Reverbalisierungen als Brücke zum kollektiven Handlungswissen: Eine gesprächsanalytische Untersuchung therapeutischer Interventionen

Claudio Scarvaglieri

Abstract



Basierend auf einem Korpus von sechs Therapieverläufen aus tiefenpsychologischer und gesprächstherapeutischer Kurzzeittherapie wird mit gesprächslinguistischen Mitteln rekonstruiert, wie mentale Prozesse von Patientinnen und Patienten mit sprachlichen Mitteln bearbeitet werden. Konkret wird anhand detaillierter Analysen von drei Gesprächsauszügen die Frage verfolgt, wie die patientenseitig eingebrachten Wissens- und Erfahrungselemente in der Therapie aufgenommen und verarbeitet werden. Zentrales Ergebnis ist, dass in den Interventionen eine Reperspektivierung der eingebrachten Erfahrungen vollzogen wird: während die Erlebnisse in den Schilderungen der Patientin oder des Patienten als singuläre, erratische Ereignisse erscheinen, werden sie in der Intervention aus einer kollektiven Perspektive reformuliert und rekonzeptualisiert. Die Therapeutinnen und Therapeuten benennen die Erlebnisse mithilfe sprachlicher Mittel des »Symbolfelds«, die diese Erlebnisse sozial etablierten Kategorien zuordnen. Das Erleben erscheint damit nicht mehr als etwas Einzigartiges, rein Individuelles, sondern wird mit den Erlebnissen anderer Personen vergleichbar. So wird eine Brücke zu kollektivem Handlungswissen über die Entstehung der kategorisierten Prozesse oder Situationen, über ihre Struktur und über Möglichkeiten des Umgangs mit ihnen geschlagen, was letztlich auch einen veränderten Umgang mit der problematischen lebensgeschichtlichen Situation ermöglichen kann.

Schlagworte


Linguistik; Gesprächsanalyse; Rekonzeptualisierung; kollektives Wissen; Frames

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