Tanz der Einsicht – Linguistische Einblicke in ein psychoanalytisches Gespräch

Michael B. Buchholz, Uli Reich

Abstract



Die Analyse der ersten zehn Minuten einer audio aufgezeichneten psychoanalytischen Sitzung führt zu der Entdeckung und Beschreibung einer psychoanalytischen Prozedur, die wir als »Tanz der Einsicht« bezeichnen. Die Sitzung ist nach den Standards der Konversationsanalyse transkribiert und wird auf drei Ebenen analysiert. Zunächst kommt eine klinische Analyse zu dem Ergebnis, dass die Analytikerin bei zwei Gelegenheiten ihre Gesprächsposition verändert; sie spricht, als wäre sie die Patientin. Die klinische Perspektive bringt diese Beobachtung mit dem Konzept der Modellszene und dem methodischen Prinzip der »Komplettierung der Szene« in Beziehung und einigen weiteren Befunden der Säuglingsforschung. Zum zweiten lässt sich mit den Mitteln der Konversationsanalyse erkennen, wie die Therapeutin dies Manöver ausführt und wie die Patientin darauf reagiert. Diese Analyse beschreibt detailliert die »slots«, an denen ein solches Manöver auf natürliche und ungekünstelte Weise ausgeführt wird. Die Analyse der Gesprächsstruktur wird vervollständigt durch einige Skizzen zur prosodischen Form, deren akustische Realität in PRAAT-Graphiken illustriert wird. Zu Beginn spricht die Patientin vielfach ohne jede Modulation der Grundfrequenz – eine Intonation, die wir mit der klinischen Beschreibung der Affektisolation und der geringen Selbstbehauptung der Patientin verbinden. Die Therapeutin manövriert die Patientin aus dieser Position, indem sie deren Rolle einnimmt. Sie tut das nicht nur mit der Bedeutung der Wörter, sondern auch mit prosodischen Techniken: Sie artikuliert ihre Redezüge mit einem Plateau hoher Töne, das auch in anderen Zusammenhängen Assertionen vom Sprecher entkoppelt, was wir in diesem Falle tentativ als »Zuschreibung von Selbstbehauptung« deuten. Das Gesamt dieser Operation ist, was wir »Tanz der Einsicht« nennen, eine Bewegung des Gesprächs, die zu einer Veränderung metaphorischer Konzepte und der Gesprächspositionierung führt. Die Prosodie unterstützt dabei den symbolisch-semantischen Prozess.

Schlagworte


Psychoanalyse; Linguistik; Konversationsanalyse; Prosodie; Zwangsneurose

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