Grundbegriffe einer Psychologie des Alltags: Eine Wiederannährung an die Sozialwissenschaften

Stefan Thomas

Abstract


In der Standardkritik an der akademischen Psychologie wird immer wieder mangelnde Alltagsrelevanz von Begriffen und Theorien beklagt. Insbesondere sagt die Psychologie nichts zu den Herausforderungen der Individualisierung, Pluralisierung und Entstrukturierung der Lebenswelt, vor die das Individuum heutzutage in seiner Alltagsbewältigung gestellt ist. Aufgrund der ungeschmälerten Vorherrschaft des nomologisch-experimentellen Paradigmas werden alltägliche Lebens- und Leidensformen in der Gegenwartsgesellschaft erst gar nicht zum legitimen Gegenstand psychologischer Forschung. Um die subjektive Seite gesellschaftlicher Veränderungen in den Gesichtskreis psychologischer Theorienbildung zu bringen, wird mit Bezug auf Kurt Lewin das Konzept der »psychischen Situation« hinsichtlich dreier Grunddimensionen entfaltet: Erstens muss in der Analyse der psychischen Situation die Lebenswelt als jene Erfahrungswelt betrachtet werden, in welcher die Möglichkeiten und Beschränkungen individueller Lebensbewältigung gesellschaftlich vorstrukturiert sind. Zweitens, muss der subjektive Sinn erfasst werden, worin sich das individuelle Welt- und Selbstverhältnis reflektiert. Drittens muss unter dem Begriff der Handlung der Bedürfnis- und Interessenbezug individueller Lebenspraxis untersucht werden. Schließlich wird eine Psychologie des Alltags, die sich als genuine Sozialwissenschaft versteht, entlang des hier zur Diskussion gestellten Subjekt-Integrations-Modells konkretisiert. Das Individuum ist gefordert, angesichts der Entstrukturierung von sozialen Lebenslagen und Lebensformen für die eigene Individualintegration in die Gesellschaft selbst zu sorgen, indem Einfluss auf die eigene Situation gewonnen wird.

Schlagworte


Alltag; Lebenswelt; Sinn; Handlung; Individualintegration

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