Überlegungen zur Konstruktion des beruflichen Selbstverständnisses einer Kritischen Psychologin

Überlegungen zur Konstruktion des beruflichen Selbstverständnisses einer Kritischen Psychologin

Sylvia Siegel

Zusammenfassung

Die Autorin, die in freier Praxis als Therapeutin, Supervisorin und Dozentin arbeitet, orientiert sich an vier Dimensionen, um ihr berufliches Selbstverständnis als Kritische Psychologin unter postmodernen Bedingungen zu verdeutlichen. 1. Relevanz der Kritischen Psychologie für ihr Arbeitsfeld. Diese sieht sie unter Rückgriff auf das gesellschaftlich konstituierte Subjekt als gegeben an. 2. Bruchstückhafter Transfer der Kritischen Psychologie in die Praxis. 3. Integration kritisch-psychologischen Denkens in ihr Arbeitsfeld, was sie theoretisch unter Bezugnahme auf kritisch-psychologische Denkfiguren und integrative Beratungsmodelle begründet. 4. Kommunikative Transferleistungen zwischen den Denk- und Sprachkulturen der Kritischen Psychologie und denjenigen ihrer Klientel als soziale Interaktionskomponenten.

An einem Praxisbeispiel skizziert die Autorin, wie Kritische Psychologie als Baustein in einer integrativen Beratungsform effizient ist.

Schüsselwörter: berufliches Selbstverständnis, Identität, Beratung, Theorie-Praxis-Transfer

Summary

The author, who is working as a therapist, supervisor, and lecturer, focusses on four dimensions to explicate her professional self awareness in a post-modern society: 1. The relevance of Critical Psychology for her field of work, which she considers to be a given for the socially constituted subject. 2. The fragmented transfer of Critical Psychology to practical work. 3. The integration of Critical Psychology in her field of work, which she explains on a theoretical level by using theoretical concepts of Critical Psychology, as well as integrative counselling models. 4. She points out the meaning of communicative transmission between the cultures of thinking and the language of Critical Psychology and those of her clients as components of social interaction. Using a case example, the author points out how Critical Psychology can be used as an efficient part of an integrative counselling setting.

Keywords: professional self awareness, identity, counselling, theory-praxis- transfer

Das Bild der Konstruktion als Grundlage meiner Überlegungen ermöglicht, wenn man es sich als reales Gebilde vorstellt, die Herausbildung von Leitfragen wie: Aus welchen Elementen besteht die Konstruktion und wie sind diese miteinander verbunden? Wo steht sie und welche Aufgabe erfüllt sie? Mich als Kritische Psychologin und Gestalttherapeutin, Supervisorin, Dozentin, die freiberuflich in Berlin arbeitet, vorzustellen, macht deutlich, dass ich mich in der Konstruktion meines beruflichen Selbstverständnisses auf unterschiedliche Theoriekonzeptionen beziehe, die nicht zwangsläufig kompatibel sind. Sondern ich muss synergetische Leistungen vollbringen, um diese zu einer sinnhaften und stimmigen Gesamtkonstruktion zusammenzubringen. Da ich in meiner therapeutisch-beraterischen und lehrenden Berufspraxis schon einige Jahre arbeitete, bevor ich mich mit der Kritischen Psychologie auseinandersetze und diese Auseinandersetzung mir Antworten auf zentrale Fragen lieferte, ist die Herausarbeitung der Relevanz des kritisch-psychologischen Denkens für mein Arbeitsfeld ein bedeutsames Konstruktionselement, dem ich die Dimension, auf welche Weise ich dieses Denken in der Beratung theoretisch und praktisch integriere, hinzufüge. Hier gilt es, die Hürde des unzureichenden Transfers von Kritischer Psychologie in die Berufspraxis zu nehmen. Da nicht verallgemeinerbare Bedeutungen von Kritischer Psychologie für das Beratungsfeld Gegenstand meiner Überlegungen sind, sondern es sich um mein berufliches Selbstverständnis unter postmodernen Bedingungen handelt, möchte ich verdeutlichen, dass es sich nicht um eine zufällig zusammengewürfelte Konstruktion handelt, sondern ihr meine theoretischen Überlegungen, die Antworten auf berufspraktische Fragestellungen liefern müssen, zu Grunde liegen. Daher findet man in ihr zum einen die theoretische Ebene und ihre Diskurse und zum anderen eine praktische Ebene, für die, da Menschen Zielgruppe dieser Berufspraxis sind, auch soziale Interaktionen konstituierend sind. Wenn jetzt auf einer bildlichen Ebene meine Konstruktion an Gestalt gewonnen hat, möchte ich zu den Inhalten, d. h. den eigentlichen Überlegungen überleiten.

Das Anliegen der Kritischen Psychologie ist es, im psychologischen Feld Mensch-Welt-Bezüge dergestalt zu beleuchten, dass die Vermitteltheit gesellschaftlicher Strukturen in den Handlungsprämissen der einzelnen Subjekte transparent werden kann. Ziel dieser Analysen bzw. Rekonstruktionen der für die Betreffenden relevanten gesellschaftlichen Verhältnissen ist es, Subjekte zu ermächtigen, sich zu den vorfindlichen Widersprüchen zu verhalten, um damit – idealiter – zu einer erweiterten Kontrolle über die für sie relevanten Lebensbedingungen zu gelangen. In ihrer historischen Entstehung beruht die Kritische Psychologie auf einer gemeinsamen Betrachtung von Psychologie- und Gesellschaftskritik und sie hat sich dann zu einer marxistischen Subjektwissenschaft mit transdisziplinärer Orientierung entwickelt, die über eine sehr gute theoretische Fundierung (Holzkamp 1992) und einen eigenständigen begrifflich-methodologisch Forschungsansatz verfügt.

Während der wissenschaftlich-theoretische Bereich gut ausgeleuchtet ist, bleiben konkrete Konzeptionen, wie Kritische Psychologie in der Berufspraxis angewandt werden kann, bruchstückhaft. Zwar gibt es Überlegungen, die zu Leitfadenkriterien führten, wie psychologische Berufspraxis analysiert werden kann (Markard & Holzkamp 1989), und die es ermöglichten, differenziert die Bedeutungen von Arbeitsbedingungen für die Praxis herauszuarbeiten (vgl. Fahl & Markard 1993), aber die Beantwortung der Fragen, wie Ergebnisse der Analysen zum praktischen Berufshandeln führen bzw. dieses verbessern können, sind nach wie vor schwerpunktmäßig individuelle Leistungen der Berufspraktiker. Dieses der Kritischen Psychologie immanente Problem äußert sich auch in dem Umstand, dass sie z. B. im Bereich der Therapie und Beratung keinen eigenständigen Ansatz entwickelt hat. Einen weiteren problematischen Aspekt bildet ihre brüchig gewordene institutionelle Absicherung, die dazu führt, dass es sich bei der Kritischen Psychologie um eine Minderheit in der wissenschaftlichen Community handelt. In meiner Berufspraxis – seien es Klienten, Auftraggeber, Kollegen oder Institutionen – spitzt sich dieser Umstand dahingehend zu, dass ich eher selten auf eine klare Vorstellung, was Kritische Psychologie sei, treffe, sondern meist eher ein diffuses Bild vorherrscht, das sich zusammensetzt aus wehmütigen Erinnerung an das alten PI der FU-Berlin oder aus Bemerkung wie: »Das sind ja olle Kammellen« bis hin zum völligen Unverständnis, was denn damit gemeint sei. Unter solchen Bedingungen ist davon auszugehen, dass sich das Problem des unzureichenden Transfers von Kritischer Psychologie in die Berufspraxis noch verschärft.

Wenn ich mich als freiberuflich tätige Kritische Psychologin in der Praxis von Therapie, Beratung und Lehre in der Sozialarbeit verstehe, so kann ich auf so gut wie keine Handlungsvorbilder zurückgreifen, wie eine solches berufliches Selbstverständnis unter den aktuellen Bedingungen gestaltet werden könnte. Partiell wird die Frage nach der Gestaltung des beruflichen Selbstverständnisses ohne ausreichende Orientierungsmöglichkeiten an tradierten Vorbildern in der Wirtschaftspsychologie und berufsbezogenen Beratungsansätzen wie Supervision und Coaching als die Frage der beruflichen Identitätsentwicklung unter sich wandelnden wirtschaftlichen Strukturen thematisiert. In diesem Diskurs wird zwischen beruflicher Identität von beruflicher Rolle unterschieden. Letztere wird als die Schnittstelle zwischen der Organisation und dem berufstätigen Individuum gesehen, d. h. es gibt zum einen Rollenvorgaben, die durch Arbeitsaufgaben und Erwartungen seitens der Mitarbeiter und Kunden der Organisation bestimmt sind, und zum anderen den Rolleninhaber mit eignen Werten und Persönlichkeitszügen. Idealerweise gilt es hier, Gestaltungs- und Handlungsspielräume der beruflichen Rolle in der Balance zwischen eignen Wertesystemen, beruflichen Absichten und Organisationszielen zu nutzen (vgl. Hantschk 2000). Der zentrale Unterschied zwischen beruflicher Rolle und beruflicher Identität liegt darin, dass Ersteres sich auf einen spezifischen Arbeitskontext bezieht, während Letzteres Balance- und Integrationsleitungen über alle beruflichen Kontexte hinweg und unter Berücksichtigung der Berufsbiographie sowie der Entwicklung zukünftiger Berufsperspektiven erbringt.

Problematisch ist jedoch der Begriff der beruflichen Identität hinsichtlich seiner Funktion im Diskurs über die Selbstwahrnehmung von Subjekten. Der Identitätsbegriff, der die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit einem Daseinszustand verwechselt, verschleiert Machtstrukturen, täuscht über gesellschaftliche Widersprüche hinweg bzw. verlagert sie ins Subjekt hinein. Folglich können restriktive gesellschaftliche Bedingungen nicht thematisiert und durch gemeinsames Handeln verändert werden, sondern, statt sich zu fragen, was man in einer konkreten Situation tun könne, bleiben Subjekte in der Frage, wer sie eigentlich seien, gefangen. »Die Stilisierung der ‚Identität’ zur wesentlichen Daseins-Kategorie ist die blinde psychologisierende Universalisierung inhumaner Zustände.« (Markard 2003, 83 [Hervorhebung im Original]).

Die Konstruktion eines beruflichen Selbstverständnisses ist ein dynamischer Prozess, der sich über das gesamte Berufsleben erstreckt und der sich mit den Widersprüchen, die den beruflichen Rahmen abstecken, in dem man zu handeln hat und die ein Subjekt durchdringen, auseinandersetzt. Konkret bedeutet dies Reflektion der theoretischen Grundlagen des jeweiligen Berufbereiches, der Praxiserfahrungen und der Erwartungen der anderen an die eigene Funktionserfüllung. Ein gelungenes berufliches Selbstverständnis ermöglicht, die eigenen (eventuell auch kollektive) Handlungsräume zu ermitteln, auszuweiten und zielt auf Handlungsermächtigung ab. Zwar beschreibt auch die berufliche Identitätsforschung Prozesse der Selbstreflexivität, Verarbeitung und Integration von Erfahrungen sowie synthetisierende Leistungen als Teil der Identitätsbildung. Jedoch unterscheidet sich die inhaltliche Stoßrichtung des Identitätsbegriffs gemäß der Funktionskritik seitens der Kritischen Psychologie von derjenigen des beruflichen Selbstverständnisses. Während jene die gesellschaftlichen Widersprüche nivelliert, fordert diese dazu auf, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Für die Konstruktion meines beruflichen Selbstverständnisses als Kritische Psychologin scheint mir folgendes notwendig: 1. die gesellschaftlich strukturierte Marktsituation in Berlin zu verstehen, wobei die zentralen Eckdaten sind, dass meine Kunden im psychosozialen Bereich mit massiven finanziellen Einsparungen, die auch legislativ bedingt sind, zu kämpfen haben und der Bereich des Beratungsangebotes als überlaufen und konkurrenzbetont charakterisiert werden kann. 2. auf einer inhaltlich-wissenschaftlichen Ebene das Problem des Transfers Kritischer Psychologie in die Berufspraxis zu klären und 3. auf der sozialen Interaktionsebene zum einen mit dem diffusen Fremdbild von Kritischer Psychologie umzugehen und zum anderen an unterschiedliche Denk- und Sprachkulturen anzuknüpfen bzw. Übersetzungsleistungen zwischen denjenigen der Kritischen Psychologie und denen meiner Kunden zu vollbringen.

Mein erster Schritt in die Richtung einer bewussten Konstruktion meines beruflichen Selbstverständnisses beschäftigt sich mit der Frage der Relevanz kritisch-psychologischen Denkens für den Bereich der Beratung und Lehre. Folgt man der Einschätzung von Mattes (1998, 30), dass eine systematische Verbindung von kritischer Psychologie und Gesellschaftskritik »eine lokale und temporäre Besonderheit« gewesen sei, die zwar in ihrer Zeit gut begründet war, aber sich mittlerweile isoliert habe, erscheint die Relevanz dieser Denkart an einen bestimmten historischen Kontext gebunden. Für den Kontext dieses Artikels sei auf den Unterschied zwischen Kritischer und kritischer Psychologie hingewiesen. Ersteres basiert auf marxistischer Grundlage und Letzteres bezieht sich auf Kritische Theorie und Psychoanalyse und ihr werden mittlerweile weitere kritisch-psychologische Ansätze zugeordnet werden. Unbeachtet dieser Unterscheidung bliebe dennoch der Kern der Aussage, dass ein Zusammendenken von Psychologie- und Gesellschaftskritik sich überholt habe, bestehen und Kritische Psychologen wären Relikte aus vergangenen Zeiten, die den Anschluss an den Zug der Zeit verpasst haben. Denkt man diesen Gedankengang konsequent zu Ende, wäre auch impliziert, dass sich am Verhältnis der Vermitteltheit gesellschaftlicher Strukturen in die Lebenswelten der Individuen etwas dergestalt gravierend verändert hätte, dass man gesellschaftliche Strukturen in ihrer Vermitteltheit mit psychischem Geschehen getrost außer Acht lassen könnte. Nachliegend sind solche Gedankengänge vor dem Hintergrund zunehmender Fragmentiertheit von Lebenswelten, die den gesamtgesellschaftlichen Bezug aus den Augen verlieren, und denjenigen neoliberaler Politik, die auf die Handhabbarkeit von Problemen durch individuelles Engagement setzen. Konkret hieße das, dass z. B. Zusammenhänge zwischen Arbeitsplatzbedingungen und (nicht nur) psychischen Störungen als rein zufällig interpretiert werden. Dass aber ein Zusammendenken von Psychologie und Gesellschaftskritik nicht überholt ist, zeigen aktuelle epidemiologische Untersuchungen und Studienauswertungen (vgl. Vetter & Redmann 2005). Mit Markard ist daher zu fragen, ob hinter dem Verständnis von Unzeitgemäßheit der Kritischen Psychologie vielmehr die »Angst,[…] vor gesellschaftlicher Isolation« und ein fehlendes Verständnis der Zusammenhänge steht, denn „[w]er Isolation marxistischer Wissenschaft […] als zuvörderst soziales und durch interpersonelle Beziehungspflege lösbares Problem sieht, hat den Zusammenhang von wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Reproduktion nicht begriffen oder wieder vergessen« (Markard 2000, 17 Hervorhebung im Original). Für mein berufliches Selbstverständnis ist diese Unterscheidung von inhaltlicher und sozialer Ebene bedeutsam. Daher will ich zum einen die inhaltliche Relevanz kritisch-psychologischen Denkens für mein Arbeitsfeld herausarbeiten und zum anderen Strategien entwickeln, wie ich diese auf einer sozialen Ebene vermitteln kann, sodass meine Kunden ihren Nutzen erkennen können und ich nicht in eine berufliche Isolation gerate. Da die psychologischen Wissenschaften und aus ihr abgeleitete Beratungsansätze vornehmlich individuumszentrierte Sichtweisen vertreten, ist die Prämisse der gesellschaftlichen Konstituiertheit des Subjekts in der Kritischen Psychologie ein umso wichtigerer Bezugspunkt, um Probleme, die auf einer individuellen und meist personalisierten Ebene erscheinen, in ihren Gesamtzusammenhang zu stellen. Nimmt man nur Sichtweisen ein, die um die Dimension der gesellschaftlichen Vermitteltheit von Problemstellungen verkürzt sind, was in der heutigen Zeit – die auf Individualisierung, individuelles Problemlösungsmanagement setzt und gleichzeitig gesellschaftliche Strukturen opak werden lässt – naheliegend erschient, bleiben Lösungsversuche von vorneherein eingeschränkt und wichtige Potentiale für effizientere Problembewältigung ungenutzt.

Wenn also im Sinne einer Aufgabenorientierung für das Arbeitsfeld Beratung die Frage nach der inhaltlichen Relevanz kritisch-psychologischen Denkens eindeutig mit ja beantwortet werden kann, muss im nächstes Schritt herausgearbeitet werden, auf welche inhaltlichen Elemente kritisch-psychologischen Denkens ich mich beziehe. Dieser Bezug ist selbstverständlich durch meine Interpretationsweise bestimmt, die ihrerseits durch die Anforderungen in meinem Berufsfeld und die dort gemachten Erfahrungen mit geprägt ist. Im Bereich der Therapie und Bratung bin ich aus einer pragmatisch-orientierten Sicht daran interessiert, konkrete Lösungen für konkrete Problemlagen zu erarbeiten. Hier beziehe ich mich auf die Kritische Psychologie als Analyseweg mit emanzipatorischer Zielrichtung, halte aber den Standpunkt, dass Kritik losgelöst von Lösungsvorschlägen betrachtet werden kann (Markard 2000, 43), für nicht durchführbar, da mein Arbeitsauftrag gerade die Erarbeitung von Veränderungsvorschlägen beinhaltet. Im wissenschaftlichen Forschungskontext dagegen schätze ich die kritikzentrierte Haltung als relevant ein, da sie dem Forschenden ermöglicht, Schwachstellen und Grenzen von Theorien aufzuweisen, wobei aus einem arbeitsteiligen Verständnis heraus dann andere aufgefordert sind, nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Im Bereich der Lehre ist mein Anliegen an die Kritische Psychologie, dass sie angehenden Sozialarbeitern und Sozialpädagogen Anregungen und Orientierungshilfen geben sollte bei ihrem Arbeitsvorhaben, Menschen zu helfen, die sich in Lebenskrisen befinden oder die ins soziale Abseits geraten sind.

Orientierungshilfen werden hier in zwei Bereichen gebraucht: Zum einen kann sozialpädagogische Hilfe nur dann gelingen, wenn sie neben den individuumsbezogenen psychischen Faktoren auch die sozialen, d. h. gesellschaftlich vermittelte Strukturen in ihre Hilfeplanüberlegungen mit einbezieht; zum anderen ist Sozialarbeit immer im Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle angesiedelt. Sich zwischen dem humanitären und dem staatlichem Auftrag zu verorten, ist eine Herausforderung im beruflichen Selbstverständnis angehender Sozialarbeiter, ist aber auch in jedem konkreten Fall neu zu lösen. Wenn auch praktisches Arbeiten das Berufsbild von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen prägt, so spielt die Sensibilisierung für diese Themen im Bereich Lehre eine wesentliche Rolle. Dabei kommt der theoretische Analyseansatz der Kritischen Psychologie gut zum Einsatz und der eingangs erwähnte immanente Widerspruch spielt eine eher untergeordnete Rolle.

Im Prozess der Klärung meines inhaltlichen Bezuges zur kritischen Psychologie, v. a. im Berufsfeld der Therapie und Beratung, ist noch mal hervorzuheben, dass es sich bei meiner Konstruktion des beruflichen Selbstverständnisses nicht um diejenige einer wissenschaftlich, im Universitätsbetrieb tätigen Kritischen Psychologin, sondern um die einer »Praktikerin« handelt, folglich die Theorie-Praxis-Entgegensetzung ein wesentliches Element meiner Konstruktion ist. Diese Entgegensetzung, die in vielen Wissenschaftsbereichen anzufinden ist, scheint da auf, wo »Praktiker« den »Theoretikern« elfenbeinturmähnliche Praxisferne vorwerfen und die »Theoretiker« den »Praktikern« unreflektierten Eklektizismus unterstellen. Auf einer strukturellen Ebene betrachtet handelt es sich um unterschiedliche Aufgabenstellungen. Universitäre Wissenschaft dient schwerpunktmäßig der Erforschung, Weiterentwicklung und Bewahrung der theoretischen Lehre. Die auf der theoretischen Ebene gewonnen Modelle und Erkenntnisse bieten Praktikern Arbeitsgrundlagen und Orientierungshilfen zur Bewältigung ihres Aufgabenfeldes. Hierbei können sie aber auf weit komplexere Problemstellungen stoßen, als sie in der Theorie vorgesehen sind. Dies wird meist dergestalt gelöst, dass Praktiker sich unterschiedlicher Theoriemodelle in Verbindung mit ihrem Erfahrungswissen bedienen und dabei auch theoretisch nicht kompatible Bausteine miteinander verschmelzen. Die Kritische Psychologie hat die Theorie-Praxis-Entgegensetzung im Bereich der Psychologie mehrfach thematisiert und Theorie-Praxis-Konferenzen organisiert, um Zusammenhangs- und Widerspruchswissen, über das Praktiker verfügen, offen zu legen und in ihre Forschungen einzubeziehen. Hierbei verweist Holzkamp (1988) darauf, dass die Theorie-Praxis-Entgegensetzung letztlich keine sei, sondern es sich um die Gegenüberstellung zweier Theorien, nämlich einer theoretisch-offiziellen und einer impliziten, personalisierten Praxistheorie handelt. Ausgangsüberlegung dabei ist, dass menschliches Handeln immer eine bewusste Antizipation möglicher Handlungskonsequenzen unter Berücksichtigung der jeweiligen Handlungsvoraussetzungen und -zusammenhänge voraussetzt, also auch eklektizistisch wirkendes Handeln des Praktikers theoriegeleitet ist, wobei aber diese persönliche Theorie meist nicht ausgewiesen, sondern nur über den Erfahrungsschatz des Praktikers begründet wird.

Diese Überlegungen verdeutlichen, dass Praxistheorien notwendig sind, man aber Wege finden muss, um die Gefahr von personalisierten Praxistheorien zu minimieren. Ich versuche, dieses Problem dergestalt zu lösen, dass ich mir meine spezifische Perspektive auf das Klientenproblem, die durch Arbeitsauftrag und Institutionsziele mitbestimmt ist, verdeutliche und dann aus den mir bekannten Theorien diejenigen herausfiltere, die ich für die Lösung als relevant erachte. Letzteres ist das eklektizistische Moment des Praxishandelns, zu dem ich immer wieder in Distanz treten muss, um mir mein Praxistheoriegebilde bewusst zu machen, seine Nützlichkeit im Hinblick auf die Klienten zu reflektieren, und die eklektizistisch genutzten Theorieelemente auf ihre Kompatibilität untereinander und auf Widersprüchlichkeiten in Bezug auf die Aufgabenbewältigung zu untersuchen.

Um meinen inhaltlichen Bezug zur Kritischen Psychologie zu konkretisieren (wobei ich mich auf die Beratungsarbeit beschränke), soll zwischen dem, auf was ich mich beziehe und dem, wie ich es nutze, unterschieden werden. Mein zentraler Bezugspunkt zur Kritischen Psychologie ist die Einbeziehung der gesellschaftlichen Vermitteltheit individueller Existenz im psychologischen bzw. im psychosozialen Geschehen. Ausgangspunkt ist hierbei das Verständnis vom Menschen als einem gesellschaftlich konstituierten Subjekt, welches zum einen den gesellschaftlichen Bedingungen unterworfen ist, sie zum anderen aber auch überwinden kann. Holzkamp (1983) fasst diese Doppelbeziehung als Möglichkeitsbeziehung des Subjekts zu den vorgefunden gesellschaftlichen Bedingungen. Demzufolge kann sich das Subjekt – auf theoretischer Ebene betrachtet – zu diesen Bedingungen in einem Spektrum, das von reinem Bedingtsein bis hin zu schöpferischer Umgestaltung reicht, verhalten. Wie Menschen dann konkret handeln, ist sowohl in ihren subjektiven Lebensinteressen begründet als auch in den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen, auf die das Subjekt je nach seiner gesellschaftlicher Machtposition unterschiedlich einwirken kann. Dieses philosophisch-gesellschaftliche Verständnis schlägt sich in meinem Beratungsansatz in der Basisannahme nieder, dass es neben der offensichtlichen personal-individuellen Ebene immer auch gesellschaftliche Strukturebenen gibt, die das problematische Geschehen transzendieren. Folglich müssen diese meist eher unsichtbar wirkenden Elemente rekonstruiert bzw. ausgewiesen werden, damit eine Beratung effizient wirken kann. Verbliebe ich ausschließlich auf einer personalen Ebene, auf der nur individualisierend betrachtet wird, wozu vor allem Therapie einzuladen scheint, liefe ich Gefahr, zu einem Reparaturbetrieb zu werden, der Menschen dazu anleitet, sich an herrschende Strukturen anpassen, ohne dass die schädigenden Strukturen als solche ihnen sichtbar gemacht werden. Dies impliziert für mich nicht, Beratung mit politischer Agitation (vgl. Zurhorst 1982, 47ff) zu verwechseln, sondern bedeutet, dass ich zusammen mit dem zu Beratenden in einem dialogischen und intersubjektiven Verhältnis[1] die für ihn relevanten Komponenten offen legen möchte, sodass er sich seiner Möglichkeits- und Handlungsspielräume bewusst werden kann, um sich dann zu entscheiden, wie er sich verhalten möchte. Viele meiner Klienten erleben es an dieser Stelle hilfreich zu erfahren, dass ihre Problemlagen auch durch gesellschaftliche Widerspruchskonstellationen bedingt sind, die sie zwar im Rahmen der Entscheidungskompetenzen ihres Arbeitsauftrages oder ihrer Position innerhalb der Organisation nicht ändern können, dass sie aber die Möglichkeit haben, sich zu diesen Widerspruchskonstellationen[2] zu verhalten, anstatt diese nur auszuhalten.

In der Beratungssprache fallen diese Bezüge unter die Begriffe der Standortbestimmung, die spezifische Vorgehensweisen wie Rahmenkonzeption, Beraterhaltung und Handlungsprinzipien implizieren. Diese Dimensionen müssen um Beratungs- und feldspezifisches Wissen angereichert werden, um erfolgreiche Beratungen durchzuführen. An dieser Stelle wird deutlich, dass das Fehlen eines eigenständigen kritisch-psychologischen Beratungs- oder Therapieansatzes eine große Lücke darstellt. Wenn auch psychotherapeutische Schulrichtungen ausführlich der Reinterpretation unterworfen wurden (Osterkamp 1976, Kalpein 2000), psychotherapeutische Praxis unter kritisch-psychologischen Gesichtspunkten analysiert wurde (vgl. Dreier 1988) und Therapiewidersprüche ein Thema auf dem letzen kritisch-psychologischen Kongress waren (Kalpein & Rexilius 1988), so findet sich hier das eingangs erwähnte immanente Problem der sehr gut fundierten theoretischen Analyse bei bruchstückhafter Vermittlung der daraus gewonnen Erkenntnisse in die Praxis wieder. Diese Lücke muss in der praktischen Berufstätigkeit immer wieder individuell von den Kritischen Psychologen gefüllt werden, in dem sie – wie auch immer – kritisch-psychologisches Denken in den von ihnen gelernten Beratungsansatz integrieren. Hierbei handelt es sich nicht nur um eine individuelle, sondern meistens auch um eine sehr isolierte Leistung, da auf Grund der aktuellen brüchigen institutionellen Trägerschaft der Kritischen Psychologie die Vernetzung und der Austausch der in der Praxis tätiger Psychotherapeuten kritisch-psychologischer Provenienz nicht angeboten wird.

Im Psychotherapie- und Beratungsbereich hingegen gibt es schon seit einigen Jahren Überlegungen dazu, wie man zu integrativen Ansätzen gelangen kann, da schulengebundene Ansätze als eingeschränkt kritisiert werden. Hierbei wird oftmals auf das integrative Modell von Herzog (1984) zurückgegriffen, das auf vier hierarchisch angeordneten Ebenen basiert. Es postuliert, dass die ersten beiden Ebenen durch anthropologische und erkenntnistheoretische Setzungen und Vorannahmen bestimmt sind, d. h. Menschbild und philosophische Erkenntniswege müssen ausgewiesen werden, dann folgen Theorien zur Problembestimmung und zu Lösungsansätzen. Die unterste praxeologische Ebene enthält den Handwerkskoffer der Methoden und Techniken, die mit den oberen Ebenen in Einklang stehen müssen. Dieses Modell stellt ein Strukturbild dar, das auf Grund der Setzungen in den beiden oberen Hierarchieebenen praktisches Arbeiten mit unterschiedlichen Theorien in theoriekompatibler und problemgerechter Weise ermöglicht. Es verlangt nicht eine spezifisch anthropologische Setzung, es bietet hier vielmehr einer Beliebigkeit Raum, aber es verlangt, dass die folgenden Hierarchieebenen mit der obersten in Einklang stehen bzw. aus ihr abgeleitet sein müssen. Wenn ich dieses Modell als roten Faden in meiner methodenintegrativen Beratungsarbeit nutze, so liefert mir die Kritische Psychologie mit der bereits erwähnten Vermitteltheit individueller Existenz mit gesellschaftlichen Bedingungen die anthropologische Setzung. Das Zusammenhangs- und Vermittlungsdenken ist im Folgenden immer wieder Prüfstein, inwieweit ich andere Theorien integrieren kann. Hierbei bietet mir das kritisch-psychologische Vorgehen in der Reinterpretation, die als eine Analyse des »Verhältnisses von Erkenntnisgehalt und -grenzen vorfindlicher Konzepte unter Einbezug deren gesellschaftlicher Funktionalität« (Markard 1994, 126) gilt, erkenntnistheoretische Mittel, um ein geschultes Auge für implizite, nicht ausgewiesene Vorannahmen in den Theorien zu entwickeln, die meinem Beratungsanliegen, Menschen in einem selbstbestimmten Handeln zu unterstützen, zuwiderlaufen würden. Die praktische Relevanz liegt für mich vor allem im Aufdecken des relativen Erkenntnisgehaltes von Theorien, die im Umkehrschluss auch auf ihre Stärken und Grenzen verweisen. Auf der Ebene der Problembestimmung und den darauf folgenden Lösungsansätzen ist für mich die von der Kritischen Psychologie geforderte Intersubjektivität zentraler Baustein; d. h. Expertentheorien können zwar durchaus als Fachwissen herangezogen werden, aber die Interpretation – was das Problem sei – bleibt ein intersubjektiver Vorgang. Das Grundparadigma des Forschers und Mitforschers der subjektwissenschaftlichen Forschungsmethodik bietet mir hier gute Orientierungspunkte.

Wenn bis hierher Überlegungen zur inhaltlich-wissenschaftlichen Ebene der doppelten Aufgabe in meinem beruflichen Selbstverständnis skizziert wurden, soll jetzt der Bereich der sozialen beruflichen Interaktion angesprochen werden. Da mir dieser dazu dient, die materielle Grundlage meines Lebens zu sichern, ist meine Ausgangsfrage, wie ich die sozialen Interaktionen gestalten kann, um mein Ziel zu erreichen. Relevant sind für mich dabei folgende Aspekte: dass das diffuse Fremdbild von Kritischer Psychologie eher zu negativen Voreingenommenheiten mir gegenüber führen kann; dass ich auf Grund der geringen Rezeption von Kritischer Psychologie im aktuellen psychosozialen Arbeitsfeld mit dem Risiko, eine Außenseiterposition einzunehmen, umgehen muss; dass meine Kunden, seien es private oder Institutionen, in Denk- und Sprachkulturen leben, die wenig Verbindung mit denen der Kritischen Psychologie aufweisen. Diese Aspekte sind in die konkrete Marktsituation in Berlin eingebettet, die sich durch starke Konkurrenz bei knapper werdenden Budgets und Erwartungstendenzen der Kunden hinsichtlich schneller Lösungen auszeichnet. Praktisch hat es sich für mich als sehr hilfreich erwiesen, beim Aspekt der Kommunikation anzusetzen. Hierbei stehen kommunikative Transferleistungen im Vordergrund, in denen ich zum einen die Gedankenfiguren und Arbeitsansätze meiner Kunden identifizieren muss und dabei vor allem jene erkennen sollte, die mit kritisch-psychologischem Denken kompatibel sind, aber sich nicht sprachlich als solche ausweisen. Zum anderen sollte ich meine durch die Kritische Psychologie mitbestimmte Arbeitsweise dergestalt vermitteln, dass meine Kunden sie in ihrer Denk- und Sprachkultur verstehen können und ihnen der Nutzen eines solchen Beratungskonzepts in Bezug auf ihr Anliegen klar vor Augen steht. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass der Begriff Kritische Psychologie kein einziges Mal fällt. Ebenso ist es wahrscheinlich, dass ich dabei an Begrifflichkeiten, wie z. B. Verbesserung der beruflichen Handlungsfähigkeit, anknüpfe, die in beiden Kulturen ganz unterschiedlich definiert sein können. Während in der Kritischen Psychologie unter diesem Begriff[3] eine Erweiterung der für das Subjekt relevanten Lebensbedingungen verstanden wird, kann in der Arbeitswelt ein optimaleres Funktionieren des Berufstätigen ohne Veränderung relevanter Strukturen gemeint sein. Auf analytischer Ebene begebe ich mich damit in eine nebulöse Grauzone, in der Praxis versuche ich, das Problem dergestalt zu lösen, dass ich bei den Kunden nachfrage, was sie darunter verstehen bzw. was sie erreichen möchten. Kommunikation heißt an dieser Stelle, eine gemeinsame Sprache zu finden und Begriffe kontext- und situationsbezogen zu definieren.

Mit dem Risiko der potentiellen beruflich-sozialen negativen Konnotation und des Außenseitertums versuche ich derart umzugehen, dass ich zunächst meinen integrativen Ansatz vorstelle und darauf hinweise, dass ich auftretende Problem immer in ihrem Kontext betrachte. Wenn auch der Begriff der Kontextbezogenheit aus kritisch-psychologischer Sicht nicht mit demjenigen der gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit von gesellschaftlichen Strukturen mit Problemen gleichzusetzen ist, so verbinde ich damit das emanzipatorische Anliegen der Kritischen Psychologie, Menschen dabei zu unterstützen, die Verfügungsgewalt über die für sie relevanten Lebensbedingungen zu erweitern. Bzw. ich versuche, sie darin zu unterstützen, mit Situationen umzugehen, in denen sie restriktiven Bedingungen gegenüberstehen und zunächst keine Erweiterungsmöglichkeiten in Sicht sind. Abgesehen davon, dass es schon von meinen Kunden als sehr hilfreich erlebt wird herauszufinden, dass sie sich solchen Bedingungen gegenüber verhalten können, statt sie nur aushalten zu müssen, bin ich immer wieder darüber erstaunt, dass in einem längeren Beratungsprozess mittels kleinschrittigen Vorgehens Veränderungen initiiert werden, die auf lange Sicht auch die zunächst unveränderlich erscheinenden Bedingungen verändern. So litt z. B. ein Team über lange Zeit an zu hoher Arbeitsbelastung, die sich durch Ausfallzeiten auf Grund von Krankheiten noch verschärfte. In der ersten Zeit des Supervisionsprozesses gab es ein eindeutiges Nein der Geschäftsstelle zur Einstellung neuer Mitarbeiter, sodass sich die Mitarbeiter gezwungen sahen, sich mit dem aktuellen Zustand zu arrangieren. Dass nach fast einem Jahr dann doch eine Honorarkraft eingestellt werden konnte, lag an einem Zusammenwirken verschiedener Faktoren: Die Reflektion eigener Arbeitsstile, von Strukturen sowohl im Träger als auch zwischen ihm und seiner Außenwelt führten zu einem verändertem Verhalten der Mitarbeiter, wozu auch gehörte, dass sie ihre Arbeitssituation im Träger auf neue Art und Weise transparent machten. Daraus resultierende Veränderungen und das strategisch-planerische Geschick der Leiterin ermöglichten es, die Ausgangsbedingung in diesem Maße zu verändern.

In den Überlegungen zu meinem beruflichen Selbstverständnis als freiberufliche Kritische Psychologin im Beratungsfeld sollte deutlich geworden sein, dass eine strukturelle Leerstelle im praktischen kritisch-psychologischen Arbeiten, die ein immanentes Problem der Kritischen Psychologie ausdrückt, individuell gefüllt werden muss und dass ich Integration und kommunikative Transferleistungen als zentrale Prinzipien bei dieser Konstruktion nutze. Diese Prinzipien bergen das Risiko, dass ich so wenig als Kritische Psychologin zu erkennen bin, dass ich mühelos in aktuellen Strömungen untertauchen könnte, was den Verlust meiner kritisch-psychologischen Selbstverständnisses als Preis hätte. Inwieweit die Konstruktion meines beruflichen Selbstverständnisses als gelungen betrachtet werden kann, wird sicherlich von mir, von kritisch-psychologischen Kollegen und nicht kritisch-psychologischen Kollegen und Kunden sehr unterschiedlich beantwortet. Dies könnte eine sehr spannende Diskussion ergeben.

Literatur

Buber, Martin (1973): Das dialogische Prinzip. (3. Aufl.) Heidelberg: Lambert Schneider.

Dreier, Ole (1988): Denkweisen über Therapie. Forum Kritische Psychologie, 22, 42-67.

Fahl, Renke & Morus Markard (1993): Das Projekt »Analyse psychologischer Praxis« oder: Versuch der Verbindung von Praxisforschung und Psychologiekritik. Forum Kritische Psychologie, 32, 4-35.

Hantschk, Ilse (2000): Rollenberatung. In Harald Pühl (Hg.), Handbuch der Supervision (S. 160-171). Berlin: Ed. Marhold.

Herzog, Walter (1984): Modell und Theorie in der Psychologie. Göttingen: Hogrefe.

Holzkamp, Klaus (1979): Zur kritisch-psychologischen Theorie der Subjektivität II. Forum Kritische Psychologie, 5, 7-46.

Holzkamp, Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie. Frankfurt am Main/New York: Campus.

Holzkamp, Klaus (1988): Praxis: Funktionskritik eines Begriffs. In Joseph Dehler & Konstanze Wetzel (Hg.), Zum Verhältnis von Theorie und Praxis in der Psychologie (S. 15-47). Marburg: Verlag Arbeiterbewegung und Gesellschaftswissenschaften.

Holzkamp, Klaus (1992): Geschichte und Theorie der Kritischen Psychologie. In Gerhard Benetka et al. (Hg.), Gegen-Teile: Gemeinsamkeiten und Differenzen einer kritischen Psychologie (S. 60-71). München/Wien: Profil.

Kalpein, Jochen (2000): »Psychotherapie ist Make-up für die Seele« – oder: Analyse eines Praktikums in verhaltenstherapeutischer Delegationspraxis. In Morus Markard & Ausbildungsprojekt Subjektwissenschaftliche Berufspraxis (Hg.), Kritische Psychologie und studentische Praxisforschung. Wider Mainstream und Psychoboom (S. 75-112). Hamburg: Argument.

Kalpein, Jochen & Günther Rexilius (1998): Therapie-Widersprüche. In Barbara Fried, Christina Kaindl, Morus Markard & Gerhard Wolf (Hg.), Erkenntnis und Parteilichkeit. Kritische Psychologie als Subjektwissenschaft (S. 185-221). Berlin/Hamburg: Argument.

Markard, Morus (1994): »Wie reinterpretiert man Konzepte und Theorien?«. Forum Kritische Psychologie, 34, 125-155.

Markard, Morus (2000): »Lose your dreams and you will lose your mind« oder: Was ist kritisch an der Kritischen Psychologie? Forum Kritische Psychologie, 42, 3-52.

Markard, Morus (2003): Warum ich als Kritischer Psychologe keinen Grund sehe, mich positiv auf das Identitäts-Konzept einzulassen – oder: eine funktionskritische Polemik zum Identitätsboom. In Andrea Birbaumer & Gerald Steinhardt (Hg.), Der flexibilisierte Mensch (S. 75-85). Heidelberg/Kröning: Asanger.

Markard, Morus & Klaus Holzkamp (1989): Praxisportrait. Ein Leitfaden zur Analyse psychologischer Berufstätigkeit. Forum Kritische Psychologie, 23, 5-49.

Mattes, Peter (1998): Möglichkeiten postmoderner kritischer Psychologie. Psychologie & Gesellschaftskritik, 22, (H. 86/87), 27-41.

Osterkamp, Ute (1976): Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung II. Die Besonderheit menschlicher Bedürfnisse – Problematik und Erkenntnisgehalt der Psychoanalyse. Frankfurt am Main: Campus.

Vetter, Christian & Alexander Redmann (2005): Arbeit und Gesundheit. Ergebnisse aus Mitarbeiterbefragungen in mehr als 150 Betrieben. In Wissenschaftliches Institut der AOK, WIdO-Materialien Band 52. Bonn.

Zurhorst, Günter (1982): Gestörte Subjektivität: Einzigartigkeit oder Gesetzmäßigkeit; ein kritischer Vergleich von Sartre und Holzkamp. Frankfurt am Main: Campus.

Endnoten:

[1]

Der Dialogbegriff basiert auf Bubers 1973 formuliertem philosophisch-religiösen Verständnis des gegenseitigen Umfassens und Verstehens, während der kritisch-psychologische Intersubjektivitätsbegriff (Holzkamp 1979) die Machtbalance zwischen den beiden Subjekten mit thematisiert.

[2]

Es ist an solche Widerspruchskonstellationen gedacht, die zu ihrer Veränderung Handlungsinputs auf gewerkschaftlicher, organisatorischer und/oder politische Ebene bräuchten. Teamsupervisionen können zwar theoretisch zu solchen Handlungsimpulsen führen, praktisch jedoch greifen eher Führungskräfte in Leitungssupervisionen solche Impulse für die Veränderungsarbeit in entsprechenden Gremien und politischen Ebenen auf.

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Der Begriff der beruflichen Handlungsfähigkeit existiert als solcher nicht in der Kritischen Psychologie. Er kann aber als ein Teil der personaler Handlungsfähigkeit angesehen werden.

Autorenhinweis

Sylvia Siegel

Diplompsychologin, Supervisorin, integrative Gestalttherapeutin in eigener Praxis, Dozentin in der Weiterbildung, Lehrbeauftragte an der Alice-Salomon-Fachhochschule.

Sylvia Siegel Holsteinische Straße 58 D-12163 Berlin

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