»Nothing about us without us«? – Partizipative Forschung und Beteiligungsformen alter Menschen am Beispiel Großbritannien

»Nothing about us without us«? – Partizipative Forschung und Beteiligungsformen alter Menschen am Beispiel Großbritannien

Carolin Kollewe

Zusammenfassung

Partizipative Ansätze in Forschungs- und Praxisprojekten mit alten Menschen werden von kritischen GerontologInnen häufig mit der Hoffnung auf Demokratisierung, einem empowe r ment alter Menschen sowie der Ermöglichung von »Gegenstimmen« zu mainstream-Diskursen verbunden. Zugleich haben sich kritische GerontologInnen äußerst kritisch mit der Programmatik des active ageing auseinander gesetzt, die Partizipation an der Gesellschaft als Recht und als Verpflichtung alter Menschen konzipiert. Der Artikel beleuchtet am Beispiel Großbritannien Diskurse über die Partizipation alter Menschen an Forschungs- und Praxisprojekten in ihrem gesellschaftlichen Kontext. Partizipative Ansätze werden in Großbritannien bereits seit einiger Zeit und wesentlich intensiver als in anderen europäischen Ländern eingesetzt und genutzt. Dabei zeigt sich, dass die Diskurse um Partizipation verschiedene Wurzeln haben, aktuell aber zumeist eng mit dem Umbau des Wohlfahrtsstaates zu einem aktivierenden Sozialstaat verknüpft sind. Die kritische Auseinandersetzung mit Partizipationsmodellen in Großbritannien verdeutlicht, was bei der Entwicklung und Umsetzung von Partizipationsansätzen in anderen Ländern berücksichtigt werden sollte.

Schüsselwörter: Kritische Gerontologie, Partizipation, Alter, Großbritannien, Aktivierung älterer Menschen

Keywords: Critical gerontology, participation, old age, Great Britain, activation of older people

Summary

Commonly, amongst critical gerontologists, participatory approaches in research projects and practice give rise to the hope of strengthening democracy, empowering older people and encouraging voices dissenting from the mainstream discourse. Equally, critical gerontologists have assessed the political objectives of «active ageing” programmes. Under an active aging policy, elderly people have not only the right to participate in society, but also the duty to engage actively. This article sheds light on discourses about participation of the elderly in research projects and practice in the British context from a societal perspective. In Great Britain, participatory approaches have been promoted and implemented for some time now and with much greater intensity compared with other European countries. A closer look at these developments reveals that discussions on participation have various roots, but current uses show a strong connection between participation and politics aiming to transform hitherto existing welfare models into «new welfare” in which activation plays a key role. Viewed in this light, critical assessments of existing models and participation programmes in Great Britain can be used to reconsider what has to be taken into account in other countries which are now placing emphasis on developing and implementing participatory approaches with regard to elderly people.

Schüsselwörter: Kritische Gerontologie, Partizipation, Alter, Großbritannien, Aktivierung älterer Menschen

Keywords: Critical gerontology, participation, old age, Great Britain, activation of older people

Partizipative Forschung und Praxisprojekte mit alten Menschen scheinen aktuell wie Pilze aus dem Boden zu schießen. So rief beispielsweise das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung 2013 ForscherInnen und SeniorInnen dazu auf, in sogenannten Demografie-Werkstattgesprächen unter dem Motto »Forschung für mich – Forschung mit mir« gemeinsam über zukunftsträchtige Forschungsfragen zu diskutieren (BMBF 2013, S. 2). Darüber hinaus wird in verschiedenen Städten mithilfe von partizipativen Ansätzen Quartiersentwicklung betrieben und in Berlin gibt es ein Seniorenmitwirkungsgesetz, das dazu führen soll, dass ältere Menschen stärker politisch partizipieren (DZA 2013). Auch im Bereich der deutschsprachigen Forschung wird aktuell intensiv darüber diskutiert, wie partizipative Forschung – auch gemeinsam mit alten Menschen - durchgeführt werden kann und welche Herausforderungen und Schwierigkeiten sich dabei stellen (z.B. Schwerpunktheft »Partizipative Forschung« des Journals für Psychologie 19/2; Forum Qualitative Sozialforschung-Schwerpunktausgabe "Partizipative qualitative Forschung" 13/1; Beispiel für eine partizipative Forschung mit alten Menschen: Kammerer/​Heusinger 2011).

Ziel dieses Beitrages ist es, gegenwärtige Diskurse um die Partizipation alter Menschen in gerontologischen Studien und in Praxisprojekten zu beleuchten und in ihrem gesellschaftlichen Kontext zu betrachten. Als Beispiel dienen dabei die Entwicklungen und Diskussionen um Partizipation alter Menschen in Großbritannien. Der Artikel führt im ersten Abschnitt kurz in die ambivalente Beschäftigung der kritischen Gerontologie mit aktuellen Partizipationsforderungen ein. Danach werden in Abschnitt 2 Beispiele für partizipative Ansätze in Forschung- und Praxisprojekten mit alten Menschen aus Großbritannien vorgestellt – mit Schwerpunkt auf dem Pflege- und Gesundheitsbereich. Zum Schluss wird die Frage gestellt, was sich aus den Erfahrungen mit und aus der Kritik an partizipativen Ansätzen in Großbritannien für den deutschsprachigen Raum ableiten lässt. Systematischer Grund für die Auswahl der britischen Entwicklung ist, dass partizipative Ansätze in Forschungs- und Praxisprojekten dort bereits seit einiger Zeit und wesentlich intensiver als in anderen europäischen Ländern eingesetzt und genutzt werden. Ebenso wurden dort im Vergleich zu Deutschland generell früher neoliberale Politikansätzen und Formen der New Governance eingeführt (vgl. Rhodes 1996; Stoker 1998; Mayntz 2006). Diese kritische Auseinandersetzung auf der Insel soll dabei für eine kritisch-gerontologische Betrachtung von Partizipationsvorstellungen im deutschsprachigen Raum zur Verfügung gestellt werden.

1. Kritische Gerontologie und das Thema Partizipation alter Menschen

Die Critical Gerontology begann sich bekanntlich seit den 1970er Jahren von den angelsächsischen Ländern aus zu entwickeln und zu verbreiten. Ausgangspunkt war dabei die Kritik an einer individualistischen und positivistischen Betrachtung des Alter(n)s und einer starken Orientierung an der Biomedizin innerhalb der damaligen mainstream-Gerontologie (Ray 2008). Zwar hat sich die Gerontologie heute stark diversifiziert; neben eher klassisch soziologisch oder psychologisch ausgerichteter gerontologischer Forschung entwickelt sich beispielsweise zunehmend auch eine kulturwissenschaftliche Alter(n)sforschung, die neue Perspektiven und wissenschaftliche Ansätze in die Debatte einbringt (siehe dazu beispielsweise Gilleard & Higgs 2000; Morganroth 2004; sowie die Tagungen des European Network in Aging Studies und das Journal »Age Culture Humanities«). Gleichwohl war und ist das Ziel der VertreterInnen einer Critical G erontology bis heute, das Phänomen des Alter(n)s in seinem gesellschaftlichen Rahmen zu untersuchen. Ein weiteres wichtiges Anliegen der kritischen Gerontologie ist es, die wissenschaftliche Disziplin Gerontologie reflexiv in ihrem gesellschaftlichen Kontext und in ihrer kulturhistorischen Entwicklung zu analysieren. Dabei interessiert besonders, welche gesellschaftlichen und politischen Interessenslagen gerontologische Studien durchziehen – ebenso wie die Praxis der verschiedenen Professionen, die mit alten Menschen arbeiten (Ray 2008; für den deutschsprachigen Raum siehe Amann/​Kolland 2014; Aner 2013).

Partizipationsansätze werden in der kritischen Gerontologie sowohl analysiert als auch mit vielfältigen Hoffnungen verbunden. Eine kritische Auseinandersetzung gab es beispielsweise in den letzten Jahren in Teilen der deutschsprachigen Alternsforschung mit dem Konzept des active ageing, das seit den 1990er Jahren diskutiert wird und darauf abzielt, die Partizipation alter Menschen an der Gesellschaft und ihre Inklusion zu fördern (z.B. Karl 2009; Pichler 2010; van Dyk 2009; van Dyk/​Lessenich 2009a; Aner 2013). Einerseits wird in der Programmatik des active ageing Partizipation als ein Recht auf Teilhabe konzipiert: als die Möglichkeit, sich beispielsweise an sozialen, ökonomischen, kulturellen und bürgerschaftlichen Aktivitäten zu beteiligen. Andererseits wird Partizipation in dieser Diskussion als Pflicht propagiert: als Verpflichtung, sich produktiv und aktiv in die Gesellschaft einzubringen, z.B. durch ehrenamtliches Engagement. Partizipation alter Menschen soll dabei deren Wohlbefinden steigern (WHO 2002; Walker 2010).

Die Aktivierung alter Menschen, die sich im Konzept des active ageing abzeichnet, findet bekanntlich im Rahmen des Umbaus von einem fürsorgenden zu einem aktivierenden Wohlfahrtsstaat statt. Dabei werden die Verantwortlichkeiten für öffentliche Aufgaben neu verteilt: Nicht nur der Staat übernimmt z.B. soziale Aufgaben, sondern diese sollen auch von den BürgerInnen selbst durch Eigenverantwortlichkeit und bürgerschaftliches Engagement erfüllt werden (Dingeldey 2006, S. 6f.). Integration in den Sozialstaat soll dabei nicht mehr durch Teilhabe gewährleistet werden, sondern in erster Linie durch Teilnahme (Wohlfahrt 2003). Für alte Menschen bedeutet dies, dass auch von ihnen zunehmend ein aktiver Lebensstil, verbunden mit bürgerschaftlichem Engagement und einer verlängerten Berufstätigkeit erwartet wird (Aner 2013, S. 308).

Das Konzept des active ageing wurde und wird in der deutschsprachigen Debatte zum Teil stark kritisiert. So wurde beispielsweise deutlich gemacht, dass das Idealbild eines aktiven alten Menschen, der seine Ressourcen und Potenziale in die Gesellschaft einbringt, Menschen ausschließt, die z.B. aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen, ihres sozioökonomischen Status oder ihrer Bildung nicht über entsprechende Ressourcen verfügen (Backes 2014; Backes/​Amrhein 2008). Auch wurde kritisiert, dass das Aktivitätsideal zu einer Normierung und (Selbst‑)Disziplinierung alter Menschen führe, mit der politisch auf eine Verantwortungsübernahme des Einzelnen abgezielt werde, statt auf gesellschaftliche Verantwortung (van Dyk/​Lessenich 2009b, S. 543; Aner 2013, S. 311).

Neben der Kritik am Konzept der Partizipation im Rahmen der active ageing-Programmatik setzen kritische GerontologInnen aber auch Hoffnungen in partizipative Ansätze in Forschung und Praxis. So gilt die Teilhabe alter Menschen an der Entwicklung und Durchführung von Forschungsprojekten zu gerontologischen Themen und an Praxisprojekten als eine Möglichkeit zur Demokratisierung von Forschung und Praxis (Köster 2012, S. 605). Alte Menschen sollen in partizipativen Forschungs- und Praxisprojekten ihre Interessen und Perspektiven einbringen und ihre Stimme hörbar machen können. Die Erwartung ist dabei, dass alte Menschen durch die Teilhabe an partizipativen Forschungs- und Praxisprojekten unterschiedliche Dinge lernen und damit letztendlich ein empowerment erfahren. Dabei sollen vor allem diskriminierte und ausgeschlossene Menschen von solch einem Ansatz profitieren. Partizipation gilt somit als ein bedeutsames Mittel, um Altersdiskriminierung zu begegnen (ebd.). Auch gehen kritische GerontologInnen davon aus, dass die Partizipation alter Menschen in Forschungs- und Praxisprojekten die Perspektive der GerontologInnen erweitern könne. So zitieren beispielsweise Martha B. Holstein und Meredith Minkler aus einem Artikel von Glanz und Neikrug (1997):

»When seniors themselves begin to ›tinker‹ with social gerontology’s theories and ideas as a result of conducting their own research, we may discover that ›the graying of social gerontology‹ is just what we needed to help find new paradigms for understanding aging in the 21st century.« (Glanz/​Neikrug 1997, S. 826 zitiert in: Holstein/​Minkler 2003, S. 794).

Holstein und Minkler sehen in partizipativer Forschung, an der alte Menschen beteiligt sind und in der sie Entscheidungshoheit über Forschungsthemen haben, auch ein Potenzial für Widerstand gegen normative Diskurse und Altersbilder wie beispielsweise »successful aging«. In partizipativen Studien können ihrer Meinung nach Stimmen hörbar gemacht werden, die in solchen Diskursen nicht vorkommen (Holstein/​Minkler 2003, S. 794).

Bisher wenig beachteten Stimmen Gehör zu verschaffen ist auch das propagierte Ziel vieler partizipativer Projekte mit alten Menschen in Großbritannien. So lautet denn auch der Slogan, der seit Jahren in Großbritannien in der Debatte um Partizipation alter Menschen in Entscheidungsprozessen und Forschungsprojekten zitiert wird »Nothing about us without us«. Dieser Slogan wurde seit den 1990er Jahren im angelsächsischen d isability rights movement genutzt, um die Forderung nach Selbstbestimmung und Kontrolle über das eigene Leben zu unterstreichen (Charlton 1998). Später wurde dieser Slogan dann in die Debatte um die Partizipation alter Menschen in Großbritannien eingeführt und von unterschiedlichen, auch internationalen AkteurInnen genutzt (z.B. Joseph Rowntree Foundation). So bedient sich beispielsweise auch die UN dieses Mottos, um für die Rechte von Behinderten zu werben (z.B. http://www.un.org/disabilities/default.asp?id=114, 1.3.2015).

2. Partizipative Ansätze in Forschung und Praxisprojekten in Großbritannien

Seit den 1980er Jahren wird in Großbritannien die Beteiligung des Bürgers an politischen Entscheidungsprozessen und an der Herstellung des Wohlfahrtsstaates propagiert. Partizipative Projekte verbreiteten sich in der Folge der neoliberalen Umstrukturierungen des britischen Wohlfahrtsstaates in den 1990er Jahren, die verbunden waren mit einer Privatisierung der Pflege und einer Verpflichtung der Familie, vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich sehr stark (Cowden/​Singh 2007, S. 5ff.; 11). Das Spektrum an partizipativen Projekten ist dabei groß: Es umfasst die Beteiligung an der Gestaltung von wohlfahrtsstaatlichen Dienstleistungen, Praxisprojekten und Forschungen. So ist beispielsweise das »user involvement« eine wichtige Partizipationsform. Verstanden wird darunter die Einbeziehung von Menschen, die wohlfahrtsstaatliche Leistungen wie beispielsweise im Gesundheits- und Pflegesektor in Anspruch nehmen, in die Gestaltung und Weiterentwicklung dieser Leistungen. NutzerInnen solcher Institutionen haben nun die Chance, ihre Kritik an Behandlungsabläufen zu äußern, die Perspektive der PatientInnen einzubringen und Verbesserungsvorschläge einzureichen. Durch die Einrichtung von beispielsweise Beiräten soll erreicht werden, dass wohlfahrtsstaatliche Leistungen verbessert werden und die Perspektive von PatientInnen stärker berücksichtigt wird (Greenhalgh/​Humphrey/​Woodard 2010, S.1).

Ein anderer Bereich, in dem partizipative Ansätze in Großbritannien mittlerweile eine wichtige Rolle spielen, sind Praxisprojekte, die beispielsweise darauf abzielen, die Lebensqualität und Pflege alter Menschen zu verbessern. Hier haben sich interessante Ansätze entwickelt, wie beispielsweise in Dorset (Südengland): Dorset POPP ist das Ergebnis des Programms »Partnership for Older People Projects« (POPP) der britischen Regierung und hat sich von einem top-down -Projekt zu einer buttom-up-Initiative entwickelt. In Dorset haben sich ein Team von alten Menschen und SozialarbeiterInnen mit verschiedenen Akteuren – wie beispielsweise Gesundheits- und Pflegeinstitutionen, Unternehmen des öffentlichen Nahverkehrs und Feuerwehr – im Landkreis miteinander vernetzt, um alte Menschen darin zu unterstützen, länger zu Hause leben zu können. Alte Menschen bilden dabei die Mehrheit in wichtigen Entscheidungsgremien und haben auch die Verantwortung für die Auswahl der MitarbeiterInnen und in der Budgetverwaltung.

Ein weiteres Feld, in dem alte Menschen in Großbritannien mittlerweile regelmäßig mitarbeiten, sind Forschungsprojekte. Hier übernehmen sie im Rahmen von Aktionsforschungen einzelne Schritte oder den gesamten Prozess der Erhebung und Auswertung. Ziel ist dabei, nicht nur die Erforschung der Lebenssituation alter Menschen, sondern auch die Veränderung der erforschten Wirklichkeit mithilfe der Forschungsergebnisse (Carey 2010, S. 225). So evaluierten beispielsweise im Projekt Dorset POPP ältere ForscherInnen das Projekt. Neben der Beteiligung alter Menschen an Forschungsprojekten, die in der Forschungsförderung in Großbritannien in den letzten Jahren eine wichtige Rolle spielt (Walker 2007, S. 482), gibt es mittlerweile aber auch Forschungsförderinstitutionen, die sich von alten Menschen beraten lassen, wie beispielsweise die Joseph Rowntree Foundation. Die Stiftung hatte beispielsweise von 2000-2004 eine Gruppe von zehn alten Menschen einberufen, die Vorschläge für neue Forschungsthemen machte und verschiedene Forschungen selbst durchführte. Das Geld für die Durchführung von verschiedenen Studien stellte die Stiftung zur Verfügung. Ergebnis dieses Projekts ist unter anderem eine umfangreiche Sammlung von Berichten und Reflexionen partizipativer Forschungen sowie Handbücher, wie alte Menschen sinnhaft in Forschungsprojekten, in Beratungskontexten und Evaluationen mitarbeiten und ihre Fähigkeiten einbringen können (z.B. Older People’s Steering Group 2004; Leamy/​Clough 2006; Clough/​Green/​Hawkes/​Raymond/​Bright 2006; Wistow/​Weddington/​Davey 2011).

Diese unterschiedlichen Arten von partizipativen Projekten werden in Großbritannien in den letzten Jahren mit Schlagwörtern wie »user involvement«, »Partnerschaft« und »empowerment« verbunden (Beresford 2002, S. 96). Alte Menschen sollen von Objekten von Forschung und wohlfahrtsstaatlichen Institutionen zu Subjekten werden, sie sollen selbst an Entscheidungen teilhaben, die ihre Belange betreffen. Partizipative Projekte sollen so zur Bewusstseinsbildung beitragen und alten Menschen dazu verhelfen, neues Wissen und Kenntnisse zu erwerben (Carey 2010, S. 225; Blair/​Minkler 2009). All dies sind Hoffnungen, die auch in anderen Ländern mit partizipativen Projekten in Verbindung gebracht werden. Während allerdings in Ländern wie Deutschland die Beteiligung älterer Menschen an der Gestaltung von Praxisprojekten und Forschungen erst in den letzten Jahren verstärkt diskutiert und ausprobiert wird, arbeiten wohlfahrtsstaatliche Institutionen und Wohlfahrtsverbände in Großbritannien schon sehr viel länger und intensiver mit partizipativen Ansätzen (Maltby/​Rohleder 2009, S.237). Welche Wurzeln hat die britische Diskussion und Förderung von Partizipation von BürgerInnen und besonders alten BürgerInnen in den letzten Jahrzehnten? Was ist der gesellschaftliche und politische Kontext, in dem diese Debatte um Partizipation geführt wird? Wie wird dabei »Partizipation« konzipiert?

Zum Konzept von Partizipation

Unter Partizipation wird im Allgemeinen Teilhabe, Mitwirkung und Einbeziehung verstanden. In der wissenschaftlichen Debatte um Partizipation wird gängiger Weise zwischen politischer und soziale r bzw. zivilgesellschaftlicher Partizipation unterschieden. Alle Aktivitäten, die das Ziel haben, Entscheidungen in Prozessen der institutionalisierten Demokratie bzw. im politischen System zu beeinflussen, werden als politische Partizipation gefasst. Die Partizipation der BürgerInnen ist dabei unabdingbar für eine Demokratie. Soziale Partizipation – für die erst seit Kurzem ein verstärktes Interesse entstanden ist – umfasst zivilgesellschaftliche Aktivitäten, wie z.B. ehrenamtliches oder kulturelles Engagement oder die Unterstützung sozial Benachteiligter (Gensicke/​Geiss 2006, S. 311). Manche dieser Tätigkeiten können sich dabei auch auf die Beeinflussung von Entscheidungen richten (van Deth 2001).

Partizipation in der Forschung bedeutet die Einbeziehung und Mitwirkung von Menschen an Forschungsprozessen. Besonders im Bereich der Gesundheitsförderung werden mittlerweile sowohl in Großbritannien als auch in anderen Ländern partizipative Forschungsmethoden eingesetzt (Bergold/​Thomas 2012). »[D]ie partnerschaftliche Zusammenarbeit von Wissenschaftler/inne/n mit gesellschaftlichen Akteur/inn/en« werden dabei als grundlegendes Kennzeichen partizipativer Forschung verstanden (von Unger 2012). Sowohl für Partizipation konzipiert als Bürgerbeteiligung beispielsweise in Praxisprojekten als auch für partizipative Forschung stellt sich immer wieder die Frage nach dem Grad des Einflusses, den die BürgerInnen im Rahmen von partizipativen Prozessen haben. Verschiedene WissenschaftlerInnen haben aufgezeigt (z.B. Arnstein 1969), dass der Umfang der Mitbestimmungsmöglichkeiten in partizipativen Projekte sich ganz grundlegend von einander unterscheidet und haben Stufenmodelle der Partizipation entwickelt. Ein aktuelles Modell, das im Rahmen von Studien zur Gesundheitsförderung und Prävention entstanden ist und auf früheren Modellen aufbaut, ist das von Wright/von Unger/​Block 2010.

Tabelle 1: Stufenmodell der Partizipation nach Wright et al. 2010, S.42

Dieses Modell unterscheidet in 9 Stufen von der Instrumentalisierung bis zur Selbstorganisation (vgl. Tabelle 1). Dabei gehören die Stufen »Instrumentalisierung« und »Anweisung« nicht zu Partizipation und die Stufen »Information«, »Anhörung«, »Einbeziehung« werden als Vorstufen von Partizipation betrachtet. Nur der Bereich, in dem es tatsächlich um »Mitbestimmung«, »teilweiser Entscheidungskompetenz« und »Entscheidungsmacht« geht, gilt tatsächlich als Partizipation. Allein dort, wo Menschen tatsächlich die Macht haben, mitzuentscheiden, kann also nach diesem Modell von Partizipation gesprochen werden (von Unger 2012).

Betrachtet man allerdings die Debatte um Partizipation alter Menschen sowohl in Großbritannien als auch in anderen Ländern wie beispielsweise Deutschland, so zeigt sich, dass in beiden Ländern unter der Partizipation alter Menschen nicht nur Mitbestimmung oder Entscheidungsmacht verstanden wird. Sehr häufig werden als partizipative Projekte und Prozesse solche beschrieben, in denen alte Menschen sich in irgendeiner Weise aktiv einbringen können oder sollen.

In Großbritannien wird allerdings in sehr viel stärkerem Maß Partizipation alter Menschen als Teilhabe an Entscheidungsprozessen über Belange, die sie betreffen, verstanden. Während beispielsweise in Deutschland in den letzten Jahren unter dem Stichwort »Partizipation alter Menschen« vor allem das ehrenamtliche Engagement diskutiert und gefördert wurde – also Formen sozialer Partizipation – geht die Debatte in Großbritannien in eine andere Richtung. Dort fokussiert und diskutiert man vor allem die politische Partizipation alter Menschen (Walker/​Naegele 2009; Maltby/​Rohleder 2009). Wo liegen die Wurzeln dieser Debatte?

Wurzeln der Debatte um Partizipation alter Menschen in Großbritannien

Die Bemühungen um eine stärkere Beteiligung des Bürgers – auch des alten Bürgers – hat in Großbritannien zwei Stränge, die sich in ihren Zielen zum Teil widersprechen (Beresford 2002, S. 96): Einerseits sind es die Bestrebungen der neuen Rechten (New Right) seit den 1980er Jahren und später von New Labour, die BürgerInnen stärker an der Gestaltung staatlicher Leistungen zu beteiligen und unabhängiger von wohlfahrtstaatlichen Angeboten zu machen. Der active citizen der Konservativen ist eigenverantwortlich und ehrenamtlich aktiv (Marinetto 2003). Außerdem gewinnen unter New Right marktorientierte Ansätze zunehmend an Einfluss und führen zu einer Vermarktlichung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen (Beresford 2002, S. 96). Dabei werden Menschen, die solche Leistungen in Anspruch nehmen, zu KonsumentInnen gemacht. Unter New Labour werden die KonsumentInnen zu »users« (NutzerInnen), die am besten wissen, was ein guter Service wohlfahrtsstaatlicher Institutionen ist und diese Perspektiven in die Gestaltung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen einbringen sollen (Cowden/​Singh 2007, S. 6). So werden im Regierungsprogramm »Modernising Government« (März 1999) eine Verbesserung der Politik und der Angebote von Behörden und Regierungsinstitutionen durch die verstärkte Einbeziehung der BürgerInnen versprochen. Dazu sollen BürgerInnen konsultiert werden und sich einbringen (Modernising Government 1999). Das user involvement wird somit zu einem zentralen Konzept in der Modernisierung des Staates und in Konzepten der New Governance (Cowden/​Singh 2007, S. 6). Auch in Bezug auf die Angebote für alte Menschen setzt die britische Regierung auf die Beteiligung der BürgerInnen. In dem Programm »Better Government for Older People« von 1998 zielt die Regierung auf eine Stärkung der politischen Partizipation alter Menschen: Die AdressatInnen dieser Angebote sollen selbst dazu beitragen, diese zu verbessern, indem sie ihre Sichtweisen einbringen. Zugleich soll diese Regierungsinitiative dazu führen, dass Regierungsentscheidungen stärker akzeptiert werden (Barnes 2005; Beresford 2002).

Die zweite Basis für die Diskurse um Partizipation in Großbritannien sind die sozialen Bewegungen in den 1970er und 1980er Jahren, wie beispielsweise die Frauenbewegung, vor allem aber die Behindertenbewegung. Diese Bewegungen versuchen, das traditionell paternalistische Wohlfahrtssystem herauszufordern und selbst Einfluss zu gewinnen. Die neuen sozialen Bewegungen zeigen in vielen Ländern der Welt neue Formen politischer Partizipation (Demonstrationen, Sit-ins etc.) auf – während gleichzeitig traditionelle Formen politischer Partizipation, wie beispielsweise das Wählen, in den meisten westlichen repräsentativen Demokratien abnehmen. Auf diese Entwicklung reagieren PolitikerInnen in vielen europäischen Ländern, indem sie die Möglichkeiten für partizipative Demokratieelemente ausbauen (Cowden/​Singh, S. 7f.; Beresford 2002, S. 96).

Verschiedene Ansätze von Partizipation in Großbritannien

Die beiden genannten und zum Teil konträren Entwicklungen – einerseits eine Vermarktlichung des Wohlfahrtsstaates, indem die LeistungsempfängerInnen als KonsumentInnen entworfen werden, andererseits die neuen sozialen Bewegungen, in deren Vorstellung mündige BürgerInnen zentralen Einfluss auf die Bereitstellung, Ausgestaltung und Erbringung von Leistungen haben – sind durch Diskurse über Partizipation gekennzeichnet (vgl. allg. Kooiman 2003; Beresford 2002). Dabei meinen VertreterInnen dieser verschiedenen Strömungen zum Teil sehr unterschiedliche Dinge. Viele der AutorInnen, die sich mit dem Thema Partizipation in Großbritannien beschäftigen, unterscheiden deshalb zwischen zwei verschiedenen Ansätzen von Partizipation (z.B. Cowden/​Singh 2007, S. 16). Der Sozialwissenschaftler Peter Beresford (2002) nennt diese unterschiedlichen Modelle von Partizipation den »consumerist approach to participation«, also einen »konsumorientierten Partizipationsansatz« und den »democratic approach to participation«, das heißt ein »demokratisches Partizipationsmodell«. Diese beiden Ansätze überlappen sich zum Teil, allerdings beruhen sie auf unterschiedlichen ideologischen Konzepten.

Consumerist approach to participation (konsumorientierter Partizipationsansatz):

Dieser Ansatz wird mit New Right und New Labour verbunden und orientiert sich an der Marktforschung. Das heißt Produkte – hier verstanden als wohlfahrtsstaatliche Leistungen – sollen durch Tests, Rückmeldungen und Verbesserungsvorschläge der NutzerInnen optimiert werden. Dabei werden vor allem konsultative Methoden der Beteiligung genutzt. Ein häufig kritisch betrachteter Punkt ist die Tatsache, dass die jeweilige Institution entscheidet, wie sie mit Anregungen und Kritik der NutzerInnen umgeht. Der konsumorientierte Partizipationsansatz wird in Großbritannien vor allem im Bereich von Politikplanung genutzt (Beresford 2002, S. 97).

Democratic approach to participation (demokratisches Partizipationsmodell):

Dieses Modell von Partizipation hat seine Wurzeln in der Behindertenbewegung und in der Bewegung der social care service users . Als Ziele von Partizipation gelten dabei die Verbesserung der Lebensbedingungen der Betroffenen und eine stärkere Kontrolle über das eigene Leben. Darüber hinaus geht es um Inklusion, Bürgerrechte und empowerment . Das demokratische Partizipationsmodell ist ein politischer Ansatz, der an kollektiven Aktionen orientiert ist. Wichtig ist dabei das Thema Macht und ihre Verteilung: Die Betroffenen selbst sollen die Möglichkeit haben, etwas zu verändern (ebd.).

Als zentraler Punkt zeigt sich in dieser Unterscheidung – neben den ganz unterschiedlichen Wurzeln der beiden Ansätze – die Frage nach der Einflussmöglichkeit der Beteiligten. Während in Projekten, die den konsumorientierten Partizipationsansatz zugrunde legen, die Betroffenen die EntscheidungsträgerInnen beraten können, strebt das demokratische Partizipationsmodell die Entscheidungs- und Gestaltungsmacht der Betroffenen an (ebd.). Die kritische Debatte um partizipative Projekte in Großbritannien konzentriert sich deshalb häufig auf die Frage nach der Macht der an solchen Projekten Beteiligten und den tatsächlichen Einflussmöglichkeiten der Betroffenen, wie beispielsweise die Entscheidungsmacht über die Verfügbarkeit und Verwendung »harter« Ressourcen (z.B. Carr 2007; Hodge 2005).

Kritik an partizipati ven Projekten in Großbritannien

In den letzten Jahren sind das user involvement und partizipative Projekte in Großbritannien in den Sozialwissenschaften sehr häufig empirisch untersucht und ihre Arbeitsweisen und Resultate sehr kritisch diskutiert worden (z.B. Barnes 2005; Barnes/​Cotterell 2012; Beresford 2002; Postle/​Beresford 2007; Cowden/​Singh 2007; Carey 2010; Carr 2007; Reed/​Cook/​Bolter/​Douglas 2008). So wird beispielsweise beanstandet, dass nicht geklärt und festgeschrieben sei, welche Bedeutung und welchen Umfang user invol v ement in Projekten und Prozessen haben soll sowie welche Regeln zugrunde gelegt werden. User involvement verspreche zwar eine gewisse Authentizität, häufig würden aber die Ergebnisse von Institutionen und PolitikerInnen zu wenig wahr- und ernstgenommen und hätten damit wenig Einfluss auf Entscheidungen. Darüber hinaus liege die Kontrolle über Geld und Strukturen weiterhin bei den Institutionen des Wohlfahrtsstaates und bei ihren professionellen MitarbeiterInnen. U ser involvement wird deshalb vorgeworfen, nur eine Legitimationsfunktion für Eliten zu haben. Zugleich führe es zu einer weiteren Vermarktlichung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen (Cowden/​Singh 2007; Carr 2007, S. 271).

Darüber hinaus können Formen des user involvements die neoliberalen Forderungen nach Selbsthilfe und freiwilliger Unterstützung anderer unterstützen (Carey 2010, S. 228). Sie knüpfen in Bezug auf die Partizipation alter Menschen an die Programmatik des active ageing an, mit ihrem Ideal im aktiven, produktiven alten Menschen, der Verantwortung für sich und andere übernimmt, sowie für sich selbst und andere sorgt. In Anlehnung an Foucault sieht deshalb Cruikshank in partizipativen Projekten, die das empowerment fördern sollen, eine Form Menschen dazu anzuleiten, sich selbst zu regieren, indem sie Techniken der Selbsthilfe lernen, die sie weniger vom Staat abhängig machen (Cruikshank 1999).

Daneben wird auch außerhalb Großbritanniens hinsichtlich partizipativer Projekte immer wieder die Frage nach sozialer Ungleichheit gestellt: Verschiedene Studien haben aufgezeigt, dass partizipative Projekte dazu beitragen, soziale Ungleichheit zu reproduzieren: Es ist vor allem die gebildete Mittelschicht, die über das kulturelle Kapital verfügt, sich in solche Prozesse einzubringen, da anderen die zeitlichen und kulturellen Ressourcen (z.B. rudimentäre Sachkenntnis, rhetorische Fähigkeiten, Selbstbewusstsein) für solch ein Engagement oftmals fehlt (Jörke 2011, S. 15ff.; Backes 2014).

3. »Being ›consulted out‹[1]

Der Blick nach Großbritannien zeigt, wie dort Diskurse um Partizipation alter Menschen im Kontext des Umbaus zu einem aktivierenden Sozialstaat genutzt werden, um alte Menschen zu aktivieren. Diese Diskurse sind auch mit dem Ziel verbunden, ein neues Altersbild des aktiven alten Menschen zu verbreiten. Zugleich verhilft die Einführung des partizipativen Elements user involvement auch dazu, der wachsenden Unzufriedenheit mit den bestehenden Formen der Einflussnahme durch BürgerInnen neue Chancen der politischen Teilhabe entgegenzusetzen. Allerdings, so macht die Kritik deutlich, bleiben die Möglichkeiten der politischen Mitwirkung auch mithilfe des user involvements und anderer partizipativer Methoden häufig sehr eingeschränkt – wenn alte Menschen nicht, wie beispielsweise im Projekt Dorset POPP oder im Projekt der Joseph Rowntree Foundation – tatsächlich Entscheidungs- und Gestaltungsmacht haben. Die Frage nach der Macht bleibt also zentral. Alte BürgerInnen werden – obwohl sie beispielsweise Pflege- und Gesundheitsinstitutionen beraten – oftmals wenig gehört und ihre Perspektiven kaum berücksichtigt. Stattdessen fühlen sie sich häufig von Eliten instrumentalisiert und in Anbetracht der Vielzahl an Befragungen zum Teil auch »being ‚consulted out‘« (Beresford 2002: 102). Partizipative Elemente können auf diese Weise gerade nicht zu einer Demokratisierung und zu einem empowerment beitragen, die auch von kritischen GerontologInnen mit dem Schlagwort Partizipation verbunden wird, sondern führen so zu einer zunehmenden Frustration (vgl. Jörke 2011: 17).

Konstruktiv betrachtet schaffen die Umsetzungen des Partizipations-Paradigmas in Großbritannien und die Kritik daran allerdings ein Bewusstsein dafür, wie wichtig es ist, Verfahrensstrukturen zu etablieren und Möglichkeiten partizipativer Einflussnahme sowie Entscheidungsmacht festzuschreiben, um effektive Partizipation alter Menschen zu ermöglichen. Ohne solche Rahmungen wird es kaum erreichbar sein, politische Partizipation so zu gestalten, dass alte Menschen sich von EntscheidungsträgerInnen gehört fühlen und tatsächlich auch gehört werden. Aus den seit vielen Jahren gesammelten Erfahrungen in Großbritannien und der Kritik an den dortigen Prozessen, sind beispielsweise Wegweiser entstanden, wie Partizipation in Forschung und Praxis so ermöglicht werden kann, dass sie nicht nur als »Feigenblatt« für Eliten dient, sondern sich alte Menschen mit ihren Perspektiven und Stimmen tatsächlich einbringen können (z.B. Peace/​Hughes 2010; Carter/​Beresford 2000; Older People’s Steering Group 2004; Leamy/​Clough 2006; Clough et al. 2006; Wistow et al. 2011). Dazu gehört auch, dass nicht nur Menschen mit dem entsprechenden kulturellen Kapital eingeladen werden, um sich zu beteiligen, sondern auch Menschen, die über einen niedrigeren sozioökonomischen Status verfügen.

4. Vom user involvement in Großbritannien zu partizipativen Forschungs- und Praxisprojekten in deutschsprachigen Ländern

Auch in Ländern wie Deutschland ist das Thema Partizipation alter Menschen aktuell en vogue. Es wurde oder wird in unterschiedlichen Praxis- und Forschungsprojekten mit alten Menschen mit partizipativen Methoden experimentiert und versucht, mit diesen Methoden die Einflussmöglichkeiten alter Menschen zu verbessern (z.B. Kammerer/​Heusinger 2011; Köster 2009; Grymer/​Köster/​Krauss/​Ranga/​Zimmermann 2005). Das deutsche Bundesforschungsministerium will ebenfalls die Perspektive von alten Menschen in die Entwicklung technischer Innovationen verstärkt einbeziehen (BMBF 2013). Darüber hinaus ist ein wachsendes Interesse an partizipativen Forschungsmethoden zu verzeichnen wie die wachsende Anzahl an Publikationen zu diesem Thema verdeutlicht (z.B. Journal für Psychologie 19/2; Forum Qualitative Sozialforschung 13/1). Im Rahmen dieser Publikationen werden immer wieder auch die Herausforderungen und Probleme partizipativer Forschungsprojekte diskutiert und das eigene Vorgehen kritisch reflektiert (z.B. Kammerer/​Heusinger 2011). Allerdings scheint bisher eine intensive kritische Auseinandersetzung mit dem gesamtgesellschaftlichen Kontext, in dem diese Hinwendung zu Partizipationsprojekten mit alten Menschen stattfindet, wie sie in Großbritannien zu beobachten ist, noch weitgehend auszustehen. Auch in Deutschland entwickelt sich die wachsende Zahl von partizipativen Forschungs- und Praxisprojekten mit alten Menschen vor dem Hintergrund des neuen Bildes vom aktiven Alter und dem Umbau des Staates zu einem aktivierenden Sozialstaat, auch wenn sich die spezifischen Kontexte natürlich voneinander unterscheiden. Während in Großbritannien, wo partizipative Forschungs- und Praxisprojekte seit einigen Jahren von Regierungsinstitutionen und Forschungsförderung gefordert und gefördert werden, diese Entwicklungen bereits seit längerem in ihrem gesellschaftlichen und politischen Kontext im Sinne einer kritischen Gerontologie betrachtete werden, beginnt die deutschsprachige Gerontologie erst, sich kritisch mit dem Partizipationsparadigma und seiner gesellschaftlichen Einbettung auseinanderzusetzen. Beispiel dafür ist das »Diskussionspapier Partizipation und partizipative Methoden in der Gerontologie«, das der Arbeitskreis Kritische Gerontologie der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie erarbeitet hat. Darin wird unter anderem diskutiert, wie Partizipation alter Menschen aus einer kritisch-emanzipatorischen Perspektive und vor dem Hintergrund sozialer Ungleichheiten gelingen kann und welche Kriterien dabei zu berücksichtigen sind (AK Kritische Gerontologie der DGGG).

Die kritische Betrachtung von Partizipationsprojekten in der britischen Debatte sensibilisiert für die Möglichkeiten, aber auch für die Risiken und Grenzen von Partizipation alter Menschen. Die in der dortigen Debatte entstandenen Wegweiser können hilfreich sein für die Gestaltung und Verbesserung von Partizipationsprojekten mit alten Menschen in anderen Ländern. Gleichwohl bleibt das Thema Partizipation für kritische GerontologInnen ein großes Feld: Nicht nur für eine kritische Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Kontext und den Methoden, sondern auch, um mit partizipativen Methoden in Forschungen und Praxisprojekten zu experimentieren und dabei zu versuchen, neue Wege aus den angesprochenen Dilemmata zu finden.

Literatur

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Endnoten:

[1]

Beresford 2002, S. 102

Über die Autorin

Carolin Kollewe

Dr. phil., Ethnologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gerontologie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (aktuelles Forschungsprojekt: »Die Pflege der Dinge«), Arbeitsschwerpunkte: Alter(n) im interkulturellen Vergleich, Pflege und Technik, Museums- und Objektforschung, soziale Identitäten und Bewegungen in Mexiko.

Dr. Carolin Kollewe Universität Heidelberg Institut für Gerontologie Bergheimer Str. 20 69115 Heidelberg

E-Mail: carolin.kollewe@gero.uni-heidelberg.de