Das Timing von Kindern

Das Timing von Kindern
Relationale Praktiken in spätmodernen Beziehungswelten

Waltraud Cornelißen

Zusammenfassung

Ausgehend von der Beobachtung, dass sich die Forschung zu Generativität und Elternschaft bisher sehr stark auf langlebige moderne Paarbeziehungen fokussiert, soll hier veranschaulicht werden, welche interaktiven Praktiken das Timing von Kindern in spätmodernen Beziehungen hervorbringen. Aus einem Sample von 25 Paaren bzw. Einzelpersonen werden zwei Fälle ausgewählt und einander gegenübergestellt. Das erste (moderne) Paar folgt dem in Westdeutschland institutionell gestützten und kulturell verankerten Programm zur Familiengründung. Sein erstes Kind wird geboren, nachdem sich das Paar die normativ erwarteten und subjektiv gewünschten Voraussetzungen für seine Familiengründung geschaffen hat. Diesem Paar wird eine Frau in spätmodernen Beziehungswelten gegenübergestellt. Ihr Timing folgt weder einem vorgegebenen, noch einem eigenen langfristigen Plan. Die handlungsleitenden Maßstäbe für die Akzeptanz von nicht beabsichtigten Schwangerschaften und die emotionalen Impulse zugunsten von gewollten Schwangerschaften sind in ihrer spätmodernen Beziehungswelt sehr situationsgebunden und hoch individualisiert. Die Annahme eines standardisierten Kosten-Nutzen-Kalküls und einer zukunftsorientierten Planung trägt zur Erklärung des Timing von Kindern in spätmodernen Beziehungswelten wenig bei. Den im modernen Sinne »richtigen« Zeitpunkt für Kinder gibt es in spätmodernen Beziehungswelten nicht.

Schüsselwörter: Individualisierung und Institutionalisierung von Lebensläufen, Timing von Schwangerschaften, moderne Beziehungen, spätmoderne Beziehungswelten, kontrastierende Fallanalyse

Summary

The Timing of Children

Relational practices in late modern relationships

Existing research on generativity and parenthood has often focused on modern stable long-term relationships. On the contrary this article focusses on late modern relationships, characterized by an undetermined degree of commitment, and analyzes the interactive practices which affect the timing of child bearing. Two cases drawn from a sample of 25 couples and individuals are contrasted. The first (modern) couple starts a family according to the pattern endorsed by West German institutions and culture. Their first child is born after they have achieved the normatively expected and subjectively desired preconditions for starting a family. This couple is contrasted with a woman engaged in late modern types of relationships. Her timing follows neither a predetermined nor a long-term plan. The reasons for her acceptance of unplanned pregnancies and her emotional impulses towards pregnancies within her late modern relationships are highly situational and individualized. The assumptions of a standardized cost-benefit calculus and rational long-term planning contribute little in explaining the timing of child bearing in late modern types of relationships, where the »right time« for a child in the modern sense does not exist.

Keywords: Individualization, institutionalization of life course, timing of pregnancies, modern and late modern relationships, contrasting case study

1. Institutionalisierung und Individualisierung von Lebenszeit

Wie Kohli in seinem wegweisenden Aufsatz 1985 aufzeigte, ist es im »westlichen« Modernisierungsprozess zur Herausbildung von Lebenszeitregimen gekommen, die auf national etablierten Regelsystemen basieren und Bürger_innen Rechte und Pflichten zuweisen, die an ihr Alter gekoppelt sind (Kohli 1985). Das Gefüge von Rechten und Pflichten erzeugt in der Moderne einen Anreiz, teilweise auch einen Druck, zu bestimmten Zeitpunkten im Lebenslauf bestimmte Leistungen nachweisen zu können. Im modernen Lebenslaufregime sind dementsprechend »systematische Selbstkontrolle« (Berger et al. 1975, S. 66f.) und »langfristige Lebensplanung« (ebd.) gefragt.

Kohli sieht das deutsche Lebenslaufregime in der Bundesrepublik ebenso wie das der DDR rund um die Erwerbsarbeit organisiert (Kohli 1985, 1994, 2007). Born und Krüger ergänzen, dass dieses Regime auch durch die Institution Familie und deren Anliegerinstitutionen (Kindergärten und Schulen) strukturiert ist (Born/Krüger 2001, S. 18). Dem institutionalisierten Lebenslaufregime entspricht in der Moderne eine Kultur von Intimität und Fürsorge, in deren Mittelpunkt das heterosexuelle Paar steht (Roseneil/Budgeon 2004). Von jungen Frauen und Männern wird erwartet, dass sie nach einer mehr oder weniger langen Orientierungs- und Erprobungsphase eine Beziehung stabilisieren und schließlich auch zur Elternschaft bereit sind. Zu dem Programm für Paare gehören die Sequenzen des Kennenlernens, des Zusammenziehens (auch ohne Trauschein), die Bewährung der (monogamen) Partnerschaft, die berufliche Etablierung mindestens eines Partners (insbesondere des Mannes), die Heirat und dann die gemeinsam vereinbarte Familiengründung. Bis zur Bewährung der Paarbeziehung und der Sicherung eines Familieneinkommens wird von den Paaren in der Moderne erwartet, dass sie zuverlässig verhüten. Nach der Geburt eines Kindes wird erwartet, dass die Eltern die Versorgung und Betreuung des Kindes gewährleisten und die Paarbeziehung sowie das Leben in der Vater-Mutter-Kind-Gemeinschaft zumindest bis zur Verselbstständigung des Kindes bzw. der Kinder fortsetzen (Scholz 2013). Diese Verschränkung von Intimität und Care im Lebenslauf von Paaren wird in der Moderne durch das institutionalisierte Lebenslaufregime, etwa mit der Privilegierung der Ehe, gefördert. Dennoch lässt die Standardisierung des Familienzyklus in den letzten Jahrzehnten nach (Kohli 1985; Schmidt et al. 2006, S. 147ff.). Neben die früh auf Dauer angelegten Paarbiografien treten andere mit einer seriellen Vor- und Folgegeschichte. Scheidungen haben einen hohen Stand erreicht und der Anteil der nicht ehelichen Beziehungen nimmt weiter zu (Köppen 2012; Schmidt et al. 2006, S. 147). Paarbeziehungen sind nicht mehr wie selbstverständlich auf eine Familiengründung angelegt. Paarbeziehungen werden häufiger mit ungeklärter Verbindlichkeit geführt. Sie folgen damit eher der Ethik von Bekanntschaften bzw. Freundschaft (Roseneil/Budgeon 2004) und nicht mehr unbedingt der Ethik lebenslanger Solidarität. Sie werden oft nur solange fortgeführt, wie sich beide Partner in dieser Beziehung wohl fühlen (Schmidt et al. 2006, S. 151). Entsprechend gibt es mehr Singles, die sich wiederholt auf der Suche nach einer neuen Beziehung sehen (ebd.). Online-Partnerbörsen erleichtern schnelle Formen des Suchens und Kennenlernens neuer Partner_innen. Das normative Muster der gemeinsamen langjährigen kopräsenten elterlichen Sorge wird mit der Verfügbarkeit dieser Technik eher unterminiert. Die »ungeregelte Intimität« spätmoderner Beziehungen erzeugt zudem neue Ungleichzeitigkeiten in Paarbeziehungen (Brose et al. 1993, S. 299). Synchronisierte die einmal im Leben relativ früh stattfindende Institutionalisierung einer Liebesbeziehung die Lebensläufe von Partner_innen in der Moderne, so treffen in »spätmodernen Beziehungswelten« (Schmidt et al. 2006) häufig Partner_innen aufeinander, die bereits sehr unterschiedliche Paar- und Familiengeschichten erlebt haben. Die disparaten Reproduktionsbiografien der Partner_innen schaffen ein Nebeneinander verschiedener Zeitordnungen, die nicht ohne weiteres vereinbar sind. Dort, wo Geschlechtercodes in Bewegung geraten sind, stehen auch früher vorgegebene Muster der Arbeitsteilung zur Disposition.

Da Partner_innen in spätmodernen Beziehungen mit ihren vielen Schleifen in der Such- und Kennenlernphase schon erste Schritte in Richtung einer Abweichung vom kulturell verankerten Lebenslaufprogramm für Paare vollzogen haben, ist zu erwarten, dass sie auch die weiteren Schritte stärker individualisiert vollziehen, erleben und deuten. Dabei erweist sich Individualisierung nicht nur als Chance zu Selbstentfaltung und Authentizität, sondern erzeugt auch neue Risiken (Beck/Beck-Gernsheim 1995; Howard 2007).

Mills (2007) unterscheidet drei Formen der Individualisierung, (1) die konforme Individualisierung (»default individualisation«), bei der Menschen dem gesellschaftlich verankerten Lebensprogramm folgen und die Spielräume dieses Programms nutzen, um die eigene Biografie den eigenen Ausgangsbedingungen und Bedürfnissen entsprechend zu gestalten, (2) die strategische Individualisierung, mit der Menschen die Auflösung des modernen Lebenslaufregimes vorantreiben, indem sie eigene Vorstellungen von Effektivität, individueller Passung und Wohlergehen auf wenig vorhersehbare Weise zum Maßstab ihrer biografischen Weichenstellungen machen, und (3) die fragile Individualisierung, bei der Frauen und Männer angesichts ihrer individualisierten Risiken im Institutionengefüge kaum noch Halt finden und phasenweise mit großen Diskrepanzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit leben. Diese drei Formen der Individualisierung lassen sich auch in Paarbeziehungen auf dem Weg in die Elternschaft rekonstruieren. Unser aktuell erhobenes Material (vgl. Abschnitt 3) legt insgesamt die These nahe, dass sich die konforme Individualisierung des Weges in die Elternschaft insbesondere bei den Frauen und Männern findet, deren Paargeschichte noch dem für Paare vorgesehenen modernen Beziehungsprogramm »große Liebe« folgt. Dagegen lässt sich die strategische Destandardisierung und die fragile Individualisierung von Wegen in die Elternschaft besonders bei Partner_innen in spätmodernen Beziehungen rekonstruieren. Was dies für das Timing von Kindern im Lebenslauf ihrer Eltern bedeutet, soll in diesem Beitrag genauer beleuchtet werden.

Mit »Timing« -– einem Begriff in der Lebenslaufforschung, der demografischen und der Familienforschung (vgl. aktuell Heft 3 der Zeitschrift für Familienforschung 2014) – ist erst einmal nur die »Platzierung« eines Ereignisses im Strom der Lebenszeit ausgewählter Personen(-gruppen) gemeint. Wer oder was auf welche Weise diese Platzierung erwirkt, interessiert oft wenig. Wenn aber doch Akteur_innen bzw. Agent_innen thematisiert werden, dann werden in erster Linie die potenziellen Eltern in den Blick genommen und diese werden zumeist als planende, rational abwägende Subjekte konzipiert (vgl. zum Beispiel Huinink/Kohli 2014). Es wird unterstellt, sie suchten und fänden den »richtigen« Zeitpunkt für ihre Kinder (Dommermuth et al. 2011; Brehm/Buchholz 2014).

Der vorliegende Beitrag geht von der Annahme aus, dass das oft unterstellte, an langfristigen Kosten und Nutzen orientierte Optimieren des Timings von Kindern durch ihre Eltern nur ein möglicher Modus des Timings ist – ein Modus, der seinen sozialen Ort am ehesten in modernen Beziehungen mit ihren (vermeintlich) absehbaren Verläufen hat. Schimank schlägt in seinem akteurstheoretischen Ansatz dagegen vier distinkte Akteursmodelle vor: den rationalen Homo Oeconimicus, den normkonformen Homo Sociologicus, den von Gefühlen geleiteten Emotional Man und den Identitätsbehaupter (Schimank 2010, S. 166ff.). Er schlägt vor, im Einzelnen zu prüfen, welches Handlungsmodell sich in welchem Bereich als besonders erklärungskräftig erweist und wie sie kombiniert genutzt werden können. Der praxeologische Ansatz bietet ein fünftes Modell. Hier werden Handlungsergebnisse als Produkt eines komplexen Zusammenspiels von Menschen, Körpern und Artefakten betrachtet, wobei den Dingen und Körpern keine nur passive Rolle zur Festlegung der Situation, sondern auch Einfluss auf die Dynamik der Situation und das Resultat von Handlungen zukommt (Hirschauer 2004; Reckwitz 2008, S. 131ff.). Vor diesem Hintergrund soll das Timing von Kindern hier als Ergebnis interaktiver Praktiken betrachtet werden, die sehr unterschiedlichen Handlungsantrieben und Logiken folgen. Dabei findet Beachtung, dass sich Frauen und Männer in spätmodernen Beziehungen in einem ganz besonders unübersichtlichen Handlungs- und Beziehungsgefüge bewegen (Bauman 2007).

2. Stand der Forschung zu den interaktiven Prozessen auf dem Weg zur Elternschaft

Es gibt nur wenige empirische Untersuchungen, die fertilitätsrelevante interaktive Praktiken von Paaren in den Blick nehmen. Die Untersuchungen konzentrieren sich derzeit zumeist auf das Zustandekommen fertilitätsrelevanter Intentionen. Ein zentraler Befund dieser Forschung ist, dass die nach den Theorien der Nutzenmaximierung und der Theorie des geplanten Verhaltens erwarteten Prozesse des Kosten-Nutzen-Kalküls und des Aushandelns oder Verhandelns über ein (weiteres) Kind und den »richtigen« Zeitpunkt für dessen Geburt empirisch kaum zu rekonstruieren sind. Burkart (1994, S. 318) entdeckt stattdessen »interaktive Emergenzen«, »Prozesse des Abwartens, Gewähren Lassens« und ein »intuitives Verständnis für die Ambivalenzen des Partners«, sehr subtile Praktiken also, die ähnlich auch von Cuyvers und Kalle (2002), Stöbel-Richter et al. (2006, S. 58) und Rijken und Knijn (2009) beschrieben werden (siehe hierzu auch Böhm/Franz/Matthiesen in diesem Band). Eine offene Diskussion von Paaren über ihre eigene Familienplanung scheint also eher untypisch. Cuyvers und Kalle (2002, S. 21) rekonstruieren verdeckte, dennoch zielgerichtete Strategien von Frauen, die sie als »pusher« auf dem Weg zum Kind identifizieren. Die Autoren rekonstruieren eine verbreitete Strategie von Frauen als »constant dripping wears away the stone« (ebd.). Nach ihren Beobachtungen bringen Frauen letztlich auch die offene Debatte um Kinder häufiger auf und ihnen wird von ihren Partnern zumeist die Entscheidung über das Timing überlassen, wenn sich das Paar im Prinzip über eine (weitere) Elternschaft einig ist (Cuyvers/Kalle 2002, S. 24).

Neben »Aushandlungskulturen« (Helfferich et al. 2005, S. 195) belegen qualitative Studien (z.B. Rijken/Knijn 2009) auch »Akzeptanzkulturen« (Helfferich et al. 2005, S. 195). Dies bedeutet, dass nicht immer nach dem richtigen Zeitpunkt gesucht wird, sondern dass oft auch ein Zeitpunkt akzeptiert wird, der sich im Handlungsfluss einstellt (Sardadvar 2010). Sevón (2005) rekonstruiert wie Fliegenschnee (2006), dass der Kinderwunsch heute kaum rational begründet werden kann. Rational sind ihrer Auffassung nach nur die Gründe gegen eine Schwangerschaft (Sevón 2005; Fliegenschnee 2006). Sevón (2005) und Fliegenschnee (2006) beobachten wie schon Cuyvers und Kalle (2002), dass Kinderwünsche in Paarbeziehungen meist von Frauen ausgehen. Sie müssten sich mit ihren emotionalen Imaginationen gegenüber ihren Partnern Gehör verschaffen, die sich (noch) keine Gedanken über eine Familiengründung machten oder diesen Statusübergang abzubremsen versuchten (Fliegenschnee 2006). Da die Norm, einer Schwangerschaft solle ein Konsens über ein gemeinsames Kind vorausgehen, von vielen Frauen sehr ernst genommen wird (ebd.), ist das Timing eines Kindes auch vom Tempo der Annäherung an diesen Konsens abhängig. Eine kanadische Studie zeigt, dass nach einem prinzipiellen Konsens über ein Kind die Versuche, eine Schwangerschaft herzustellen, in Beziehungen beschleunigt eintreten, wenn der vorangegangene Dissens die Beziehung zunehmend belastet hat, wenn das Paar die Familiengründung als familiale Pflicht deutet und wenn es sich Sorgen über eine mögliche Unfruchtbarkeit macht (Olafsdottir et al. 2011)

Einige wenige Studien geben also Hinweise darauf, dass und wie Paare sich konkret über Verhütung, Kinderwunsch und Schwangerschaft verständigen und welche Strategien sie jenseits offener Diskurse nutzen, um sich in Fragen reproduktiven Handelns abzustimmen. Das nicht zuletzt sexuelle »Herstellen« einer Schwangerschaft wird in diesen Studien aber noch kaum beleuchtet. Dies ist aber miteinzubeziehen, wenn man das Timing von Geburten wirklich rekonstruieren will.

3. Hinweise zum eigenen Vorgehen

Auf der Basis von narrativen Interviews (Schütze 1984) wurden »Wege in die (leibliche) Elternschaft«, so der Titel des Projektes, rekonstruiert.[1] Dazu wurden Einzelinterviews mit Personen geführt, die ein Jahr zuvor ein Kind bekommen hatten oder aktuell schwanger waren. Durch eine Eingangsfrage wurde die Erzählung der Interviewpartner_innen auf ihre Reproduktionsbiografie fokussiert. Nach einer ersten groben Auswertung der Einzelinterviews wurde bei Bedarf mehrfach mit einer Person ein zusätzliches zweites Einzelinterview und in sechs Fällen zusätzlich ein Paarinterview geführt, um die Paardynamik beim Thema Eltern Werden auch in statu nascendi erfassen zu können (Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014, S. 122ff.).[2]

Um interaktive Praktiken des Timings von Elternschaft in spätmodernen Beziehungen exemplarisch und profiliert präsentieren zu können, werden aus dem Sample zwei Reproduktionsbiografien ausgewählt. Dabei wird aus Platzgründen fast nur auf die Interviews der Frauen zurückgegriffen, obwohl von deren (aktuellen) Partnern ebenfalls ein Interview vorliegt. Zunächst wird Beate Drexler[3] vorgestellt, die mit ihrem Mann in einer modernen Paarbeziehung lebt und sich mit ihm an dem institutionalisierten Weg zur Familiengründung orientiert. Diesem Fall wird als Beispiel für Wege in die Elternschaft in spätmodernen Beziehungswelten Franka Fink gegenübergestellt. Über Prozesse fragiler und strategischer Individualisierung kommt es in ihrem Leben zu einer weitgehenden Destandardisierung, ja zu einer Neuerfindung von Familie. Die beiden hier verwendeten Fallanalysen wurden in Anlehnung an die Methode der Dokumentarischen Interpretation erarbeitet (Nohl 2012). Dabei wurde der Versuch gemacht, der integralen Ausrichtung der Dokumentarischen Methode zu folgen, wie sie Bohnsack (2014) beschreibt. Nach einer thematischen Strukturierung der Interviews wird im Fallvergleich rekonstruiert, welche habitualisierten Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata (Bourdieu 1996) bzw. Orientierungsrahmen (Bohnsack 2014) den Umgang der Partner_innen mit ihrem generativen Potenzial und mit dem normativen Muster der Familiengründung prägen. Die expliziten Fertilitätsintentionen der Partner_innen finden ebenfalls Beachtung. Dabei wird im Einzelfall geprüft, ob ihnen im Interview nur eine legitimatorisch-rationalisierende oder auch eine handlungsleitenden Funktion zukommt. Die Praktiken des Timing werden hier gleichzeitig als Teil einer eingelebten Paarpraxis begriffen, an deren Ergebnis viele Akteur_innen partizipieren, zum Beispiel Ärzt_innen, nahe Verwandte und Freund_innen, aber auch Körper und Dinge, zum Beispiel Verhütungsmittel. Zur Begründung dieser mehrdimensionalen konzeptionellen Orientierung sei angeführt, dass es mehrere distinkte Modelle zur Erklärung von praktischem Handeln gibt, die alle ihre Berechtigung haben (Schimank 2010, S. 184). Die qualitative Forschung würde einen Teil ihres Potenzials verschenken, wenn sie ihren Blick nur von einem einzigen Konzept leiten ließe (Blumer 1954), etwa dem der langfristig angelegten Nutzenmaximierung, das in der quantitativen Fertilitätsforschung bisher eine dominante Stellung einnimmt.

4. Das Timing des ersten Kindes von Beate Drexler und der fünf Kinder von Franka Fink – Beispiele konformer, fragiler und strategischer Individualisierung des Weges in die Elternschaft

4.1 Die Kinderwünsche und Familienleitbilder von Beate Drexler und Franka Fink im Jugendalter

Zu Beginn jeden Interviews wurden die Personen gebeten sich zu erinnern, welche Vorstellungen von ihrer Zukunft, bezogen auf eigene Kinder, sie im Alter von ca. 18 Jahren hatten. Beate Drexler und Franka Fink formulieren sehr unterschiedliche Vorstellungen.[4] Beate Drexler erinnert sich wie folgt:

»Ja. Mit 18, […] hab ich persönlich noch gar nicht ans Kinderkriegen gedacht. Da war ich […] noch in der Ausbildung und hab mir gedacht, ich möcht jetzt erst mal arbeiten, mir eine Wohnung suchen und nach einem richtigen Job zu suchen. […] ich hab auch noch keinen Freund gehabt, also war für mich noch nie ans Denken. Da hat meine Schwester gerade angefangen, hat kurz vor der Heirat gestanden, große Liebe. […] Ich wusste, ich wollte immer Kinder haben, aber das war für mich noch in weiter Ferne. Mit, ja, mit 21 (überlegt kurz) glaub ich, ja, hab ich dann meinen jetzigen Mann kennengelernt.« (Beate, Z. 58–64)

In dieser Passage erinnert sich Beate Drexler, dass sie mit ca. 18 Jahren eigene Kinder für sich wie selbstverständlich (»schon immer«) vorsieht, dass deren Realisierung für sie aber noch lange nicht ansteht. Implizit dokumentiert die Passage auch, dass sie die Umsetzung dieses Vorhabens von der Existenz einer festen Beziehung, ja einer großen Liebe und einer Heirat abhängig macht wie ihre Schwester es ihr damals vorlebt. Bevor sie ihren jetzigen Mann kennenlernt, stehen für sie Ausbildung, Wohnungssuche und Jobsuche, so erinnert sie sich, im Vordergrund. Diese Reihenfolge trägt sie nicht im Gestus einer bewussten »life to do Liste« vor, wie wir dies bei einer anderen Interviewpartnerin finden, sondern als damals eher unreflektierte Priorisierung von Vorhaben. Beate Drexlers Vorstellungen orientieren sich damals wie selbstverständlich am institutionalisierten Ablaufprogramm für eine Familiengründung.

Franka Finks frühe Vorstellungen sind dagegen wesentlich offener und unkonventioneller. Das in Westdeutschland durch den Einfluss der Kirchen oft noch internalisierte Lebensprogramm zur Familiengründung ist für die junge Ostdeutsche in den Jahren kurz nach der Vereinigung Deutschlands höchstens eine von vielen Optionen, sogar eine wenig reizvolle Variante:

»mein Konstrukt war, entweder, ich krieg ganz viele Kinder oder gar keine. So. […] Und das war aber vollkommen gelöst von dem Projekt Mann. Also Mann hab ich immer gedacht, das ist so was wie eine Kaffeebohne auf der Torte, das schmeckt lecker, wenn da so eine Kaffeebohne drauf ist, aber es schmeckt total auch super ohne. […] ich bin C-Städterin (ostdeutsche Stadt), und meine Mutter war auch mit mir alleinerziehend, […], zwischendurch hat sie wieder geheiratet. Aber ich hab immer so diese Frauen gesehen, >die so hinter dem Mann her traben mit so einem Kind an der Hand, die immer so gucken, als ob das alles ein totales Elend wäre< (stellt während des Sprechens die Szenerie körperlich und mimisch nach). Und dann hab ich immer gedacht, ›nee, du willst irgendwie lieber so wie Schneewittchen leben. So glücklich mit Kindern. Und wenn dann der Richtige kommt, dann ist ja gut, aber wenn nicht, dann machst du dich mal nicht verrückt‹. So.« (Franka, Z. 77–89)

Franka Fink präsentiert sich hier als junge Frau mit einem Familienleitbild, das den Vater nur als optionales, auch austauschbares Familienmitglied vorsieht. Das Alleinerziehen scheint für sie, entsprechend dem Vorbild ihrer Mutter und – so kann ergänzt werden – entsprechend der Verbreitung dieser Lebensform in der DDR, eine zumindest gleichwertige Lebensform. Sie dokumentiert sogar eine deutliche Aversion gegen die traditionelle Familie. Kinder hat sie, wie sie erzählt, damals noch nicht fest eingeplant, wenn ja, dann aber »ganz viele«.

Diese Darstellung ihres sehr offenen Lebensentwurfs in der Eingangserzählung mag angesichts ihrer mehrfachen Partnerwechsel noch als Mutter eine nachträgliche legitimatorische Funktion haben. Angesichts ihrer ostdeutschen Herkunft ist aber sehr plausibel, dass sie nicht wie Beate Drexler und ihr Mann die Orientierung am westdeutschen Programm zur Familiengründung habitualisiert hat.

4.2 Auf dem Weg in die Elternschaft: Fertilitätsintention, Verhütung, Zulassen und Befördern einer Schwangerschaft in der Paarinteraktion

Der Fall Drexler zeigt, wie sich die von Mills (2007) beschriebene konforme Individualisierung in Paarbeziehungen einspielen kann, wenn sich beide am institutionalisierten Lebensprogramm zur Familiengründung orientieren. Das Paar lernt sich auf einem lokalen Fest kennen. Beate identifiziert die Beziehung sehr bald als »die große Liebe«. Beates Zukunftsvorstellungen sind in jener Zeit genau auf eine solche einzige, sehr besondere Beziehung ausgerichtet. Die Tatsache, dass sich das Paar gerade in einer wenig befriedigenden Wohnsituation befindet, wird zum Anlass dafür, dass es schon sehr bald eine gemeinsame Wohnung sucht. Beate beschreibt ihr gemeinsames Leben in jener Zeit mit den Worten: »Wir haben einfach so schön in den Tag hineingelebt.« Dennoch hat das Paar zumindest beiläufig schon die langfristige Orientierung am Modell der Zwei-Kind-Familie abgeklärt. Dabei muss es um einen Konsens in der Kinderfrage gar nicht erst ringen. Die Partner_innen müssen sich nur wechselseitig über ihre an westdeutschen Maßstäben von Normalität orientierten Vorstellungen in Kenntnis setzen. Den Zeitpunkt der Familiengründung lassen sie offen. Dem normkonformen Konsens des »Jetzt noch nicht« entsprechend setzt das Paar Verhütungsmittel ein. Nach der Verhütungsmethode gefragt, sagt Beate:

»Durchgängig mit Pille. […] also super geklappt auch, so also ich meine, ich bin jetzt nicht diejenige, die jetzt immer punktgenau die Pille nimmt so, aber es gab da/ also wenn man, wenn man ja noch Kinder will, gibt es eigentlich keine andere Möglichkeit. Und Kondom war für uns keine, keine Sprache eigentlich.« (Beate, Z. 158–162)

Die gemeinsame Intention, die Familiengründung noch aufzuschieben, bestimmt das fertilitätsrelevante Handeln des Paares. Es entwickelt eine Verhütungsroutine, bei der Beate, wie die meisten der von uns befragten Frauen, die Verantwortung übernimmt. Im obigen Zitat zeigt sich Beate retrospektiv erleichtert, ja begeistert, dass die eingelebte Praxis der hormonellen Verhütung auch in den Phasen ihren Zweck erfüllt, in denen sie die Pille einmal »nicht punktgenau« eingenommen hat. Die Partner_innen, ihre Körper und das (mit ärztlichem Rat) ausgewählte Verhütungsmittel gewährleisten bei Drexlers über Jahre ein Leben als sexuell aktives Paar entlang des Konsenses in der Kinderfrage »Jetzt noch nicht”.

Eine von Beate mit gesteigertem emotionalem Engagement präsentierte Erzählung von einem mehrwöchigen gefährlichen Abenteuerurlaub belegt, dass sich die Paarbeziehung in den folgenden Jahren aus beider Sicht bewährt. Sie schließt diese Erzählung mit den Worten:

»nach dem Urlaub haben wir eigentlich gesagt, wenn wir das zusammen überlebt haben, dann überleben wir auch ein Kind. […] also da haben wir auch schon beide gesagt, also jetzt machen wir alles zusammen. Also das war schon/ weil wenn wir das überlebt haben, schlimmer kann ein Kind nicht sein, so.« (Beate, Z. 547–554)

Das Bewusstsein, sehr gefährliche Situationen im Urlaub gemeinsam gemeistert zu haben, gibt dem Paar offensichtlich eine große Zuversicht, ein gemeinsames Leben(-sabenteuer) bestehen zu können. Als ein solches Abenteuer begreifen sie auch ihr Projekt der Familiengründung. So erfährt dieses Projekt eine an gemeinsame Paarerfahrungen anknüpfende individualisierte Deutung und emotionale Aufladung.

Obwohl sich das Paar prinzipiell einig ist, einmal Kinder haben zu wollen, entwickelt es lange keinen konkreten Zeitplan. Klar ist nur, dass beide eine Familiengründung erst nach einer Heirat vorsehen. Das Paar nimmt sich nach dem erwähnten Urlaub und vor der Hochzeit viel Zeit, seine zunächst recht ausgeprägte Angst vor dem Abenteuer eines Alltags mit Kind abzubauen. Beate versucht nicht, wie Frauen in anderen Untersuchungen (Cuyvers/Kalle 2002; Sevón 2005; Fliegenschnee 2006) den Weg in die Elternschaft zu beschleunigen, sondern sichert dem Paar durch ihre hinreichend konsequente Pilleneinnahme eine Zeitspanne der langsamen Annäherung an die Option der Familiengründung.

Nach der Hochzeit beginnt das Paar, sich über das Timing seiner Familiengründung abzustimmen. Für Beate ist nun ihr 30. Geburtstag der Zeitpunkt, bis zu dem sie ihr erstes Kind auf jeden Fall haben möchte. Zum Zeitpunkt der Hochzeit ist sie 26 Jahre alt. Aus ihrer Sicht ist also keine Eile geboten. Beate kommt der biografische Spielraum gelegen. Sie setzt die Verhütung nach der Hochzeit erst einmal fort. Mit dem Aufschub einer möglichen Schwangerschaft erreicht sie einen beruflichen Aufstieg noch vor der avisierten Familienpause und zusätzlich eine individualisierende Inszenierung ihrer Heirat »aus Liebe«. Knapp zwei Jahre nach der Hochzeit wird das erste Kind der Drexlers geboren. Dem institutionalisierten Programm zur Familiengründung hat das Paar damit voll entsprochen. Die Körper und Verhütungsmittel haben wie gewünscht mitgespielt.

Zusammenfassend ist festzuhalten: Das Paar Drexler lässt sich wie selbstverständlich, d.h. ohne Abwägen von Alternativen von dem in Westdeutschland institutionalisierten Lebenslaufschema zur Familiengründung leiten. Das Vorhaben, gemeinsam Kinder zu bekommen, gilt ihnen als selbstverständlich. Als Voraussetzung für die Familiengründung sehen sie eine verlässliche Beziehung und eine Heirat. Insbesondere Erich Drexler hat auch die finanzielle Seite der Familiengründung im Blick. Der hinreichend konsequente Einsatz von Verhütungsmitteln hat also seine subjektiv betrachtet guten Gründe. Bei der Umsetzung des institutionalisierten Programms nutzt das Paar die dort gewährten zeitlichen Spielräume, gemäß eigenen explizierten Vorstellungen und impliziten Orientierungsrahmen. Zu den impliziten Orientierungsrahmen der Umsetzung gehört es, nichts zu überstürzen und sich für (»gefährliche«) biografische Weichenstellungen in ihrem gemeinsamen Leben Zeit zu lassen.

Ergebnis ist eine konforme Individualisierung des Weges in die Elternschaft (default individualization, Mills 2007, S. 66). Zu den individualisierenden Schritten gehört unter anderem das frühe pragmatisch begründete Zusammenziehen der Partner_innen, die Entwicklung eines solidarischen Paarkonzeptes auf der Basis eines gemeinsamen Urlaubsabenteuers. Auch die Imaginierung des Kindes als (gefährliches) Lebensabenteuer trägt individualisierende Züge. Zur Individualisierung gehört auch, dass das Timing des Kindes Beate Drexler auf doppelte Weise hilft, beim Übergang in die Mutterschaft ihre Identität zu wahren. Das Timing gibt ihr die Gelegenheit, nach der Hochzeit noch einen Karriereschritt zu realisieren, der ihr für ihre Rückkehr in den Beruf nach der avisierten Babypause von Vorteil erscheint. Gleichzeitig erzielt sie mit der Fortsetzung der Verhütung nach der Hochzeit einen Distinktionsgewinn, der sich für sie aus dem Eindruck einer »Heirat aus Liebe« ergibt, mit dem sie sich von den Frauen absetzt, die »nur« wegen eines Kindes heiraten.

Das institutionalisierte Lebensprogramm begleitet die Drexlers schon, bevor sie sich überhaupt kennen lernen. Es begegnet ihnen auch in familienpolitischen Maßnahmen, so zum Beispiel in der Garantie von Beates unbefristetem Arbeitsplatz während der Elternzeit und in der Gestalt des Elterngeldes. Beide Maßnahmen ebnen dem Paar, wie Erich konzediert, den Weg in die Familiengründung.

Der Weg von Franka Fink zu insgesamt fünf Kindern ist zunächst ein Beispiel für die von Mills (2007) beschriebene fragile lndividualisierung und im weiteren biographischen Verlauf ein Beispiel für die von Mills beschriebene strategische Individualisierung. Franka Fink lebt in spätmodernen Beziehungswelten. Das in Westdeutschland verankerte Programm zur Familiengründung und -erweiterung ist für sie nur sporadisch handlungsleitend.

Franka Finks Weg zum ersten Kind

Die junge Ostdeutsche nimmt in Westdeutschland ihr Studium auf und verliebt sich dort in einen Kommilitonen. Wie bei fast allen (noch) ungeklärten sexuellen Beziehungen ist eine Schwangerschaft wie selbstverständlich nicht vorgesehen. Franka Fink ist gewohnt, die Verantwortung für die Verhütung zu übernehmen. Da sie die Pille nicht verträgt, hat sie sich eine Spirale einsetzen lassen. Sie ist damals überzeugt, mit ihr sicher zu verhüten. Das Paar kennt sich gerade einmal drei Monate und hat noch keinerlei gemeinsame Zukunftspläne, da wird sie schwanger. Sie gesteht, dass ihr empfohlen wurde, den Sitz der Spirale jedes halbe Jahr kontrollieren zu lassen: »das hab ich irgendwie nicht gemacht. Also ich hatte halt immer keine Knete und, ja, hab mir gedacht, ›komm, was willst du, ach komm, alles gut‹.« (Franka, Z. 33–35)

Diese umstandslose Selbstberuhigung scheint in jener Zeit eine ihrer habitualisierten Strategien, auch mit relativ hohen Risiken umzugehen, gegen die sie sich damals nicht gut absichert. Ihrer ersten Schwangerschaft geht also nicht wie bei Drexlers eine Abstimmungs- oder Planungsphase voraus. Der Zeitpunkt der Schwangerschaft ergibt sich vielmehr aus sexuellen Kontakten in einer unverbindlichen Beziehung quasi selbstläufig aus ihrem Versäumnis, den Sitz der Spirale regelmäßig kontrollieren zu lassen, sowie einem unglücklichen Zusammenwirken ihres Körpers mit der Spirale. Sie erinnert sich unmittelbar nach der Diagnose der Schwangerschaft ganz verzweifelt gewesen zu sein, doch dann entscheidet sie unter großem Zeitdruck, weil die Frist für einen legalen Abbruch schon wenige Tage nach der Diagnose abläuft, »gut, jetzt kriegst du halt ein Kind« (Franka, Z. 51). Diese Formulierung lässt sich als Akzeptanz einer aus ihrer Perspektive unvermeidlichen Entwicklung lesen. Ihrer Selbstberuhigung dient zu diesem Zeitpunkt die Vorstellung, dass dieses Kind beim Abschluss ihres Studiums schon in den Kindergarten gehen könne. Diese Vorstellung ist vielleicht noch von Erfahrungen studierender Mütter in der DDR geprägt (Starke 2007).

Die Tatsache, dass sie mit der Akzeptanz dieser Schwangerschaft als 23-jährige Studentin ein Kind ganz jenseits des westdeutschen institutionalisierten Lebenslaufprogrammes in die Welt setzt, wird ihr von ihrer Umgebung gespiegelt, zum Beispiel von der Frauenärztin, die die Diagnose der Schwangerschaft stellt, und von einem »Mensch im BaföG-Amt«, dessen Bemerkung »Ja, wenn Kinder Kinder kriegen« sie damals »anmaßend ohne Ende« (Franka, Z. 401–402) findet. Sie dokumentiert mit dieser Evaluation ihren damaligen Ärger über Normalitätszwänge und Bevormundung. Der Bedrohung ihrer Identität als verantwortungsvolle Mutter begegnet Franka hier mit der Kritik ihres Kritikers, einer Praxis der Identitätsbehauptung also (vgl. Schimank 2010, S. 157f.). Die nonkonforme Individualisierung ihres Lebenslaufs scheint ihr damals und, wie sich zeigen wird, auch weiterhin ein selbstverständliches Recht.

Sie und ihr Partner ziehen noch vor der Geburt gemeinsam in eine Wohngemeinschaft. An eine »große Liebe« wie Beate Drexler glaubt Franka Fink zu diesem Zeitpunkt nicht. Retrospektiv erzählt sie: »aus der Liebesbeziehung wurde dann relativ schnell so eine Beziehung, ähm so ›wir tun uns zusammen, weil wir einen gemeinsamen Schicksalsschlag erlebt haben‹.« (Franka, Z. 126–128)

Frankas Entscheidungen über das Eingehen, Aufrechterhalten und Auflösen ihrer Paarbeziehungen erweisen sich auch weiterhin als überaus pragmatisch, selbst dann, wenn sie von Liebe spricht. Dieser Pragmatismus folgt der Ethik von Bekanntschaften bzw. Freundschaften und verlangt keinem/r der Partner_innen lebenslange Solidarität ab. Ihr Pragmatismus in Liebes- und Lebensentscheidungen scheint anfänglich Teil ihres Habitus. Am Ende des Interviews entpuppt sich dieser Pragmatismus als ihr inzwischen bewusstes persönliches Programm zur Familienbildung, das sie weiterempfiehlt und dem institutionalisierten entgegensetzt (vgl. 4.3).

Franka Finks Weg zum zweiten Kind

Noch während ihres Studiums nähert sich Franka der Option eines zweiten Kindes. Sie erzählt:

»Da kam dann irgendwann mal so der Gedanke, als ich dachte, ›ja, ein Kind wollte ich auf keinen Fall‹. So. (I: Also Sie hatten ja gesagt keins oder ganz viele?) Genau, gar keins oder ganz viele. Und dann hab ich, da haben wir uns relativ zügig/ hab ich gesagt, ›also jetzt würde ich aber noch eins‹, weil dann sind wir durch mit der Nummer und alles ist gut. Also das zweite war dann wirklich kalkuliert«. (Franka, Z. 157–162)

Sie präsentiert sich hier als diejenige, die den Weg in die zweite Elternschaft wohl kalkuliert vorantreibt; das »Wir« wird im obigen Zitat nur in einem Einschub als Entscheidungsträger erwähnt. Franka verknüpft in ihrer Erzählung ihre damalige Initiative mit ihrer damaligen Vorstellung »dann sind wir durch mit der Nummer und alles ist gut«. Sie folgt hier entgegen ihrer in der Eingangserzählung präsentierten Vorstellung also der Norm der Zwei-Kind-Familie. Sie begründet ihre Affinität zu einem rasch folgenden zweiten Kind u.a. mit einer starken Aversion gegen »alte« Mütter. Dies kann als Opposition gegen die westdeutsche Reproduktionskultur gelesen werden, der sie in der folgenden Passage die alte ostdeutsche gegenüberstellt, die sie von ihrer Mutter repräsentiert sieht:

»Und was ich noch wollte, ich wollte a) keine großen Unterschiede [zwischen den Kindern] haben, also vom Alter, und b), äh, wollte ich keine alte Mutter sein. Das war für mich ein Graus zu sehen. Mütter, wie ich jetzt bin […] Das war für mich so … gruselig, ne, so. Meine Mutter war, als das erste Enkelkind geboren wurde, 45. […] und deswegen hab ich gedacht, ›komm, wir tun noch schnell ein zweites hinterher‹.« (Franka, Z. 180–195)

Die zuletzt zitierte re-inszenierte Aufforderung an ihren Partner, dokumentiert eine im Vergleich zu den Drexlers enorme Leichtigkeit, mit der sie diese Entscheidung damals getroffen haben muss. Auf die Frage der Interviewerin, wie sie sich als Paar über das zweite Kind abstimmten, erzählt sie eine Episode, in der ihr Partner sie noch im Wochenbett nach der Geburt des ersten herausfordert, sich zum Projekt eines zweiten zu bekennen. Er bringt ihr eine Zeitschrift mit dem Titel »Mut zum zweiten« ins Krankenhaus. Noch unter dem Eindruck einer schweren Geburt gesteht sie ein zweites zu.

Der Geburt des zweiten Kindes scheint, obwohl sie das Kind »kalkuliert« nennt, kein gemeinsamer Prozess des Abwägens von Kosten und Nutzen vorauszugehen. Seine äußeren Lebensumstände blendet das Paar – anders als die Drexlers – bei seiner Entscheidung zum zweiten Kind völlig aus. Vielmehr erzeugt jeder auf seine Weise einen Druck auf den anderen, »noch schnell ein zweites hinterher« zu bekommen. Das zweite Kind, »der ersehnte Sohn«, wird knapp zwei Jahre nach dem ersten Kind wie vorgesehen geboren. Franka erzählt aus dieser Zeit:

»für mich war klar, jetzt Studium muss zu Ende gehen, ne, und weil Kohle war halt ein Riesenproblem, ne. Wir haben beide Bafög bekommen, […] und Kindergeld, was ich ja damals auch noch für mich bekommen hab, ne, aber man hatte nie Kohle. Es war schon echt ätzend. Und auch Arbeiten war ja schwierig, weil man musste ja immer die Kinder mitnehmen. […] Das hat mich tierisch genervt, ja. Meinen damaligen Freund hat das nicht genervt. Der fand das nicht weiter dramatisch, der wollte so wahnsinnig gerne, XY [künstlerischer Beruf] werden. Und ich Spießer. Also ich wollte einfach gerne so spießig so vor mich hinleben. Wie normale Leute.« (Franka, Z. 230–244)

In dieser Situation, in der Franka Fink der bevorstehende Studienabschluss, das Geldverdienen und die Versorgung zweier kleiner Kinder über den Kopf zu wachsen drohen, sehnt Franka sich, wie sie erzählt, nach einem Leben »wie normale Leute« es nach ihrer Vorstellung haben. Den Verweis auf ihren damaligen Wunsch nach Normalität stellt sie, um ihn zu plausibilisieren, in den Kontext einer Beschreibung ihrer damaligen Arbeits- und Lebensbedingungen. Gleichzeitig präsentiert sie ihre damalige Sehnsucht mit ironischem Unterton, indem sie diesen Wunsch als »spießig« bezeichnet. So dokumentiert sie retrospektiv eine große Distanz zu ihrem damaligen Wunsch nach Normalität.

Franka Finks Weg zum dritten Kind

Das Paar heiratet noch während der zweiten Schwangerschaft. So stellt es damals ein gewisses Maß an westdeutscher Normalität her. Die Geldnot treibt Franka an, fehlende Schritte im institutionalisierten Lebensprogramm nachzuholen: Sie schließt ihr Studium in der regulären Studienzeit ab und findet auch gleich eine ausbildungsadäquate, allerdings befristete Stelle. Dennoch schreitet die Fragilisierung ihres Lebens voran. Es bahnt sich das Ende der Ehe und »dummerweise«, wie sie sagt, auch eine dritte Schwangerschaft an. Diese Schwangerschaft, die während der Einnahme hormoneller Kontrazeptiva entsteht, erklärt sie wie folgt:

»ich weiß es also ganz genau, weil ich ja meine Eltern besucht hatte in C-Stadt meine Mutter mit ihrem Mann. Und es war am 28. Zyklustag, als ich nach Hause kam, und da ist es tatsächlich passiert, da ist das dritte Kind gezeugt.« (Franka, Z. 330–333)

Sie konzediert, dass sie mit der Einnahme der Pille nach dem vorangegangenen Zyklus verspätet begonnen haben könnte. Die dritte Schwangerschaft entsteht also wie die erste ohne vorausgegangene Fertilitätsintention; sie resultiert wie die erste aus Sex unter sicher geglaubter Verhütung. Die nicht ganz regelmäßige Pilleneinnahme und vielleicht ungewöhnliche körperliche Abläufe führen zur dritten Schwangerschaft. Das Timing dieser Schwangerschaft erleben beide Partner als extrem unpassend. Franka beschreibt ihren emotionalen Zustand mit den Worten: »Ich habe echt gedacht, ich dreh durch.« (Franka, Z. 338). Für kurze Zeit fühlt sie sich nicht mehr handlungsfähig. Sie steckt in einer von Schütze beschriebenen »negativen Verlaufskurve« (Schütze 1983), die sie nur noch passiv erleiden, nicht mehr aktiv gestalten kann. Von ihrem Mann und ihrer Mutter wird Franka zum Schwangerschaftsabbruch gedrängt. Die Verweise von Ehemann und Mutter auf die hohen Kosten und die enormen zeitlichen Belastungen, die ein drittes Kind jetzt verursachen würde, können Franka nicht davon abhalten, auch diese dritte Schwangerschaft auszutragen. Von der Interviewerin darauf hingewiesen, dass sie es zuletzt ja bei zwei Kindern belassen wollte, sagt sie:

»da kam wieder mein Kämpferblick, also auch so mein Kämpferinstinkt, und ich dachte mir, ›du kannst deines Lebens nicht mehr glücklich sein, wenn du jetzt zwei Kindern das Leben schenkst und dem dritten nicht‹. […] Und ich war auch überzeugt, dass ich das irgendwie schaffe.« (Franka, Z. 424–430)

Die Entscheidung, auch die dritte Schwangerschaft auszutragen, lässt sich am ehesten als Behauptung ihrer immer wieder bedrohten Identität als gute Mutter interpretieren: Unter höchstem Einsatz, mit »Kämpferblick« und »Kämpferinstinkt«, gewährleistet sie, dass sie den hohen selbstgesetzten Ansprüchen an sich selbst als werdende Mutter entspricht, indem sie gerecht auch gegenüber ihren ungeborenen Kindern ist.

Das Paar trennt sich noch während der dritten Schwangerschaft. Wegen dieser Schwangerschaft wird ihr befristetes Beschäftigungsverhältnis nicht verlängert. Sie befindet sich nun am Ende einer Phase äußerst fragiler Individualisierung. Sozialleistungen auf niedrigstem Niveau sichern ihren »Überlebenskampf« (Franka Z. 507).

Franka Finks Weg zum vierten Kind

In der Phase des »Überlebenskampfes« kommt es, das dokumentieren Franka Finks Erzählungen sehr deutlich, zu einem Habituswandel (Kramer 2013, insbesondere S. 20ff.). Sie legt den Habitus der Geringschätzung von Risiken und der umstandslosen Selbstberuhigung ab. Dieser Habitus hat sich für sie bis dahin als derart unpassend erwiesen, dass sie sich von nun an gegen Risiken besser absichert. Franka Finks Offenheit für diverse Wege in die Elternschaft führt sie von nun an nicht weiter in eine fragile Individualisierung, sondern ermöglicht eine strategische Individualisierung. Eine ihrer Strategien, ihren institutionell wenig abgesicherten Lebensweg zu stabilisieren, sind von nun an strategisch ausgerichtete Partnerwechsel.

Auf einer Geburtstagsfeier lernt sie ca. ein Jahr nach der Trennung von ihrem Ehepartner einen Mann kennen, der gleich bei der ersten Begegnung erzählt, dass seine Beziehung gerade daran gescheitert ist, dass er trotz ärztlicher Bemühungen nicht zeugungsfähig ist. Mit dieser körperlichen Dysfunktion scheint er ihr als Partner besonders passend. Franka erinnert sich, wie folgt an ihre Überlegungen:

»›Ah‹, dachte ich, ›wunderbar, sehr schön, den Mann schickt dir der Himmel‹ (beide lachen). Und mir war ja klar, ich hab jetzt drei kleine Mini-Kinder, und ich muss jetzt was soll ich jetzt noch ewig suchen? Ich war eher der pragmatische Typ. […] Und dann waren wir auch relativ schnell handelseinig, sag ich mal so. Das war auch wirklich also eine große Liebe. Der war 15 Jahre älter als ich, und der stand für mich wie so ein Fels in der Brandung.« (Franka, Z. 524–530)

Auch wenn sie hier von einer großen Liebe spricht, macht ihre Erzählung deutlich, dass es für sie gleichzeitig sehr pragmatische Gründe gibt, sich mit diesem Mann zu liieren. Mit seiner Unfruchtbarkeit scheint er ihr Verhütungsproblem zu lösen. Zudem hat er einen sicheren finanziellen Background als Beamter. Mit dem Eingehen dieser Partnerschaft gelingt ihr ein strategischer Schritt, der ihr Leben zumindest auf Zeit wieder stabilisiert. Ein Schritt in Richtung einer konformen Individualisierung ist dies trotzdem nicht. Statt der im institutionalisierten Lebenslauf vorgesehenen Familie mit leiblichen Kindern entsteht nämlich eine Patchwork-Familie und so pragmatisch wie sie sich für diesen Partner entscheidet, konterkariert sie das von Beate Drexler so hoch gehaltene romantische Liebesideal.

Ihrem Habituswandel entsprechend, der ihr von nun an größere Vorsicht in Verhütungsfragen nahelegt, veranlasst sie eine neuerliche ärztliche Prüfung der »Zeugungsunfähigkeit« ihres neuen Partners. Ein gemeinsamer Arztbesuch bestätigt diese. Diese Information, die sie eigentlich zu ihrer Vergewisserung anstrebt, dass sie so schnell nicht mit einer vierten Schwangerschaft rechnen müsse, löst in ihr einen gänzlich entgegengesetzten emotionalen Impuls aus. Sie erzählt:

»Und wir kommen da raus vom Urologen, und ich dachte, ›oh, wie schade, von diesem Mann hättest du so wahnsinnig gern ein Kind, oooh‹< (etwas langsamer gesprochen und mit Bedauern intoniert). >Und drei Monate später war ich schwanger< (sehr schnell gesprochen). […] Und das war natürlich sehr spektakulär. Und im Gegensatz zu meiner dritten Schwangerschaft war das ein Fest.« (Franka, Z. 531–537)

Ihren Wunsch von diesem »zeugungsunfähigen« Mann ein Kind zu bekommen, erläutert Franka wie folgt:

»Das war der Tanz auf dem Eis, wie wenn man so mit dem Feuer spielt< (lustvoll intoniert). Das war sehr faszinierend, äh, zu wissen … ›ha, der kann eigentlich keine Kinder zeugen‹, ne, es war so wie das Unmögliche möglich machen. Also da wächst ja auch so eine gewisse weibliche Urkraft in einem.« (Franka, Z. 565–568)

Der in der ersten Ehe gefasste Zwei-Kind-Beschluss scheint in der neuen Paarkonstellation ohne Relevanz zu sein. Hinweise auf Überlegungen des Paares, die Wohlfahrt in der neuen Beziehung langfristig durch ein gemeinsames Kind zu steigern, finden sich im Interview nicht. Die Entscheidung folgt, so muss man vermuten, vielmehr ihrem spontanen Impuls, »das Unmögliche möglich zu machen«. Nachdem ihre hohe Empfängnisbereitschaft bisher eher zur Fragilisierung ihrer Lebenssituation beigetragen hat, ist in dieser Beziehung die Gelegenheit, ihr generatives Potenzial endlich einmal wie ein »Fest« zu genießen und noch einmal ganz »spektakulär« unter Beweis zu stellen. Das Timing der vierten Schwangerschaft folgt also dem Zeitpunkt der ärztlichen Konsultation, die die »Zeugungsunfähigkeit« ihres Partners bestätigt. Genau aus dieser Diagnose ergibt sich für sie die Chance, sich ihre Identität als Frau mit »weiblicher Urkraft« in einem Kontext zu bestätigen zu lassen, in dem ihre Fruchtbarkeit nicht Entsetzen, wie ihre dritte Schwangerschaft, sondern Begeisterung auslöst.

Noch in der Schwangerschaft zieht das Paar zusammen und heiratet. »Ich heirate ja immer«, erklärt sie lachend. Die Heirat nach einer eingetretenen Schwangerschaft ist tatsächlich ein sich in ihrem Leben dreimal wiederholendes Zugeständnis an das institutionalisierte Lebenslaufprogramm zur Familiengründung. Die Wiederholung widerspricht allerdings der Norm der stabilen Vater-Mutter-Kind-Familie. Drei Jahre nach der Heirat trennt sie sich wieder. Sie schwört sich damals, dass ihr »nun kein Mann mehr ins Haus kommt« (Franka, Z. 785).

Franka Finks Weg zum fünften Kind

Die Männerbeziehungen, die sie nun eingeht, sind »Outdoor-Beziehungen«.[5] Ihr erster Outdoor-Partner ist sterilisiert, wieder eine strategische Wahl. Dann lernt sie dessen Freund kennen. Dieser begegnet ihr mit freundlicher Aufmerksamkeit, ohne aber auf ihre sexuellen Avancen einzugehen. In ihr erwacht ein »Jagdtrieb« (Franka, Z. 836), ein emotionaler Handlungsantrieb also. Sie will wohl wieder »das Unmögliche möglich machen«. Schließlich gewinnt sie ihn tatsächlich als Liebhaber. Nun aber wird das Verhütungsproblem wieder virulent, das sie nach wie vor als das ihre ansieht. Sie re-inszeniert ihre in einer Arztpraxis damals vorgebrachte Verzweiflung über das Problem mit den Worten: »Ich werde ja wahnsinnig, es ist jetzt Ende, es ist Ende, Ende, Ende, Ende. Es kommt kein Kind mehr.« (Franka, Z. 701–702). Die Entscheidung, kein Kind mehr zu bekommen, die sie nach den ersten beiden Kindern schon traf, wiederholt sie mit aller Vehemenz nach der Geburt von vier Kindern also noch einmal. Eine Sterilisation erwägt sie allerdings auch mit vier Kindern nicht.

Die Outdoor-Beziehung mit dem neu gewonnenen Liebhaber gestaltet sich schwierig. Nachdem sie sich in einer Probezeit davon überzeugt hat, dass er ihr im Haushalt mit vier Kindern eine Hilfe ist, lässt sie ihn bei sich wohnen. Die Partner_innen verhüten mit Kondom und fragen sich wohl des Öfteren, ob es für sie auch andere Verhütungsmethoden gibt. Franka hat bisher die Verantwortung für den effektiven Einsatz des Kondoms übernommen und sieht das Risiko, dass sie in der entscheidenden Situation »nicht immer so alles richtig auf dem Schirm« (Franka, Z. 936) hat. Sie will ihrem Partner die Verantwortung übertragen. Eines dieser Gespräche nimmt eine überraschende Wendung. Franka erzählt:

»Und dann sagte er irgendwann, ›ja, müssen wir denn verhüten?‹, und ich, ›ja, aber ich bin megafruchtbar, also ich brauch´s bloß einmal einatmen, dann bin ich schwanger!‹. Und er, ›ja, wär das denn so schlimm?‹, so, ne. […] Ich wurde dann 38, es war tatsächlich noch mal so, wo ich dachte, >›oh, noch mal so ein Baby wär schön‹< (sehnsüchtig intoniert).« (Franka, Z. 937–347)

Ohne die Gespräche über eine Veränderung der eingesetzten Verhütungsmethode, so kann man vermuten, hätte das Paar vielleicht keinen Anlass zu einer Verständigung über ein (weiteres) Kind gefunden. Im Gespräch über die passende Verhütungsmethode aber legen sie eine bis dahin latente Bereitschaft zu einem (weiteren) Kind frei. Sie unterlassen nach diesem Gespräch jede Verhütung und die nächste Schwangerschaft lässt nicht lange auf sich warten. Das Timing des fünften Kindes ergibt sich also aus dem Zeitpunkt, zu dem das Paar sich Gedanken um eine Veränderung seiner Verhütungspraxis macht. Während der Schwangerschaft wird noch geheiratet. Für Franka ist es die dritte, für ihn die erste Ehe, für sie das fünfte, für ihn das erste Kind. In einer solchen Paarkonstellation mit derart unterschiedlichen biografischen Zeitordnungen gibt es kaum noch einen Ansatzpunkt dafür, sich am institutionalisierten Lebensprogramm für Paare zu orientieren.

4.3 Zusammenfassung

Dem Paar Drexler, das mit seiner Familiengründung dem institutionalisierten Weg folgt, wurden Franka Finks Wege in die Elternschaft in spätmodernen Beziehungswelten gegenüber gestellt. Ihre individualisierten Risiken, die der unzureichenden Verhütung, der Orientierung an dem Muster früher Elternschaft, die des Studierens mit kleinem Kind/kleinen Kindern und des Zusammenlebens mit einem Mann, der die Ernährerrolle nicht übernimmt, werden im westdeutschen Institutionengefüge kaum abgefangen. So gerät sie in eine Phase fragiler Individualisierung, in der sie kaum noch Halt findet, sehr flexibel sein und mit großen Diskrepanzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit leben muss. Eine Habitustransformation bietet Franka Fink im weiteren Lebenslauf Chancen strategischer Individualisierung durch strategische Partnerwechsel. Sie findet immer wieder Partner, die sich mit ihr vom modernen Lebenslaufregime lösen und ihren Vorstellungen von individueller Passung und Wohlergehen (auf Zeit) entsprechen. In den neuen Paarkonstellationen mit jeweils neuen Handlungsbedingungen und -optionen ist entgegen früher geäußerter Zukunftsvorstellungen auch für Kinder noch einmal Platz. Frankas Partner sind nämlich bis zur Beziehung mit ihr jeweils noch kinderlos. Zum Ende des Interviews rät Franka Fink Frauen mit Kinderwunsch, auf jeden Versuch zu verzichten, das Timing von Kindern zu beeinflussen, und sich stattdessen den jeweils richtigen Partner zu suchen:

»es gibt >unglaublich viele, wahnsinnig blitzgescheite Frauen< (langsamer, nachdrücklicher), Akademikerinnen, Kreative, sonst was, die immer auf den richtigen Moment warten. (I: Zum Kinderkriegen?) Ja. Und wo ich immer denke, >›der kommt sowieso nicht. Das ist immer falsch‹< (melodisch gesprochen, belustigt intoniert). Dann sagen sie, ›ja, aber jetzt hab ich auch noch nicht den richtigen Mann, und die Beziehung ist grade frisch und nanananana‹, wo ich denke, hmm, das ist so ähnlich wie mit der richtigen Wohnzimmerlampe zu finden. Das ist auch sauschwer. (I: Man muss sie irgendwann mal kaufen) Ja. Und so ist das auch mit dem Mann. Also ich glaub auch, für jede Lebenshälfte oder Lebenszeit gibt’s den richtigen Mann, und dann kommt halt wieder eine andere und dann kommt halt wieder was anderes.« (Franka, Z. 1158–1168)

Franka Fink entwirft hier ein alternatives, ihr persönlichen Programm zur Familienbildung in spätmodernen Beziehungswelten. Es sieht für Frauen mit Kinderwünschen eine generalisierte Bereitschaft zum Kind vor. Sie rät Frauen, sich Kinderwünsche zu erfüllen, ehe es zu spät ist und wenn nötig nach deren Geburt nach Beziehungen Ausschau zu halten, die dem Kind bzw. den Kindern zumindest für eine gewisse Zeit eine Versorgung sichern.

Während generell davon auszugehen ist, dass viele Paare in Beziehungen mit ungeklärter Verbindlichkeit zu einer effektiven Kontrolle ihres generativen Potenzials tendieren, womit auch der Rückgang der Geburtenrate in den letzten Jahrzehnten erklärt wird (Ehrhardt/Kohli 2011), zeigt Franka Fink, dass und wie Kinder auch in ein Leben in wechselnden Beziehungen passen. Vor allem veranschaulicht ihre Reproduktionsbiografie, dass in neuen Beziehungen auch neue Anreize entstehen können, alte Beschlüsse, keine Kinder mehr zu bekommen, aufzuheben.

5. Fazit

Nach der rekonstruktiven Auswertung von insgesamt 46 ausführlichen narrativ-biografischen Einzelinterviews und sechs Paarinterviews zeigten sich unterschiedliche Muster des Timings von Elternschaft in modernen und in spätmodernen Beziehungen. In modernen Beziehungen folgt das Timing zumeist dem von Mills beschriebenen Muster der konformen Individualisierung (Mills 2007). Dabei erweist sich die Orientierung am kulturell verankerten Programm für Intimität und Fürsorge in vielen Fällen wie bei den Drexlers als gemeinsam habitualisiert. Die Umsetzung des kulturell verankerten Programms schützt vor Entscheidungsfehlern, »denn wer das tut, was allgemein als rational gilt, kann nichts falsch gemacht haben – etwaige problematische Entscheidungsfolgen müssen dann mit widrigen Umständen zu tun haben« (Schimank 2009, S. 86). Die Umsetzung des institutionalisierten Lebens«programms wird oft durch eine hinreichend sichere Verhütung und zuletzt durch das gemeinsame Suchen nach dem »richtigen« Zeitpunkt gesichert. Die zeitlichen Spielräume, die dieses Programm bietet, werden genutzt, um den Weg in die Elternschaft eigenen Bedingungen und Bedürfnissen anzupassen.

Für Partner_innen in spätmodernen Beziehungswelten ist das institutionalisierte Lebensprogramm zur Familiengründung höchstens im Hinblick auf ausgewählte Aspekte handlungsleitend. Die Partner_innen zeichnen sich dadurch aus, dass sie dem Leben im Hier und Jetzt Vorrang vor einer langfristigen Bindung und Planung einräumen. Emotionale Impulse und Praktiken der Identitätsbehauptung gewinnen damit als Handlungsantriebe an Bedeutung. Paare in Beziehungen mit ungeklärter Verbindlichkeit versuchen zumeist, Schwangerschaften zu vermeiden. Über diese Strategie herrscht in spätmodernen Beziehungen allerdings, wie unser Material zeigt, keineswegs immer Konsens, zumal auch die Tragfähigkeit und Exklusivität der Beziehung von den Partnern zum Teil unterschiedlich erlebt wird oder etwa in den sogenannten On-Off-Beziehungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. So entstehen auch in spätmodernen Beziehungen (gelegentlich nur bei einem Partner/einer Partnerin und besonders in Phasen von Glück und großem Zusammengehörigkeitsgefühl) Wünsche nach Elternschaft. Ein zweiter Weg in die Elternschaft in spätmodernen Beziehungen ergibt sich aus unbeabsichtigten oder vergleichsweise spontan zugelassenen Schwangerschaften.[6] Bei Franka Fink ist beides zu rekonstruieren.

Die Bedeutung des Zusammenspiels von Menschen, Körpern und Dingen für das Entstehen von Schwangerschaften

Für das Zustandekommen von Schwangerschaften sind nicht nur die beteiligten Personen mit ihren Orientierungsrahmen, ihren Wert- und Normvorstellungen, ihren Eigeninteressen und Nutzenabwägungen, ihren affektiven Impulsen und Versuchen, ihre Identität zu behaupten von Bedeutung, sondern auch das Zusammenspiel ihrer Handlungsantriebe mit ihren Körpern und der sie umgebenden Dingwelt. So ist zum Beispiel das Zusammenspiel zwischen dem im Einzelfall variierenden weiblichen Zyklus und der Art und dem Einsatz von Verhütungsmitteln für das Timing von Kindern von ausschlaggebender Bedeutung. Dies zeigt sich in den Fallbeispielen etwa daran, dass Beate Drexler sich im Nachhinein dankbar zeigt, dass bei ihr die Verhütung immer wunschgemäß funktionierte, obwohl auch sie die Pille »nicht immer punktgenau« einnahm. Umgekehrt betont Franka Fink, die allmählich glaubt, dass sie »megafruchtbar« ist, das hohe Risiko. Bei ihr führe jeder Verhütungsfehler, womöglich auch der kleinste, zu einer Schwangerschaft.

Die Bedeutung impliziten Wissens und emotionaler Impulse in modernen und spätmodernen Beziehungen

Neben den jeweils expliziten Lebensentwürfen und Familienleitbildern gibt es in modernen wie spätmodernen Beziehungen immer auch implizite Orientierungsrahmen und unbewusste Haltungen, die fertilitätsrelevante Entscheidungen steuern.

In langfristig angelegten Paarbeziehungen korrespondieren die Orientierungsrahmen der Partner_innen wie bei den Drexlers oft miteinander. So rahmen sie gemeinsam ihren Weg in die Elternschaft als langfristiges Vorhaben, das vorgegebenen Etappen in der Paarbeziehung folgen sollte. Gleichzeitig stellt für sie das Elternwerden ein gefährliches Lebensabenteuer dar, dem sie sich sehr vorsichtig nähern wollen. Partner_innen in spätmodernen Beziehungen orientieren ihr Handeln nur sehr selektiv an festgelegten Etappen des institutionalisierten Lebensprogramms. Die Orientierung an diesen Normalitätsvorstellungen ist nicht habitualisiert oder internalisiert, sie wird an die Partner_innen herangetragen, etwa wenn Außenstehende ihren abweichenden Weg in die Elternschaft diskriminierend kommentieren. Als handlungsleitend erweist sich in Franka Finks Leben zunächst ihre Geringschätzung von Risiken und ihre Ablehnung von Bevormundung. Ihrer Selbstbeschreibung entsprechend vollzieht sie wichtige Weichenstellungen in ihrem Leben pragmatisch und lösungsorientiert. Ihren affektiven Handlungsantrieben lässt sie freien Lauf. Diese geben ihrer Reproduktionsbiografie in je spezifischen Paarkonstellationen immer wieder eine neue Wendung.

Auch in modernen Beziehungen lassen sich situativ entwickelte, aber kaum eingestandene Wünsche und Ängste in Bezug auf Partnerschaft und Elternschaft rekonstruieren, die in einen Gegensatz zu früher gefassten Beschlüssen geraten können. Die nonkonformen Impulse führen in modernen Beziehungen immer wieder zu phasenweisem Dissens und zumeist Bemühungen, wieder einen Konsens über ein gemeinsames konformes Leben herzustellen. Gestützt werden diese Bemühungen um Konsens von institutionellem und normativem Druck. Wenn die Orientierung am institutionalisierten Lebensprogramm noch habitualisiert ist, dann erzeugen spontane Impulse meist nur kurzfristige Irritationen. Für das Timing von Kindern bleibt das institutionalisierte Lebensprogramm in modernen Beziehungen oft noch handlungsleitend.

In spätmodernen Beziehungswelten kommt spontanen Impulsen, neuen Begehren sowie der Sicherung bedrohter Identität viel häufiger als in modernen Beziehungen eine handlungsleitende Funktion zu. Dies gilt umso mehr, wenn die Frauen und Männer, die in spätmodernen Beziehungswelten leben, sich wie Franka Fink von neuen Optionen geradezu magisch angezogen fühlen und von der Herausforderung fasziniert sind, immer wieder, »das Unmögliche möglich zu machen«. Eine solche Haltung erlaubt es, die Risiken eines nonkonformen Lebenslaufs anzunehmen und die Optionenvielfalt spätmoderner Beziehungswelten, spontanen Impulsen entsprechend, strategisch zu nutzen.

Es gibt in spätmodernen Beziehungen wenig selbstverständlich gemeinsam geteilte Werte und Normen. Lebensentscheidungen richten sich deshalb vermehrt an sehr persönlichen, evaluativen und normativen Selbstansprüchen sowie kognitiven Selbsteinschätzungen aus. Dies veranschaulicht zum Beispiel Franka Finks Entscheidung für das Austragen ihrer dritten Schwangerschaft, mit der sie ihre Identität als »gute Mutter« bewahren kann, die dem Maßstab vorgeburtlicher Gleichbehandlung ihrer Kinder gerecht wird, während ihre Mutter und ihr Partner mit dem Verweis auf Geld- und Zeitknappheit »bewährte« Kosten-Nutzenkalküle zugunsten eines Schwangerschaftsabbruchs ins Feld führen.

Die Bedeutung von Verhütung für das Timing von Kindern in modernen und spätmodernen Beziehungen

In modernen Beziehungen, die sich an einem gegebenen Programm zur Familiengründung orientieren, haben zuverlässige Verhütungspraktiken die Funktion, Schwangerschaften solange zu verhindern, bis ein Paar die gesellschaftlich erwarteten und oft auch individuell erwünschten Voraussetzungen für eine Familiengründung schaffen konnte. So kommt es häufig zu der von Rijken und Knijn (2009) beschriebenen Zweistufigkeit des Entscheidungsprozesses: Erst realisiert das Paar einen prinzipiellen Konsens über Kinder, später, wenn absehbar ist, dass die Voraussetzungen dafür geschaffen sind, stimmt es sich über das Timing ab.

Partner_innen in spätmodernen Beziehungen orientieren sich häufig nur insofern an dem institutionalisierten Programm zur Familiengründung als ihnen der unverbindliche Charakter ihrer Beziehung wenig geeignet erscheint, gemeinsam Eltern zu werden. Allerdings wird diese Haltung und die damit verknüpfte Verhütungsfrage nicht immer hinreichend geklärt. Männer gehen häufig davon aus, dass sich Frauen in spätmodernen Beziehungswelten hinreichend vor einer Schwangerschaft schützen. Die meisten Frauen wissen dies, thematisieren aber ihre Verhütungsprobleme oft nicht, etwa die Unverträglichkeit von Medikamenten, anfallende Kosten der regelmäßigen medizinischen Kontrolle oder Risiken einer unsicheren Verhütungsmethode. Dies konnte hier am Beispiel der ersten und dritten Schwangerschaft von Franka Fink veranschaulicht werden.

Risiken nonkonformer Individualisierung

Sind Familienleitbilder, wie das von Franka Fink, frei von modernen Vorstellungen solider Finanzierung und dauerhaft gemeinsamer Elternschaft, so können Schwangerschaften auch in spätmodernen Beziehungen zugelassen werden und ihr Zeitpunkt im Lebenslauf scheint weniger optimierungsbedürftig als in modernen Beziehungen. Dass die Kontrolle des eigenen generativen Potenzials für das eigene Leben doch von großer Bedeutung ist, wird Franka Fink und ihrem Partner zum Beispiel erst bei der dritten Schwangerschaft bewusst.

Die nichtkonforme Individualisierung kann sehr schnell in eine prekäre Lebenssituation führen, weil die Risiken dieser Biografien institutionell nicht gut abgesichert sind. Franka Finks Reproduktionsbiografie zeigt dies bis zur Geburt des dritten Kindes sehr eindrücklich: Die unzureichende Verhütung in einer gar nicht auf Dauer angelegten Beziehung, die Heirat eines Mannes, der noch keinen Berufsabschluss und kein geregeltes Einkommen hat, das Studieren mit mehreren kleinen Kindern, aber auch das Schwangerwerden während einer befristeten Beschäftigung, erzeugen Risiken, die bei einer Orientierung am institutionalisierten Lebensprogramm vermieden worden wären.

Chancen nonkonformer Individualisierung

Praktiken fertilitätsrelevanten Handelns folgen in spätmodernen Beziehungen nicht der Logik einer schon fixierten gemeinsamen Zukunft. In spätmodernen Beziehungen bieten sich häufiger unerwartete Optionen. Diese Gelegenheiten können sehr viel flexibler als in modernen Beziehungen zu einer strategischen Individualisierung genutzt werden. Es ergeben sich weniger vorbereitete Wege in die Elternschaft. So sind Franka Finks Entscheidungen für einen Partner oder ein Kind wesentlich stärker situationsabhängig und spontaner als bei Drexlers. Höchstens das zweite Kind entsteht an einem langfristigen Lebensentwurf orientiert, dem der jungen Zwei-Kind-Familie. Franka Finks vierter und fünfter Weg in die Elternschaft lässt sich gut mit dem von Rosa (2013) geprägten Bild des erfolgreichen Wellenreitens oder Surfens fassen. Der spätmoderne Mensch hat sich seiner Auffassung nach harmonisch in das unvorhersehbare Spiel der Wellen einzupassen (ebd., S. 118) und, dies sei hinzugefügt, er hat die Möglichkeit, seinem Leben immer wieder eine neue Wende zu geben.

Die vorgestellten Bespiele sind selbstverständlich nicht als Beweis für die unterschiedlichen Praktiken des Timings in modernen und spätmodernen Beziehungen zu verstehen. Mit ihnen kann nur veranschaulicht werden, wo wesentliche Unterschiede liegen können. Dies scheint wichtig, weil die bisher in der demografischen Forschung eingesetzten Erklärungsmodelle meines Erachtens allzu selbstverständlich den Planungshorizont moderner Paare und deren Orientierung am institutionell verankerten Lebensprogramm zur Familiengründung und entsprechende Kosten-Nutzen-Kalküle unterstellen.

In spätmodernen Beziehungswelten gibt es keinen »richtigen« Zeitpunkt für ein Kind. Das Fürsorgenetz für ein Kind wird oft erst nach dem Eintritt einer Schwangerschaft oder nach der Trennung eines Paares (auf Zeit neu) hergestellt. Auf diese Fürsorgegemeinschaften sind familien- und sozialpolitische Maßnahmen oft noch gar nicht abgestimmt. Auch begegnen medizinische und soziale Dienste sowie Bildungseinrichtungen, die für die Kinder von hoher Bedeutung sind, den für sie ungewöhnlichen Fürsorgekonstellationen noch lange nicht vorurteilsfrei.

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Endnoten:

[1]

Das Projekt wurde von der DFG vom März 2014 bis März 2016 gefördert. Birgit Heimerl und Diane Nimmo waren Mitarbeiterinnen im Projekt und haben wichtige Anregungen für die Fallauswertung gegeben.

[2]

Insgesamt wurden Interviews mit sechs Einzelpersonen geführt, sowie mit 36 Personen aus 18 Paarbeziehungen. Da einige Personen mehrfach befragt wurden liegen neben den sechs Paarinterviews 46 Einzelinterviews vor.

[3]

Alle in diesem Beitrag genannten Namen von Interviewpartner_innen wurden verändert. Zusätzlich wurden ihre Arbeitsorte, Wohnorte, Berufe und einige sehr spezifische Ereignisse in ihrem Leben unkenntlich gemacht, um ihre Anonymität und die ihrer Partner zu wahren.

[4]

Die ausgewählten Passagen wurden teilweise gekürzt. Auslassungen wurden mit […] gekennzeichnet.

[5]

Franka Fink greift hier auf einen Begriff zurück, der Beziehungen umfasst, die Treffen des Paares in ihrer eigenen Wohnung ausschließen.

[6]

Unbeabsichtigte Schwangerschaften gibt es natürlich auch in Beziehungen, die zwar den Anspruch auf Langlebigkeit entwickelt haben, aber doch ohne Kinder leben wollen, in denen über den richtigen Zeitpunkt noch verhandelt wird oder dieser noch nicht als gekommen gilt.

Über die Autorin

Waltraud Cornelißen

Dr. habil. Waltraud Cornelißen, Soziologin, ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Jugendinstituts, Leiterin des DFG-Projektes »Wege in die (leibliche) Elternschaft«, Arbeitsschwerpunkte: Familienforschung, Genderforschung

Friedenstr. 35 85591 Vaterstetten

E-Mail: w.cornelissen@online.de