Psychosoziale Beratung und Lebensführung – ein transaktionales Verständnis von (reflexiver) Beratung

Psychosoziale Beratung und Lebensführung – ein transaktionales Verständnis von (reflexiver) Beratung

Franz-Christian Schubert

Zusammenfassung

Lebensführung ist grundlegend durch das wechselseitige Zusammenspiel von Individuum und Umwelt gekennzeichnet. Nicht selten neigen jedoch die an der Erfassung und Erklärung von (gelingender oder misslingender) Lebensführung beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen dazu, das Individuum und seine psychischen Funktionen, Eigenschaften und Verhaltensweisen oder die gesellschaftlichen Strukturen und Bedingungen einseitig in den Vordergrund zu rücken. Die angemessene Erfassung des wechselseitigen Zusammenwirkens verlangt eine Verknüpfung von Sozial- und Humanwissenschaften auf der Basis eines transaktionalen, d.h. ökologisch-systemischen Wissenschafts- und Handlungsverständnisses. Der Beitrag fokussiert den Prozess der Individuum-Umwelt-Wechselwirkung als Erklärungsrahmen für gelingende Lebensführung und für die Schaffung von Lebensqualität und Gesundheit und leitet daraus einen konzeptionellen Rahmen für eine transaktional und reflexiv angelegte psychosoziale Beratung ab.

Schüsselwörter: Beratung, Lebensführung, Lebenswelt, Person-Umwelt-Transaktion, Reflexivität, Ressourcen

Keywords: Counseling, life organization, person-environment-interaction, reflexivity, resources, transaction

Summary

Life is constitutional characterized by the mutual interaction between individual and environment. Nevertheless for explanation of successful or unsuccessful life organization, scientific disciplines tend to put the individual and its psychological functions, traits and behavior patterns or the social structures and conditions into focus in a one-sided way. The adequate comprehension of this coincidence demands a connection of social and human sciences on basic of a transactional, i.e. an ecologic-systematical understanding of science and practice. The paper focuses the process of the individual-environment-interaction as a frame for explaining successful life and the production of life quality and health. From that it derives a conceptual frame for a transactional and reflexively designed counseling.

Schüsselwörter: Beratung, Lebensführung, Lebenswelt, Person-Umwelt-Transaktion, Reflexivität, Ressourcen

Keywords: Counseling, life organization, person-environment-interaction, reflexivity, resources, transaction

Ausgehend von der Forderung nach einem Beratungsformat, das die gegebenen Lebensbedingungen der Moderne aufnehmen kann, wird im Folgenden Lebensführung als bedeutsamer Gegenstand von psychosozialer Beratung aufgezeigt und über verschiedene Zugänge inhaltlich erfasst und beschrieben. Herausgestellt wird, dass es einer transaktional angelegten Konzeption von Beratung bedarf, um die komplexen Einflüsse auf Lebensführung und darin wechselseitig ablaufende Austausch-Prozesse erfassen und handhaben zu können. In Form einer Meta-Ebenen-Skizze wird ein entsprechender Beratungsansatz vorgestellt. Die Grunddimensionen dieses Beratungsformates und ihre jeweiligen inhaltlichen Ausstattungen mit Risiken und Ressourcen werden in einem weiteren Kapitel erläutert. Schließlich wird die gegenwärtige Entwicklung von Reflexiver Beratung aufgenommen und ihre grundsätzliche und gewinnbringende Anschlussfähigkeit mit der Konzeption transaktionaler Beratung aufgezeigt.

1. Leben unter modernen gesellschaftlichen Strukturen: eine Herausforderung für Beratung

Die Entwicklung der modernen industriellen Gesellschaften hat zu einer Zunahme komplexer und oftmals irritierender Anforderungs- und Handlungssituationen geführt. Die Gründe dafür sind verschiedentlich dargestellt worden:

  • Pluralisierung gesellschaftlicher Normen und Werte, die nicht selten Widersprüchlichkeiten in ihren Orientierungsperspektiven und den erwarteten Verhaltens- und Handlungsweisen in sich tragen,

  • gesellschaftliche Ausdifferenzierungen und Arbeitsteilungen mit wechselseitigen, jedoch kaum zu überblickenden Abhängigkeiten der Beteiligten, bei gleichzeitig zunehmender, vielfältiger Vernetzung und gegenseitiger Angewiesenheit

  • stetige Anforderungen an die individuelle Bereitschaft zu Veränderungen und Neuorientierung, die häufig mit einer Entwertung von gelebten Gewohnheiten und Regeln einhergehen (Haubl et al. 2013, Pongratz 2008, Schubert 2009a).

Für eine individuelle Lebensplanung und Lebensgestaltung produzieren diese komplexen lebens- und arbeitsweltlichen Anforderungen und Strukturen hohe Unsicherheiten, Orientierungsverlust und Überforderungsgefühle. Hieraus können vielfältige negative Folgen für die Lebensgestaltung, Gesundheit und Lebensqualität des Individuums als Akteur seines Lebens resultieren.

Sozialepidemiologische Erklärungen dieser Zusammenhänge erfolgen derzeit vornehmlich im Rahmen von Vulnerabilitäts-Stress-Modellen. Die Erklärungsansätze fokussieren zwar die interaktiven Prozesse zwischen Individuum und (Arbeits‑)Gesellschaft, sie verbleiben jedoch im Wesentlichen auf der Ebene eines linear-kausal ausgerichteten, wenn auch interaktiv angelegten Wirkungsdenkens und lassen dadurch die sozialstrukturelle und organisationale Bedingtheit von Lebensanforderungen, vor allem die inhärent überfordernden und widersprüchlichen Strukturen (weitgehend) außer Acht. Zusätzlich verschärfen sich diese Strukturen unter dem Primat einer Ökonomisierung nahezu aller Lebensbereiche (z.B. Weber/Hörmann 2010). Häufig führen solche vereinfachenden Forschungsansätze und Erklärungsmuster zu einer Individualisierung von gesellschaftlich und strukturell begründeten Problemlagen, wenn nicht sogar zu einer humanfeindlichen gesellschaftlichen und organisationalen Strukturentwicklung (vgl. dazu Haubl et al. 2013; Keupp, 2013; Seel 2013). Nicht selten werden bei diesen Betrachtungsansätzen human-bedürfnisorientierte Perspektiven wie auch ethische und anthropologische Fragen kaum thematisiert bzw. ausgeblendet.

Solche vereinfachenden Erklärungsansätze bereiten den Boden dafür, dass sich Individuen diesen schädigenden Lebensstrukturen anpassen und versuchen, die Missstände über ein Mehr an Anstrengungen zu bewältigen. Eine derartige Individualisierung von Problemen führt bei dem Akteur zu dem Gefühl, nicht zu genügen, was letztlich in Resignation, Demoralisierung oder Burnout münden kann. In einer anderen Reaktionsweise erwarten Betroffene vom Staat die Übernahme von Verantwortung und die Bereitstellung von Bewältigungsformen, wodurch die Selbstgestaltung in der Lebensführung, die Entwicklung von individueller oder gemeinschaftlicher Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit ausgeblendet wird.

Eine individuell zufriedenstellende und zugleich »sozial verträgliche« Lebensgestaltung ist unter diesen Bedingungen nur schwer zu erzielen. Dafür brauchen Individuen zunehmend eine professionell begleitende Hilfestellung. Das aber ist mit einfachen psychologischen oder pädagogischen Anleitungen wie auch mit standardisierten und schulengebundenen psychotherapeutischen Maßnahmen nicht zu bewerkstelligen. Anstelle dessen wird ein Beratungsformat benötigt, das die komplexen und auch widersprüchlichen Bedingungen und Strukturen, unter denen alltägliches Leben erfolgt, angemessen und differenziert einbezieht und zwar unter dem Primat einer human entwicklungsförderlichen und sinnhaften Gestaltung von Lebensführung. Das erfordert von professionellen Beraterinnen und Beratern Kenntnisse, wie sich gesellschaftsstrukturelle und -politische Bedingungen, Veränderungen und Widersprüchlichkeiten auf »Gelingen« und »Misslingen« von Lebensgestaltung auswirken. Die Beratungsperspektive muss also erweitert werden von einer vornehmlich biographisch und kognitiv-emotional geprägten Individuumsorientierung auf jene Lebensumstände, in die alltägliche (und in gewisser Hinsicht auch berufliche) Lebensgestaltung und Lebensbewältigung eingebunden sind.

2. Lebensführung als zentraler Gegenstand von psychosozialer Beratung

Psychosoziale Beratung muss also stärker jene Fragestellungen und Problemlagen einbeziehen, die aus den Auseinandersetzungen mit den komplexen, widersprüchlichen und teilweise unvorhersehbaren Ereignissen und Anforderungen in der alltäglichen Lebensführung der Ratsuchenden und aus den begleitenden individuellen (auch kollektiven) Einschätzungen, Bewertungen und Sinngebungen entstehen. Anders gewendet: Psychosoziale Beratung muss sich mit der Gestaltung der individuellen Lebensführung befassen, mit der Befähigung zur Umsetzung oder Bewältigung von Erwartungen, die sich aus eigenen Bedürfnissen und Lebenszielen, aus dem Leben in zwischenmenschlichen Beziehungen und aus der Auseinandersetzung mit den Bedingungen und Anforderungen der gesellschaftlichen und sozial-kulturellen Lebens- und Arbeitswelt und ihren Institutionen ergeben. Das fordert von den Beraterinnen und Beratern eine fachlich breite Perspektive und die Fähigkeit, in komplexen Bezügen zu denken und zu handeln und setzt eine interdisziplinäre Betrachtungs- und Handlungsweise voraus.

Psychosoziale Beratung begründet sich damit im Spannungsfeld zwischen Individuum und komplexen und z.T. auch widersprüchlichen gesellschaftlichen Strukturen. Das erfordert für Fallerfassung, Diagnostik und Intervention nicht nur die Einflüsse zwischenmenschlicher Beziehungen zu erfassen, sondern zugleich auch jene Einflüsse, die sich zum einen aus Belastungen, Risiken und Widersprüchlichkeiten und zum anderen aus den Potenzialen und Ressourcen der alltäglichen Lebens- und Arbeitswelt ergeben und die Auswirkungen, die sie auf die individuelle Entwicklung, auf Wohlbefinden, Gesundheit und Lebensgestaltung haben. Notwendig wird eine differenzierte Erfassung und Betrachtung der wechselseitigen Prozesse

  • aus den vielschichtigen, oft widersprüchlichen lebens- und arbeitsweltlichen Strukturen und Ansprüchen und

  • der Art, wie betroffene Individuen diese subjektiv wahrnehmen, erleben und damit umgehen und

  • die individuellen Erwartungen auf Erfüllung von eigenen Bedürfnissen, Zielsetzungen und Lebensvorstellungen einbringen,

  • woraus gemeinsam mit den Ratsuchenden ein individuell förderliches Handlungs- und Einstellungsmuster zur Lebensgestaltung, zur Schaffung von individueller Lebensqualität und Gesundheit entwickelt wird.

Dafür werden Beratungskonzepte benötigt, die das wechselseitige Zusammenwirken zwischen Individuum und seiner Umwelt (Person-Umwelt-Transaktionen) angemessen erfassen und einen wissenschaftlich fundierten Begründungs- und Handlungsrahmen für ein professionelles Beratungsformat liefern. Konzepte dieser Tragweite führen auch zur Entwicklung einer entsprechenden professionellen Identität und Ethik mit einer zugrundeliegenden anthropologischen Auffassung.

Beratung dieses Formats versteht persönliche Problemlagen und unzureichend gelingende Lebensführung nicht primär als Auswirkung persönlicher Defizite und als abweichendes Verhalten der Einzelperson. Die Lösung ist nicht, das Individuum an die Gegebenheiten anzupassen, »die dazu beigetragen haben, ihre Leiden zu erzeugen« (Buchinger 2008, S. 4), es funktionalistisch fit zu machen, damit besser zurechtzukommen. Vielmehr dient Beratung zur Stärkung der Autonomie, der Reflexionsfähigkeit und der Lösungskompetenz von Personen und Personengruppen zur Gestaltung ihrer Lebensführung (Bünder 2002; Keupp 2013). Dazu braucht psychosoziale Beratung Erklärungs- und Handlungsmodelle, die Lebensführung sowie Schaffung von Lebensqualität und Gesundheit als Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen Individuum und Umwelt methodisch-wissenschaftlich fundiert erfassen und analysieren und in den Fokus von Beratung, von Prävention und Intervention rücken.

3. Transaktionale Lebensführung: ein bifokaler wechselseitiger Anforderungs- und Austauschprozess

Lebensführung und ihre individuelle Ausgestaltung sind somit zentrale Gegenstände psychosozialer Beratung. In einer allgemeinen Formulierung beinhaltet Lebensführung die individuellen wie gemeinschaftlichen Bemühungen zur Durchsetzung von wechselseitig gesetzten Ansprüchen zur Lebensgestaltung und zur Bedürfniserfüllung, zur Verteilung von Gütern und zur Schaffung und Erhaltung von Lebensqualität und Gesundheit. Lebensführung ist somit grundlegend durch das wechselseitige Zusammenspiel von Individuum und Umwelt gekennzeichnet. Folgende Facetten tragen zu einem Verständnishorizont von Lebensführung bei, wie er für das hier thematisierte Beratungsformat relevant ist.

3.1. Phänomenologisch-anthropologische Grundlagen

Nach Graumann (1996) ist die Person-Umwelt-Beziehung grundsätzlich intentional, sinngebend und interaktiv beschaffen. Menschliches Erleben und Verhalten ist jeweils auf etwas gerichtet (intentional) und wird zugleich von der Umwelt ausgerichtet. Es besteht also keine einseitige Ausgerichtetheit, sondern Wechselseitigkeit. Wie alle Intention ist auch die Person-Umwelt-Beziehung sinnbezogen, wobei weder die Person die sinngebende Instanz ist, noch die Dinge oder Erscheinungsweisen der Umwelt ihre eigene Bedeutung in sich tragen, die lediglich zu erfassen oder zu entdecken wären. Nach Plessner (2003) erschaffen sich Menschen ihre Lebensverhältnisse, indem sie sich handelnd und erkennend mit der vorfindlichen Welt auseinandersetzen und ihr Leben nach diesen erschaffenen Sinn-Konstruktionen über die Welt führen. Sie sind somit immer handelnde Subjekte (Akteure) in ihrer Welt. Ihre Aktionen beziehen sich auf Erkennen von Sinn und auf Bewältigung von erkannten bzw. gedeuteten Anforderungen aus den Lebensverhältnissen.

Daraus ergeben sich Konsequenzen für ein professionelles Vorgehen in der Beratung: Es unumgänglich, Umwelt aus der Perspektive der in ihr handelnden Person zu erfassen und grundlegend in ein beraterisches bzw. therapeutisches Denk- und Handlungskonzept einzubeziehen. Denn das Erfassen und Verstehen dieser komplexen Wechselseitigkeit, d.h. der Interaktivität, Intentionalität, Bewertung und Sinngebung zwischen Individuum, sozialer Mitwelt und Umwelt, ist eine wesentliche Voraussetzung für eine angemessene und erfolgversprechende psychosoziale Beratung und Interventionen,

3.2. Transaktionales Verständnis von Lebensführung

Unter einer ähnlichen und anschlussfähigen Konzeptionierung kann Lebensführung durch die komplexen intentional ausgerichteten Transaktionen zwischen Individuum und Umwelt (insbesondere der sozialen Umwelt) gekennzeichnet und erfasst werden. Umwelt taucht in der Literatur unter verschiedenen Begriffsvarianten mit variierendem Bedeutungshorizont auf, als Umwelt (z.B. Schubert 2013a) oder differenziert nach (sozialer) Mitwelt und Umwelt (Plessner 2003), als Kontext (verbreitet in systemtheoretischen Konzepten, z.B. von Schlippe & Schweitzer 2012), Lebenswelt (Thiersch 1986, 1992), Lebensführungssysteme (Sommerfeld/Hollenstein/Calzaferri 2011) oder auch als Mikro-, Meso-, Makro- und Exosysteme (Bronfenbrenner 1989). Die Begriffe umfassen mehr oder weniger die kulturellen und gesellschaftlichen Systeme und Strukturen und häufig auch die sozio-ökonomische Lebenslage der betroffenen Personen. Im Allgemeinen umfasst Umwelt die zwischenmenschlichen, emotional »näheren« Beziehungssysteme (Ehe- bzw. Lebenspartner, Familienmitglieder, Erziehungspersonen, Arbeitskollegen u.a.), weiterhin die soziale (Nachbarschaft, Wohnviertel u.a.), und sozial-kulturelle Umwelt (soziale, gesundheitliche und Bildungseinrichtungen) sowie kulturelle Wertewelt und mediale Umwelt, sowie rechtlich-institutionelle und ökonomisch-wirtschaftliche Gegebenheiten und Strukturen. Auch infrastrukturelle, verkehrstechnische, bauliche, technische und materiell-ökologische Umwelt sind im Rahmen von Lebensführung hoch relevant.

Transaktionen sind komplexe, intentionale wechselseitige Prozesse zwischen Individuum und Lebensumwelt zur Erfassung und Bewältigung von (wechselseitigen) Ansprüchen, Anforderungen und Veränderungen. Der Begriff beinhaltet auch die dynamischen Auswirkungen und Veränderungen, die daraus beim Individuum, seiner Lebensumwelt und in den Individuum-Umwelt-Austauschprozessen selbst entstehen[1]. Austauschprozesse erfolgen intentional, z.B. in Form von Akkomodation (sich anpassen) bzw. Assimilation (die andere Seite gezielt gestalten bzw. verändern) und in Form von Ressourcenaustausch (s. dazu weiter unten).

Lebensführungssysteme. Unter einem sozialwissenschaftlich-phänomenologischen Verständnis von Umwelt konkretisiert sich Lebensführung in den alltäglichen Lebenswelten oder Lebensbereichen des Individuums. Sommerfeld et al. (2011) erfassen relevante Lebensbereiche unter dem Begriff »Lebensführungssysteme«: Im Wesentlichen sind das Familiensystem, private Sozialsysteme (Freunde), Beschäftigungssysteme (Arbeit, Schule), Hilfesysteme (Beratungsstelle, Psychiatrie), Kultur- und Freizeitbereiche und auch »Schattensysteme« (Szenetreff, Drogenszene). In Lebensführungssystemen werden individuelle wie gemeinschaftliche Muster zur Wahrnehmung und zur kognitiv-emotionalen Verarbeitung (Einschätzung, Bewertung) von Anforderungen und Bedürfnissen wie auch Lebenserfahrungen und Handlungsmuster zur Bewältigung von Anforderungen und zur Durchsetzung oder Beherrschung von Bedürfnissen entwickelt und vermittelt. Diese Verarbeitungs- und Lösungsprozesse können als lebensweltliche Ressourcen, unter bestimmten Bedingungen auch als lebensweltliche Belastungen identifiziert werden (vgl. dazu Thiersch 1986, 1992; Sommerfeld et al. 2011).

Zusammenfassung: Im Mittelpunkt einer transaktionalen – und damit reflexiven – Beratung steht somit das transaktionale Zusammenwirken von Individuum und Umwelt, einschließlich seiner Bewertungen und Sinngebungen, und nicht einzig das Individuum oder die Umwelt. »Gelingende« oder »misslingende« Lebensführung entsteht aus deren vielfältigen Wechselwirkungen. Dabei können die wesentlichen Ausgangsfaktoren für "Gelingen" oder "Misslingen" einmal mehr auf Seiten des Individuums, ein anderes Mal mehr auf Seiten der Umwelt liegen. Das Ergebnis wird letztlich über die intentionalen Transaktionen von beiden Seiten hergestellt (ausführlich Schubert 2013a). Nicht zuletzt entscheiden auch die gesellschaftlichen und kulturellen Vorstellungen und Vorgaben darüber, was als »Gelingen« und »Misslingen« zu verstehen ist.

3.3. Ressourcentransaktion

Ein weiterer Grundgedanke von transaktionaler Lebensführung besagt, dass für die Bewältigung von Lebensanforderungen, für die Erfüllung von Bedürfnissen und für die Entwicklung von Gesundheit und Lebensqualität ein ständiger wechselseitiger Austausch von bio-psycho-sozialen Prozessen, von Kompetenzen, Eigenschaften und Mitteln zwischen Individuum und Lebensführungssystem erfolgt, der als Ressourcenaustausch zu fassen ist. Dieses Verständnis von Lebensführung ist in der Sozialökologie angelegt (Schubert 2013a). Im Theorie- und Handlungsdiskurs der Sozialen Arbeit ist diese Perspektive als »Sozialökologische Theorie« inzwischen umfassend elaboriert (vgl. Wendt 2010); Röh (2012) benennt sie als eine der drei aktuellen Theorien von Sozialer Arbeit.

Aus einem gesundheitspsychologischen Zugang formuliert Becker (2006) unter diesem Verständnishorizont ein »Systemisches Ressourcen-Anforderungs-Model«: Individuum und soziale Umwelt (Personen, Gruppen, kulturelle oder staatliche Einrichtungen) haben wechselseitige Anforderungen aneinander, zu deren Befriedigung sie in einen gegenseitigen Austausch von Ressourcen treten (bzw. treten müssen). Die Gestaltung des transaktionalen Zusammenwirkens in der Lebensführung wird somit wesentlich durch den Austausch von individuellen und sozialen bzw. umweltlichen Ressourcen[2] beeinflusst (Ressourcentransaktion). Für eine gelingende Lebensführung, für die Erfüllung von Bedürfnissen und die Schaffung von Lebensqualität und Gesundheit benötigt das Individuum zwar persönliche Ressourcen, d.h. Mittel, Eigenschaften, Fähigkeiten und Kompetenzen. Doch hängt gelingende Lebensführung keineswegs allein von den individuellen »Lebenskompetenzen« (Jerusalem 2009) bzw. Ressourcen ab. In erheblichem Umfang ist das Individuum in seiner Lebensgestaltung auch auf Ressourcen, d.h. auf Mittel, Anregungen, Eigenschaften und Unterstützungen angewiesen, die aus seinen Lebensführungssystemen und von den darin angesiedelten Individuen kommen oder von gesellschaftlichen Makrosystemen z.B. über Kultur, Bildungs- und Gesundheitsinstitutionen zur Verfügung gestellt werden. Das Individuum kann die eigenen wie auch die umweltlichen Ressourcen zur Lebensgestaltung und Bedürfniserfüllung wahrnehmen, aktivieren und nutzten oder auch vernachlässigen. Durch Art und Weise, wie Individuum und soziale Umwelt ihre jeweiligen Erwartungen und Anforderungen wahrnehmen und einschätzen und daraufhin Ressourcen zur Bewältigung einsetzen und Ressourcen untereinander zugänglich machen, austauschen und handhaben, wie auch erhalten und pflegen, beeinflussen sie gegenseitig ihre Potenziale und ihre Bewältigungsmöglichkeiten. Ohne Ressourcen aus der sozialen Umwelt ist gelingende Lebensführung nicht möglich.

Individuelle Lebensgestaltung ist damit durch eine bifokale wechselseitige Bezogenheit und Abhängigkeit von Mensch und Lebenswelt bzw. Umwelt konstituiert, durch die wechselseitig gerichteten Anforderungen und Erwartungen und durch den wechselseitigen Austausch von Ressourcen, inclusive ihrer Zugänglichkeit, Handhabung und Pflege. Diese Betrachtungsweise unterbindet eine Individualisierung von Lebensproblemen und misslingender Lebensgestaltung.

4. Grunddimensionen von Beratung und ihre Ausstattungen

Psychosoziale Beratung mit dem Fokus auf gelingende Lebensgestaltung benötigt Konzepte, die sowohl diese bifokalen Transaktionen auf der Ebene des Individuums wie der Umwelt und auch ihre dynamischen Auswirkungen angemessen erfassen und verfolgen können. Drei Grunddimensionen sind dafür anzusetzen: Individuum, Umwelt und darüber hinaus die biographische Lebenssituation des Individuums (vgl. Abb. 1). Jede der Dimensionen weist spezifische Ausstattungen mit Risiken (Defiziten, Belastungen, Anforderungen, Widersprüchlichkeiten, Probleme) und mit Ressourcen auf, die es im konkreten Beratungsprozess zu erfassen und zu handhaben gilt:

Abb.1: Grunddimensionen von Beratung
  1. Das Individuum mit seiner bio-psychischen und sozio-ökonomischen Ausstattung und seinen Bedürfnissen, Motiven und Zielsetzungen und den gegebenen bzw. resultierenden Risiken und Ressourcen. Im Wesentlichen sind das körperliche Ausstattung (Gesundheit, Aussehen, Behinderung), psychische Ausstattung (Fähigkeiten, Kompetenzen, Einstellungen, Eigenschaften) und sozio-ökonomische Ausstattung (Bildung, Status, Rolle, finanzielle Situation).

  2. Die biographische Lebenssituation und die biographische Ausstattung des Individuums. Diese Dimension umfasst die a) derzeitige Lebensphase und die relevanten Ereignisse (z.B. Lebensübergänge) mit seinen Risiken und Ressourcen, b) den Lebenslauf mit den über Sozialisation und Biographie erworbenen defizitären bzw. belastenden Erfahrungen wie auch der erworbenen Ressourcenausstattung, c) die historisch-sozio-kulturellen Erfahrungen des Individuums aus den durchlaufenen sozio-ökologischen Lebensräume, dem jeweiligen Zeitgeist, die prägenden gesellschaftlichen Werte und Normen mit den individuell entwickelten Bedeutungszuschreibungen und Bewertungsmustern und den daraus resultierenden Risiken, Belastungen und Ressourcen. Zur transaktionalen Bedeutung dieser Dimension sei an dieser Stelle auf die Arbeiten von Bronfenbrenner (1989) und auf den Sammelband von Grundmann, Fuss und Suckow (2000) verwiesen.

  3. Die Umwelt bzw. die Lebensführungssysteme des Individuums mit den anzutreffenden Ausstattungen an zwischenmenschlichen, sozialen, kulturellen, gesellschaftlich-strukturellen bzw. arbeitsweltlich-strukturellen und materiellen Risiken wie auch Ressourcen. Eine Differenzierung von Umwelt bzw. Lebenswelt ist oben bereits vorgenommen.

  4. Die drei Dimensionen mit ihren jeweiligen Ausstattungen sind nicht einzeln für sich zu handhaben, sondern sie stehen untereinander, wie auch dimensional-intern in einem übergeordneten und stetigen wechselseitigen, bio-psycho-sozialen Austausch- und Wirkungsprozess (Transaktion).

Die transaktionalen bio-psycho-sozialen Wechselprozesse sollen beispielhaft am biographischen Ereignis Übergang (Transition) vom Kindergarten zur Schule verdeutlicht werden (vgl. dazu Jasmund/Krus 2012), wobei zu berücksichtigen ist, dass sprachliche Darstellung die komplexen Wechselwirkungsprozesse zwischen und innerhalb der drei Dimensionen und ihren Ausstattungen nicht angemessen wiedergeben kann. Im Bereich der strukturellen und sozialen Umweltdimension gilt es, das Zusammenwirken von Belastungen und Ressourcen durch die strukturellen Gegebenheiten des abgebenden Kindergartens und der aufnehmenden Schule, wie auch seitens des erzieherischen Personals, der Eltern und Freunde bzw. Freundinnen untereinander und mit den beiden anderen Dimensionen zu erfassen. Im Bereich der biographischen Dimension gehen Erfahrungen und Auswirkungen der bisherigen biographischen und Sozialisationserfahrungen der betroffenen Kindern wie auch der Eltern ein und treten dimensionsintern wie auch mit den übrigen Dimensionen in Wechselwirkung. Weiterhin ist das transaktionale Zusammenwirken der individuellen Ausstattungen, z.B. an kognitiv-emotionalen Defiziten und Ressourcen, mit diesem Lebensereignis, den biographischen und sozialisationsbedingten Erfahrungs- und Handlungsausstattungen und den beteiligten zwischenmenschlichen und umweltlichen Ausstattungen zu verfolgen. Weitere Hinweise auf die transaktionalen Wechselwirkungen zwischen den dreidimensionalen Ausstattungen können aus der systematisierenden Darstellung von Lebensübergängen bei Fengler und Fengler (2012) abgeleitet werden.

Die Dimensionen »Individuum« sowie »Biographische Lebenssituation« mit ihren jeweiligen Ausstattungen sind im Rahmen von Beratungskonzeptionen schon relativ umfassend bearbeitet, ebenso die Wechselwirkungen mit und innerhalb emotional nahen Beziehungs- bzw. Lebensführungssystemen (Partnerschaft, Ehe, Familie). Zunehmende Aufmerksamkeit erfahren gegenwärtig die bio-psycho-sozialen Wechselwirkungen dieser beiden Dimensionen mit den übrigen Lebensführungssystemen und den Strukturen und Prozessen der Makro- und Exosysteme (vgl. dazu versch. Beiträge in dem Sammelband von Pauls, Stockmann & Reicherts 2014 sowie das 1. Themenheft von Resonanzen-E-Journal 2013). Diese Entwicklung wird für eine psychosoziale Beratung in dem hier vorgestellten Format bedeutsam, die sich mit Erklärungs-, Handlungs- und Veränderungswissen unter den Bedingungen der modernen gesellschaftlichen und arbeitsweltlichen Strukturen befasst. Erste konzeptionelle Ansätze liefern sozialökologische Modelle und der person-in-environment-Ansatz (Schubert 2013a); weit verbreitet ist der Lebensweltansatz nach Thiersch (1986, 1992). Unter der hier verfolgten Perspektive liefern Sommerfeld et al. (2011) eine interessante konzeptionelle Erweiterung: Unter Bezugnahme auf mehrere Forschungsdisziplinen – psychologische Belastungs-Bewältigungs-Forschung, sozialökologische Entwicklungspsychologie, Bourdieus Kapital- und Habitusansatz, systemtheoretische Konzepte selbstreferenzieller Systeme – befassen sich die Autoren mit den Fragen,

  • wie das Zusammenspiel (die Kopplung) von Individuum, Lebensführungssystemen und weiteren sozialen Strukturen zustande kommt,

  • über welche wissenschaftlich fundierten Konzepte das erfasst werden kann,

  • wie sich die Ergebnisse psychisch im Individuum und strukturell in der Umwelt repräsentieren und

  • wie sich daraus wiederum spezifische Muster zur individuellen Lebensführung und sozialen Integration bilden,

  • woraus schließlich – mehr oder weniger – gelingende Lebensgestaltung oder Lebensbewältigung sich entwickeln (im Überblick Schubert 2014).

5. Transaktionale Beratung als reflexiver Prozess

Die bisherigen Ausführungen machen deutlich, dass psychosoziale Beratung zur Gestaltung von Lebensführung ein vielschichtiger und komplexer Prozess ist. Beratung unter diesem konzeptionellen Format kann sich nicht über pragmatische Anleitungen (Ratschläge) zur Lebensgestaltung und Problembewältigung verstehen und gestalten. »Beratung ist keine Ware« (Zweite Frankfurter Erklärung zur Beratung 2013, S. 1833), die als instrumentelles Wissen geliefert und umgesetzt oder durchgesetzt wird. Beratung muss den genannten Grunddimensionen, ihren individuellen wie gesellschaftlichen Ausstattungen und Ausdifferenzierungen und auch den aufgezeigten Wechselwirkungen gerecht werden.

Aktuell stellt Seel (2013, 2014) in der Fachöffentlichkeit ein Verständnis von Beratung auf Basis einer »reflexiven Modernisierung« (Beck/Giddens/Lash 1996) vor. In Beratungsprozessen werden die Beratungsklientinnen und Klienten als aktive Subjekte ihrer Handlungen und Beziehungen, ihrer Selbstdefinition, Einstellungen und Überzeugungen und auch ihrer Stellung in der Gesellschaft zum Beratungsgegenstand (Seel 2013). Die Positionen von reflexiver Beratung haben breite Anschlussfähigkeit mit der phänomenologisch-anthropologischen und transaktionalen Konzeption von Lebensführung und mit der hier dargestellten (Meta‑)Konzeption einer transaktional angelegten Beratung. Seels Arbeiten liefern wertvolle Impulse, sowohl auf prozessualer und begrifflicher wie auch auf wissenschaftsorganisationaler Ebene für ein Beratungsverständnis, das die intentionalen Person-Umwelt-Transaktionen von Lebensführung unter komplexen und widersprüchlichen Strukturbedingungen konzeptionell wie auch beraterisch-verfahrensmäßigen aufnehmen kann. Das hier thematisierte (sozialökologisch‑)transaktionale Verständnis von Lebensführung, die Ausrichtung auf bifokale Wechselseitigkeit, auf Anforderungs- und Ressourcenaustausch, benötigt im Beratungsprozess eine diskursiv reflexive Betrachtungs- und Vorgehensweise. Der reflexive Diskurs zwischen Ratsuchenden und Berater/in über die individuellen, biographischen und umweltlichen Ausstattungen, über Erwartungen und Ressourcen, über Sollen, Wollen und Können, über Problemlagen unter den Bedingungen moderner Lebensführung, verhilft den Akteuren transaktionaler Beratung zu einer differenzierten Erfassungs-, Betrachtungs- und Handlungsweise.

Reflexivität unter dem vorgestellten Format beinhaltet den stetigen Rekurs auf die Ausstattungen und Möglichkeiten der drei aufgezeigten Grunddimensionen und auf deren Wechselwirkungen: auf die Person in ihrer komplexen sozial-ökologischen Einbindung in lebensweltliche und gesellschaftliche Prozesse und Strukturen, die sich wiederum in biographischen Ausstattungen, Erfahrungen und persönlichen Haltungen und Einstellungen niederschlagen und ausdrücken. Reflexivität in Beratung umfasst den bewussten Rückbezug aktueller Suchbewegungen zur Bewältigung eigener oder externer Erwartungs- und Anforderungssetzungen auf frühere individuell-biographische Erfahrungen und Handlungen, auf Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten, leitende Werte und auf deren Voraussetzungen, und umfasst weiterhin auch die reflexiv gestaltete Antizipation künftiger Folgen von potenziellen Lösungsmöglichkeiten, ihren kognitiv-emotionalen Bewertungen und Bewältigungshandlungen unter den gegebenen oder künftig veränderten Ausstattungen. In dialogischen Schritten werden zwischen Ratsuchenden und Beratern/Beraterinnen Erfahrungen und Bewertungen auf die aktuelle Problemsituation angelegt und weitere Möglichkeiten entlang der individuellen, der biographischen und der lebensweltlichen bzw. gesellschaftlichen Ressourcenausstattungen erkundet, durchgespielt und auf die künftige Lebenssituation und Entwicklungsmöglichkeiten übertragen und die so erarbeiteten Lösungen schließlich im Hier und Jetzt umgesetzt und nach Möglichkeit auch erweitert. Nach Pongratz (2008) ist Beratung im Allgemeinen (Beratung mit Fokus auf gelingende Lebensgestaltung sogar speziell) auf die Entwicklung von Problemlösungen ausgerichtet. Im reflexiven Diskurs von Beratung entwickeln die Ratsuchenden nicht nur Lösungen sondern auch Problemlösungsfähigkeiten, was nach Pongratz (ebd.) eigentlich Funktion von Bildung ist.

Reflexiv angelegte transaktionale Beratung ist besonders bei Anforderungs- und Handlungssituationen angezeigt, die in die komplexen und widersprüchlichen Strukturen und Prozesse der gegenwärtigen Gesellschaft eingebettet sind, in ihre unterschiedlichen Ausdifferenzierungen und Veränderungen mit vielfältigen Ereignissen und nur schwer vorhersehbaren »Nebenwirkungen«. Besonders hier kommt die Unsicherheit von gegenwärtiger Lebensgestaltung zum Tragen. Unter diesen Bedingungen gilt es in besonderem Maße, Ratsuchende über Prozesse einer reflexiv gestalteten individuellen Befähigung, Entwicklungsförderung und sozialen Integration zu unterstützen. Beispiele dafür liefern persönliche und soziale Empowermentprozesse (z.B. Herriger 2006; Lenz 2011). Gerade unter widersprüchlichen und hoch belastenden Strukturen stärkt transaktional angelegte reflexive Beratung jene persönlichen Faktoren bzw. Ressourcen, die selbst unter belastenden Lebensbedingungen zu gesundheitlicher Widerstandsfähigkeit und gelingender Lebensgestaltung beitragen, wie z.B. individueller Bewältigungsoptimismus, Kohärenzgefühl und Identität (z.B. Schubert 2012). Weiterhin wird es unter derartigen Lebenskontexten nötig, solche Fähigkeiten im Beratungsprozess zu fördern, die zu einem »positiven Umgang mit Ungewissheit und Nichtsicherheit« und zu »erfahrungsgeleitetem Spürsinn« beitragen (Zweite Frankfurter Erklärung zur Beratung 2013, S. 1836). Programmatisch formuliert die »Zweite Frankfurter Erklärung« in diesem Zusammenhang: »Ratsuchende werden als `selbstwirksame´ Konstrukteure ihrer Welt dabei unterstützt, persönliche Identitäten in sozialer Gemeinschaft zu entwickeln und zu (Mit‑)Gestaltern und selbstbewussten Akteuren ihrer Lebensgeschichte und Zukunft zu werden« (ebd. S. 1836).

6. Schlussfolgerungen für professionelle Beratung

Eine professionell ausgelegte Beratung im Kontext moderner Widersprüchlichkeiten und Unsicherheiten kann nicht über vorgeschneiderte Problemlöseschablonen bzw. über standardisierte oder manualisierte Beratungsverfahren und Prozesse erfolgen, wie sie in einigen Bereichen der Psychotherapie Fuß gefasst haben. Das führt letztlich zu einer Verlagerung von gesellschaftlichen Widersprüchlichkeiten und Problemlagen auf das Individuum (Individualisierung von gesellschaftlichen Problemstrukturen, Beck/Giddens/Lasch 1996) und führt zu einer Überforderung oder auch Pathologisierung von Individuen, anstelle der nötigen Bearbeitung und Veränderung von überindividuellen »pathogenen« Kontexten und Problemlagen. Eine andere »Lösung« wird in einer selbstausbeutenden und selbstüberfordernden Anpassung des Individuums an die problematischen Strukturen beobachtet (»Selbstoptimierung«, Pongratz/Voß 2001). Diese (Fehl‑)Haltungen korrespondieren zudem mit einer Vereinheitlichung und Festschreibung von Anforderungen und Zielsetzungen von Seiten öffentlicher Systeme und Instanzen an die Individuen und ihre Lebensgestaltung. Das Individuum als gestaltender Akteur seines Lebens wird durch Schablonen dann zum Objekt nicht nur öffentlicher, sondern – gegebenenfalls – auch psychotherapeutischer Vorgaben und Maßnahmenkataloge.

Psychosoziale (reflexive) Beratung muss den komplexen biographischen, kulturellen und gesellschaftlichen Einbindungen von Menschen und den daraus resultierenden Fragen und Problemen zur Lebensgestaltung über eine reflexive Vorgehensweise Rechnung tragen. Dazu sind transdisziplinäre Konzepte und Handlungsansätze nötig, die den bislang von Beratungsausbildungen bevorzugten Theorie- und Handlungsfundus aus psychotherapeutisch ausgerichteten Schulen und Verfahren bei weitem übersteigen. Deutlich wird weiterhin, dass transaktionale (reflexive) Beratung aufgrund ihres komplexen Gegenstandbereiches – Lebensführung und darin auftretende Fragestellungen und Problemlagen – grundsätzlich transdisziplinär angelegt sein muss und auf eine Vielfalt von bio-psycho-sozialen Funktionsbereichen mit entsprechendem Erklärungs- und Analysewissen ausgerichtet ist. Diese wiederum subsummieren jeweils spezifische transaktionale Beratungskonzepte mit dem jeweiligen Veränderungs- und Handlungswissen. Reflexiv gestaltetes Orientieren, Beraten und Befähigen unter der dreidimensional ausgerichteten transaktionalen Perspektive auf die Ausstattung von Individuum, Lebenssituation und Umwelt ist grundlegend für ein angemessenes Verständnis von qualifizierter Beratung unter den Bedingungen moderner gesellschaftlicher Strukturen und Veränderungen. Transaktional angelegte reflexive Beratung kann dazu einen Denk- und Handlungsrahmen liefern.

Literatur

Beck, Ulrich; Giddens, Anthony & Lash, Scott (1996): Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Frankfurt/M. (Suhrkamp).

Becker, Peter (2006): Gesundheit durch Bedürfnisbefriedigung. Göttingen (Hogrefe).

Bronfenbrenner, Urie (1989): Die Ökologie der menschlichen Entwicklung. Frankfurt/M. (Fischer).

Buchinger, Kurt (2008): Ideen zur Grundlegung einer Beratungswissenschaft. Supervision (4), 3-11.

Bünder, Peter (2002): Geld oder Liebe. Verheißungen und Täuschungen der Ressourcenorientierung in der Sozialen Arbeit. Münster (LiT-Verlag).

Fengler, Janne & Fengler, Jörg (2012): Förderung der Ressource Bildung in der Sozialen Arbeit. In: Knecht, Alban & Schubert, Franz-Christian (Hg.): Ressourcen im Sozialstaat und in der Sozialen Arbeit. Zuteilung – Förderung – Aktivierung. Stuttgart (Kohlhammer), S. 238–251.

Graumann, Carl-Friedrich (1996): Der phänomenologische Ansatz in der ökologischen Psychologie. In: Kruse, Lenelies; Graumann, Carl-Friedrich & Lantermann, Ernst-Dieter (Hg.): Ökologische Psychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. Weinheim (Beltz), S. 97–104.

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Endnoten:

[1]

Der in systemischen Konzepten etablierte Begriff »Zirkularität« wird hier nicht herangezogen, da er nicht stringent auf die in der Person-Umwelt-Transaktion angelegte gegenseitige Intentionalität ausgerichtet ist (»Beliebigkeit« von zirkulären Prozessen).

[2]

Ressource ist unter dem vorliegenden Ansatz ein Sammelbegriff für die Vielfalt von hilfreichen individuellen und umweltlichen Eigenschaften, Gegebenheiten und Materialien zur Bewältigung von Lebensanforderungen.

Über den Autor

Franz-Christian Schubert

Prof. Dr., Dipl.-Psych., approbierter Psychotherapeut, emeritierter Professor am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein, Krefeld/Mönchengladbach und dort Dozent im Masterstudiengang »Psychosoziale Beratung und Mediation«.Lehre, Forschung und Praxis auf den Gebieten Gesundheitsförderung, Verfahren der Psychotherapie, der psychosozialen Beratung und Konfliktbewältigung. Supervisor und Ausbilder in systemischer Therapie/Beratung, Vorsitzender der Vereinigung von Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer zur Förderung von Beratung/Counseling in Forschung und Lehre (VHBC).

E-Mail: fc.schubert@t-online.de