Faszination Dschihad

Faszination Dschihad

Was junge Deutsche beim IS suchen und finden

Herbert Csef

Zusammenfassung

Fast 800 junge deutsche Staatsbürger sind in den vergangenen Jahren als aktive Kämpfer_innen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) beigetreten. Sie kämpfen und morden unter der Fahne des IS im Vorderen Orient, überwiegend in den Staaten Syrien und Irak. Die Zahl derer, die in Deutschland mit radikalen Islamisten sympathisieren, ist wesentlich größer. Was suchen und finden die jungen deutschen Staatsbürger bei dieser brutalen Mörderorganisation? Im folgenden Beitrag wird eine Typologie der deutschen Dschihadist_innen anhand von soziobiographischen Analysen vorgestellt. Aus psychologischer Sicht wird in einem weiteren Schritt das komplexe Motivationsbündel untersucht. Die besondere Rolle deutscher Frauen, die als »Dschihad-Bräute« oder Kämpferinnen in IS-Frauenbrigaden in den Vorderen Orient ziehen, wird zusätzlich beleuchtet. Über das konkrete Vorgehen der Rekrutierung und Radikalisierung liegt eine umfangreiche Literatur vor. Diese wird durch Erfahrungen von Rückkehrern ergänzt, die nach ihrer Kampfzeit für den IS wieder lieber in Deutschland leben wollten.

Schüsselwörter: Terror, Islamischer Staat (IS), Motivation, Radikalisierung, Rekrutierung

Summary

The fascination of the jihad

What young Germans search and find in IS

Almost 800 young German citizens joined the terrorist organization »Islamic State« (IS) during the past few years. They fight and murder in the name of IS in the states of the Middle East, predominantly in Syria and Irak. The number of individuals in Germany, who sympathize with radical Islamists, is much higher. What do young German citizens search and find in a brutal organization of murderers? The following article will illustrate the typology of German jihadists by reference to socio-biographic analyses. In a next step, the cluster of motives will be lined out from a psychological perspective. The special role of women fighting as »brides of jihadists« or fighters in female platoons in the Middle East will be examined additionally. There is a vast literature on the specific approach of recruitment and radicalization. Experiences of returnees who prefer to live in Germany after fighting for IS are sources of further information.

Keywords: Terrorism, islamic state (IS), motivation, radicalization, recruitment

Faszination des Terrors – Sensation Seeking, Flucht oder politischer Fanatismus?

Wenn 800 deutsche Männer, Frauen und Jugendliche freiwillig in den Vorderen Orient ziehen, um aktiv in der Terrororganisation Islamischer Staat mitzukämpfen, ist dies eine große Herausforderung. Dabei interessieren natürlich die Motivation dieser Menschen und eine Typologie der deutschen Dschihadist_innen, soweit es sie gibt. Weiterhin ist eine immense sicherheitspolitische Herausforderung darin zu sehen, dass ein Teil der radikalisierten und nun militärisch gut ausgebildeten deutschen IS-Kämpfer_innen nach Deutschland zurückkehrt und hier möglicherweise Terroranschläge verüben kann (Steinberg 2014; Said 2015). Zum einen gibt es persönliche Motive, die einen derartigen Schritt begünstigen können, z. B. ausgeprägte Abenteuerlust, Sensationsgier, Faszination für arabische Länder oder für den Islam als Religion. Häufig sind es gescheiterte und frustrierte junge Menschen, die arbeitslos sind und in prekären Verhältnissen leben. Der Weg in den IS kann dann wie eine Art Flucht anmuten. Die meisten deutschen IS-Kämpfer_innen machen bereits in ihrem Heimatland einen inneren Prozess der Rekrutierung und Radikalisierung durch. Hier zeigt sich die intersubjektive und soziologische Dimension, z. B. in Gruppenprozessen und massenpsychologischen Phänomenen. Bei der Rekrutierung spielt mittlerweile das Internet eine überragende Rolle (Hanne 2015). Die Terrororganisation IS ist extrem gut vertraut mit modernen digitalen Medien.

Epidemiologie des Terrors – Grenzüberschreitungen in Zahlen

In neueren Veröffentlichungen von Bundesbehörden (z. B. BKA, BfV, BND, Innenministerium) wird von etwa 800 deutschen IS-Kämpfern ausgegangen. Aus Westeuropa sind etwa 3000 Männer nach Syrien oder in den Irak ausgereist, um mit dem IS zu kämpfen (zit. nach Hemicker 2015). Der Terrorexperte Georg Mascolo (2015) fasste diese Daten zusammen. Er berichtete von 740 deutschen Dschihad-Ausreisenden und analysierte davon 670 Personen detaillierter. Die Hauptgruppe der männlichen Dschihadisten deutscher Herkunft ist zwischen 20 und 30 Jahre alt. Der Frauenanteil soll etwa 20 % betragen (Mascolo 2015). Nach Becker (2016) sollen sich mehr als 150 deutsche Frauen aktiv als IS-Kämpferinnen beteiligen. Ein geringer Anteil der deutschen Dschihad-Kämpfer_innen sind Minderjährige. Im Jahr 2014 teilte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, mit, dass sich 24 Minderjährige dem IS in Syrien und im Irak angeschlossen haben. Der Jüngste sei erst 13 Jahre alt gewesen (Maaßen 2014).

Die Kerngruppe der radikalen Islamist_innen, die nach Syrien oder in den Irak zum IS ausgereist sind, macht einen Anteil von weniger als 10 % der Gesamtzahl der Salafist_innen aus. Die deutsche Salafisten-Szene ist sehr heterogen. Sie enthält nicht-gewalttätige und sehr gewaltbereite Mitglieder (Kraetzer 2015; Dantschke et al 2011). Nach den Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz ist die Anhängerzahl der salafistischen Bewegung in den letzten fünf Jahren stark gestiegen. Im Jahr 2011 lag die bundesweite Zahl der Salafisten noch bei etwa 3800, im Juni 2015 bereits bei 7500 und im September 2016 bei etwa 9200 (Bundesamt für Verfassungsschutz 2016). In der neueren Entwicklung ist der IS in Syrien und im Irak durch die Anti-IS-Allianz stark zurückgedrängt worden. Der IS hat deshalb seine Rekrutierungs- und Terrorstrategie deutlich geändert. Er hat terrorbereite Dschihadist_innen vermehrt aufgerufen, nicht in die IS-Gebiete auszureisen, sondern in den europäischen Heimatländern Terroranschläge zu verüben. Dies zeigte sich schon sehr drastisch bei den großen Terroranschlägen von Paris und Brüssel und jüngst bei der islamistischen Terror-Anschlagsserie in Deutschland (Hannover, Essen, Würzburg, Ansbach, Berlin). Nach den Veröffentlichungen von Bundeskriminalamt und Bundesamt für Verfassungsschutz (2016) sind die Zahlen der ausreisenden Dschihadist_innen rückläufig, während die Zahl der Salafist_innen weiterhin deutlich ansteigt.

Stufen der Rekrutierung und Radikalisierung

Rekrutierung und Radikalisierung sind zentrale Begriffe der Terrorismusforschung (Neumann 2015; Steinberg 2014, 2015). Sie beschreiben den Prozess des Anwerbens für eine Terrororganisation (Rekrutierung) und die zunehmende Gewalt- und Tötungsbereitschaft (Radikalisierung). Beide Prozesse haben sowohl intrapsychische Motivationen (subjektive Handlungsbegründung) als auch interpersonale und kollektive Faktoren. Die letzteren bestehen aus Gruppenprozessen, Ideologie, »Gegenkultur« (Protest, Rebellion) und sozialen Medien (Internet).

Der Prozess der Rekrutierung und Radikalisierung vollzieht sich meist über einen längeren Zeitraum und in mehreren Stufen. Dabei spielt das Internet eine zentrale Rolle: »Die professionellen und gezielt kulturell gestalteten Botschaften des IS finden über das Internet und soziale Medien insbesondere unter Jugendlichen große Verbreitung.« (Herding et al 2015, S. 1). Der erste Einstieg mit »Offline-Kommunikation« geschieht sehr unterschiedlich, je nachdem, über welchen Weg die Rekrutierung stattfindet. Dies wird bei der Rekrutierung von Mithäftlingen im Gefängnis ganz anders erfolgen als bei deutschen muslimischen Staatsbürgern mit Migrationshintergrund. Wenn bereits eine muslimische Glaubensrichtung vorliegt, geschieht der Weg der Rekrutierung nicht selten über Moschee-Gemeinden, Imame oder Prediger. Eine wichtige Rolle bei der Rekrutierung spielen »Peers«, also Kontakte zu Gleichaltrigen in der Schule, bei Arbeitskollegen oder Freizeitaktivitäten. In selteneren Fällen geschieht die Rekrutierung zufällig über eine Person, die Vorbildfunktion hat und sich bereits einer islamistischen Gruppe angeschlossen hat (z. B. ein Sporttrainer). Bereits diese Aufzählung zeigt, dass die Wege des ersten Einstiegs und der Rekrutierung sehr heterogen sind. Nach dem ersten Einstieg vollzieht sich nach Analysen der Expertin Douna Bouzar (2016) die Rekrutierung und Radikalisierung meist in vier Etappen:

  • Isolierung von der Familie und dem sozialen Umfeld

  • Auslöschung der Individualität

  • Verbundenheit mit der radikalen Ideologie

  • Entmenschlichung

In der ersten Phase gehen die Rekrutierer sehr gezielt und geschickt auf die individuellen Sehnsüchte der jungen Menschen ein. Für die einen ist es die gemeinsame Eroberung der Welt, das Engagement für eine gute Sache, humanitäres Interesse, die Flucht aus der westlichen Konsumwelt oder utopische Paradiesvorstellungen nach einem möglichen Selbstmordattentat oder Märtyrertod. In der zweiten Etappe werden die Gemeinsamkeiten der »islamischen Familie« betont und gleichzeitig die Abkehr von alten Gewohnheiten gefordert. Die Zugehörigkeit zum Islamischen Staat wird glorifiziert als Teilhabe am wahren Islam, als geistige Erneuerung und als die Verheißung einer neuen Identität (Dahmer 2015; Mekhennet et al 2015). Es wird suggeriert, dass man bald wertvolles Mitglied der erhabenen und erlauchten islamischen Welt des neuen Kalifats sei. In der dritten Etappe wird das Gefühl der Zugehörigkeit zum IS noch stärker betont und immer mehr hervorgehoben, dass man nun im Besitz der alleinigen Wahrheit sei, dass man auserwählt sei und anderen Ungläubigen überlegen (Reuter 2015). In der vierten Etappe wird die Abgrenzung der Andersgläubigen, Ungläubigen oder nicht Zugehörigen massiv radikalisiert. Es existieren dann nur noch Beziehungen innerhalb der islamistischen Gruppe. Überlegenheit und Auserwähltheit werden immer wieder betont. Zunehmend wird verbreitet, dass es ein Recht und sogar eine Pflicht sei, Andersdenkende oder »Ungläubige« zu töten (Todenhöfer 2015; Steinberg 2015). Gewalt wird banalisiert und das gemeinsame Anschauen von Enthauptungsvideos wird zur alltäglichen Unterhaltung. Die finale Radikalisierung erfolgt schließlich mit der Ausreise in den Irak oder nach Syrien in das Herrschaftsgebiet des IS. Dort wird in Ausbildungscamps das Handwerk des Tötens gelernt. Im Gruppenerlebnis mit anderen tötungswilligen Männern nehmen Verrohung und Grausamkeit zu und die vorherige Tötungshemmung schwindet (Ramsauer 2015; Neumann 2015).

Typologie der deutschen Dschihadisten – soziobiographische Analysen

Im Herbst 2014 wurden in den Medien die Daten von 378 deutschen Dschihadist_innen veröffentlicht, die in den Irak oder nach Syrien ausgereist waren (Ehrich 2014). Die meisten von ihnen hatten einen Migrationshintergrund oder waren als Muslime geboren. Etwa 20 % waren deutschstämmige Konvertiten. Nur 12 % der Dschihad-Reisenden hatten vor Beginn der Radikalisierung einen Arbeitsplatz. Der Anteil der Arbeitslosen, Schüler und Studienabbrecher ist also sehr groß. Mehr als 60 % waren schon vor dem Beitritt zu den Dschihadist_innen straffällig geworden, meistens wegen Gewalt-, Diebstahl- oder Drogendelikten (Ehrich 2014).

Der Terrorexperte Georg Mascolo (2015) analysierte aus einer Gesamtpopulation von 740 ausgereisten Personen die Daten von 670 deutschen Dschihadist_innen. Vereinfacht lassen sich dabei drei Hauptgruppen differenzieren:

  • gut ausgebildete junge Männer und Frauen, die Abitur oder Fachhochschulreife hatten und bereits studierten. 82 Dschihadist_innen hatten Abitur oder Fachhochschulreife, 80 waren Studenten.

  • Arbeitslose und Schüler (etwa 160 Arbeitslose und 63 Schüler)

  • Kriminelle und vorbestrafte Menschen (fast 50 % der deutschen Dschihadist_innen waren wegen Gewalt-, Eigentums- oder Drogendelikten vorbestraft).

Von den insgesamt 670 ausgereisten deutschen Dschihadisten waren mittlerweile 234 nach Deutschland zurückgekehrt. 23 von ihnen waren zum Zeitpunkt der Untersuchung in Gefängnissen inhaftiert (Mascolo 2015).

Die oben genannten Daten von Ehrich (2014) und Mascolo (2015) stammen aus zwei verschiedenen Stichproben und unterscheiden sich deshalb bei einzelnen Angaben (z. B. 60 versus 50 % Anteil mit krimineller Vorerfahrung). Insgesamt darf jedoch davon ausgegangen werden, dass etwa die Hälfte aller ausgereisten Dschihadist_innen kriminelle Vorerfahrungen hatten. Der Bundesinnenminister Lothar de Maizière und der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Hans-Georg Maaßen verwendeten in den Medien wiederholt die »4M-Regel«: Die vier M’s stehen für »Männlich, Muslimisch, Migrationshintergrund und Misserfolg«. Mit diesen vier Merkmalen sind etwa 70 % der ausgereisten männlichen Dschihadisten beschrieben. Misserfolg steht dabei für kriminelle Vorgeschichte, Arbeitslosigkeit, gescheiterte Biographien oder schwere Lebenskrisen.

Am aussagekräftigsten ist derzeit die gemeinsame deskriptive Datenauswertung von Bundeskriminalamt, Bundesamt für Verfassungsschutz und Hessischem Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (BKA, BfV, HKE). Sie bezieht sich auf 784 ausgereiste Dschihadist_innen. Hinsichtlich der Geschlechterverteilung war 79 % männlich und 21 % weiblich. Das Durchschnittsalter zum Zeitpunkt der Ausreise war 25,8 Jahre. 624 der ausgereisten Personen wurden dem salafistischen Spektrum zugerechnet, 134 Personen waren Konvertiten. Bei 778 der ausgereisten Dschihadist_innen lagen Angaben über Straftaten vor der Ausreise vor. Über 67 % dieser Ausgereisten waren durch folgende Delikte auffällig: 26 % Gewaltdelikte, 24 % Eigentumsdelikte, 18 % politisch motivierte Kriminalität und 10 % Rauschgiftdelikte. Die genannten Daten stammen aus der aktuellsten Fortschreibung vom 4.10.2016, die insgesamt 61 Seiten umfasst (BKA, BfV und HKE 2016).

Komplexes psychologisches Motivationsbündel

Aus psychologischer Sicht sind die inneren Motive der deutschen Dschihadist_innen besonders aufschlussreich. Hierzu gibt es mittlerweile eine umfangreiche Fachliteratur. Der erfolgreiche Schriftsteller Boualem Sansal hat sich kürzlich in einem Interview dazu geäußert. Sansal ist gebürtiger Algerier, promovierter Volkswirt und erfolgreicher Schriftsteller. 2011 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Zu den Motiven der deutschen Dschihadist_innen äußerte er sich wie folgt: »Die Jugend ist desorientiert und sucht nach einem Sinn des Lebens. Diese Lücke füllt die Religion aus. Sie bietet Visionen, politisches Engagement und eine Moral. Diese Zutaten zusammengenommen machen den Islamismus so faszinierend, dass sich inzwischen sogar Christen, Atheisten und Juden unter den Islamisten finden.« (Sansal 2015). Eine ähnliche Deutung publizierte der Berliner Soziologe Hans-Peter Müller (2014): »Der Islamische Staat (IS) und sein Kalifat sind das größte muslimische Sinnaufladungsprogramm der jüngeren Geschichte. Was für ein grandioses Projekt und welch phantastische Verheißung. Die Entstehung eines islamischen Großreiches an Euphrat und Tigris, wo die Zivilisation ihren Ausgang nahm, ist ein Versprechen, das frustrierte und orientierungslose Muslime weltweit ansprechen muss." (Müller 2014).

Eine Arbeitsgruppe vom Deutschen Jugendinstitut DJI (Maruta Herding, Joachim Langner und Michaela Glaser) hat sich sehr differenziert zum komplexen psychologischen Motivationsbündel der deutschen Dschihadist_innen geäußert (Herding et al 2015). Die Vielzahl der Einzelmotive lassen sich in drei Gruppen zusammenfassen:

  • Da die Mehrzahl der deutschen IS-Kämpfer_innen Jugendliche und junge Erwachsene sind, betont die Autorengruppe zuerst die alterstypischen Entwicklungsaufgaben und »jugendphasentypische Aspekte«. Dazu gehören die Ablösung von der Familie, die soziale Neuorientierung und die Entwicklung einer eigenen Identität (Hauschild 2015). Viele junge Menschen dieser Altersgruppe haben erhebliche Probleme mit der Identitätskonstitution und der Sinnfindung. Gerade hier setzen die Rekrutierer des IS an: Sie bieten Sinnstiftung und versprechen eine starke Identität und sogar eine Überlegenheit der islamistischen Gemeinschaft (Manemann 2015).

  • Ein weiterer Motivationsstrang sind die verbreiteten jugendlichen Bedürfnisse nach »action«, Nervenkitzel, Protest und Provokation. In der psychologischen Forschung wird dies oft als »sensation seeking« zusammengefasst. Neugier, Abenteuerlust und entsprechende Persönlichkeitsmerkmale verstärken diesen Trend (Kaddor 2015).

  • Ein großer Teil der deutschen Dschihadist_innen stammt aus prekären Familien- und Lebensverhältnissen. Sie waren frustriert, fühlten sich gescheitert oder hatten gravierende biographische Krisen hinter sich. Herding et al (2015) sprechen von »misslungenen Biographien«. Scheidungen der Eltern, Selbstmordversuche der Mutter, Schulabbrüche, ungewollte Schwangerschaften oder Enttäuschungen durch gute Freunde sind hier häufige Krisensituationen.

Die hier zitierten Experten stimmen darüber ein, dass Sinnfindung und Identitätskonstitution zentrale psychologische Faktoren sind. Dies ist der finale oder prospektive Aspekt der Motivation. Motivationsfaktoren, die in der Vergangenheit ihre Ursache haben, sind prekäre Familienverhältnisse, Krisen und gescheiterte Lebensentwürfe. In den BKA- und BfV-Studien spiegelt sich dies meist in der »kriminellen Vorgeschichte«. Die umfangreichsten Datensätze zu soziobiographischen Merkmalen, die oben aufgeführt wurden, gehen überwiegend auf den Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt zurück. Sie sammelten vorhandene Daten – von Jugendämtern, Polizei- und Gerichtsakten und anderen verfügbare Quellen.

Persönlich untersucht und erforscht haben sie die »Zielpersonen« meistens nicht, erst wenn sie als Rückkehrer aus dem Dschihad verhaftet wurden. Diese machen allerdings einen geringen Prozentsatz aus. Alle anderen bleiben forschungsstrategisch im Dunkeln und verweisen auf alle methodischen Probleme, die Dunkelfeldanalysen in der Kriminologie haben.

Die empirische Forschung zur Psychologie des Terrors hat einen erheblichen Nachholbedarf. Es gibt psychologische Studien aus anderen Terrorformen (z. B. RAF) und Einzelfallanalysen. Es gibt jedoch keine empirischen prospektiven Studien zu psychologischen Faktoren bei Dschihadist_innen. Ein Modellprojekt wurde in den Jahren 2004 bis 2008 als Kooperation zwischen der Universität Duisburg-Essen (Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung) und dem Bundeskriminalamt (Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus) durchgeführt (Lützinger 2010). Die Gesamtstudie versuchte einen Vergleich von rechtsorientierten, linksorientierten und islamistisch orientierten Extremisten/Terroristen. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Trotz hoher Fördermittel konnten die Forscher nicht die geplanten Stichprobengrößen rekrutieren. Letztlich wurden nur 6 islamistische Terroristen in die Studie eingeschlossen, während immerhin 26 rechtsradikale Terroristen rekrutiert werden konnten. Ein Forschungsdesiderat für die Zukunft wäre eine Kooperation von »Dschihad-Beratungsstellen« und psychologischen Forschern. Die Jugendlichen, die dort wegen islamistischer Radikalisierung beraten werden, könnten prospektiv psychologisch untersucht werden. Da diese Beratungsstellen jedoch erst seit kurzer Zeit bestehen, wäre dies durchaus ein aussichtsreiches psychologisches Forschungsfeld über Motivation und subjektive Handlungsbegründung von Dschihadist_innen.

»Dschihad-Bräute« und IS-Frauenbrigaden

Etwa 20 % der deutschen Dschihadist_innen sind weiblichen Geschlechts (Mascolo 2015). In Frankreich ist der Anteil der ausgereisten Dschihadist_innen wesentlich größer. Er liegt dort bei 35 % (Kaps 2016; Heyer 2014). Die Zahl der deutschen Mädchen und Frauen, die nach Syrien und in den Irak zum IS ausgereist sind, liegt also etwa bei 150 Personen. Die Rekrutierer der Terrormiliz IS befragen die Mädchen und jungen Frauen sehr geschickt, indem sie zuerst deren Bedürfnisse, Sehnsüchte und Hoffnungen intensiv erkunden (Mohagheghi 2015 a; Jürgs 2016). Genau in dieser Richtung machen sie dann Versprechungen (Becker 2016). Nach Bouzar (2016) ist ein häufiges weibliches Motiv, ein Leben an der Seite eines starken Kriegers führen zu wollen. Etwa zwei Drittel dieser Mädchen und Frauen sind nach ihrer Ansicht früher Opfer einer Vergewaltigung gewesen, die weder juristisch noch psychologisch aufgearbeitet wurde. Die französische Terror-Expertin Bouzar bezieht sich auf ihre Erfahrungen als Direktorin eines Präventions- und Deradikalisierungszentrum in Paris. In deutschen Studien sind sexueller Missbrauch und Vergewaltigung in der Vorgeschichte bislang nicht erfasst. Eine überragende Rolle bei der Rekrutierung von Frauen für den Dschihad spielt das Internet. Dieser Auffassung ist auch das Bundesamt für Verfassungsschutz (2015). Die Dschihad-Expertin Bouzar geht sogar davon aus, dass 95 % der Rekrutierungsaktivitäten bei Frauen über das Internet laufen (Bouzar 2016). Sie erfolgt konkret über Facebook, verschiedene Internet-Foren, Chatrooms und über zahlreiche Propaganda-Videos, in denen das Frauenleben unter der Führung des IS glorifiziert wird (Bradford 2015 a, b, 2016; Hoyle et al 2015). Eine wichtige Rolle spielen hierbei bereits ausgereiste europäische junge Frauen, die als Ehefrauen von IS-Kämpfern in Syrien oder im Irak leben. In den Video-Clips gaukeln sie den ambivalenten Ausreisewilligen vor, dass sie unter den Fittichen des IS ein sorgloses Leben hätten und dass man praktisch frei wäre von den Anstrengungen und Enttäuschungen der westlichen Welt (Becker 2016; Salloum 2014). Das Bundesamt für Verfassungsschutz (2015) geht davon aus, »dass der IS gezielt talentierte Frauen dafür einsetzt, weitere Frauen anzuwerben.« Sie erscheinen als Propagandistinnen, Organisatorinnen, Vermittlerinnen und Werberinnen. Sie versuchen quasi über eine »Dschihad-Romantik« (Bouzar 2014) den Ausreisewilligen ein romantisches Liebes- und Familienleben an der Seite eines IS-Kämpfers unter der Fahne des Dschihad schmackhaft zu machen. Die jungen »Dschihad-Bräute« sind meistens wesentlich jünger als ihre männlichen Gesinnungsgenossen: mehr als 50 % sind jünger als 25 Jahre, 15 % sind sogar minderjährig (Bundesamt für Verfassungsschutz 2015). Da die meisten ausgereisten Frauen sehr schnell verheiratet werden und sich Frauen in den vom IS beherrschten Gebieten nicht alleine fortbewegen dürfen, gibt es sehr wenige Rückkehrerinnen (Mohagheghi 2015 c).

Sehr aufschlussreich ist das Buch einer französischen Journalistin, die unter dem Pseudonym Anna Erelle (2015) ein Buch mit dem Titel »Undercover – Dschihadistin« veröffentlicht hat. Das Buch ist sehr schnell zu einem Bestseller in Frankreich geworden und die französische Erstausgabe hatte auf Anhieb eine Auflage von etwa 100 000. Es wurde mittlerweile in fast 20 Sprachen übersetzt. Nach Erscheinen des Buches erhielt die Autorin zahlreiche Morddrohungen, so dass sie jetzt unter geändertem Namen unter Polizeischutz leben muss. Der Untertitel des Buches lautet: »Wie ich das Rekrutierungsnetzwerk des Islamischen Staats ausspionierte«. In dem 272 Seiten langen Buch beschreibt sie einen mehrwöchigen Austausch mit einem IS-Rekrutierer, dem sie sehr geschickt aufschlussreiche Informationen entlockte. Ihr Informant hatte eine Führungsposition im IS und war offensichtlich sehr stark interessiert, sie zur Ausreise nach Syrien zu bewegen und sie dort zu heiraten. Die Journalistin hat die umfangreiche Internet-Korrespondenz gespeichert und in wörtlichen Zitaten veröffentlicht. Sie wollte ja »undercover« IS-Rekruteure ködern und deren Verführungs- und Lockstrategien ausspionieren. Dabei ist ihr ein ganz großer Fisch ins Netz gegangen: der Franzose Abu Bilel al Faransi, die rechte Hand des IS-Chefs Al Bagdadi, der für die US-Regierung der gefährlichste Verbrecher weltweit sein soll. Bilel vertraute im Verlauf des Austausches der Journalistin an, dass er seit dem Jahre 2002 radikalisierter Guerilla-Kämpfer ist, zuerst im Irak, dann in Afghanistan, Pakistan, Libyen und später in der Türkei gekämpft habe, bis er sich schließlich dem IS angeschlossen habe. Das Werben um seine »Dschihad-Braut« in spe hört sich in den Worten von Abu Bilel wie folgt an: »Ich liebe dich für und vor Allah. Du bist mein Juwel und der Islamische Staat ist dein Haus. Gemeinsam werden wir unsere Namen in der Geschichte verewigen, indem wir Stein auf Stein eine bessere Welt aufbauen.« Er vertraut der »begehrten Konvertitin« auch an, dass die IS-Kämpfer europäisch sozialisierte Frauen bevorzugen würden, da diese oft ausgeprägter religiös motiviert seien und auf die sexuellen Bedürfnisse des Mannes besser eingehen würden als syrische Frauen, die sich damit begnügen, einfach einen Schleier zu tragen. Er wird dann konkreter und versichert ihr, sie dürfe auch Strapse, Netzstrümpfe und Tangas unter ihrem Hijab tragen, das sei alles kein Problem, und sie möge bitte bei ihrer Ausreise Reizwäsche mitbringen, weil diese in Syrien nicht zu kaufen sei. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Abu Bilel höchst verärgert war, als er dies alles in der französischen Erstausgabe nachlesen konnte. Die wiederholten Todesdrohungen und Video-Aufrufe, diese Journalistin zu töten, sind der hohe Preis für dieses Buch.

Ein wichtiger Beitrag zur Rolle der Frau im Dschihad ist ein im Jahre 2015 erschienenes Buch. Es wurde herausgegeben und kommentiert von der Islam-Wissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi. Die Herausgeberin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für komparative Theologie und Kulturwissenschaften für die islamische Theologie an der Universität Paderborn und war Vorsitzende der muslimischen Akademie in Deutschland. Das Buch trägt den Titel »Frauen für den Dschihad. Das Manifest der IS-Kämpferinnen.« (Mohagheghi 2015 a). Es enthält eine Darstellung der Rolle der Frau im IS, wie sie von Aktivistinnen der berüchtigten IS-Frauenbrigade Al-Kansaa gesehen wird. Danach ist der Platz der IS-Frauen ausschließlich im Hause und sie sei für den Nachwuchs zuständig. Dadurch erfülle sie eine wichtige Funktion für den Aufbau der neuen Gemeinschaft des IS und zähle zu den Auserwählten. Die Islam-Wissenschaftlerin Mohagheghi konstatiert: »Das ›Manifest‹ ist sehr klug geschrieben, in einer Sprache, die junge Menschen anzieht – gezielt werden Bedürfnisse angesprochen.« Den Inhalt sieht sie jedoch sehr kritisch: In einer oberflächlichen Dschihad-Romantik würde der Koran oft sehr tendenziös bis falsch ausgelegt. Das System der völligen Kontrolle und Unterwerfung würde verherrlicht. Falsche Versprechungen und Hass auf Andersdenkende prägten den Gesamtduktus des Manifests (Mohagheghi 2015 a).

Ein sehr aktuelles Ereignis zum Thema der »Dschihad-Bräute« ereignete sich im Februar 2016 in Hannover. Die 15 Jahre alte Deutsch-Marokkanerin Safia S. hat am Hauptbahnhof Hannover einen Bundespolizisten niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Bemerkenswert ist, dass die 15-jährige Täterin seit vielen Jahren vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet wurde. Seit ihrem 7. Lebensjahr kursierten von ihr Internet-Videos mit dem radikalen Salafisten-Prediger Pierre Vogel. Safia war bereits Anfang 2016 nach Istanbul geflogen, um von dort weiter zum IS nach Syrien zu reisen. Ihre muslimische aus Marokko stammende Mutter holte sie jedoch zurück nach Hannover. Vor dem Attentat gab es mehrmals Kontakte mit der Polizei wegen Safia. Der ebenfalls minderjährige Bruder Saleh S. ist ebenfalls in die Türkei geflogen, um sich dem IS anzuschließen. Er wurde jedoch dort von der türkischen Polizei verhaftet. Bei Safia S. konnte nachgewiesen werden, dass sie Handy- und Internetkontakt mit IS-Aktivisten hatte und sie sei persönlich bei einem Treffen mit IS-Kämpfern in Istanbul zu ihrer »Märtyrer-Operation« aufgefordert worden. Am 20. Juli 2016 warnte die europäische Polizeibehörde Europol vor weiteren islamistischen Terroranschlägen in Europa (Die Zeit vom 20.7.2016). Darin betonte die Behörde, dass in letzter Zeit vermehrt europäische Frauen und Minderjährige vom IS angeworben werden.

Erfahrungen der Rückkehrer – deutsche Ex-IS-Kämpfer berichten

Nach dem Bericht des Terrorismus-Experten Georg Mascolo (2015) zur Analyse des Verfassungsschutzes und des BKA sind von 670 deutschen ausgereisten IS-Sympathisanten 234 nach Deutschland wieder zurückgekehrt. Die Rückkehrer sind überwiegend männlich, weil es wegen der besonderen Lebensbedingungen Frauen fast unmöglich ist, alleine das Herrschaftsgebiet des IS wieder zu verlassen. Die Rückkehrer befinden sich in einer existenziellen Gratwanderung: Meist sind sie durch die Erlebnisse im Irak oder in Syrien schockiert und psychisch traumatisiert. Allein die Rückkehr ist ein lebensbedrohliches Himmelfahrtskommando, weil die Gefahr groß ist, als Deserteur von IS-Kämpfern hingerichtet zu werden. Diejenigen, die es doch nach Deutschland zurückgeschafft haben, geraten fast immer ins Netz der deutschen Sicherheitsbehörden. Sie sind dann zum einen wertvolle Informationsquelle für die Behörden. Natürlich wird zuerst ermittelt, ob sie im IS-Gebiet Straftaten begangen haben. Ein großer Teil kommt dann in Untersuchungshaft und im Falle eines Schuldspruches folgt nicht selten ein Gefängnisaufenthalt. Die Dokumente in den Gerichtsakten und alles, was bei der Gerichtsverhandlung zur Sprache kommt, sind wertvolle Informationen über die Welt des IS.

Sehr aufschlussreich ist die Radikalisierungsgeschichte von Nils D. aus Dinslaken. In Dinslaken-Lohberg gab es 2010 eine gewaltbereite salafistische Szene, aus der etwa 25 Personen nach Syrien ausgereist sind, um sich als aktive Kämpfer dem IS anzuschließen. Nils D. war einer dieser Ausreisenden. Die Prozessbeobachter Jörg Diehl und Fidelius Schmid (2016) fassten den unrühmlichen Verlauf mit der Überschrift »Ein Taugenichts als Terrorist« zusammen. Nils D. war Schulversager, als Jugendlicher die meiste Zeit arbeitslos, konsumierte täglich Drogen und entwickelte sich zum Kleinkriminellen. Diebstähle, Einbrüche und Körperverletzungen häuften sich: »Er sammelte Bewährungsstrafen und Sozialstunden.« Mit 14 Jahren zeugte er ein Kind, um das er sich nie kümmerte. Mit 20 Jahren schloss er sich der sogenannten Lohberger Brigade an, einer militanten Salafisten-Gruppe. Von Oktober 2013 bis November 2014 hielt er sich in Syrien als aktiver IS-Kämpfer auf. Da er stark übergewichtig war (155 kg), wurde er nicht an der Kriegsfront sondern bei der Verfolgung und Folterung von Deserteuren und Abtrünnigen eingesetzt. Diese Sturmtruppe wird bei deutschen Ermittlern inoffiziell die »Gestapo des IS« genannt. 40 Vernehmungen lieferten wertvolle Insider-Informationen über Struktur und Abläufe der Terrororganisation IS. Wegen seiner Kooperation mit der Justiz und Polizei wurde Nils D. ein vermindertes Strafmaß zugebilligt. Er wurde schließlich im März 2016 zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Mittlerweile liegen zwei ausführliche und lesenswerte Bücher vor, in denen ein Salafist und ein Dschihadist ausführlich über ihren Ausstieg oder ihre Rückkehr schreiben. Der 29-jährige Dominic Schmitz ist wohl der bekannteste deutsche Aussteiger aus der Salafisten-Szene. Er wuchs in Mönchengladbach auf und kam durch einen marokkanischen Freund in Kontakt mit Salafisten. Mit 17 Jahren konvertierte er zum Islam und nahm den Namen Musa Al-Almani an. Er hatte Kontakt zu dem bekannten deutschen islamistischen Prediger Pierre Vogel und dem Salafisten Sven Lau (Schmitz 2016 a). Leonie Feuerbach (2016) beschrieb ihn in der FAZ wie folgt: »Sein Werdegang klingt wie ein Klischee: Scheidungskind – Kiffer – Schulschwänzer – Salafist«. Für Sven Lau, der 2015 wegen Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung verhaftet wurde, drehte er IS-Propaganda-Videos und pilgerte mit ihm nach Mekka. Nach seinen Angaben hatte er mit 23 Jahren erste Zweifel und Kritik an dem radikalen Salafismus und dem IS. Im Jahr 2013 stieg er schließlich aus der Salafisten-Szene aus (Schmitz 2016 c). Seither ist er häufiger Gast in Talkshows und erzählt dort über die Salafisten-Szene und dem IS. Er macht Präventionsarbeit an Schulen und trat als Schauspieler im Theaterstück »Glaubenskämpfer« von Nuran David Calis auf. Im Jahr 2016 veröffentlichte er sein Buch »Ich war ein Salafist: Meine Zeit in der islamistischen Parellelwelt.« (Schmitz 2016 b)

Eine ausgeprägtere Radikalisierung vollzog Irfan Peci, der Autor eines weiteren Aussteiger-Buches. Er war aktiver Dschihadist mit wichtigen Propaganda-Funktionen, wechselte dann die Seite und wurde V-Mann für den deutschen Verfassungsschutz. Im Jahre 2015 veröffentlichte er mit anderen das Buch »Der Dschihadist – Terror made in Germany« Peci et al 2015). Irfan Peci wurde in Bosnien geboren und ist seit seinem dritten Lebensjahr in Deutschland aufgewachsen. Lange Zeit lebte er in Weiden in der Oberpfalz. Als Teenager interessierte er sich für den Islam und kam bei einem Urlaub in Serbien mit radikalen Salafisten in Kontakt. Er lernte bald den Österreicher Mohamed Mahmoud kennen, den Chef der Globalen Islamischen Medienfront (GIMF). Diese Organisation ist das deutsche Sprachrohr der Al Kaida-Terrorgruppe. Als Mohamed Mahmoud im Jahre 2007 enttarnt und verhaftet wurde, übernahm Irfan Peci dessen Funktion. Aus Weiden in der Oberpfalz verbreitete er über einen Server in Malaysia Drohungs- und Propagandavideos der Al Kaida sowie Mordaufrufe. Er war also bereits mit 18 Jahre quasi der Chef-Propagandist für Al Kaida in Europa. Insofern hatte er großes Insiderwissen über die europäische Salafisten- und Dschihadisten-Szene. Irfan Peci wurde durch den Nachrichtendienst enttarnt und verhaftet. In der JVA Nürnberg war er wiederholt in Einzelhaft und entschloss sich bald, mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz zu kooperieren. Er war längere Zeit V-Mann für den Verfassungsschutz und lieferte über längere Zeit als Insider wertvolle Informationen über das Terrornetzwerk, die Salafisten-Szene und die Rekrutierungsmechanismen.

Sehr aufschlussreich sind die Beiträge des Islamismus- und Terrorismusexperten Ahmad Mansour. Er wurde 1976 in einer muslimischen Familie in Israel geboren und hatte während seiner Schulzeit Kontakt mit einem fundamentalistischen Imam (Mansour 2013). Er rutschte jedoch nicht in die radikale Islamisten-Szene ab, sondern studierte in Tel Aviv Psychologie. Als Diplompsychologe kann er fachkundig über die psychologischen Faktoren der Rekrutierung und Radikalisierung berichten. In seinem Buch »Generation Allah« beschreibt er sehr anschaulich die Radikalisierungsprozesse von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Deutschland, die er selbst beraten oder psychologisch betreut hat (Mansour 2015). Er engagiert sich intensiv für Präventionsprojekte und die Chancen der Deradikalisierung (Mansour 2014).

In Berlin gibt es seit mehreren Jahren eine Beratungsstelle gegen Radikalisierung. Sie trägt den Namen »Hayat«. Hayat stammt aus der türkischen Sprache und bedeutet »Leben«. Die Beratungsstelle wird von der deutschen Journalistin und Publizistin Claudia Dantschke (2015 a) geleitet. Die Berliner Beratungsstelle berät aktuell etwa 160 Familien, bei denen sich ein Familienmitglied radikalisiert hat. Das Bestreben dieser Beratungsstelle und der dort durchgeführten Präventionsarbeit ist es, radikalisierte Deutsche vor einer Ausreise nach Syrien oder in den Irak zum IS abzuhalten oder jene, die bereits ausgereist sind, zurückzuholen. Nach Claudia Dantschke gibt es drei Hauptgruppen von Rückkehrern. Sie nennt sie Gefährder, Traumatisierte und Desillusionierte (Dantschke 2015 b). Die Gefährder sind hochgradig ideologisiert und stellen ein hohes Risiko dar, als Terroristen aktiv zu werden. Die traumatisierten Rückkehrer sind durch die intensiven Belastungen in Kampfeinsätzen psychisch krank geworden. Die Desillusionierten sind jene Gruppe, bei denen der Ausstieg am ehesten gelingt und die wieder ein normales deutsches Leben nach demokratischen Prinzipien leben wollen.

Diskussion

Die Grundfrage, was junge Deutsche beim IS suchen und finden, führt psychologisch zur Frage der Motivation und der subjektiven Handlungsbegründung. Hauptquellen bisheriger Studien hierzu sind Profile und Daten von Sicherheitsbehörden (BKA, BfV) und Terrorismusforschern über nach Syrien/Irak ausreisende Dschihadist_innen sowie Aussagen von Rückkehrern.

Dabei lassen sich folgende Motive und Handlungsbegründungen feststellen:

Dschihadistinnen verfolgen andere Motive als Dschihadisten: Frauen suchen bevorzugt einen reizvollen männlichen Partner (»mutiger Gotteskrieger«) und eine sinnvolle Aufgabe in der islamistischen Gemeinschaft. Männer haben deutlich mehr kriminelle Vorerfahrung, suchen Abenteuer, männliche Bestätigung im Kampf und problemloses Ausagieren von Gewalt.

Bei beiden Geschlechtern spielen Sinnfindung und Identitätskonstitution eine zentrale Rolle.

Muslimische Religionszugehörigkeit, Migrationshintergrund, enge Beziehungen zur Salafisten-Szene und prekäre Lebenssituationen (Misserfolge, Scheitern) sind bei beiden Geschlechtern dominante Merkmale. Ein deutschstämmiger erfolgreicher Student ohne kriminelle Vorgeschichte wäre die ganz große Ausnahme.

Die »4M-Regel« (Männlich, Muslimisch, Migrationshintergrund, Misserfolg) gilt für etwa 70 % aller männlichen Dschihadisten.

Die empirische Forschung zu psychologischen Faktoren bei Dschihadist_innen hat einen großen Nachholbedarf. Bisherige Studien stammen überwiegend von Terrorismusforschern. Die ausführlichen Daten von BKA, BfV und HKE enthalten leider wenige bis gar keine psychologischen Informationen oder Erkenntnisse. Psychologische Forscher finden schwer Zugang zu Dschihadist_innen. Prävention und Deradikalisierungsprozesse sind ein wichtiges psychologisches Aufgabengebiet der Zukunft. In diesem Praxisfeld könnten Beratung, Psychotherapie und auch Forschungsanliegen verwirklicht werden.

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Über den Autor

Herbert Csef

Universitätsprofessor für Psychosomatik, Psychoanalytiker, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Leiter des Schwerpunktes Psychosomatik in der Medizinischen Klinik und Poliklinik II, Zentrum für Innere Medizin (Oberdürrbacher Straße 6) und Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik (Josef-Schneider-Straße 2), beides im Universitätsklinikum Würzburg (97080 Würzburg).

E-Mail: Csef_H@ukw.de