Editorial

Editorial

Peter Mattes & Ophelia Solti

Aufgrund der sich zuspitzenden aktuellen Krisen- und Kriegslage der Welt, hat sich die Neue Gesellschaft für Psychologie mit dem Kongress »Krieg um die Köpfe« (FU Berlin im März 2015) kritisch damit auseinandergesetzt, inwiefern sich bellizistische Diskurse in gesellschaftliche Prozesse – teilweise kaum merklich – einschreiben und eine Kriegsakzeptanz hervorrufen, die noch vor einigen Jahrzehnten undenkbar war. Es ging auch darum, ob und in welcher Weise sich unsere sozialwissenschaftlichen Disziplinen Tendenzen unterwerfen, die humanistischen und aufgeklärten Ethiken zuwiderlaufen.

So hieß es im Aufruf zum Kongress:

»[Es geht um die] Auseinandersetzung mit den Phänomenen Macht, Gewalt und Krieg und vieles mehr. Psychologie und Psychotherapie, Psychologen und Psychotherapeuten sind in diese Entwicklung einbezogen und die Frage inwieweit sie ihrem Selbstverständnis nach als relativ autonome Subjekte Kontur gewinnen oder lediglich als Sub-jekte, Unterworfene, den Tendenzen der Macht folgen, ist dringlich.«

Diese Frage aufnehmend finden wir mit dem Blick auf die Anfänge der institutionalisierten Sozialwissenschaften und der Psychologie eine Antwort: Mit der prägnanten Markierung ›The Servants of Power‹ untertitelte der US-amerikanische Kulturwissenschaftler Loren Baritz 1960 eine Studie, in der er herausarbeitete, wie maßgeblich die Entwicklung der Sozialwissenschaften seit ihren Anfängen durch Wirtschaft und Militär beeinflusst wurde. Weniger sein weitläufiger Inhalt – er fokussiert auf Industrieabhängigkeit – als dieser Buchtitel ›Diener der Macht‹ selbst gab ein handliches Stichwort ab, das – zusammen mit einigen anderen Untersuchungen – die erste Generation der politisch motivierten PsychologiekritikerInnen begründete. Wenn man in die historisierende Psychologiekritik schaut erkennt man, dass ihr Argumentationsrepertoire oft plakativ bis agitatorisch war und ist, sich allerdings überwiegend mit bekannten basalen Zusammenhängen auseinandersetzte: dass man im 1. Weltkrieg bei der Rekrutierung von Soldaten für die US-Army erste standardisierte Testverfahren benutzt hatte, welche die quantitative Intelligenz- und Leistungspsychodiagnostik initiierten, dass das Militärforschungsprogramm The American Soldier während und nach dem 2. Weltkrieg Einstellungsforschung und Gruppenpsychologie auf den Weg gebracht und dass die Wehrmachtspsychologie im Dritten Reich inhaltlich wie institutionell die universitäre Psychologie in Deutschland bis in die Nachkriegsjahre stimuliert hatte.

Aus heutiger Sicht lohnt es sich jedoch weiterhin, die diskursive, institutionelle und inhaltliche Verwobenheit der Wissenschaft Psychologie, der Psychiatrie, bzw. Psychotherapie mit militärischen Instanzen bis in die Gegenwart genauer zu untersuchen. Angeregt durch das Symposium »Trommeln für den Krieg« 2014 und den o.g. Kongress »Krieg um die Köpfe« 2015, welche die Neue Gesellschaft für Psychologie ausgerichtet hatte wollen wir mit dieser Ausgabe des Journals für Psychologie eine Reihe solch detaillierten Untersuchungen und Reflexionen vorstellen:

Die Ausgabe startet mit einem Komplex von 5 Beiträgen, die aufgrund der Initiative von Helmut E. Lück entstanden sind, die den Blick auf die Haltung bekannter deutschsprachiger Gründerfiguren der Wissenschaft Psychologie zum ersten großen Krieg im vergangenen Jahrhundert richten.

Im Beitrag von Susanne Guski-Leinwand wird es um den Arzt, Sexualforscher und Begründer der ersten Homosexuellenbewegung Magnus Hirschfeld, dem Mediziner und Psychologen Paul Plaut, sowie die Universitätsprofessoren Max Dessoir und Felix Krueger, dem Begründer der Leipziger Ganzheitspsychologie gehen. Armin Stock berichtet zu Oswald Külpe, dem Begründer der ›Würzburger Schule‹ der Denkpsychologie, Almuth Bruder-Bezzel behandelt in ihrem Beitrag den österreichischen Arzt und Psychotherapeuten Alfred Adler, den Begründer der individualpsychologischen Schule. Im Beitrag von Helmut E. Lück und Miriam Rothe geht es um den Kreis um die Begründer einer Allgemeinen, Differentiellen und Angewandten Psychologie William Stern und Otto Lipmann, und Andrea Gräfin von Hohenthal stellt anhand von noch unbekanntem Archivmaterial fest, dass im Spannungsfeld des ersten Weltkrieges psychologische Gesellschaften in Großbritannien und im Deutschen Reich ausgesprochen kollegial, bis sogar freundschaftlich zusammengearbeitet haben.

Bei genauerem Hinsehen auf das Wirken dieser in der Wissenschaftsgeschichtsschreibung oft idealisierten Größen kann festgestellt werden, dass bei allen Schattierungen im Detail diese nichts Anderes waren als Mit-Bewegte einer sehr allgemeinen Kriegsunterstützung bis zur Emphase, sich allerdings später – angesichts des unübersehbaren Kriegselends – auch diesem wiederum nicht verschlossen. In ihre wissenschaftliche Arbeit ging das unterschiedlich ein, von ephemer bis subtextuell prägend. Waren sie Unterworfene im Sinne Foucaults oder Diskurspräger, das hieße hier: aktivistische Diener der Macht?

Diese Fragen stellen sich in gleicher Weise bei den folgenden Berichten aus der Zeit des 2. Weltkriegs und der jüngsten Vergangenheit: Im Beitrag von Knuth Müller wird die Rolle von Franz Alexander (einer der Begründer der Psychosomatik) im zweiten Weltkrieg analysiert und dargestellt, wie – entgegen verbindlicher Leitlinien, bzw. Standards professionellen Handelns – Psychoanalysen zu geheimdienstlichen Akten werden konnten. Dan Aalbers und Thomas Teo beschreiben in The American Psychological Association and the torture complex: A phenomenology of the banality and workings of bureaucracy wie sich Geschichte strukturell wiederholen konnte oder könnte: Dabei geht es um den Skandal in der APA, deren Vorstand sich in der Bush-Ära durch Kollaboration mit dem Geheimdienst und dem Pentagon in den Kriegsdienst gestellt hat.

Eine andere Sichtweise ergibt der Artikel von Herbert Czef: Er untersucht ein Phänomen, welches aktuell brisante Fragen aufwirft und wissenschaftlich untersucht werden müsste – wenn es geht, denn wie kann man den Wandel mancher junger Deutscher zum Dschihad psychologisch verstehen? Erzwingen konkrete Umstände gar den polizeilichen Blick?

Klaus-Jürgen Bruder, derzeitiger Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie, hat den abschließenden Artikel dieses Themenheftes beigesteuert. In seinem Beitrag Psychologische Kriegsvorbereitung greift er die brisante Aktualität von kriegstreiberischen Prozessen in unserer modernen Gesellschaft auf und versucht, unter Anlehnung an Peter Brückner und Jaques Lacan ihr analytisch auf den Grund zu gehen.

Bei aller Differenzierung zeigt sich in den Beiträgen bei den FachwissenschaftlerInnen eine grundsätzliche Übereinstimmung mit den kriegsaffinen Leitdiskursen – dem jeweils herrschenden Zeitgeist. Die der Ethik einer Humanwissenschaft doch wohl eher entsprechenden skeptischen oder ablehnenden Stimmen sind leise – und sie haben es schwer sich im Dagegen zu artikulieren. Es wäre eine fatale Idealisierung, zu glauben unsere Profession habe sich einer zeit- und kontextentbundenen humanistischen und sozial versöhnlichen Ethik verschrieben. Wir als Herausgebende hoffen, durch die Auswahl der Beiträge Einblicke gewähren zu können, inwiefern die Haltung von WissenschaftlerInnen differieren kann, sie aber grundsätzlich jeweiligen mächtigen Prozessen unterworfen sein können, denen sie immer wieder und ebenso gegenwärtig unterliegen. Was also kann und muss hier Bestand haben und als verbindliche Orientierung gelten? Reichen ethische Richtlinien? Um welche verbindliche Variablen können sich Überlegungen ranken? Und was kann es für die angesprochenen Professionen bedeuten, sich kritisch mit ihrem Wirken sowie dessen Umständen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinanderzusetzen?

Über die AutorInnen

Peter Mattes

Peter Mattes lebt als Freier Wissenschaftler in Berlin und Wien. Lehr- und Forschungstätigkeit bis 2004 an der Freien Universität Berlin sowie Lehraufträge an der Universität Wien. Mitbegründer und dann im Gründungsvorstand der Neuen Gesellschaft für Psychologie, Mitherausgeber des Journal für Psychologie seit dessen Gründung im Jahre 1992. Herausgeber vieler Einzelausgaben.

Neueste Veröffentlichung: (2017) Zur Geschichte der Psychologiekritik in den kritischen Psychologien. In: Heseler, Denise et al.: Perspektiven kritischer Psychologie und qualitativer Forschung, Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 13–31.

E-Mail: hans.peter.mattes@univie.ac.at

Ophelia Solti

Ophelia Solti lebt in Berlin und arbeitet als Psychoanalytikerin und Psychologische Psychotherapeutin. Sie ist seit 2012 Mitglied der Neuen Gesellschaft für Psychologie und im (erweiterten) Vorstand der NGfP. Seit 2014 vertritt sie den Vorstand der NGfP bei den Herausgebersitzungen des Journals für Psychologie. Mit dieser Ausgabe tritt sie das erste Mal als Herausgeberin des Journals für Psychologie auf.

E-Mail: Psychoanalyse_Psychotherapie_O.Solti@gmx.de