Linie und Erkennen: Die Linie als Instrument sozialwissenschaftlicher Bildinterpretation

Aglaja Przyborski, Thomas Slunecko

Abstract


Wir diskutieren in diesem Aufsatz die Linie hinsichtlich ihrer prinzipiellen Erkenntniskraft. Die Linie stellt sich dabei als eine formale Struktur heraus, die für den Zugang zur Semantik von zweidimensionalen Darstellungen entscheidend ist und von daher auch für eine rekonstruktive Methodologie der Bildinterpretation eine wichtige Funktion hat. Wie der Aufsatz zeigt, eröffnet sich dieser Zugang über die Linie insbesondere dadurch, dass diese der Schlüssel zur planimetrischen Komposition, d.h. zur Struktur des Bildes in der Fläche ist. Ihre forschungspraktische Anwendung wird aber oft von einem objektivistischen Denken verführt, das nach der einen richtigen (wahren) Linie bzw. Linienstruktur sucht – einem Denken, dem dieser Aufsatz vorbeugen möchte. Dagegen machen wir die Idee stark, Linien als Mittel des Erkennens im Sinne eines sehenden Sehens (sensu Imdahl) einzusetzen. Die Eigenlogik bildlicher Darstellungen lässt sich vor diesem Hintergrund als bildspezifisches, implizites Wissen formulieren, in welchem die Linie eine zentrale Rolle spielt. Mit dem hier vorgetragen Versuch, die Linie als Element von implizitem, alltäglichem Wissen zu explizieren, lässt sich ihre Anwendung bei der Bildinterpretation oder -analyse jenseits kunstgeschichtlicher Diskurse auch innerhalb einer sozialwissenschaftlichen Methodologie begründen, sofern eine solche an impliziten Verständigungsstandards ansetzt . Diese Überlegungen exemplifizieren wir am Ende an einem Werbebild – woraus sich deren praktischer Nutzen erschließt.

Schlagworte


qualitative Methoden; Bildinterpretation; Ikonik; dokumentarische Methode; Wissenssoziologie; Epistemologie; psychologische Grundlagenforschung

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