also eindeutige Wahrheitswerte zugeordnet werden können. Demgegenüber beschreibt Austin Sprechakte als performativ, wenn mit ihnen Handlungen vollzogen werden (z.B. Austin 1972, 27). Ein gutes Beispiel zur Illustration ist der Akt der Eröffnung der Olympischen Spiele: Eine dazu befugte Person einer spezifischen Institution (beispielsweise des gastgebenden Staates) vollzieht mit bestimmten Worten – »Hiermit erkläre ich die Olympischen Spiele … für eröffnet.« – eine Handlung, die den Status der Situation verändert. Die Wirkung des performativen Sprechaktes ist bei diesem Beispiel besonders deutlich, da die Olympischen Spiele genau an dem Moment, an dem die Worte von dieser Person in einem spezifischen Rahmen ausgesprochen werden, beginnen. Zu beachten ist, dass hier die Befugnis der beteiligten Personen, der institutionelle Rahmen sowie Konventionen eine entscheidende Rolle spielen: Zwar kann jede/r eine solche Aussage vollziehen, aber die spezifische Performativität tritt nur in bestimmten Konstellationen und Kontexten auf, ansonsten misslingt der Sprechakt. So lässt sich festhalten: Konstative Sprechakte können wahr oder falsch sein, performative Sprechakte gelingen oder misslingen, und wenn sie gelingen, werden mit ihnen sozial bedeutsame Handlungen vollzogen.

Die Sprache wird somit im Fall der performativen Sprechakte als konstitutiv für spezifische soziale Verhältnisse begriffen. In einer Weiterentwicklung seiner Theorie begreift Austin fast alle Aussagen als performativ, also als etwas hervorbringend, und unterscheidet lokutionäre, illokutionäre und perlokutionäre Akte. Eine wichtige Unterscheidung besteht darin, dass die Wirkung von illokutionären Akten über die Konventionen erreicht wird, die mit dem Äußern eines solchen Satzes verbunden sind, während die Wirkung des perlokutionären Aktes aus den Äußerungsumständen hervorgeht (vgl. Austin 1972, 123ff.). Damit sind die illokutionären Akte also sehr viel stärker an die Normen der Gesellschaft gebunden und sozial stabiler, während die perlokutionären Akte größere Angriffsflächen für Umdeutungen und Veränderungen bieten.

Diese Unterscheidungen sind für Butlers Arbeit wichtig, da mit ihnen Sprecher, Empfänger und Kontext einbezogen werden und das Konzept von Sprache maßgeblich dynamisiert wird. Allerdings bleiben bei Austin die Äußerungen stark an ein konventionelles Sender-Empfänger-Modell gebunden: Das Ziel der Äußerungen, welcher Art sie auch sein mögen, ist ihr Gelingen. Dazu gehört, dass die Intention des Senders erhalten bleibt und dem Empfänger unverändert übertragen wird. Des Weiteren sind Äußerungen an bestimmte Konventionen gekoppelt, wie es im Fall der Eröffnung der Olympischen Spiele deutlich wird. Diese Kopplung darf, um das Gelingen nicht zu gefährden, nicht gestört werden: Der Fokus liegt auf Stabilität. Nicht vorgesehen sind De- und Neu-Kontextualisierungen, wie sie beispielsweise Derrida im Blick hat. Dieser nimmt in Signatur, Ereignis, Kontext (1988) eine wichtige Akzentuierung vor: Wie Austin beschreibt, gelingen performative Sprechakte maßgeblich aufgrund ihrer Wiederholbarkeit (von Derrida als Iterierbarkeit bezeichnet), sie zitieren bereits erfolgte Sprechakte und die mit ihnen vollzogenen Handlungen sowie auch die damit verbundenen Konventionen. Diese Wiederholungen (Iterationen) beinhalten aber immer, so nun Derridas Perspektive, Veränderungen gegenüber dem vermeintlichen Original – es ereignen sich mit jeder Wiederholung Veränderungen des Wiederholten, und damit »wird die Intention, welche die Äußerung beseelt, sich selbst und ihrem Inhalt nie vollkommen gegenwärtig sein.« (Derrida 1988, 310) Diese différance, die Derrida entwirft und die nicht zuletzt auf der Arbitrarität von Zeichen und Bezeichnetem beruht, stellt eine maßgebliche Modifikation von Austins Sprechakttheorie dar und ermöglicht es, durch Sprache herbeigeführte soziale Veränderungen und subversive Handlungen konzeptionell zu fassen. Was bei Austin im Fall der perlokutionären Akte nur angedeutet war, nämlich dass ihre Wirkung von den Umständen ihrer Äußerung abhängen, wird von Derrida nun auf Kommunikation insgesamt bezogen und insofern ausgeweitet, als jegliche Kommunikationsakte durch diese Brüchigkeit charakterisiert werden. Praktisch bedeutet dies: Die Intention des Sprechers kann sich damit maßgeblich von der Interpretation des Empfängers unterscheiden, und es öffnet sich eine zeitliche und räumliche Differenz von Sprechen und Handeln.

Indem Butler das von Althusser zugrunde gelegte Sprachverständnis mit Derridas Konzept der Iterierbarkeit und Austins Theorie der Sprechakte verbindet, gelingt es ihr, Sprache und gesellschaftliche Veränderungen konzeptionell zu verbinden. Sprache ist, auch bei Althusser, performativ: Schon der Anrufung-Unterwerfungs-Prozess vollzieht sich sprachlich. Die Subjektivation ist demnach ein Akt, der maßgeblich durch Sprache geschieht: Sprache macht das Subjekt, macht Gesellschaft. Wenn wir uns die der Subjektivation zugrunde liegende Argumentation noch einmal vor Augen führen, wird deutlich, dass in einer solchen Perspektive der Sprache eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung und Stabilisierung von gesellschaftlicher Ordnung, wie Althusser auf Marx aufbauend zeigt, zukommt. Doch wie ist es mit der Desubjektivation, die als Ereignis, als Vielleicht stattfindet und daher nicht als Mögliches zu denken und zu benennen ist? An dieser Stelle scheint der Sprache, getreu dem Wittgenstein’schen Ausspruch, »wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen«, in der Tat eine Grenze gesetzt zu sein. Denn welche Worte kann sie für das Nicht-Mögliche haben? Folgt man Derridas Argumentation in Die unbedingte Universität (Derrida 2001), so ergibt sich dennoch eine Möglichkeit, diese Grenzen zu überschreiten:

Eine bestimmte unbedingte Unabhängigkeit des Denkens, der Dekonstruktion, der Gerechtigkeit müßte von jedem Souveränitätsphantasma, vom Phantasma der souveränen Verfügung freigestellt werden. Das Denken aber dieses anderen Modus des »als«, »wenn« und »falls«, dieses mehr als Schwierige, dieses Un-mögliche, das Überschreiten des Performativs und der Opposition Konstativ/Performativ gälte es erneut in den Humanities Ereignis werden zu lassen.« (Derrida 2001, 75 [Hervorh.i.O.])

Der Ort für ein derartiges neues Denken ist die unbedingte Universität, ein nicht zwangsläufig institutionalisierter Ort, eher ein Nicht-Ort, wie Derrida sagt, an dem die Grenze des Kontextes überschritten wird, und dieses Denken ist Aufgabe der Geisteswissenschaften. Diese philosophische Konzeption eines Ortes, an dem das Unmögliche zu denken versucht wird, lässt sich aber auch mit Butlers durchaus normativen Forderungen nach einer neuen Perspektive auf die Rolle von Sprache für gesellschaftliche Ordnungen und ihre Transformationen in Bezug setzen. Wie sie in Haß spricht die Sprache als Werkzeug zur Konstitution des Sozialen konzipiert, zeige ich im folgenden Abschnitt. Daran anschließend zeige ich mithilfe eines aktuellen Beispiels aus den USA, wie genau Butler aktuelle gesellschaftliche Geschehnisse mit ihrem Konzept erfasst. Abschließend versuche ich mit einem zweiten Fallbeispiel, das Butler’sche Konzept auf Fälle in Deutschland zu übertragen, in denen es um Umdeutungsprozesse geht, die mit dem Mittel der Satire operieren. 3.2 Sprache als Werkzeug zur Veränderung des Sozialen

In Haß spricht fokussiert Butler das konkrete kritische Potential, das in der Sprache als dynamischem Werkzeug des Sozialen liegt. Im Blick sind insbesondere sprachliche Umdeutungsprozesse: Bestimmte Worte werden in einem neuen Kontext und von anderen Personen anders als zuvor benutzt und erfahren dabei eine Bedeutungsverschiebung. Damit knüpft sie an Derridas Konzept der différance an, welche ihre Ursache in den Verschiebungen hat, die durch die Wiederholungen hervorgerufen werden.

Grundsätzlich können Worte, so Butler, die Macht haben zu verletzen – wie z.B. Beleidigungen. Als performative Äußerungen tragen sie ihre jeweilige Geschichte und die damit verbundenen Verwendungskontexte mit sich, und diese können immer wieder aufgerufen werden. Da die in Haß spricht versammelten Essays recht frühe Arbeiten sind, betont Butler stark die Rolle der Sprache bei der Konstituierung des Subjekts innerhalb des Diskurses. So kommt auch dem verletzenden Sprechen eine konstitutive Rolle zu, es bringt ein bestimmtes Subjekt hervor: »Durch den Namen, den man erhält, wird man nicht einfach nur festgelegt. Insofern dieser Name verletzend ist, wird man zugleich herabgesetzt und erniedrigt.« (Butler 2006, 10) Zurückgreifend auf das Konzept der Anrufung betont Butler nun aber, und das ist charakteristisch für ihre Argumentation, dass auch diese Konstitution als erniedrigtes Subjekt gewissermaßen eine Ermächtigung ist. Indem über die Annahme der Unterwerfung eine Subjektposition zugewiesen wurde, ist dieses Subjekt nun schließlich auch ermächtigt zum Sprechen, es kann »nun seinerseits die Sprache [gebrauchen], um der verletzenden Benennung entgegenzutreten.« (Butler 2006, 10) Dies ist die Grundargumentation, die die Basis für die Beispiele bildet, die Butler gibt. Die Subjekte können sich gegenüber den Benennungen widerständig verhalten und die ihnen zugedachten Subjektpositionen umdeuten und so »die Wörter mit der Zeit von ihrer Macht zu verletzen [ablösen] und als affirmativ [rekontextualisieren]« (Butler 2006, 31). Eine derartige Umdeutung geht mit einer Verschiebung in den Verwendungszusammenhängen einher: Die Macht der Benennung wird entmachtet, indem eine Resignifizierung stattfindet.

Eine Bezeichnung, die Butler in vielen Texten als Illustration dient, ist queer (bspw. Butler 1991, 181). Ursprünglich eine Beleidigung, wird sie inzwischen von Angehörigen der Transsexuellen-Szene als Begriff der affirmativen Selbstbeschreibung verwendet. Dass eine solche Umdeutung gelingen kann, kann mithilfe der ausgeführten Argumentation begründet werden.

Bezeichnet Austin eine derartige Neu-Kontextualisierung noch als parasitär, da sie das Misslingen des Sprechaktes bedeutet, stellt sie für Butler eine Möglichkeit für die Veränderung sozialer Verhältnisse dar. In ihr liegt damit das Potential zur Kritik, das Sprache beinhaltet. Dazu ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass Sprache in der Regel gelingt, Benennungen jeder Art also routinehaft wiederholt werden. Eine auf Sprache basierende Gesellschaft wäre nicht möglich, wenn die Beziehung von Zeichen und Bezeichnetem in konstanter Arbitrarität schweben würde, denn so würde der Kommunikation jeglicher Boden entzogen. Zudem sind die Konventionen und Normen, die die Sprechakte begleiten, durch einen eigenen Beharrungseffekt gekennzeichnet, wie ihn der Soziologe Pierre Bourdieu beispielsweise in Die feinen Unterschiede (1982) beschrieben hat und auf den sich Butler explizit bezieht (Butler 2006, bspw. 237ff.). Die von Derrida betonten Verschiebungen, die sich bei den Wiederholungen von Benennungen ereignen, sind minimal, so dass sie erst bemerkt werden, wenn die von ihnen verursachten Brüche offen zu Tage treten. Aber diese Verschiebungen sind die Basis für die von Butler betonten Umdeutungen, in denen die Möglichkeit der Transformation gesellschaftlicher Ordnung zu finden ist. Damit ist der Sprache ein kritisches Potential inhärent, das ihr eine maßgebliche Rolle für soziale Veränderungsprozesse zuweist.

Wie ich an anderer Stelle gezeigt habe (Müller 2009), nutzt Butler das Bourdieu’sche Habitus-Konzept, um die Stabilität gesellschaftlicher Ordnungen zu erklären, und unternimmt mit der Verwendung der Konzepte der Sprechakte und der différance gleichzeitig den Versuch, die Instabilität derartiger Ordnungen ebenfalls konzeptionell zu fassen, so dass beide sozialen Prozesse in den Blick geraten und erklärbar werden.

Hinzuzufügen ist, dass der Diskurs eine wichtige Rolle spielt: Butler versteht ihn in Anlehnung an Foucault als die das Gesellschaftliche strukturierende Ordnung (vgl. z.B. Foucault 2003). Erst im und über den Diskurs werden die Bedeutungen, die die sprachlichen Zuschreibungen tragen, manifest. Der je hegemoniale Diskurs ist der Rahmen, in dem die Anrufung und damit die Subjektivation vollzogen werden kann – er ist das, was bei Althusser als Gesetz bezeichnet wird. Sprache und Diskurs stehen in einem Wechselspiel, denn die Diskurse legen fest, welche sozialen Strukturen vorliegen und welche Subjektformen Intelligibilität erlangen können. Die in den hegemonialen Diskursen herrschenden Vorstellungen von Sozialität und Intelligibilität beeinflussen daher, welche Art der (sprachlichen) Benennung einen Menschen intelligibel sein lässt. Soziale Aus- und Eingrenzungen basieren auf gesellschaftlichen Wertvorstellungen, die mithilfe von Diskursen ihre Verfestigung in Form von Dispositiven finden. In den Diskursen, die bei Foucault und Butler maßgeblich sprachlich bestimmt sind, zeigt sich die doppelte Funktion und Bedeutung von Sprache. Zum einen werden mit ihr soziale Verhältnisse verfestigt und bilden so ein Dispositiv, also ein starres Gerüst der Gesellschaft. Zum anderen ist Sprache das entscheidende Werkzeug, mit dem Veränderungen ins Leben gebracht, also realisiert werden; sie ist Motor und konstitutives Element für gesellschaftliche Transformationen, welche wiederum in Diskursen ihren Ausdruck finden. Das Dispositiv ist damit ein auf Temporalität gesetztes stabiles Gebilde, das sich aufgrund der sich vollziehenden Verschiebungen ebenfalls verändert. Bezieht man diese Überlegungen auf das Beispiel des Wortes queer, wird Folgendes deutlich: Ein Diskurs, der diesen Begriff als sprachliche Benennung einer Subjektform aufweist, welche im konstitutiven Außen liegt, ist von verschiedenen diesbezüglichen Verboten, Normen und Gesetzen durchzogen (Butler 2006, z.B. 170). Indem dieser Begriff als positiv konnotierte Selbstbeschreibung einer sozialen Gruppe umgedeutet und damit identitätsstiftend wird, werden auch die mit ihm verbundenen Verbote, Normen etc. infrage gestellt und verschoben. Damit verschieben sich auch die internen Strukturen im Diskurs, es kommt zu sozialen Veränderungen und gegebenenfalls sogar zu sich verändernden hegemonialen Diskursen.

Derartige Prozesse klingen in einer solchen, auf Nachzeichnung ausgerichteten Beschreibung sehr dynamisch. Gleichwohl sollte man, wie ich oben erwähnt habe, nie aus den Augen verlieren, dass die beschriebenen Elemente von Gesellschaft wie Benennungen und Normen starke Beharrungseffekte aufweisen (Bourdieu nennt sie hysteresis-Effekte (1982, 238)), die anzeigen, wie träge und schwer veränderlich die gesellschaftliche Ordnung ist.

Ein aktuelles Beispiel aus den USA zeigt, wie kompliziert derartige Prozesse in der sozialen Realität sind. Im August 2010 verwendete Laura Schlessinger, eine in den USA sehr bekannte Radiomoderatorin, in ihrer quotenstarken Radiosendung das Wort nigger als Beispiel für ein Wort, das mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen wird, je nachdem, wer es benutzt. Im konkreten Fall hatte eine farbige US-Amerikanerin in der Sendung angerufen, um das Problem zu diskutieren, dass (weiße) Freunde ihres (weißen) Mannes regelmäßig Bemerkungen zu ihrer Hautfarbe machten. Schlessingers Replik zielte auf eine von ihr konstatierte Doppelmoral bei der Benutzung des Wortes nigger: Farbige, beispielsweise im Sender HBO, könnten es benutzen, ohne dass sich jemand beschwerte. Würden dagegen Weiße das Wort verwenden, gäbe es Einwände. Schlessingers Argumentation kulminierte in ihrem Rat an die Anruferin: »If you are that hypersensitive and don’t have a sense of humor, don’t marry out of your race.«[3]

In der darauffolgenden medialen Diskussion ging es in erster Linie um zwei Dinge:[4] Erstens um die Tatsache, dass Schlessinger das sogenannte n-word elfmal innerhalb von fünf Minuten verwendete,[5] und zweitens um die Frage, ob mit der Empörung über ihre Bloßstellung der Anruferin nicht ihr, d.h. Schlessingers, First Amendment Right6 verletzt würde. Damit wird das Thema selbst, die Bedeutung der Hautfarbe, nicht thematisiert, auch der Prozess des Bezeichnens mit dem n-word bleibt zunächst außen vor und die Frage, wer oder was verletzt wird, wird geradezu ins Gegenteil verkehrt. Wiederholungen der Sendung sowie kurze Gespräche mit Schlessinger und der Anruferin, Nita Hanson, prägen vor allem die Berichterstattung im Fernsehen, wie z.B. die CNN-Sendung 360º, stellen aber keine grundsätzlichen Fragen zur Wirkung derartiger Benennungen und ihrer Stellung in sozialen Kontexten. In den Tageszeitungen wird dagegen auch auf die Frage eingegangen, in welcher Weise Menschen Worte benutzen und inwieweit die Konvention, derartige beleidigende Worte nicht auszuschreiben, sondern sie alternativ als n-word, N-word, n––- oder n***** darzustellen (oder eben mit einem Piepton zu kaschieren), ein adäquater Umgang mit dem Thema ist. Ein Kommentar von Courtland Milloy in der Washington Post kommt zu folgendem Schluss: »Not saying don’t get angry; just don’t be shocked. Then learn to detoxify the word by bringing it into the light, not letting it hide behind asterisks, dashes and ellipses.« (Milloy 2010)

Die Forderung »detoxify the word« weist starke Ähnlichkeiten mit Butlers Argumentation auf und ihrer Forderung, das in der Sprache liegende Potential zur Destabilisierung von gesellschaftlicher Ordnung zu nutzen. So führt sie auch ihre oben beschriebene Argumentation dazu, sich gegen das gesetzlich verankerte Verbot der politisch unkorrekten Sprache, der hate speech, zu wenden. Dieser, wie sie meint, gut gemeinte Versuch des Verbots bewirke das Gegenteil des Intendierten: Er schreibe Vorurteile, Ausgrenzungen, Beleidigungen umso fester, anstatt sie aufzulösen, da den Sprechenden die Möglichkeit der Umdeutung genommen werde. Durch das Verbot werde vielmehr eine Bedeutungszuschreibung fixiert – Verschiebungen und Umdeutungen können nicht vorgenommen werden. Die Zensur wirkt damit ähnlich wie der hegemoniale Diskurs, der durch Verbote und Tabuisierungen das, was verboten und tabuisiert wird, erst hervorbringt. Die Tatsache, dass es so viele verschiedene Versionen gibt, um nigger nicht zu schreiben oder zu sagen, damit niemand durch die sprachliche Verwendung verletzt wird, zeigt, wie diese Tabuisierung aber den verletzenden Charakter des Wortes bewahrt – es wurde eben nicht entgiftet, wie Milloy vorschlägt. Trotz allem wirken auch bei einem gesetzlichen Verbot dieselben Prozesse, die Butler für das Funktionieren und Misslingen von Benennungen durch den Diskurs aufgezeigt hat. Auch hier erhält das Subjekt Handlungsmacht und gelangt in die Position, Benennungen umzudeuten (vgl. Butler 2006, z.B. 218f.); durch gesetzliche Verbote wird ein solcher Prozess allerdings erschwert, und dies macht ihn für Butler nicht erstrebenswert.

Das Beispiel von Schlessingers Radiosendung und den damit verbundenen Reaktionen zeigt, dass das, was in Butlers Konzeption als einfache und einleuchtende sprachliche Operation erscheint – Benennungen umdeuten und damit soziale Veränderungen hervorrufen – in der Realität ein schwieriger und langwieriger Prozess ist. Nichtsdestotrotz können Beispiele wie queer herangezogen werden, um zu zeigen, dass Aneignungen von ursprünglich als Beleidigungen verwendeten Begriffen eben durch die damit Bezeichneten erfolgreich stattfinden. Diese Resignifizierung und Verwendung als Selbstbezeichnungen nimmt den Bezeichnungen die Kraft der Beleidigung und konstituiert neue intelligible Identitäten – nicht als Ausgeschlossene, sondern als Angehörige einer spezifischen sozialen Gruppe innerhalb der Gesellschaft. Kritik an sozialen Verhältnissen findet damit ihren Platz in der Sprache und ihre Möglichkeit in der Brüchigkeit von Benennungen. 3.3 Satire als Umdeutung – Satire als machtvolle Entmachtung?

Das zweite Beispiel betrifft den Versuch, mithilfe von Satire Umdeutungen und Bedeutungsverschiebungen hervorzurufen und damit gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Die Fallbeispiele, mit denen ich arbeite, betreffen beide die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands und damit einen Bereich, der im öffentlichen Diskurs in Deutschland besonders durch Tabus geprägt ist. Gerade die jüngere deutsche Geschichte zeigt eindrücklich, dass Sprache nicht nur verletzen, sondern mittelbar auch töten kann; nicht zuletzt aus dieser Erfahrung heraus ist der Diskurs nach 1945 in Deutschland ein anderer als in den USA, gerade was das Recht auf freie Meinungsäußerung betrifft. Auch wenn es daher Unterschiede zwischen Butlers Beispielen und der Realität in Deutschland gibt, lassen sich einige interessante Ansatzpunkte finden, an denen man auf Butlers Argumentation zurückgreifen kann.

Als konkrete Beispiele dienen mir zwei Fälle: Es handelt sich um einen Zeichentrickfilm von Walter Moers, Der Bonker,[7] und um Storch Heinar, der als Parodie auf die Kleidungsmarke Thor Steinar verstanden werden will.[8]

Thor Steinar ist eine Kleidungsmarke, die in der rechten Szene als Identifikationsmerkmal gilt.[9] Storch Heinar ist ebenfalls eine Kleidungsmarke, in diesem Fall der Initiative Endstation rechts. Hauptfigur ist ein Storch mit Stahlhelm, genannt Heinar. Das Logo erinnert an das inzwischen geänderte Logo von Thor Steinar, hier wird visuell ein expliziter Bezug zur Referenz hergestellt. Schriftzüge in Frakturschrift – wie Front Deutscher Äpfel oder Grillparzer – nehmen den Bezug zum Nationalsozialismus auf und parodieren ihn, zum Teil auch mithilfe von Symbolen. Bedeutungsverschiebungen werden mithilfe minimaler semiotischer Verschiebungen vollzogen, der Bezug zum Original bleibt damit assoziativ erhalten. Die visuellen Symbole nehmen die Bedeutungsbezüge von Thor Steinar auf, die sich auf die NS-Zeit, Hitler und den Personenkult im und um das 3. Reich beziehen und modifizieren sie. Damit werden implizite Bedeutungen offen gelegt und karrikiert: Thor Steinar-Kleidung verwendet keine Hitler-Bilder, aber viele der Träger tragen sie quasi als Ersatz für derartige Bilder. Indem Storch Heinar die Bezüge zum 3. Reich offen legt, werden die impliziten Strukturen von Thor Steinar explizit(er), und zwar vermittels der sprachlichen Brücke der lautlichen Ähnlichkeit zwischen den beiden Namen.

Im Juli und August 2010 wurde vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth ein von der die Marke Thor Steinar in Deutschland vertreibenden Firma MediaTex angestrengter Prozess gegen Storch Heinar verhandelt – und verloren. Bei der Klage ging es sowohl um den Namen als auch um die Körperhaltung des Vogels im Logo von Storch Heinar, die nach Auffassung von MediaTex stark dem Andreaskreuz ähnele, das auf den Thor Steinar-Kleidungsstücken zu finden sei. Dieser Prozess, der auf der Website von Storch Heinar bedeutungsschwer als Nürnberger Prozess bezeichnet wird, ist ein Indiz dafür, dass mit der Initiative tatsächlich ein Nerv getroffen wird. Die Art der Reaktion legt nahe, dass die vermuteten impliziten Bedeutungen zutreffen und die Parodie das Selbstverständnis des Originals (be-)trifft.

In diesem Fall wird sich explizit der oben beschriebenen Tatsache bedient, dass Worte und Symbole ihre historischen Verwendungszusammenhänge mit sich tragen, welche in einem bestimmten kulturellen Kontext wieder aufgerufen werden können. Mithilfe semiotischer und symbolischer Verschiebungen können, wie in diesem Fall, die zugrunde liegenden Bedeutungen de-kontextualisiert werden; der neue Kontext wird durch die veränderten sprachlichen und visuellen Zeichen vorgegeben. Diese Verschiebung und die entstandene Differenz zwischen Bedeutung und Zeichen öffnen den Raum für Neu-Ordnungen der Zeichen-Bedeutung-Kontext-Beziehung und machen in diesem Fall Parodie möglich.

Walter Moers Video Der Bonker bedient sich ähnlicher Elemente der Umdeutung und Ironisierung, allerdings weisen die verwendeten Methoden der Satire Unterschiede auf. Der Kurzfilm zeigt einen gezeichneten Adolf Hitler in einer Badewanne sitzend, umgeben von Quietscheentchen mit Hitlerbart und in der Gesellschaft des Schäferhundes Goldi. Hitler sinniert über Kapitulation, dazu singt ein weiblicher Chor im Hintergrund den Refrain »Adolf, Du alte Nazi-Sau, kapitulier' doch endlich«. Rund um diesen Film wie auch um den 2007 in die Kinos gekommenen Mein Führer. Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler des deutschen Regisseurs Dani Levy, entbrannte die Diskussion, ob das Thema des Nationalsozialismus in einer Komödie verarbeitet werden dürfe. Die Frage ist 2010 erneut entfacht worden, als das Video Dancing Auschwitz einen Holocaust-Überlebenden mit seiner Familie beim Besuch verschiedener Gedenkstätten, unter anderem des Lagers Auschwitz, zeigte – tanzend.[10] Die verletzende Wirkung von Handlungen, die durch Tabus unterdrückt werden soll, ist, so Butler, in ihrer Geschichtlichkeit begründet (Butler 2006, z.B. 129). Das kollektive Gedächtnis verbindet beispielsweise mit der Figur Hitlers oder mit den Lageranlagen der Gedenkstätten die menschenverachtenden Geschehnisse im Nazi-Deutschland der 1930er und 1940er Jahre. Sie stellen bestimmte Traumata dar, und die Tabuisierung – und nicht der parodistische, komödiantische Umgang damit – wird als Weg gesehen, Derartiges in Zukunft zu verhindern. Nach Butlers Argumentation ist dies aber der falsche Weg. Mit Butler gedacht reproduzieren derartige Tabus die Verletzungen, die durch (sprachliche) Taten verübt werden, und dienen gerade nicht dazu, sie zu verarbeiten.

Alle diese Beispiele sind als Versuche zu lesen, sich tabuisierter Themen und ihrer Geschichtlichkeit anzunehmen und den Umgang mit ihnen zu verändern. Auch wenn Butler sich in Haß spricht in erster Linie auf das verletzende Sprechen bezieht, lassen sich ihre Aussagen auch auf diese Formen des Umgangs mit Geschichte ausweiten. So gilt auch für den Umgang mit dem Nationalsozialismus, was sie für das verletzende Sprechen festhält: »Wie stark der Widerstand gegen hate speech auch sein mag, das Trauma wird noch in seiner Rezirkulation reproduziert.« (Butler 2006, 65) Um einem Trauma, wie es die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands darstellt, zu begegnen und sich damit kritisch auseinanderzusetzen, muss, so Butler, das Thema explizit aufgegriffen werden, damit die Möglichkeit der Resignifizierung gegeben ist. Dies bedeutet, das Thema auch für andere Formen der Auseinandersetzung, z.B. komödiantische, zu öffnen. Denn das Mittel der Komödie und vor allem der Satire ist es, Dekontextualisierungen vorzunehmen und mithilfe der daraus entstehenden sprachlichen Verschiebungen und Umdeutungen die Dinge zu entblößen – sei es in ihrer Grausamkeit, ihrer Dummheit, ihrer Arroganz oder ähnlichem. In diesem Vorgang ist Sprache das zentrale Mittel der Freilegung von gesellschaftlichen Ordnungen und ihren Funktionsweisen und somit auch der Kritik.

Diese Beispiele dienten dazu, zu zeigen, wie sich Butlers Konzepte von Sprache und Gesellschaft in der (politischen) Praxis anwenden lassen und wie sich das kritische Potential von Sprache realisieren lässt. Argumentativ bleiben diese Beispiele aber innerhalb der von Diskursen geschaffenen Ordnung – es geht zunächst einmal nicht um das im Ereignis liegende Un-Mögliche, wie es das später von Butler entwickelte Modell der Desubjektivation darstellt.

4. Schlussbemerkungen

Sowohl die Rekonstruktion des performativen Sprachkonzepts von Judith Butler als auch die Anwendung des Konzepts auf aktuelle Beispiele zeigen, dass Sprache als aktives Werkzeug einer veränderlichen Gesellschaft verstanden werden kann. Das bedeutet, sowohl Sprache als auch Gesellschaft als dynamisch zu verstehen. Beide können sich temporär verfestigen, verlieren dabei aber nie das Potential der Veränderlichkeit bzw. Veränderbarkeit, da sie immer von den Menschen verändert werden, die sie benutzen (im Fall der Sprache) bzw. die sie ausmachen (die Gesellschaft). Somit ist Sprache ein Element von Gesellschaft und trägt maßgeblich zu ihrer Gestalt(ung) bei. Indem ich aufgezeigt habe, welche theoretischen Bezüge Butler in ihr Konzept integriert, wurde deutlich, dass ihre Theorie ein Versuch ist, die Tendenz der Gesellschaft sowohl zur Stabilität als auch zur Veränderung konzeptionell zu integrieren. Damit können nicht alle Fragen beantwortet werden; besonders die Frage nach dem Ort der Desubjektivation, nach dem Derrida’schen Ereignis bleibt offen. Möglicherweise ist er am besten als ein philosophischer Ort des Denkens zu konzipieren, wie es Derrida andeutet, an dem das Undenkbare vielleicht gedacht wird, ohne dass dabei der Ort und das Undenkbare spezifiziert und charakterisiert werden können.

Nimmt man Butler und Derrida ernst, liegt mit ihren Konzepten eine Neufassung der Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse vor, die Marx als Aufgabe und Ziel des Staats respektive der Herrschaft formuliert hat. Diese Reproduktion vollzieht sich demnach immer mit Verschiebungen, was schließlich zu Veränderungen der gesellschaftlichen Ordnung führt. Unterstützt wird ein solcher Prozess durch die Tatsache, dass in den verschiedenen Institutionen der ideologischen Staatsapparate, wie Althusser sie nennt, widerstreitende Ideologien und Diskurse existieren. Sprache ist dabei ein wichtiges Mittel, um derartige Veränderungen schließlich zu vollziehen und sich, im Falle des Erfolgs, zu verfestigen, um neue Strukturen, neue gesellschaftliche Ordnungen hervorzubringen. Sprache schafft damit Soziales und enthält wesentlich ein kritisches Element.

Literatur

Althusser, Louis (1977): Ideologie und ideologische Staatsapparate: Aufsätze zur marxistischen Theorie, Positionen. Hamburg: VSA.

Austin, John L. (1972): Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with words). Stuttgart: Reclam.

Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Butler, Judith (2001): Psyche der Macht: Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Butler, Judith (2006): Haß spricht: Zur Politik des Performativen. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Derrida, Jacques (1988): Signatur Ereignis Kontext. In ders.: Randgänge der Philosophie (291-314). Wien: Passagen.

Derrida, Jacques (2001): Die unbedingte Universität. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Foucault, Michel (1987): Sexualität und Wahrheit: Der Wille zum Wissen. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Foucault, Michel (1989): Sexualität und Wahrheit: Der Gebrauch der Lüste. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag.

Foucault, Michel (2003): Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main: Fischer.

Marx, Karl und Friedrich Engels (1990): Die deutsche Ideologie. In dies.: Werke. Band 3 (9-530). Berlin: Dietz.

Milloy, Courtland (2010): We can’t say the N-word, but how should we write it? The Washington Post, August 23. URL: http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/08/22/AR2010082202687.html (letzter Zugriff am 21.1.2011).

Müller, Anna L. (2009): Sprache, Subjekt und Macht bei Judith Butler. Marburg: Tectum.

Endnoten:

[1]

Ich setze Wahrheiten hier kursiv und im Plural und fasse damit begrifflich unter Rückgriff auf Michel Foucault, dass historisch verschiedene Konzepte dessen, was als wahr gilt, existieren, ebenso wie auch gleichzeitig immer verschiedene Wahrheitskonzepte um Hegemonie im Widerstreit liegen.

[2]

Damit beschreibt Althusser Ähnliches wie das, was Michel Foucault als Diskurse konzipiert, die um Deutungshoheit konkurrieren (vgl. z.B. Foucault 2003).

[3]

Die Videoaufzeichnung dieses Ausschnitts der Radiosendung war im Internet nachzusehen, URL: http://www.allvoices.com/contributed-news/6513585-videodr-laura-says-the-n-word-several-times-on-air-says-caller-too-sensitive-about-racism (letzter Zugriff am 30.8.2010). Inzwischen existiert zwar die Seite noch, aber die Verbindung zum Video ist gelöscht. Eine Zusammenfassung der Reaktionen inklusive des entsprechenden Ausschnitts der Radiosendung findet sich unter URL: http://www.youtube.com/watch?v=O7jkow7t0G8 (letzter Zugriff am 21.1.2011).

[4]

Meiner Argumentation liegt eine Recherche in US-amerikanischen Medien (Tageszeitungen, Fernsehsendungen, Blogs) zugrunde, die für den Zeitraum vom 13.-23.8.2010 etwa 50 Beiträge umfasst. Nach dem 23.8.2010 gab es nur noch vereinzelte Beiträge zu dem Thema.

[5]

Dies fällt im US-amerikanischen Radio besonders auf, da in der Übertragung das Wort nigger jedes Mal mit einem Piepton übertönt wird.

[7]

Der Film ist im Internet zu finden unter URL: http://video.google.de/videoplay?docid=-4655323211378605528# (letzter Zugriff am 21.1.2011).

[8]

Information zu Storch Heinar finden sich im Internet unter URL: http:// www.endstation-rechts.de unter dem link Satire (letzter Zugriff am 21.1.2011). Über Thor Steinar informiert die Seite Netz gegen Nazis, URL: http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikontext/thor-steinar (letzter Zugriff am 21.1.2011).

[9]

Vgl. dazu die diesbezügliche Beschreibung auf der Seite Netz gegen Nazis, URL: http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikontext/thor-steinar (21.1.2011).

[10]

Teile des Videos sind im Internet verfügbar, URL: http://www.metacafe.com/watch/4920743/i_will_survive_dancing_auschwitz_full_version/ (letzter Zugriff am 5.1.2011).

Autorenhinweis

Anna-Lisa Müller

Anna-Lisa Müller, Magistra Artium, ist Soziologin und gegenwärtig Stipendiatin an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology an der Universität Bielefeld. Sie arbeitet derzeit an ihrer Promotion über die creative cities. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Stadtsoziologie, die (poststrukturalistische) Kultursoziologie und die Sprachphilosophie.

Anna-Lisa Müller Bielefeld Graduate School in History and Sociology Universität Bielefeld Postfach 10 01 31 D-33501 Bielefeld

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